Ritchie Blackmore, ein Genie an der Gitarre und ein typischer Vertreter für den Selbstausdruck der jungen 1970er: Wild, laut, kraftvoll und grenzenlos. © W.W.Thaler under cc

Psychische Erkrankungen nehmen zu. Das war der Befund vor Corona, danach ist es noch mal deutlich schlimmer geworden.

Im Grunde sind wir Menschen ziemlich resiliente, also widerstandsfähige Wesen, ausgestattet mit einer Psyche, die es in aller Regel gut mit uns meint. Doch im Moment scheint das in immer mehr Fällen nicht mehr zu reichen. Warum ist das so?

Aus der schönen alten Welt

Wenn wir verstehen wollen, was heute im inneren Erleben anders ist, müssen wir uns den Stimmungen einer Zeit zuwenden, der psychischen Großwetterlage. Das gilt besonders für die Deutenden, für die es schwer ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass der psychische Hintergrund, aus dem heraus man urteilt, heute ein anderer ist.

Dieser psychische Hintergrund speist sich aus zwei Quellen. Da sind an erster Stelle die Eltern, die den gravierendsten Einfluss hatten und haben und sie selbst waren und sind, zweitens, eingebettet in ein gesamtgesellschaftliches Klima, eine spezifische Stimmung, zu der sie sich verhalten mussten. Das geschieht, wie in anderen Lebensbereichen auch, zu einem gewissen Teil durch explizite Regeln und Kommentare und zu einem andeneren Teil durch oft unbewusste und implizite Verhaltensweisen.

Worüber man sich aufregt oder was man offen bewundert, ist der eine Punkt. Was man tabuisiert, übergeht, nicht beachtet, marginalisiert oder wovor man sich innerlich duckt, klein macht, was man eher voller Angst oder Scham verschweigt, ist der andere. Diese doppelte Grundstimmung der Gesellschaft, vermittelt durch die Eltern und später dann durch die Peergroup, andere Erwachsene und auch die Massenmedien ist das, was Kinder aufsaugen.

Wer die heutige Welt deutet muss mit berücksichtigen, dass er oder sie dies aus einer anderen Grundstimmung heraus tut und die hat sich nicht nur ein bisschen verschoben, sondern fundamental verändert, ohne dass das sonderlich aufgefallen ist. Weil dies so ist, sucht man nach äußeren Gründen, die man sicher auch findet: Social Media, die Smartphones, die Pornos, die Drogen. Einige Interpreten stürzen sich auf bestimmte Themen, die sie für alles verantwortlich machen wollen, doch das ist in vielen Fällen nicht sonderlich überzeugend.

Generation 1970: Das gemachte Bett

Wenn wir Stimmungen betrachten wollen, ist die zeitliche Region um 1970 herum vielleicht die herausragende Zeit der jungen Bundesrepublik. Auch bei dieser Betrachtung kann es sich nur um Durchschnittswerte handeln, in vielen Familien existieren private Probleme und einige hatten Angst vor einem drohenden Atomkrieg. Der Weltkrieg ist erst seit 25 Jahren vorbei, aber das Wirtschaftswunder, technische Neuerungen wie das Fernsehen, epochale Durchbrüche wie die Mondlandung, Impferfolge und die Antibiotika weisen den Weg. Die 68er Revolution und ihre sozialen Verbesserungen, die Musikszene und eine Stimmung neugieriger Offenheit Love & Peace, Drogen und Versuche mit freier Liebe und eine aufstrebende Mittelschicht, die in Büros nicht mehr körperlich hart arbeiten musste, dabei oft ein sehr gutes Einkommen erzielte und eine ungetrübte Zukunft vor sich liegen hatte waren neue Möglichkeiten.

Es gab eine Erzählung des Fortschritts durch Wissenschaft & Technik, sowie des Abbaus sozialer Ungerechtigkeit, zugleich wurde die Naziherrschaft aufgearbeitet und kollektiv belastende Themen, außer des drohenden Atomkriegs, waren noch nicht in Sicht. Die Rente war wirklich sicher, die Umwelt als Problemfall noch nicht erfunden, Arbeit bekam wer welche wollte, Krankheiten, so dachte man, würden man mit genügend Fortschritt und Geld besiegen können, die Ölkrise verwies nicht auf eine Energieknappheit, sondern war von den Launen der Scheichs abhängig und es stand fest: Die nächste Generation würde es besser haben.

Die Kinder dieser Zeit standen in den Startlöchern, das Bett war gemacht. ‘Ihr habt doch alles’, war die Devise, doch just in dem Moment, wo sie ins noch größere Glück springen und den Staffelstab an die nächste Generation weiter geben sollte, ging etwas schief. Die Stimmung änderte sich. Leise, für viele noch unfassbar, nicht unbemerkt, aber unreflektiert hatte die strahlende Sonne des ungebrochenen Fortschrittsoptimismus’ ihren Zenit überschritten. Eine gewisse Gelassenheit blieb erhalten, die immer unrealistischere Empfindung in einer guten Welt zu leben. Man wollte das konservieren und irgendwie Kind bleiben.

Generation 1990: Du hast es selbst in der Hand

Fanden 1986 mit dem Unfall der Challenger und nur drei Monate danach mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zwei Ereignisse statt, die den Glauben an den Fortschritt zum Guten durch Technik zerfetzten, waren es in der Generation der 90er dennoch wieder technische Neuerungen, die unser Leben revolutionierten. Ganz am Anfang stand die Deutsche Einheit, nach Jahrzehnten der Trennung waren die Bundesrepublik und Deutsche Demokratische Republik wieder vereint.

Die zwei Dekaden wurden neben Mobiltelefonen, Internet, e-mail einem sich ausdifferenzierenden Angebot von privaten Fernsehsendern von einer neuen neoliberalen Agenda geprägt, in der Arbeitslose zunehmend stigmatisiert und auch institutionell entwürdigt wurden. Die Botschaft, dass es jeder selbst in der Hand hat wurde gestreut, nur am Ende des Tages niemals eingelöst zu werden. Das Volk optimierte sich brav selbst, Leistung und Effizienz wurden zu einem Wert an sich stilisiert, an der Börse, so schien es, konnte jeder sein Glück versuchen. Das Versprechen, dass es allen gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht floppte, wie die Volksaktie und private Vorsorgen: nichts trickelte down, der Euro wurde von Beginn an als Teuro wahrgenommen und in die sich verdüsternde Stimmung knallte 2001 ein weiteres Thema: Terror. Der Umgang mit den Folgen und die Deutungsversuche spalten das Land bis heute.

Ein merkwürdiges Aufflackern oder Todeszucken eines rigiden Szientismus begleitete die Zeit. Protagonisten waren zum einen Hirnforscher, die glaubten, man könne Menschsein auf neuronale Verschaltungen reduzieren, zum anderen war es der aggressive Atheismus eines Richard Dawkins. Die vereinte Botschaft: Der Mensch ist ein egoistisches Wesen und hat keinen freien Willen. Das passte großartig zur neoliberalen Agenda und zu einem schleichenden Übergang von einer narzisstischen Regression, die eine heile Welt haben wollte, zu einer tieferen Regression, die überall Feinde sah.

Generation 2010: Zerfall

Es war 2006 als der Soziologe, Gewaltforscher und Wirtschaftswissenschaftler Gunnar Heinsohn in der Sendung ‘Das philosophische Quartett’ zu Gast war und einen Auftritt hinlegte, der es in sich hatte. Sekundiert von Peter Sloterdijk stellte Heinsohn in dieser illustren Runde den anderen Gast, kein geringerer als Roger Willemsen, in den Schatten. Sein Thema war die Demografie, die er in einer Betrachtung präsentierte, die neu war.

Was vielleicht noch einige Jahre schlummerte gewann dann 2010 mit Thilo Sarrazin Buch Deutschland schafft sich ab neue Fahrt auf. Sarrazin war so ein wenig der Heinsohn fürs Volk und das kaufte das Buch reichlich. Der Startschuss zu einer neurechten Bewegung die nun ihr Thema gefunden hatte. Eine auf den ersten Blick seltsame, wenn auch gut passende Allianz aus Ökonomie und nationalistischen Ideen war geboren, die sich an den aggressiven Biologismus der Soziobiologen und Willensfreiheitsgegner nahtlos anpassen konnte. Ein Punkt der gerne übersehen wird.

Das Thema der Dekade war gefunden, Demografie und Migration, schlecht moderiert und versuchsweise ausgesessen von der Bundesregierung, die AfD nahm nahm die Vorlage dankend an, heute ist Protest nicht mehr links, sondern rechts. Die anderen Themen der Zeit waren eine austrudelnde Bankenkrise, der immer spürbarere Klimawandel mit ihrer Ikone Greta, sowie im Hintergrund die Macht der Datenkraken, der Siegeszug des Smartphones, mit dem diese Generation aufwächst. Am Horizont wird bereits das Thema Rente und Altersarmut sichtbar, sowie die Mangel an Arbeitskräften in allen möglichen Branchen und die Folgen. Das jüngste Kapitel, Corona und die Folgen, ist noch gar nicht zu Ende erzählt.

Der Blick aufs Ganze klärt nicht immer

Ist die kurze Skizze des Niedergangs zu düster? Eher nicht, wie eine tiefenpsychologische Untersuchung ergibt. Aus dem sonnigen Fortschrittsoptimismus auf nahezu jedem Gebiet ist eine 61% Mehrheit geworden die Deutschland vor einem Niedergang sieht, 88% sehen drastische Veränderungen kommen. Das ist verheerend und macht vielen Angst.

Womit wir mitten im Thema sind, denn Angst in einem erheblichen Umfang ist die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland. Einer von 6 bis 7 Deutschen leidet darunter, wenn Sie 20 Bekannte haben, sind bereits drei darunter. Dabei, so hört man es gebetsmühlenartig, besteht doch eigentlich kein Grund. Die Ängste der Deutschen beruhten in aller Regel auf einer Fehlwahrnehmung, denn in Wirklichkeit wird alles immer besser. Komisch, dass wir es nicht merken.

Könnte ein statistischer Effekt sein. Wie beim Klima. 2018 war es heiß, trocken und das Gras im Land war fast überall braun. 2019 war es nicht viel besser. 2021 war der Sommer kühler als sonst, das Gras grün und der Regen reichlich. Eine Wende? Keineswegs, denn in diesem Jahr war der Sommer in Europa so warm wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Nur bei uns eben nicht.

Vielleicht wird es ja sogar überall auf der Welt statistisch besser, nur eben nicht bei uns. Also Pech für uns und nur eine statistische Verzerrung, so dass wir uns am Ende des Tages sogar freuen sollten? So hört man es immer wieder von Risikoforschern und auch von Steven Pinker, einem Experimentalpsychologen, Kognitionswissenschaftler und Linguisten. Es ist nicht nur seine Sicht der Dinge, dass so ziemlich alles auf der Welt immer besser wird, wenigstens in den relevanten Bereichen. Wir sind in Weltuntergang oder alles in bester Ordnung? darauf eingegangen.

Aber Entwicklungen verlaufen nicht linear, das haben wir während Corona im Crashkurs gelernt. Einige verlaufen exponentiell, andere flachen ab und sehr viele hängen von einander ab. Mag die Bildung weltweit steigen und auch das formale Bildungsniveau bei uns hoch sein, regressive Trends sind ebenfalls klar zu erkennen. Das Misstrauen in Institutionen steigt. Politik, Kirche, die Wissenschaft, sie alle haben an Ansehen verloren und der Vertrauensverlust ist nicht durch ein paar Faktenchecks auszugleichen. Je eher wir diese Zusammenhänge erkennen, umso besser bekommen wir die dicken Stränge zu fassen, an denen wir ziehen müssen, wir halten sonst nur die Bindfäden in der Hand.

Haben wir wirklich zu wenig echte Probleme?

So hört man es immer wieder mal. Diese Sicht hat durchaus etwas für sich. Als die Zeiten deutlich härter waren, da hatten die Menschen weniger eingebildete, aber dafür mehr echte Probleme. Manches spricht dafür, anderes nicht. In der Not sind die Menschen solidarischer, das hört man immer wieder, von Zeitzeugen. Der kometenhafte Aufstieg der Bundesrepublik war so nicht zu erwarten, in einem viertel Jahrhundert war man bei der inneren Gewissheit, dass die nächste Generation es besser haben wird, ein halbes Jahrhundert später fragt man sich, ob die Kinder und Enkel wohl irgendwie durchkommen werden. Die Stimmung ist dramatisch verändert.

Für die Generation 1970 schien das Bett gemacht, die Schlachten waren geschlagen, nun hieß es: ‘Dann macht mal.’ Es war die Aufforderung seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen, erfolgreich und glücklich zu werden. Aber vielleicht ging es dieser Generation gar nicht so gut, wie es auf den ersten Blick aussieht. Denn auf einmal war das Ziel weg. Der Wiederaufbau gelungen, die Eltern zur Rede gestellt, die 68er Revolution durch. Da war materieller Wohlstand, eingebettet in besagten Fortschrittsoptimismus.

Vor der Generation lag ein riesiges Experimentierfeld, das sehr unterschiedlich bearbeitet wurde, je nach dem welcher Typ und wie entwickelt man war. Es war einerseits die Möglichkeit für das empfindsame Selbst die Bühne zu betreten und auf der anderen Seite erlebten wir Menschen, die einen hemmungslosen Selbstausdruck zelebrierten, etwa, wenn wir an die Musikszene denken. Glamour, exzessive Soli und Experimente auf offener Bühne. Stars, die auf Touren oft Spuren der Verwüstung anrichteten, das war der eine Pol. Diverse Projekte und Phasen der Selbstfindung, mit Drogen, Meditation und in politischen Utopien, das war die andere Seite, manchmal flossen sie in einander. Roh und wild, manchmal sensibel, immer etwas unfertig und suchend tastete man sich vor. Man experimentierte mit neuen Beziehungsmodellen, viele setzten einfach auf die Möglichkeiten zum wirtschaftlichen Erfolg, es war genug Geld da, um den Traum von Familie, Auto, Haus und Hund Realität werden zu lassen. Andere träumten vor Technikutopien, da Technik, Erleichterung und Effizienz noch positive Begriffe waren.

Nicht ganz zufällig diagnostizierte Christopher Lasch 1979 in den USA eine Kultur des Narzissmus und auch bei uns war das offene Feld ein Nährboden dafür. Denn der weite, offene Horizont hatte kein Ziel. Fortschritt wurde zum Selbstzweck, man probierte und machte was geht, weil es geht. Grenzenlos, aber oft eben auch orientierungslos. Aber da waren nicht nur viele Möglichkeiten, sondern auch die stillen Erwartungen der Eltern. Still, wie einiges in diesen Beziehungen. Materiell war vieles da, doch ansonsten wurde viel geschwiegen. Es gab verdrängte Gefühle wie Trauer, die Welt sollte nun endlich gut und heil sein. Gerade erst bekommt man in der Psychologie die Bedeutung tradierter Traumatisierungen zu fassen. Die Angst der Elterngeneration wird auf einmal von ihren Kindern erlebt. Vielleicht gerade weil der Raum da ist, sich um seine Emotionen zu kümmern. Eigentlich war alles da und doch war die Generation 1970 oft so seltsam dysfunktional.

Was man für Glück und psychische Gesundheit braucht

Wo soll das hinführen und wie soll das alles klappen? Die Sorgen wachsen. Das Rettende auch? © Yann Cœuru under cc

Wir wissen heute immer besser, was man braucht, um ein glückliches, entspanntes und gelungenes Leben zu führen. All diese Punkte hängen zusammen und unterstützen oder hemmen einander. Da sind zunächst Beziehungen. Liebesbeziehungen, aber auch solche zur Familie und langjährigen Freunden sind sehr wichtig. Es hängt auch hier vieles zusammen, so dass eine frühe Störung in der Möglichkeit intakte Beziehungen einzugehen, oft durch zu viele Spitzenaffekte, Auswirkungen sowohl auf intime Liebesbeziehungen hat, als auch auf die Fähigkeit tiefe und stabile Freundschaften einzugehen. Das kann sich, etwa durch Psychotherapie, ändern, gedreht werden und dann kann es sein, dass eine tiefe Freundschaft der Wegbereiter dafür ist, dass man später in der Lage ist Liebesbeziehungen einzugehen oder das Verhältnis zu Familienmitgliedern hier und da zu klären.

Der andere wichtige Punkt ist der Sinn oder ein Ziel im Leben. Eine Perspektive, ein Leitstern, ein Ideal. Irgendwo in der Mitte zwischen beiden steht die Arbeit, nicht nur im Sinne der Lohnarbeit, aber im Sinne einer regelmäßigen Tätigkeit, die man gewissenhaft ausführt und für die man neben dem Lohn vor allem auch soziale Anerkennung bekommt. Man arbeitet in der Regel nicht nur für sich, aber auch nicht nur für andere. Man kann sie in vielen Fällen, seinen Neigungen entsprechend wählen, von daher kann Arbeit etwas sein, was das Leben mit Sinn erfüllt und auch einige Aspekte stabiler Beziehungen können hier gelebt werden.

Über die Arbeit hinaus, die das leisten kann, aber nicht muss, ist es ungeheuer wichtig einen Sinn in seinem Leben zu sehen, zu wissen, wofür man aufsteht, wofür man lebt. Es ist nahezu unglaublich, was Menschen ertragen können, wenn sie einen Sinn in ihrer Tätigkeit oder Perspektive ihrem Leben sehen, gleichzeitig bricht vieles zusammen, wenn dieser Sinn nicht mehr da ist.

Der letzte Punkt ist ein Wertefundament oder Moral. Auch dies ist ein stark motivierendes Gefühl, etwas machen zu sollen. Sowohl aus Liebe und Freundschaft, als auch aus dem, wofür man brennt wächst ganz organisch das Gefühl einer Verpflichtung. Einem Menschen eng verbunden zu sein, heißt natürlicherweise auch, sich ihm verpflichtet zu fühlen. Dasselbe gilt für ein Lebensziel. Man setzt sich dafür ein, nicht weil man muss, sondern weil es ein inneres Bedürfnis ist. Dem anderen soll es gut gehen, der Sache, der man sich verpflichtet hat, auch. So entsteht ein stabiles Dreieck aus Moral oder Werten, Sinn oder Zielen und engen und stabilen Beziehungen.

Der Kaiser ist nackt

Wenn Beziehungen, Sinn und Moral notwendige Bausteine zum Glück sind, dann ist im Kontrast nicht schwer zu erkennen, woran es uns mangelt. Wir sehen Einbußen in allen genannten Bereichen, wenn wir den Blick weiten und über die Jahrzehnte schweifen lassen. Lange Jahre sind Beziehungen unsicherer geworden, zugleich wandelt sich unser Familienmodell, was neue Chancen, aber auch Verunsicherungen mit sich bringt. Zwar sind private Beziehungen noch am ehesten ein Ort der Ruhe, aber neue Modelle werfen die Frage über den Status der Beziehung immer wieder neu auf.

Moral stiftende Instanzen sind heute selbst in der Krise, zu viele einer Doppelmoral überführt und angeprangert. Der Kirche und der Politik vertraut die Jugend in Europa immer weniger, nicht aus Desinteresse, sondern weil sie unschwer erkennt, dass der Kaiser nackt ist. Wo das alles hinführt und hinführen soll, wissen wir aber auch noch nicht. Es gibt kein übergeordnetes Ziel, auf dass sich alle einigen könnten, weder weltweit, noch europaweit, nicht mal bundesweit.

Fortschritt ohne Ziel ist ein Trip, sagt einfach ‘weiter so’, behauptet, dass alles besser wird, ohne diese Behauptung einlösen zu können. In Deutschland boomt ein Niedriglohnsektor, das und der demografische Wandel hat zur Folge, dass immer weniger Stellen besetzt werden. Längst ist nicht mehr Arbeitslosigkeit das Problem, sondern immer mehr offene Stellen, die niemand mehr haben will. Viel Arbeit, schlechte Bedingungen, wenig Lohn, das ist keine attraktive Kombination mehr.

Leistung und Effizienz sind kein Selbstzweck mehr, auch der Zug ist abgefahren, weil zunehmend weniger erkennbar wird, dass es uns gut geht. Man mag über die Diagnose Burnout streiten, dass es uns besser geht, kann man wchwer belegen. Einer von vier Deutschen ist psychisch krank. Ängste, Depressionen und Suchterkrankungen liegen vorne. Das ist keine Randgruppe mehr, sondern mehr als die größte Volkspartei an Stimmen bei der Bundestagswahl einfahren konnte. Psychische Erkrankungen in einer kranken Welt?

Nicht nur die Quellen innerer Widerstandskraft versiegen, man muss auch im Blick haben, dass die Probleme der Welt nicht kleiner werden. Das Land ist zerfallen in Segmente mit einer unterschiedlichen Entwicklungshöhe und die Entwicklung stagniert oder regrediert vor allem mittleren und unteren Bereichen. Zudem sind nicht alle Probleme gleichwertig. Wenn auch nur der Verdacht besteht, ein Thema könnte gravierende Auswirkungen auf den Fortbestand der Menschheit haben, ist dem unter Gesichtspunkten der Risikoethik besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Zerstörung einer Umwelt in der Menschen gut leben können, durch den Klimawandel, den Abbau an Biodiversität, Bevölkerungswachstum, Energiehunger, Müll und Zunahme von Seuchen ist ein reales Problem, was den Kampf um verbleibenden Lebensraum und Ressourcen bedeuten wird. Der Abbau des Hungers in der Welt stagniert. Ohne Zukunftsperspektive zu leben heißt jedoch nicht nur ohne intakte Natur, sondern die jungen Menschen bei uns wollen auch nicht in Armut leben. Wohlstand ist das Thema was mit Umweltschutz vereint werden muss. Wie es mit der Rente wird steht in den Sternen und selbst die Lebenserwartung sinkt nicht nur in den USA, sondern auch bei uns. Cybermobbing und -terror kommen als neue Formen noch dazu, Spannungen auf der weltpolitischen Bühne ebenfalls. Wir haben reale Probleme und weniger innere Ressourcen um ihnen zu begegnen, das Resultat sind mehr psychische Erkrankungen.

Eine Form der Anpassung?

Aggression und Zynismus nehmen zu. Ängste und Depressionen ebenfalls. Beim Narzissmus ist die Lage umstritten, die einen sehen geradezu eine Epidemie, die anderen die Zahlen stabil und eher niedrig, ein wachsendes Prinzip Narzissmus zu konstatieren könnte eine Brücke sein. Wir sind Zeitzeugen einer Welt im schnellen Wandel. Damit muss man erst mal klar kommen und die Eindrücke kollektiv und für sich geordnet kriegen. Manchmal schaffen wir es einfach nicht. Nicht jeder sagt bewusst nein dazu, es gibt viele Arten, wie wir uns verweigern. Ängste und Depressionen können dazu gehören.

Aber auch die Anpassung in Form einer kalten, zynischen bis hämischen Einstellung gegenüber der Um- und Mitwelt kann eine Option sein. Kurzfristig gibt sie einem ein Korsett. So ist sie eben, die Welt: Jeder gegen jeden. Allenfalls rottet man sich kurzfristig zu Zweckbündnissen oder Events zusammen, die Spaß bringen und gerne auch mal geschmacklos werden. Die ‘sozialen Medien’ sind hier Brandbeschleuniger. Doch auch das trägt nicht dauerhaft. Man schafft sich ein dickes Fell an, aber zu Ende überlegt ist das eine Strategie auf verlorenem Posten.

Menschen mit Angst oder Depressionen würden oft gerne mitmachen, schaffen es aber nicht mehr. Häufig ist ein Blick auf die psychosomatische Seite hilfreich. Ich kann nicht, heißt oft genug, ich will nicht, was man sich aber selbst noch nicht eingestehen kann, da es wie eine Niederlage wirkt. Im Anschluss stellt sich oft die Frage, wie es denn dann weiter gehen soll. Der oft angeprangerte Rückzug ins Private. muss keine schlechte Option sein. Die Welt mag globaler werden, unsere Kraftquellen liegen im Kleinen, Privaten, Regionalen und Dezentralen. Je größer die Systeme und Strukturen werden, desto anonymer, kälter und funktionalistischer werden sie in der Regel. Die Aufrechterhaltung des Systems wird irgendwann zum Selbstzweck, ob es noch ein gutes System ist, wäre die Frage nach Sinn und Ziel. Wir sollten sie uns zu stellen erlauben.

Wir wissen heute immer mehr, können das nur noch nicht gut sortieren. So auch dies: Es gibt den Gegensatz zwischen echten und eingebildeten Problemen im Grunde nicht. Sind Zukunftsängste, Albträume, Cybermobbing oder Projektionen nun reale Probleme oder doch nur übertrieben bis illusionär? Real ist, was in der Welt ist und das ist nicht nur das, was vor uns auf dem Tisch steht oder eine physische Adresse hat.

Es gilt, neben einer oberflächlicher Gläubigkeit, auch den Nihilismus zu überwinden, nicht zu zelebrieren. Nicht, damit der Laden läuft, sondern aus einem vitalen Eigeninteresse. Wenn man einfach so dahinlebt, in der Überzeugung, das Leben habe ohnehin keinen Sinn, bleibt als letztes Ziel wenigstens Spaß dabei zu haben. Gelangt man zu der Einsicht, dass auch der platte Hedonismus eine Kümmerversion des Lebens ist, werden die Karten neu gemischt. Wo die Sinnlosigkeit zur Pseudorechtfertigung wird sich amoralisch verhalten zu können und man glaubt, dass Menschen einander ohnehin nur übers Ohr hauen und bestenfalls Zweckbündnisse eingehen, stabilisieren sich die Gründe wechselseitig. Das ist exakt die negative Seite von Beziehungen, Sinn und Moral, die wir als Stabilisatoren des Glücks kennen lernten.

Psychische Erkrankungen in einer kranken Welt?

Eine Gegenbewegung gibt es auch. Sie besteht aus Menschen, die mit den alten Formeln nichts mehr anfangen können, Politik eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung sehen und die im kleinen Umfeld aktiv werden. Hier kann man nämlich etwas ändern und muss nicht auf die nächste Runde einer zunehmend leer drehenden Bürokratie warten.

Graswurzelbewegungen, Privatleute und dezentrale Gruppen, die die Welt besser machen wollen und damit schon längst begonnen haben. Sie wollen die 200. breiige Erklärung, warum das alles keinen Sinn hat, obwohl man ja durchaus gerne würde einfach nicht mehr hören. Ihr unerschütterlicher Optimismus ist durchaus eine Tugend, schon weil sie dem Optimisten viel bringt. Man hat von Regressionen die Nase voll, kündigt sein Opferabo und die Vitalität kehrt in die Psyche zurück. Es hat wieder einen Sinn, das Leben. Ein Baustein von Glück und Stabilität.

Dass sich keine oder noch keine Bewegung herauskristallisiert, die die Massen überall auf der Welt mobilisiert – nicht einmal das Thema Klima zieht aktuell so stark – muss kein Hindernis sein. Vielleicht ist es die intelligente Reaktion auf die breite Vielfalt an aufgeschobenen Problemen und der immer breitere Aufbruch zu einem integralen Denken und Handeln.

Dabei wird nicht alles mit einer neuen Farbe überstrichen, sondern man beginnt dort, wo ohnehin die größten eigenen Stärken liegen und nutzt diese. Ob man Musiker ist oder neue Wohnprojekte gründet, Bio-Landwirt oder den Alltag von Menschen organisiert und ihnen hilft, neue Impulse in Medizin und Pflege bringt, den Nachbarn hilft, die Welt neu denkt, all das sind kleine Steine in einem großen Mosaik, das noch nicht fertig ist. Vielleicht braucht es eine große Erzählung, vielleicht ist die Idee die Welt besser zu machen und den Beitrag des anderen dabei zu respektieren bereits das neue Bild, dessen Konturen wir langsam erahnen. Dieses in Beziehung treten ist aber zugleich die zweite Säule zur eigenen Gesundung.

Die Selbstverpflichtung ergibt sich daraus ganz von selbst. Aggressionen, zerstörerische Kräfte und auch die Lust daran sind eine Realität im Leben und in der Psyche aller Menschen, die man nicht zu leugnen braucht. Moral und Werte auf die man sich verpflichtet sind kein Resultat antiquierter Predigten mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern die dritte Säule der psychischen Gesundheit. Nun kann man das alles nicht einfach anknipsen, aber als verstehender Ausblick kann es helfen. Denn Liebe oder das Gute ist die andere Realität des Lebens. Nicht jeder kann sie zu allen Zeiten und gleichermaßen sehen, aber wenn man sie in einer der Säulen lebt und erlebt, braucht man nicht mehr darüber zu diskutieren, ob es sie wirklich gibt. Man ist ja längst selbst agierender Repräsentant dieser Kräfte, die sich gegenseitig stabilisieren und bedingen. Sie können der Welt helfen und psychische Erkrankungen abbauen, indem sie ihnen, die Basis entziehen. Jeder einzelne, der die Zusammenhänge durchdringt ist ein Steinchen mehr im funkelnden, neu entstehenden integralen Mosaik.