Egal wo, egal wie, egal wer. Terror erzeugt Leid, Trauer, Angst und Hass. © Mikael Colville-Andersen under cc

Nicht nur im Zuge von Gewalttaten möchte man verständlicherweise mehr über die Ursachen wissen, Scheinalternativen sind aber ein typisches Beispiel dafür, dass oft falsche Fragen gestellt werden.

Hinter der Frage, ob eine Gewalttat durch Krankheit oder Terrorismus motiviert ist, steckt die Suggestion, beides würde sich gegenseitig ausschließen. Wer Terrorist oder Gewalttäter ist, müsste demnach gesund sein und wer krank ist, kann kein Gewalttäter oder Terrorist mehr werden. Das ist schon alltagssprachlich offenkundig naiv, unter psychologischen Gesichtspunkten jedoch noch viel mehr.

Wenn falsche Fragen gestellt werden, ist das Motiv oft gutartig, das darf man zumindest in vielen Fällen unterstellen. Es war in der deutschen Vergangenheit nicht immer ungefährlich psychisch krank zu sein oder zu gelten und das ist weder ein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte, noch Psychologie- und Psychiatrie, denen man aber immerhin attestieren kann, ihre Vergangenheit aufgearbeitet zu haben. In der Zeit der Nazi-Diktatur, mit ihrem Rassen- und Reinheitswahn waren psychisch kranke Menschen in Lebensgefahr und viele totalitäre politische Regime gehen oft den vermeintlich bequemen Weg und sagen ihren Kritikern nach, sie seien psychisch krank, um sie wegzusperren oder wenigstens zu diskreditieren. Kein Ruhmesblatt der Politik, die in Form totalitärer Systeme aber ohnehin stets ungemütlich ist.

Um diese automatische Verbindung von krank und gefährlich zu kappen, ist man einen weiten Weg gegangen und in gar nicht so wenigen Fällen beim Gegenteil gelandet, insofern müssen wir uns die Fragen neu vorlegen und komplexer beantworten.

Sind alle Terroristen und Gewalttäter krank? Sind Kranke gefährlich?

Die inzwischen zu beobachtete Entkoppelung von psychischer Krankheit und massiver Gefährlichkeit nimmt seltsame Züge an, wenn wir in einem Artikel von dem von mir geschätzten Arzt, Autor und Wissenschaftsjournalisten Harro Albrecht lesen: “Sechs von zehn Attentätern, die auf eigene Faust agieren, sind geistig gesund”[1]

Aber sind normalgesunde Menschen in der Lage, andere umzubringen? Nicht aus Notwehr oder in äußerster Gefahr, sondern einfach so? Oder ist es nicht schon automatisch sehr merkwürdig oder vielleicht krank, wenn jemand problemlos in der Lage ist, seine Mitmenschen zu töten, weil er gerade mal einen schlechten Tag hatte? “Das Frühstücksei war schon nicht perfekt, dann wurde ich angehupt und der Dritte war dann eben fällig.” So?

Fehlt da nicht etwas, was wir in der Gesellschaft als normal, sogar in gewisser Weise, sie ausmachend voraussetzen dürfen und müssen? Wo ist hier die Impulskontrolle? Impulskontrolle heißt nicht, alles brav zu schlucken und zu allem milde zu lächeln. Jeder erschreckt sich hier und da, ist verärgert bis zur Wut, ist Reizen ausgesetzt, die ihn sexuell anziehen, aber wir dürfen erwarten, dass nicht jeder Reiz zu einer sofortigen ausagierenden Antwort führt, sondern dass wir die Fähigkeit haben die sofortige Reaktion zu kontrollieren. Die Idee, dass wir simplen Reiz/Reaktions-Mustern folgen, ist äußerst simplifizierend und es gehört zur Rechtfertigungsstrategie gerade vieler totalitärer Systeme, das sehr komplexe Wesen Mensch, auf grob vereinfachende biologisierende Erklärungsmuster runter zu brechen, auch um eine Erklärung dafür zu haben, dass der Mensch eben nicht anders kann und ein hilfloses Opfer seiner Triebe, Hormone, seiner Synapsen und eben äußerer Reize sei. Die man dann natürlich von außen kontrollieren muss.

Es ist traurig genug, dass diese Erklärungsmuster lange Zeit als besonders fortschrittlich und wissenschaftlich gelten konnten, aber die Hochzeiten des Behaviorismus und des simplen Biologismus sind vorbei. Auch Freuds Verdienst bestand darin zu zeigen, dass man unsere biologischen und affektiven Grundlagen nicht einfach so negieren kann, aber es ist auch hier kein entweder/oder, sondern auf der einen Seite droht bei permanenter Unterdrückung aller Affekte und spontanen Impulse der neurotische Verlust an Kreativität, Spontaneität und Lebenslust, besonders auch der sexuellen Lust, auf der anderen Seite droht eben der Mangel an Impulskontrolle, mit den Folgen von aggressivem bis zu gewalttätigem ungebremstem Spontanverhalten. Man kann seine Impulse kontrollieren, aber nicht jeder kann und will es.

Sind also alle Terroristen und Gewalttäter krank? Die Klärung der Begriffe ist immer wieder nötiger, als man denkt, insbesondere hier, wenngleich lästig und fisselig. Aber wir werden uns dran gewöhnen müssen, dass viele Probleme nicht auf der Ebene von schwarz oder weiß, so oder so zu lösen sind. Es ist komplexer, vielschichtiger, doch bei aller Vielschichtigkeit muss man wiederum aufpassen, dass man nicht in einer Beliebigkeit endet.

Wer definiert, was krank ist? Wir alle. Wir alle als Gesellschaft, in ihrer vielfältigen Form des Wechselspiels zwischen einer Scientific Community, der Gesellschaft, in Form der meinungsbildenden Organe, wie Presse oder Social Media und einer Bevölkerung, die sich dazu verhält und immer mehr mitredet, sowie einer Politik und Bürokratie, die das ebenfalls tut, sowie der immer größer werdende Einfluss der Wirtschaft auf alle Bereiche. Dabei können alle Instanzen zu weit gehen, die Wissenschaft kann zu einem sich abkoppelnden Szientismus verkommen, der sich irgendwo im Elfenbeinturm wieder findet. Die Bevölkerung und Teile der Presse und Social Media können Themen zu sehr vereinfachen, was dann zu einfachen Lösungsvorschlägen führt, bei denen man dann nur mal dies und das tun müsste und alles wäre in Ordnung. Die Wirtschaft muss erkennen, dass sie nicht alles zum Geschäftsmodell machen kann, ohne dabei regressiven Bewegungen, durch eine fortschreitende Instrumentalisierung von Beziehungen, Vorschub zu leisten.

Es wäre gut einen möglichst objektiven Krankheitsbegriff zu haben, aber gerade das ist nicht immer der Fall. Denn einen Teil kann man objektivieren: Man kann angeben, welche Methode und Kriterien man verwendet hat, um zu einem Ergebnis zu kommen. Man kann zum Beispiel sehen, dass jemand anders ist, von der Norm abweicht. Aber ist das automatisch krank? Worin liegt denn das Krankhafte an seiner Abweichung? Das ist zu klären, zu definieren und zu diskutieren. Linkshänder weichen auch von der Norm ab, aber sie sind nicht krank. Genies weichen in einigen Bereichen von der Norm ab, aber genau das macht sie ja genial. Und ist ein Rassist gesund, nur weil alle seine Blutwerte in Ordnung sind? Das erfordert andere Bewertungskriterien als man aus Messwerten ableiten kann, weil es hier nicht um exakte Messungen geht, sondern deren Einordnung. Wer also ist berechtigt krank zu nennen und warum?

Ans Eingemachte

In den letzten Jahrzehnten hat der Krankheitsbegriff – wir beschränken uns hauptsächlich auf den psychischen – große Wandlungen erfahren. Die Bewertung der Frauen, denen allgemein weniger zugetraut wurde, als Männern, hier vor allem bezogen auf ihre kognitiven und moralischen Kompetenzen, hat sich dramatisch geändert, aufgrund des Drucks gesellschaftlicher Entwicklungen, die man dann auch in der Forschung bestätigt fand. So wies Carol Gilligan darauf hin, dass moralische Entwicklung von Frauen durch die Stufen anders aussieht, als bei Männern, aber sie ansonsten gleich weit entwickelt sind. Heute sind Frauen bei uns gleichberechtigt.

Der Homosexualität wurde der Status der Krankheit abgesprochen, auch das ist kein rein politischer Akt gewesen, sondern man fand, dass homosexuelle Menschen zur gleichen Tiefe der Objektbeziehungen fähig sind, wie heterosexuelle. Die Einstellung zur Religion änderte sich. Für Freud noch eine Massenpsychose, ergibt sich inzwischen durch eine Reihe führender Analytiker ein vollkommen revidiertes Bild, Religion ist ungeheuer hilfreich bei der Entwicklung. Etwas anders geht es den Männern selbst, die unter immer mehr kulturellem Druck stehen, was aus mehreren Gründen problematisch ist.

Der Fokus der psychoanalytischen Betrachtungen hat sich in der letzten 50 Jahren von einer Ich-Psychologie zu einer Beziehungspsychologie gewandelt, die ihren Ausdruck in der Dominanz der Objektbeziehungstheorie findet. Konkret heißt das, dass psychische Störungen immer auch Störungen sogenannter Objektbeziehungen sind, zum einen sind gestörte Objektbeziehungen die Hauptursache vieler psychischer Erkrankungen und zum anderen das Muster, was sich durchzieht und was alle aktuellen Beziehungen verzerrt. In Zweierbeziehungen, Freundschaften, bei der Arbeit.