Was schon damals nie begriffen wurde

Unvorstellbar große Mengen an Handelswaren zirkulieren täglich um den Erdball. © NOAA’s National Ocean Service
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Als ich vor längerer Zeit, durch einen Zufall – das Leben schreibt bekanntlich seltsame Geschichten – als naturwissenschaftlich geprägter Mensch mit der Idee von ‘Krankheit als Weg’ konfrontiert wurde, war ich wieder aus einer Reihe seltsamer Zufälle offen dafür. Ich war gerade am Beginn einer Ausbildung und musste mich entscheiden, ob ich fortan glauben würde, dass diese Interpreten alle kräftig einen an der Waffel haben oder an der Sache was dran ist. Ich wählte die zweite Option tauchte sehr intensiv in das Gebiet ein und war schon bald vor eine neue Wahl gestellt.

Nachdem ich mir nun einbildete, die Sache halbwegs verstanden zu haben, kam ich mit immer mehr Menschen in Kontakt, die die Idee prinzipiell gut fanden, auch den einen oder anderen Aspekt bei ihren Symptomen – und denen ihrer Verwandten und Bekannten – betrachteten, aber doch, wenn es eigentlich wirklich interessant geworden wäre, recht beliebig ausstiegen, in etwa so, wie oben schon beschrieben. Man war halbwegs überzeugt, dass an der Sache was dran ist, fand die Idee, dass der Schnupfen eben auch übertragen meint, dass man von etwas die Nase voll hat, ganz originell und interessant, aber die echten Leichen im Keller, da wo es richtig anstrengend würde, die hat man ausgelassen. So dürfe man das dann auch nicht sehen, vor allem nicht alles und in dem Fall, dem eigenen, sei doch klar, dass man die Dinge klassisch betrachten müsse. So wurde aus der Idee ein läppisches Spiel. Die einen glaubten von vorn herein wenig an diese ‘oben, unten’ und ‘innen, außen’ Zusammenhänge, andere etwas mehr, aber letztlich ist es egal, wo man aussteigt, es bleibt oft ein willkürlicher Schritt.

Wer tiefer gegraben hat wurde mitunter fündig und kam auf sein Thema: Macht, Aggression oder was auch immer es war. Wenn man vor anderen und vor allem auch vor sich selbst ein Thema jahrelang versteckt und ins Unbewusste schiebt, dann ist auch diese Verdrängung kein bewusster Akt. Man tut das nicht absichtlich, demzufolge ist es ein echter Schock, wenn man dann nach erheblichen Mühe erkennt, dass man ‘so’ ist (wie man nie sein wollte) und es ist verständlich, dass man diese Eigenschaft möglichst schnell wieder los werden will. Die Sache hat nur einen Haken: Genau darum geht es nicht. Es geht darum, diese Eigenschaft zu integrieren, ‘ja’ zu ihre zu sagen und sie zum bewussten Teil des eigenen Ichs zu machen, ein unbewusster Teil ist sie ja schon.

Wenn wir also auch allen möglichen Ebenen, bishin zur Ebene, dass die Welt hustet, Kommunikation und Aggression zusammen antreffen, geht es nicht darum schweigsamer oder friedlicher zu werden, sondern zu beidem ‘ja’ zu sagen uns es zu integrieren, auf eine erlöste und das heißt bewusste Art. Merkur und Mars, das kann heißen richtig zu streiten. Engagiert, kämpferisch und leidenschaftlich zu diskutieren oder vielleicht noch mehr: einen Durchbruch zu neuen Kommunikations- und Erklärungsmodi zu finden.

Wir dürfen die Fehler nicht wiederholen

Die Esoterikbewegung fing kraftvoll, neu und mit einigem Anspruch an … und ist dann immer mehr versande, platter geworden, mitunter verkommen zu grauenhaftem Quatsch und einem egozentrischen Projekt. Der heute so verbreitete, wie problematische oberflächliche Pluralismus, erlebte in der Esowelle einen frühen Testlauf und neben der Erscheinung, dass das empfindsame Selbst war vor allem sensibel war, wenn es um die eigenen Angelegenheiten ging und oft seltsam ungerührt, wenn es andere betraf, war der andere problematische Aspekt die Illusion, Pluralismus sei so eine Art Gemischtwarenladen, nur für mich.

Es war nie böse gemeint, aber wenn man sich nach eigenem Bedarf aus dem Ideengebäude der verschiedensten Religionen und Weisheitslehren bedient, tötet man die Heilkraft, die oft daraus resultiert, dass man etwas hat, was größer ist, als man selbst. Man sein Ich also in den Dienst einer größeren Sache stellt und nicht alle Weisheitslehren in den Dienst des Ich. Der Pluralismus, der sich immer die fröhlichste und einfachste Idee heraus greift ist in dieser naiven Form längst zum Problem geworden, weil er alle Schwierigkeiten negiert und weglächeln will. Doch wenigstens nach der hier vorgestellten Idee, führt der Weg ins Licht über den Schatten.

Wir dürfen die Fehler nicht wiederholen. Was den Naturalismus an seine Grenzen bringt, ist, dass er mit dem Innen nicht richtig umgehen kann. Man hat kein Modell dafür, dass Gründe, Einstellungen, Argumente und Überzeugungen wirken. Jeder weiß, dass sie es tun, an der empirischer Forscherfront stößt man immer wieder darauf, wie wichtig diese subjektiven und inneren Faktoren sind, aber sie passen nicht ins Bild eines Erklärungsmodells, das auch das Innen beharrlich als irgendwie statistisch objektivierbar und von etwas, was man messen und wiegen kann, ausgelöst erklären will.

Ein Weltbild oder Erklärungsmodell, was mit diesem Innen letztlich nichts anfangen kann, ist nicht mehr in der Lage uns die Welt zu erklären. Vieles erscheint uns heute entweder als Wiedervorlage oder als ein Kulminationspunkt von Problemen, die seit Jahrzehnten bekannt sind, wie die Grenzen des Wachstums, die demografische Situation, die wachsende Ungleichheit.

Unsere Lebensweise hat uns anfällig gemacht, wir verstehen die Welt nicht mehr, es gibt aktuell keine Großerzählungen mehr, man hat das Gefühl mit der Hydra zu kämpfen, schlägt man einen Kopf ab, wachsen ihr zwei neue. Die Welt hustet und ist im Krisenmodus und man weiß nicht, wie man dort wieder heraus finden soll. Eine Coronapandemie kann eine Weltwirtschaftskrise auslösen, verbessert aber gleichzeitig die Luftqualität, durch den eingeschränkten Handel und Verkehr und senkt durch sinkende Nachfrage den Ölpreis. Doch gleichzeitig nehmen die Krisen nicht ab. Europa ist durch Migration erpressbar, der nächste heiße Sommer kommt bestimmt und so geht es weiter.

Großartige Zusammenschau von innen und außen

Die Welt im dauerhaften Krisenmodus ist bereits ein anderes Leben, als das, was wir gewohnt sind und führen wollen. Anders gesagt, das ist bereits eine ‘Krankheit als Weg’. Die Lösung lautet, das Prinzip zu erkennen und zu leben, das Unbewusste, auch das kollektiv Unbewusste zu erkennen und bewusst zu leben. Die Welt hustet und fürchtet sich, das heißt, dies ist nur ein weiterer Ausdruck davon, dass wir nicht mehr die Wahl haben, ob wir uns ändern wollen, die Veränderungen werden uns längst aufgedrückt, durch jede neue Krise, sie sind teil der Gegenwart.

Wir haben großartige Zusammenschauen gehabt und so unterschiedlich sie sind, sie alle haben die Gemeinsamkeit, dass unser Innen mitberücksichtigen, statt es zu vernachlässigen. Gemeint ist ein kollektives und individuelles Unbewusstes. Wenn wir Argumente nicht ernst nehmen und denken, letztlich ginge es nur um Macht[link], spielen wir in letzter Konsequenz das Spiel des Faschismus. Wir müssen Argumente nicht in die Sprache des Austauschs der Neurotransmitter übersetzen, weil uns das einfach nicht weiter hilft. Argumente sagen ja bereits, was sie wollen, das ist ihr Wesen. Zudem gibt es unbewusste Sprachen, wenn wir erröten, die Stimme zittert, übertrieben laut ist oder wir krank sind und durch Rückenschmerzen signalisieren, wie unflexibel wir geworden sind. Auch in unserer Lebensweise.

Der Naturalismus hat uns als Großerzählung abgetrennt von der Welt. Die Welt des Innen ist das irgendwie Belanglose, Suspekte, das, dem man misstraut, weil man als Naturalist, die wir letztlich alle sind, gelernt hat dem Innen zu misstrauen. Spielerisch ernst nehmen, okay, aber doch bitte nicht wirklich. Es gibt schon irgendwie dieses Innen, aber es hat bestenfalls – so glauben wir – für den Einzelnen eine Bedeutung und hört dann an der Schädeldecke auf wichtig zu sein. All diese guten Erklärungen sind durch die Jahrzehnte zwar immer dünner und schlechter geworden, wir können uns dennoch nicht ernsthaft vorstellen, dass die Welt uns etwas zu sagen hat.

Dass das alles an sich bedeutungslos ist, es aber systemische Zwänge und Alternativlosigkeiten gibt, die dann eben so gekommen sind und die man jetzt nicht mehr ändern kann und es eben weiter gehen muss, ist unsere Lesart. Damit lassen wir uns abspeisen, glauben zwar immer weniger daran – die großen Erklärungen sind vorbei – haben aber keine bessere Erzählung. Die Welt hustet und fürchtet sich, der Husten ist ein unbewusster Ausdruck von Aggressionen. Wir müssen diesen faden Erklärungsmustern etwas husten und um neue Modelle, Bilder und Erklärungen aggressiv ringen, die ernst nehmen, dass wir viel mehr in Prozessen des Austauschs stehen, von innen und außen, von Kultur und Natur stehen, als wir das sehen wollten und konnten.

Dafür brauchen wir nicht den Glauben an eine intelligente Welt. Es würde die Erkenntnis reichen, dass all unsere Modelle von Welt, all unsere Weltbilder lediglich Erklärungsmodelle für das sind, was die intelligenten Wesen, die einander Gründe geben, vorzufinden glauben. Wir bewegen uns in kommunikativen Kontexten, wir geben und verlangen Gründe für unsere Motive, sogar von uns selbst. Wir begründen nicht alles, müssen aber das Gefühl haben, es jederzeit zu können. Ein rationales Spiel, Freud zeigte, dass es durch unbewusste Motive immer wieder sabotiert wird und lehrte uns diese besser zu verstehen. Die Psychosomatik betrachtet die Botschaften hinter dem Ausdruck eines Krankheitsgeschehens. Auch kollektiv kennen wir einige Muster dahinter, wir müssen den unsäglichen Unsinn von den besseren Ideen trennen. Die Welt hustet gegenwärtig. Mutig zu streiten wäre eine der Alternativen.