Klinik Harburg

Nicht jede Klinik wirkt äußerlich spontan einladend. Gerhard Kemme under cc

Auf die Idee, dass wir uns ein krankes Gesundheitssystem leisten, ist man schon öfter gekommen. Oft werden dabei bestimmte Teilbereiche betrachtet, die nicht gut laufen, von der schleppenden Terminvergabe, bis zu überflüssigen Operationen, doch seltener wird der Blick aufs Ganze gerichtet. Wo dies versucht wird, werden oft Teilbereiche als Ganzes verkauft. Wir wollen den Blick erweitern und sagen, welche wichtigen Bereiche mindestens mitberücksichtigt werden müssen. Grob könnte man sagen, dass es sich dabei um die Bereiche Geld, Ideologie und eingefahrene Gewohnheiten handelt, doch diese Bereiche greifen ihrerseits ineinander.

Das liebe Geld

Mehr als man denkt, hat sehr direkt mit Geld und Gewinn zu tun. Das hängt mit so vielfältigen Bereichen wie der Arzneimittelforschung zusammen, der Terminvergabe, individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), sozusagen der Bauchladen des Arztes, Diagnostik und Therapie, mit Organtransplantationen aber auch mit der Personaldichte in der Pflege und der Arzt- und Krankenhausdichte auf dem Land.

Viele Patienten klagen über die Terminvergabe. Man geht ja in der Regel zum Arzt, weil es einem genau jetzt schlecht geht. Vielleicht wartet man, ob es von selbst besser wird, probiert ein paar Hausmittel, hilft das nicht, ist der Arzt die nächste Adresse. Beim Hausarzt bekommt man in der Regel schnell einen Termin, kann der helfen, ist alles gut, wenn nicht, geht es weiter zum Facharzt. Ist man gesetzlich versichert muss man unter Umständen viele Wochen bis Monate Geduld haben, die hat man aber nicht, wenn es schmerzt oder man sich Sorgen macht. An gesetzlich versicherten Patienten kann man wenig verdienen, es gibt ein bestimmtes Budget für ein Quartal, ist das erschöpft, zahlt der Arzt sogar drauf, bei privat Versicherten bekommt man mehr Geld. Privatpatient zu sein, ist aber nicht unbedingt ein Vorteil, denn weil man mit ihnen verdienen kann, ist die Verlockung groß die eine oder andere, an sich nicht notwendige Diagnose oder Therapie durchzuführen, immer so, dass man es noch irgendwie rechtfertigen kann, eine Grauzone. Dabei muss einem klar sein, dass der überdiagnostizierte Patient nicht unbedingt der ist, dem es besser geht.

Damit sich auch die Behandlung eines Kassenpatienten lohnt gibt es ein System von Zeitvorgaben und IGeL. Diese zahlt der Patient aus eigener Kasse, weil er und sein Arzt vom zusätzlichen Nutzen überzeugt sind, was die Arzt allerdings in die Rolle eines Verkäufers bringt und das Verhältnis zum Patienten belastet. Überdies ist der Nutzen der meisten Leistungen umstritten bis unbelegt, manche sind sogar schädlich, wie der IGeL Monitor zeigt. Aktuell ist der Nutzen nur bei zwei Verfahren belegt: Akupunktur bei Migräne und Lichttherapie bei Winterdepression. Die Diskussion über Sinn und Unsinn ist in vollem Gange, aber man ist besser im Bilde, wenn man beide Seiten hört. Den Machern des Monitorings wird nachgesagt, der verlängerte Arm der Krankenkassen zu sein. „Initiator und Auftraggeber des IGeL-Monitors ist der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V.“, wie wir auf deren Website erfahren.

Geld verdienen und für sich behalten, wollen dann die meisten, auch Krankenkassen sind keine Wohlfahrtsunternehmen und auch sie verdienen daran, dass der Patient möglichst lange gesund bleibt und dann, zynisch gesagt, schnell stirbt, wenigstens aber keine chronische Erkrankung hat, am wenigsten gerne eine, bei der Folgeerkrankungen mehr oder weniger gesichert sind, wie bei Diabetes mellitus.

Der Patient selbst möchte schnell behandelt werden und daher gehen viele in die Notfallaufnahme der Krankenhäuser. Menschlich einerseits verständlich, andererseits eine Unsitte, denn das verzögert die Wartezeiten für echte Notfälle, hier kann es um Leben und Tod gehen. Viele werden dort abgewiesen und in die hausärztliche Notfallpraxis überwiesen, was richtig ist, aber zu Frustrationen führt. Immerhin die Terminvergabe versucht die Politik neu zu regeln, ob es klappt weiß man nicht, viele Ärzte arbeiten bereits am Limit.

Denn bevor man über gierige Ärzte schimpft, die den Hals nicht voll bekommen, muss man sich klar machen, das Arzt zu werden heute keine Gelddruckmaschine mehr ist. In den ersten fünf oder sechs Jahren bis zur Facharztprüfung sind die jungen Ärzte für wenig Geld sehr lange im Krankenhaus, Überstunden und Stress sind die Regel. Der Facharzt hat dann etwas mehr Geld und Ruhe, der Funktionsoberarzt in der Regel kaum mehr Geld, dafür mehr Arbeit und Verantwortung, erst der wirkliche Oberarzt ist wieder ein lukrativer Schritt, doch da wird die Luft dann auch schon dünner.

So ist die Lösung für viele sich niederzulassen, doch auch das ist kein Zuckerschlecken, die Praxis muss attraktiv und in möglichst guter Lage sein und man muss mit dem Verfahren Geld verdienen können. Radiologen verdienen viel, allerdings sind die Kosten für die Anschaffung neuer Geräte oft horrend und auch sich in eine Praxis einzukaufen ist finanziell eine Herausforderung, die man erst mal stemmen muss und danach ist man gezwungen zu verdienen, weil man danach laufende Kosten für diverse Finanzierungsmodelle abbezahlt. Es sei denn, man etabliert ein vollkommen anderes System, von dem man dann aber auch sagen muss, wie es aussehen soll. Der Landarzt ist nur im Fernsehen eine Option, in der Realität ist er, bezogen auf das Verhältnis von Arbeit (inklusive weiter entfernte Noteinsätze in der Nacht) zu Lohn, eher unbefriedigend.

Kosten minimieren, Gewinne maximieren

Auch Krankenhäuser, Rehakliniken, Alten- und Pflegeheime, sowie ambulante Pflege- und Praxisketten sind öfter als man denkt Wirtschaftsunternehmen. Wenn sich dort Hedgefonds eingekauft haben, ist die Katastrophe perfekt.

“Die Frage, die sich viele Investoren stellen: Wo lassen sich auf diesem gesättigten Markt noch lohnenswerte Geldanlagen tätigen? Unsere Antwort: Pflegeimmobilien. Zu diesen zählen Altersheime, Pflegeheime, kombinierte Alters- und Pflegeheime, Seniorenresidenzen, Pflegeappartements und andere stationäre Pflegeeinrichtungen.”[1]

So lautet es recht unverblümt auf der Seite eines Unternehmens. Konkurrenz auf dem Markt Gesundheit und Pflege gibt es überall, wie die Berliner Morgenpost exemplarisch berichtet. Kosten minimieren, Gewinne maximieren, so ist das immer gleiche Prinzip und bedeutet dasselbe, was es immer bedeutet. Viel Geld, wenig Service und da 60 Prozent der Kosten Personalkosten sind, heißt das möglichst wenig Personal, macht für möglichst geringen Lohn, möglichst viel Arbeit. In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist dieses Prinzip bis an und über die Schmerzgrenze ausgereizt worden. Aber die Probleme in der Pflege sind nicht beschränkt auf das dort arbeitende Personal sondern betreffen uns über Bande alle, wenn nicht heute, dann in Zukunft. Mehr Service ist durchaus drin, aber dann zu deutlich höheren Kosten, doch auch die müssen immer noch kräftig Gewinn abwerfen.

Auch für Kliniken heißt das, Verfahren mit einer hohen Einnahmen/Ausgaben-Differenz möglichst oft durchzuführen und auf den Rest zu verzichten oder ihn zu minimieren. Praktisch bedeutet es, dass bei uns eine Vielzahl von Herzkatheter-Untersuchungen und orthopädischen Operationen, so wie anderes, bei weitem häufiger durchgeführt wird als in anderen euroäischen Ländern. Der Verweis auf die hohe Qualität der deutschen Medizin ist nur bedingt ein Argument, denn die Lebenserwartung in Deutschland ist nicht spitze.

Organtransplantationen, Antibiotika und seltene Erkrankungen lohnen sich nicht

MRSA Bakterium, rot

Hier ein MRSA Bakterium, das von unserem Immunsystem unschädlich gemacht wird. NIAID under cc

Denken Sie auch, dass die mangelnde Spendenbereitschaft der Menschen das Hauptproblem bei den geringen Organtransplantationen in Deutschland ist? Eine andere Erklärung bieten die Macher des Films Der marktgerechte Patient an: Es lohnt sich finanziell einfach nicht diese Operationen durchzuführen. Zu selten, zu kompliziert, es gibt Operationen die weitaus lukrativer sind, also führt man diese durch. Der Film thematisiert die Fallpauschalen der Medizin, grob gesagt wurden diese eingeführt, um ein Gegenmittel gegen die langen Liegezeiten von Patienten zu haben, die aus jenen Zeiten stammen, als Krankenhäuser daran verdienen konnten, dass der Patient möglichst lange blieb. Die Verlockung die Liegezeiten künstlich etwas auszudehnen, war groß, mit der Einführung der Fallpauschale gibt es für eine definierte Krankheit nur noch einen festgelegten Betrag, gleichgültig ob alles schnell und unkompliziert verläuft oder man eine Komplikation nach der anderen hat. Gerade die schweren Fälle behandelt man daher ohne Gewinn, Ziel ist seit dem, den Patienten möglichst schnell wieder los zu werden, jeder Tag mehr sind verloren gegangene Einnahmen, Fließband Operationen und blutige Entlassungen sind oft das Resultat. ein krankes Gesundheitssystem?

Doch nicht nur im Krankenhaus, der Pflege und bei der Krankenkasse geht es um das liebe Geld, auch die fast schon berüchtigte Pharmaindustrie funktioniert nach den Kriterien des Marktes. Die bringen es mit sich, dass sich die Forschung an neuen Antibiotika nicht mehr lohnt. Einer langen und teuren Entwicklung folgt ein geringer Einsatz, da die neuen Medikamente als Reserve Antibiotika zurück gehalten werden müssen. Wirtschaftlich verständlich, medizinisch weiß man nicht, was man davon halten soll, da die Ära der Antibiotika ohnehin zu Ende sein könnte.

Nun können Pharmaunternehmen mit allem Recht darauf hinweisen, dass sie eben kein Wohlfahrts- sondern ein Wirtschaftsunternehmen sind, auch wenn sie es anderes suggerieren. Die meinen es alle nicht böse, es ist noch anders: Das Wohlergehen des Patienten, im Zweifel Ihres, ist ganz einfach uninteressant. Es stört niemanden, wenn Sie von einem Medikament oder Verfahren profitieren, vielen darf man noch guten Gewissens unterstellen, dass sie sich mit dem Patienten freuen, aber letztlich stört es auch nicht groß, wenn der Patient nicht profitiert, solange man durch ihn Geld verdienen kann. Ähnliches gilt für die Erforschung seltener Krankheiten, sie lohnen sich einfach nicht, Pech für die, die drunter leiden.

Hier wird der Ball zu uns zurück gespielt, denn soll das wirklich so bleiben? Müssen elementare Aspekte der menschlichen Versorgung unter dem Diktat der Wirtschaft stehen? Geld oder Leben ist eigentlich nicht die Alternative der Medizin und Pflege. Es ist nicht einzusehen, dass Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen Gewinne erzielen müssen, zumal es gute Gründe gibt die Medizin und Pflege generell anders aufzustellen.

Die falsche Gabe und die falschen Prioritäten

Oft lässt sich die Frage, ob wir nun Über- oder Untertherapie, Über- oder Untermedikation vorfinden gar nicht pauschal beantworten, mal ist es so, mal genau anders herum. Wenn Patienten morgens schon 23 Tabletten nehmen kann man sich schon fragen, ob das alles so richtig ist, zumal Wechselwirkungen auftreten, die niemand mehr einordnen kann.

Die Übertherapie und Selbsttherapie mit vermeintlich harmlosen Schmerzmitteln sorgt nicht nur in vielen Fällen Magen- und Darmblutungen, sowie einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle, sondern inzwischen sogar für ausgeprägte Suchterkrankungen, neuerdings rangiert die Schmerzmittelsucht vor der Alkoholsucht.

Die oben erwähnten Antibiotika sind und waren Wunderwaffen im Kampf gegen bakterielle Infektionskrankheiten, die wir zum Teil gerade wegen der Erfolge der Antibiotikatherapie kaum noch kennen. Diphtherie, Tuberkulose, Syphilis, aber auch sich zur Blutvergiftung oder Sepsis ausbreitende Entzündungen haben wir recht gut im Griff. Dass sie jetzt wieder kommen, hat eine Vielzahl vom Gründen, ein Hauptgrund ist sind die immer weiter verbreiteten Resistenzen.

Diese wären ein eigenes Thema, aber auf drei Hauptgründe reduziert ist der Rückgang der Wirksamkeit hierauf zurück zu führen: die zu verbreitete Verordnung durch Ärzte, die falsche Einnahme durch Patienten und die industrielle Massentierhaltung. Die Ausbildung von Resistenzen sind ein normaler Mechanismus der Evolution. Grob gesagt dezimieren Antibiotika die Zahl der Bakterien so stark, dass der Körper mit dem verbleibendem Rest selbst fertig werden kann. Dabei werden auch nützliche Bakterien getötet, was das Immunsystem schädigt und weitere unerwünschte Wirkungen hat. Gleichzeitig überleben jene Bakterien, die sich zufällig genetisch verändert haben, also mutiert sind und gegen das Antibiotikum resistent. Je häufiger man die Antibiotika einsetzt, umso mehr fördert man diese Ausbildung von resistenten Keimen, ebenso, wenn man die Antibiotika zu früh absetzt, wenn zwar viele Keime getötet sind, aber nicht alle, auch dadurch werden die zähen noch fitter und resistenter.

Weil man das kennt, versucht man gezielter zu schießen und einige Mittel, die sogenannten Reserveantibiotika zurück zu halten, die auch dann wirken, wenn andere Antibiotika es nicht mehr tun. Ausgerechnet die Reserveantibiotika werden aber im breiten Stil in der industriellen Massentierhaltung eingesetzt und egal ob sie beim Menschen oder Tier häufig eingesetzt werden, je öfter, desto größer die Zahl der Resistenzen, die wirksame Reserve wird also schleichend unwirksam und gleichzeitig ist man mit besonders multiresistenten Erregern, wie VRE oder MRSA den so genannten Krankenhauskeimen konfrontiert, die zum großen Teil aus der Fleisch- und Geflügelindustrie stammen.

Immerhin ist das Problem erkannt, was jedoch noch immer nicht heißt, dass die Praxis sich ändert, da jeder weiter machen möchte wie bisher.

Ideologie und Gewohnheit

Weite Teile der Medizin folgen dem biologischen Krankheitsmodell, das bedeutet, die Einstellung zu haben, dass Krankheit im wesentlichen ein biologischer Fehlvorgang ist. Zu viele Bakterien oder Viren, falsch mutierte Zellen und gar von vorn herein fehlerhafte Erbinformationen. Dieser Ansatz von Zellular- und Mikrobiologie hat über viele Jahrzehnte hinweg die Medizin dramatisch verändert und zu dem gemacht, was sie heute ist.

Man kann auch nicht sagen, dass er gescheitert ist, auch dieser Strang wird weiter verfolgt, etwa in der Genforschung, die allerdings noch immer nicht zu den Durchbrüchen geführt hat, die man sich versprochen hat. Noch immer sind Herz- und Kreislauf Erkrankungen, sowie Krebs die häufigsten Todesursachen bei uns und vieles ist auf Zivilisationserkrankungen zurück zu führen, bei denen viel weniger ausgefeilte Medizin, als viel mehr Aufklärung und Verhaltensänderungen im Alltag die entscheidende Wende bringen. Zu viel Gewicht, Alkohol, Stress, Tabak und zu wenig Bewegung und Entspannung, das sind alles Bereiche, die der einzelne Mensch am besten selbst regeln kann.

Ein befreundeter Arzt sagte mir, der eigentliche Fehler der Medizin sei, den Menschen suggeriert zu haben, dass gegen alles ein Kraut gewachsen sei, auch dann, wenn man vollkommen gegen seine Natur und ihre Rhythmen lebt, denn irgendwo ist der Mensch noch immer ein natürliches, ein biologisches Wesen. Nein, man kann nicht folgenlos Jahre lang schlechte Nahrung zu sich nehmen, auf jede Bewegung und Entspannung verzichten und dann erwarten, dass das alles spurlos an einem vorbei geht. Es reicht nicht, die eine oder anderen Pille einzuwerfen oder ein paar Ersatzteile auszutauschen.

Allerdings kennt man längst auch den entgegen gesetzten Trend, Menschen, die sich nur noch um ihre Gesundheit kümmern und darüber hinaus vergessen, dass Gesundheit kein Selbstzweck ist. Andererseits ist sie, wenn man die Menschen selbst befragt, die Hauptzutat zum Glück. Fragt man Glücksforscher, so sind es tiefe Beziehungen. Beides ist in unserem Zusammenhang wichtig.

Das biologische Krankheitsmodell macht weiterhin Fortschritte, allerdings stößt es immer öfter auch an Grenzen, etwa in der Schmerzmedizin und bei chronischen Erkrankungen. Längst ist klar, dass der Körper eng mit der Psyche zusammen hängt und dass nicht nur Stress als negativer Faktor eine Rolle spielt, sondern es auch positive Faktoren wie Resilienz und Ressourcen auch bei Krankheiten gibt und einen fließenden Übergang psychischer, psychosomatischer und somatischer Erkrankungen, dazu Faktoren wie Placebo- und Noceboeffekt.

Vertrauen und Beziehungen

Maria Alm, Tannen Wolken, Berge

Manchmal ist schon die Umgebung heilend. © Sergei Gussev under cc

Wunderheilungen und psychogener Tod sind die extremen Enden, aber viel entscheidender ist sind Vertrauen und Beziehungen in der normalen alltäglichen Begegnung mit dem Medizinsystem. Die medizinische Ausdifferenzierung sorgt zwar für neue Medikamente und effektive Spezialistenteams, aber die smarten Spezialisten sind, auch wenn sie nett sind, oft gar nicht in der Lage, zum Patienten eine Beziehung aufzubauen. Der Mensch ist eben auch hier beides, man darf seine Natur nicht vergessen, doch ist er auch und zuerst ein Beziehungswesen.

Hat man das Gesamtpaket im Blick, wird auch die Rolle der Medizin eine andere. Die sprechende Medizin rückt mehr in den Fokus, eine Medizin in der weniger die isolierte Krankheit und Dienstleistung im Vordergrund steht, sondern die Einbeziehung des Patienten. Der Patient kann mit falschen Vorstellungen medizinischer Art kommen, gerade wenn man sich in den Medizinseiten im Internet vergraben hat und hier kann der Arzt als wirklicher Fachmann helfen, zuweilen hat der Patient aber auch anderen Vorstellungen davon, was er überhaupt wieder erreichen will, manchmal ist Krankheit ein willkommener Weg um bestimmten Aspekten des Lebens auszuweichen.

Aber auch echte Ermutigung ist mehr als warme Worte, ebenso können negative Botschaften vernichtend sein. Baut man den Placeboeffekt bewusst in die Therapie ein, hält man die Motivation des Patienten hoch und vermeidet man Noceboeffekte ist viel gewonnen, den Patienten mit einzubinden und ihn schließlich zu einer Verhaltensumstellung zu bewegen ist oft mehr als die halbe Miete.

An dieser Stelle kommt aber auch der Bereich ins Spiel an dem die Patienten sich umstellen müssen. Die innere Reihenfolge von Hausmittelchen, über frei verkäufliche Medikamente, verschriebene Medikamente und dann immer spezialisiertere und härtere Eingriffe oder Medikamente folgt der Idee, dass man als Patient mehr oder weniger passiv bleibt und Medizin über sich ergehen lässt, andere Ansätze fordern dazu auch, dass eigene Schicksal in die Hand nehmen.

Leisten Sie sich etwas, zum Beispiel ein gutes Immunsystem

Es ist immer wieder erstaunlich was unser Immunsystem zu leisten vermag. Gesundheit und tiefe Beziehungen sind Hauptkomponenten des Glücks und andererseits sind glückliche Menschen gesünder. Wenn man zu viel Gewicht auf die Gesundheit legt, kann das auch schaden, eine einfache Frage ist, wozu man die Gesundheit denn nutzen möchte. Wenn die Gesundheit selbst das höchste Ziel ist, sollte man noch mal darüber nachdenken.

Es ist gut, wenn man sich selbst kennen lernt, um einschätzen zu können, was einen entspannt und was über die Maßen stresst. Das ist auch das Problem vieler Vorsorgeuntersuchungen, sie liefern manches mal falsch positive Werte. Das bedeutet, man ist mit dem Verdacht auf eine schwere Erkrankung konfrontiert, der dann weitere Untersuchungen folgen, vor allem aber Wochen der Ungewissheit, was massiven Stress bedeuten kann. Schön, wenn dann irgendwann die Erleichterung da ist, aber das hätte man sich in vielen Fällen sparen können. Aber es kommt drauf an, was man für ein Typ ist, die eine will Gewissheit und fühlt sich dann sicher, der andere hat eine gewisse Schicksalsgläubigkeit und ist der Auffassung, wenn es mich erwischen soll, erwischt es mich oder eben nicht.

Nur muss es eben zu einem passen. Entspannt durchs Leben zu gehen und nicht bei allem drauf zu achten, ob es gesund ist, sondern etwas auch reuelos etwas zu genießen, weil es lecker ist, ist unterm Strich gesünder, als wenn man ständig in Sorge ist.

Lassen Sie sich enttäuschen

Sich selber kennen zu lernen, heißt ein kompetenterer Partner des Arztes zu werden. Man muss sich nicht mit Medizin auskennen, das kann der Arzt selbst, aber sich selbst sollte man kennen und dann ruhig sagen, was man will. Dazu gehört auch, sich über die eigenen Urteile klar zu werden. Es hat mich früher schon, immer wieder fasziniert und gewundert, wie selbstverständlich Patienten sagen, ihr Doktor wäre ein guter Arzt. Woran sie das eigentlich festmachen wollen, habe ich mich immer gefragt, zumal die Aussagen sogar dann kamen, wenn der Arzt gar nicht helfen konnte und die Beschwerden blieben.

Irgendwann schien es mir dann eher so, dass man die Überzeugung braucht, dass der Arzt gut ist und es auch gut mit einem meint, eine der verbleibenden Verlässlichkeiten. in einer Zeit, die immer ruppiger wird, in der man immer mehr den Glauben an diverse Institutionen verliert, gleich ob Kirche, Politik oder andere Autoritäten. Das Verhältnis zum Arzt ist in mehrfacher Hinsicht ein sensibles Verhältnis, weil man eben krank ist und sich dabei mehr oder weniger schwach, ausgeliefert und bedroht fühlt. Da will man nicht auch noch hier zweifeln, die leicht idealisierte Welt ist oft die bessere und ein Vertrauensvorschuss durchaus gut. Wenn der dann aber enttäuscht wird, kann man durchaus nachfragen und sollte es auch tun. Viele Ärzte kooperieren gerne und sind für Vorschläge offen, gerade die der neueren Generationen sind da halbwegs unverkrampft.

Man sollte offen sein zu seinem Arzt, aber auch in der Hinsicht auf Zweifel, kann man die Beziehung anders gewichten, das muss kein Nachteil sein. Wenn man selbst lieber auf Augenhöhe redet, sollte man seinem Arzt das zumuten, wenn man eher den autoritären Arzt braucht, etwa, weil man sich bei jemandem, der einem das Gefühl gibt, zu wissen, was er tut, sicherer fühlt, sollte man dorthin gehen. Wenn es in dieser Hinsicht nicht passt, wird sich langfristig kein Vertrauensverhältnis einstellen, das wäre aber wichtig.

Von dem Recht auf Grundversorgung …

Es ist eine eigene und ideologische Diskussion, ob man meint, die Kapitalismus sei die Quelle allen Übels oder eine gute Erfindung. Meine Einstellung ist die, dass ich die Kapitalismuskritik zwar für bedenkenswert, aber oft überzogen halte und wie öfter ausgeführt halte ich zu weitreichende Projektionen auf die Umwelt schon insofern für problematisch, weil sie einen in eine passive und immer schon ausgelieferte Rolle bringen.

Das heißt nicht, dass man sich weigern sollte Hilfe anzunehmen und leugnet nicht, dass es eine der vorrangigen Errungenschaften der Menschheit ist, sich gegenseitig zu helfen. Gerade deshalb sollte man das medizinische, rehabilitierende und pflegerische System frei von finanziellem Druck halten. Es kann einfach nicht sein, dass die Versorgung und Pflege hilfebedürftiger Menschen zu einer besonders lukrativen Geschäftsidee werden kann, bei der man hohe Renditen erzielt. Man muss sich nur mal klar machen, dass das auf die eine oder andere Art immer heißt, von dem was man einnimmt, möglichst wenig auszugeben, für Alte, Kranke, deren Versorgung, Umgebung und Personal. Eine Politik, die ohnehin einen massiven Vertrauensverlust erleidet kann hier Vertrauen zurück gewinnen.

Krankenhäuser müssen keinen Gewinn machen, sondern Menschen gesund. Alten- und Pflegeheime müssen ebenfalls keinen Gewinn machen, sondern alte und kranke Menschen versorgen, wenn man rechtlich keinen Fuß in die Tür bekommt, sollte man wenigstens öffentlich deutlich darauf hinweisen, dass es sich gegebenenfalls um ein Unternehmen handelt, das primär Geld verdienen will, im Notfall über ein Labeling.

Die Versorgung von Menschen in Not muss eine Gesellschaft sich leisten wollen, wenn sie den Anspruch hat eine lebenswerte Gesellschaft zu sein. Den Menschen in allen Lebenslagen zu instrumentalisieren ist eine Fortsetzung des Ego- und Aggrotripps, den so viele heute nicht mögen. Man kann alternative Modelle fördern, wie Wohngemeinschaften von Alt und Jung, pflegebedürftigen und normalgesunden Menschen, wovon in vielen Fällen sogar beide Seiten profitieren können.

Man kann eine Gesellschaft umbauen, was zum Schlechten ging, kann auch zum Guten funktionieren. In kleinen und überschaubaren Schritten kann das meiner Meinung nach sogar manchmal besser funktionieren, als mit dem großen generellen Systembashing, der undifferenzierten Klage darüber, dass irgendwie alles schlecht ist und der gläubigen Meinung, dass man mit dem einen Schachzug alles ändern kann. Eine Gesellschaft, die neben der Gesundheit auch den Umgang miteinander wertschätzt und Menschen die Möglichkeit gibt, ausreichend Zeit für den anderen aufzubringen, muss ihre Alten- und Krankenpflegerinnen besser bezahlen. Die Pflegekräfte selbst wollen zwar primär mehr Kolleginnen, aber die bekommt man nur mit mehr Geld.

… bis zum perfekten Umfeld

Aktuell verändert sich die Ärzte- und Krankenhauslandschaft, weil es Regionen mit Überversorgung und solche mit Unterversorgung gibt. Der Trend geht zu spezialisierten Zentren, die sich primär mit bestimmten Erkrankungen beschäftigen, was insofern nicht schlecht ist, als es Spezialisten, die eine Gebiet richtig gut beherrschen und in der Medizin ist die Zahl der durchgeführten Behandlungen ein wesentliches Qualitätsmerkmal, es ist ein Unterschied, ob man etwas 1000 mal im Jahr macht oder zwei mal.

Der Nachteil ist, dass es auch in peripheren Bereichen gute Ärzte und Kliniken für die Erstversorgung geben muss, da gerade bei Unfällen, kardiovaskulären und neurologischen Erkrankungen (Herzinfarkten, Kammerflimmern, Schlaganfällen) um Minuten geht und da ist es schlecht wenn es ein richtig gutes Zentrum gibt, das leider 400 Kilometer entfernt ist.

Die Idee von Zentren muss jedoch nicht nur auf Krankheitstypen beschränkt bleiben, sondern kann auch auf Patiententypen ausgedehnt werden. Ob nun die de luxe Stationen für die etwas besser Betuchten die Lösung darstellen und die Verfahren nach vorne bringen, von denen dann am Ende alle profitieren, daran darf man zweifeln. Der Effekt hat sich auch anderen Stellen nicht eingestellt und die Spaltung eher vergrößert.

Was, wenn man mit spezialisierteren Krankenhäusern experimentiert, die den Typen entsprechen? Die naturnahe Klinik im Grünen, mit Kneipp-Becken und Vollwerternährung für die einen, die High Tech Klinik mit modernsten Geräten und Therapieformen, für die anderen. Eine Klinik in der es darum geht, sich mit der Einordnung der Krankheit in einen größeren Kontext zu beschäftigen, aber auch eine Standard Klinik, für Menschen, die keinen Schnickschnack mögen.

Wenn man nicht vergisst die Basics der anderen Bereiche beizubehalten, kann es auch hier zur Routine werden, dass man sich für die Patienten Zeit nimmt, die Ergebnisse der Psychologie mit einbaut, eine gesundendes Klima schafft und ihnen als Mensch begegnet, nicht als Kunde. Das sollte eine Gesellschaft sich leisten, ein krankes Gesundheitssystem nicht. Wir haben jetzt die Möglichkeit es mit zu gestalten, in dem wir uns klar werden, wie wir jetzt und in Zukunft leben wollen.