Lebensmittel-Ampel auf Smartphone

Das Labeln von Lebensmitteln ist online und in anderen Ländern bereits möglich, das sollte bald auf jeder Verpackung stehen. barcoo under cc

Labeln könnte eine Möglichkeit sein, der öffentlichen Willensbildung der Bürger noch stärker als bisher Ausdruck zu verleihen. Label, Siegel und Plaketten gibt es bereits in Hülle und Fülle, manchmal bieten sie eine gute, erste Orientierung für Verbraucher an, die bewusster als bisher konsumieren wollen, aber nicht die Zeit haben, sich in die Untiefen aller möglichen Aspekte einzuarbeiten und ein Produkt auf ökologische Reinheit, nachhaltige Produktion, regionale Herkunft, faire Produktionsbedingungen aber auch technische Zuverlässigkeit und Sicherheit, Kindertauglichkeit und so weiter, selbst zu prüfen.

Nicht nur beim Essen wollen die Menschen im Grunde gerne wissen, was drin ist, zumindest einige. Genau so ein Interesse hat die Industrie das oft zu verschleiern oder zu kaschieren, so dass der schädliche Zucker, bei Produkten nicht mehr an erster Stelle aufgeführt ist, auch wenn nach wie vor, davon am meisten enthalten ist, sondern als Fruktose, Glukose, Malzsirup, Apfeldicksaft oder was auch immer zerstückelt aufgeführt wird, so dass man gerade nicht auf den ersten Blick sieht, dass etwas überwiegend aus Zucker und ansonsten ungesundem gehärteten Fett besteht, das alles ist geschickt versteckt, zerstückelt und möglichst klein gedruckt.

Jeder weiß, ein Ampelsystem wäre wesentlich einfacher, wer kritisiert, dies sei zu einfach, hat die Möglichkeit nähere Informationen zur Verfügung zu stellen, oft wissen die Vertreiber von ungesundem Kram oder von Produktionsbedingungen die tendenziell ausbeuterisch sind, sehr genau was sie tun, weswegen viel Geld in das sogenannte Greenwashing gesteckt wird, was den Produkten einen netteren, gesünderen, faireren Anstrich gibt, als sie es in Wirklichkeit sind. Immerhin sieht man daran, dass man versucht Ampeln und andere einfache Label aktiv zu verhindern, dass sie etwas bringen.

Die Politik umgehen!?

Damit die Augenwischerei nicht überhand nimmt, sollte die Politik über den Verbraucherschutz wachen, die Meinung vieler Bürger ist jedoch, dass sie dieser Aufgabe oft unzureichend nachkommt oder sogar mehr Interesse daran hat, dafür zu sorgen, dass die diversen Industriezweige, wozu auch die Landwirtschaft zum großen Teil zu rechnen ist, reibungslos funktionieren können, als die Verbraucher zu schützen. Dass die Politik den diversen Lobbyisten mitunter aus der Hand frisst, ist leider oft mehr als ein Gerücht, dass dies in Zeiten der Politikverdrossenheit und dramatisch veränderten Umwälzungen noch immer kaum ernst genommen wird, ist ein Eindruck, der sich leider noch immer aufdrängt. Über Augenwischerei, Imagepflege und ein wenig so tun, als ob, kommt man selten hinaus.

Das Argument, dass jeder Bürger von wirtschaftlichem Wachstum oder wirtschaftlicher Stabilität im Kielwasser profitiert, ist seit den Versprechungen der späten 1990er und frühen 2000er Jahre als widerlegt anzusehen. Zeit mit der Wirtschaft direkt in einen Dialog zu kommen? Man kann Labeling als Instrument einer direkteren Demokratie sehen oder auch als Mittel um die Politik dort zu übergehen oder zu unterstützen, wo sie ihrer Arbeit – warum auch immer – unzureichend nachkommt.

Wir kennen ja bereits ein Haufen Label, Öko-Siegel, Umweltengel, MSC für Fisch, VDE für Elektrogeräte, TÜV, Stiftung Warentest, Ökotest, Fair Trade und so weiter und wenn man ehrlich ist, blickt man oft vor lauter Siegeln und Fake-Siegeln, wie „kontrollierter Anbau“, das im Grunde überhaupt nichts bedeutet, durch den Dschungel kaum noch durch. Dazu kommt noch, dass man oft nicht weiß, was man nun unterstützen soll. Fair muss nicht öko sein, nachhaltig nicht sicher, technisch sicher nicht gut für die Umwelt und so weiter und selten kann man es allen recht machen, falls man überhaupt Zeit und Geld dafür hat.

Immerhin, auf Organisationen, die weitgehend unabhängig sind und transparent arbeiten, wird heute ein Stück weit gehört, das heißt sie haben die Macht, auf den Markt einzuwirken. Oft hört man das, was man in dem Zusammenhang fast gesetzmäßig hört, das alles brächte doch nichts, der Markt sei zu stark, seine Möglichkeiten zu mächtig. Doch wenn man den Kapitalismus versteht, sieht man auch, dass und warum man Einfluss hat.

Den Kapitalismus verstehen

Jeder versteht etwas anderes unter dem Kapitalismus, für die einen der Satan schlechthin, für andere ein gut funktionierendes System, dass uns von der Geißel des realen Kommunismus und einer Planwirtschaft befreit hat. Ob nun ein System von Angebot und Nachfrage kritisch ist, darüber kann man streiten, vor allem aber wird der Zwang zum Wachstum heute als problematisch betrachtet, bis hinein ins Lager der Kapitalismus Befürworter. Dieser Zwang sorgt dafür, dass schon ein geringeres Wachstum oder die Aussicht darauf, negativ bewertet wird, eine Stagnation ist schon eine halbe Katastrophe, Schrumpfung – dort oft Minus-Wachstum genannt – ist dann die Vollversion der Katastrophe. Alles muss immer effizienter werden und das heißt, immer weniger Mitarbeiter machen idealerweise immer mehr Arbeit, in immer kürzerer Zeit, um Kosten zu minimieren. Dabei bleibt der Service dann auf der Strecke, die Mehrarbeit an uns hängen, eine Dreistigkeit, die als Freiheit schönzureden versucht wird.

Das Labeln würde vermutlich nicht dazu führen, dass ein Produkt oder Konzern 80% Einbußen hat, aber darum geht es auch nicht, schon eine Wachstumsdelle täte weh, ein Gewinn nur im unteren einstelligen Bereich ist eine herbe Niederlage. Das Labeln kann schmerzhafte Nadelstiche setzen und genau das braucht man, um ersten genommen und gehört zu werden. Dass dies mehr als eine Behauptung ist, sieht man an den aktiven Bemühungen, leicht verständliche Systeme, wie die Ampel für Verbraucher zu diskreditieren. Meistens versucht man das dadurch, dass man behauptet, die Einführung habe nichts gebracht. Werden solche Behauptungen oft genug wiederholt, werden sie von einigen Menschen irgendwann für wahr gehalten.

Das Ampelsystem für Verbraucher

So gut wie jeder, der auf der Welt in einer Stadt wohnt, kennt und versteht, was eine Ampel ist. Rot für Verbraucher bedeutet: schlecht, mies, Finger weg oder nur in begründeten Ausnahmefällen geeignet. Gelb: Kann man, muss man nicht, sollte man nicht zu oft. Grün: Alles okay, kann und soll man machen, je öfter, desto besser. Man kann einwenden, die Ampel sei zu undifferenziert, aber für einzelne Bereiche wie etwa Kalorien oder Zucker ist gut zu sehen, woran man ist. Die Stärke der Ampel ist nämlich, dass die einfach, schnell und übersichtlich ist. Für Menschen, die die gerne genauer hätten kann man weitere Details auflisten, aber so wie heute die Industrie darauf setzt, dass die meisten Leute nicht zu genau nachschauen, oft, weil sie das Aufgeführte nicht verstehen, so kann eine Institution, die ein unabhängiges Labeling betreibt, darauf setzten, die Menschen nicht zuerst zu desinformieren, sondern ihnen einfach und schnell, auf einen Blick, klar zu machen ob ein Produkt etwas taugt oder nicht. Man könnte die Ampel von drei auf fünf oder sechs Bereiche erweitern etwa in dem man Orange und Gelb-Grün noch mit dazu nimmt, zu ausführlich soll sie gerade nicht werden, denn ihre Stärke ist der erste, einfache Blick, mit dem man etwas erfassen kann, was jeder versteht.

Statt dessen könnte man ein weiteres Siegel erstellen, in dem neben dem Blick etwa auf Gesundheit auch eine für Produktionsbedingungen vergeben wird, mit Rot für Ausbeutung bis Grün für faire, gesunde Bedingungen, ohne Kinderarbeit. Es wäre vermutlich sogar gut, wenn ein System des Labelings mehrere Bereiche umfasst, da viele Verbraucher, verunsichert sind oder ganz einfach auch gute Produkte unterstützen wollen, oft nicht wissen, woran sie das schnell erkennen können. Oft sind im Bio-Bereich die Produkte ziemlich gut, die Arbeitsbedingungen eher weniger.

Ich denke es sollten nicht mehr als fünf oder sechs Ampeln werden, die auf einem Produkt sind, die jene Aspekte umfassen, die die Verbrauchen wissen wollen und sollten. Eine für Gesundheit, eine für Sicherheit, eine für ökologische Nachhaltigkeit, eine für faire Arbeitsbedingungen, eine für Klimarelevanz plus weitere oder andere, je nach dem, was sinnvoll erscheint und diese fünf oder sechs Ampeln könnten noch einmal zu einer größeren Ampel, die das Gesamturteil bildet, gebündelt sein, so dass man wirklich auf einen Blick sehen kann, wie das Gesamturteil ausfällt. Für Lebensversicherungen müssten das andere Ampeln sein, als für Olivenöl oder Gartengeräte, aber das Prinzip wäre identisch. Bei Finanzprodukten kann man angeben, ob sie nachvollziehbar und realistisch sind, aber auch, ob man damit Rüstungskonzerne unterstützt, auch Onlineprodukte, Suchmaschinen oder Social Media Angebote kann man labeln.

Es muss attraktiv werden so ein Label zu erhalten

Man könnte einwenden, dass so ein Labeln unfair sei, weil es für Anbieter vielleicht schwierig ist alle Standards hoch zu halten. Aber die Alternative, dass der Mehrheit der Verbraucher oft intransparenter Schrott angedreht wird, ist nicht weniger unfair und die stille Einstellung, dass die Menschen sich schon fügen werden, ist eine Zumutung. Warum nicht denen, die etwas verkaufen wollen zumuten, sich anzustrengen und sich eben auch auf andere Gebieten etwas zu optimieren, das wird ja von den Bürgern auch gefordert, die Ampel soll gerade kein weiteres System werden in dem Politik und Wirtschaft sich die Bälle zuspielen, denn das tun sie ja bereits.

Wenn man nach einem fairen, offenen (Verbesserungen zulassenden) und transparenten Verfahren vorgeht, ist jeder frei ein persönliches Ranking zu erstellen und zu veröffentlichen. Das muss ansprechend und gut gemacht, einfach und schnell erreichbar sein, das würde Druck ausüben. Labeln könnte man alles, was die Bürger an den Produkten interessiert, sie sollten frei sein das selbst vorzuschlagen, durch Abstimmungen, Bürgervertreter oder wie auch immer. Die Bürger könnten auch aktiv mitarbeiten, indem sie der Organisation Informationen mit Angaben der Quelle zusenden.

Wenn es für Unternehmen attraktiv ist, in genau diesem Label-System zu erscheinen, statt Willkürlabels zu erfinden und sich anzustrengen, um bessere Leistungen zu erbringen, statt schlechte Qualität geschickter zu vermarkten, ist das Ziel erreicht, man hat Mittel, um zu kommunizieren und dadurch Druck auf Konzerne auszuüben, ähnlich wie es heute in der Wirtschaft Rating Agenturen machen. In bescheidenerem Umfang, aber wo Wachstum das oberste Prinzip ist, tun auch geringe Einbußen weh. Eine Einordnung gängiger Label findet sich beispielsweise bei Label online, auch wenn die Seite noch besser werden könnte.

Unterwanderung verhindern

Es hieße naiv zu sein, wenn man nicht glauben würde, dass Industrie und Wirtschaft, sobald potente Regulatoren auftreten, nicht auch hier versuchen würden, was sie immer versuchen, durch eine Mixtur aus Werbung, Verniedlichung durch ‘seriöse’ Experten (die dann sagen, das sei alles ganz nett, aber sinnlos) und Unterwanderung, sei es durch geschönte Informationen oder Leute, die man in solchen Organisationen zu platzieren versucht, Einfluss zu nehmen.

Das gehört wohl inzwischen zum Spiel und man kann es sportlich nehmen, muss sich aber natürlich Gegenmittel, wie vielleicht Rotationssysteme, neue Kommunikationsformen oder ähnliches ausdenken, die nicht zu paranoid werden. Der Grundcharakter sollte ein wohlmeinender sein, eine Einladung, die Welt ein wenig besser zu machen, man sollte nicht so naiv sein, zu denken, dass das nicht versucht wird zu instrumentalisieren, aber kreative Menschen, die sich so eine Umsetzung vorstellen können, werden da gewiss Lösungen finden und der Begriffe Skizze in der Überschrift ist bewusst gewählt. Die Politik kann auf diese Weise etwas entlastet werden und man kann ohne Umwege mit der Wirtschaft ins Gespräch kommen. Menschen, die das vielleicht attraktiv finden, sollten Zähne haben, aber gutwillig sein, das geht durchaus zusammen. Vereinfachen, vereinheitlichen, den Dschungel lichten, die Zahl der Siegel und Labels reduzieren und zusammenfassen, dabei transparent bleiben, Kommunikation verbessern und die vielfältigen Herausforderungen der nächsten Jahre mit einem Blick – so gut dies eben geht – mit aufnehmen und einfach und nachvollziehbar umsetzen.

Meines Erachtens reiht sich das ein, in die Reihe der Beiträge über neue Realitäten und das dort benötigte Systemdenken, sowie die Vorstellung der integralen Denkweise, die man auch leben kann, wenn man kein Vereinsmitglied dort ist, so wie dem Artikel über den Kampf der Eliten, auf den unsere Leserin Yvonne reagiert hat, der ich mit diesem Beitrag antworten möchte. Labeln könnte ein durchaus kraftvoller und konkreter Schritt sein.