altes Krankenzimmer, schwarzweiß

Ein Sinnbild für die Situation in der Pflege? © zeitfaenger.at under cc

Dass es Probleme in der Pflege gibt, hört sich zunächst nach einer bedauerlichen Entwicklung für einen bestimmten Berufsstand an, aber warum sollte uns das in der Breite interessieren? Die Antwort ist einfach: Das Thema betrifft uns so gut wie alle. Zum einen, weil Pflege in viele Richtungen aufgespalten ist. Es gibt neben der Alten- und Krankenpflege in speziellen Altenheimen und Krankenhäusern, auch noch die häusliche Pflege, sowie spezialisierte Bereiche wie die Pflege beatmeter Menschen, Intensivpflege, Kinderpflege, Akutmedizin (Notaufnahme), Pflege im Kontext Operation, Anästhesie, Geriatrie, Palliativmedizin sowie bei Schwangerschaft und Geburten und manches mehr. Mit anderen Worten: Jeder von uns kann zu jeder Zeit in die Situation kommen auf Pflege angewiesen zu sein, nicht erst im fortgeschrittenen Alter. Doch es gibt noch einen anderen, tieferen Grund.

Demographie und ihre vielen Aspekte

Wir haben das Thema Demographie schon mehrmals erörtert, es hat im wesentlichen zwei Arme, einmal das Problem eines starken Geburtenüberschusses in einer sozialen Gemeinschaft, die ab einem gewissen Prozentsatz und Lebensalter als Youth Bulge bezeichnet wird und zu eigenen Problemen führt, die uns hier nicht zu interessieren brauchen. Für unser Thema ist der andere Arm interessant, der in einer sarkastischen Formulierung Gunnar Heinsohns Schrumpfvergreisung genannnt wird und diese Probleme hängen zentral mit unserem Thema zusammen.

Schrumpfvergreisung bedeutet ausformuliert, dass es immer mehr alte Menschen gibt, die dankenswerterweise immer älter werden, dabei auch immer fitter bleiben, aber dennoch ist und bleibt es statistisch so, dass Krankheit und Pflegebedürftigkeit ein Phänomen der älteren Menschen darstellt. Und da die Gesellschaft statistisch immer älter wird, gibt es auch immer mehr pflegebedürftige Menschen. Das ist aber nicht der einzige Effekt, denn gleichzeitig ist die Zahl der Geburten bei uns konstant niedrig. Ob nun 1,3 oder 1,6 Kinder pro Frau geboren werden, ist im Kern unerheblich, weil in jedem Fall zu wenig. 2,1 Kinder pro Frau braucht eine Bevölkerung um demographsich stabil zu bleiben. Da diese Zahlen wenigen etwas sagen, sind andere aussagekräftiger: 1818 kamen in Deutschland auf 1000 Einwohner 45 neugeborene Kinder, 1900 waren es 36, 1939 dann 19 und 2009 gerade noch 8.[1] Das hat zum einen Auswirkungen auf die Renten, denn wenn immer weniger junge Menschen, die Renten für immer mehr und immer langlebigere alte Menschen stemmen müssen, dann ist das schwer zu schaffen. Aber das ist ein eigenes Thema.

Für die Situation in der Pflege hat es jedoch auch Auswirkungen, denn praktisch bedeutet es, dass die alleinerziehende Mutter, die arbeiten geht, am Feierabend ihre Eltern pflegt. Doch auch wenn eine Familie vorhanden ist, bleibt die Pflege häufig bei den Frauen hängen und es kommt in vielen Familien vor, dass die Großeltern oder Eltern gepflegt werden müssen, sehr häufig mit gravierenden Auswirkungen auf die eigene Freizeit, Gesundheit, sozialen Beziehungen und Finanzen.

Da ist es gut, dass es Profis gibt, die bei der Pflege helfen, aber der demographische Wandel hat eben auch zur Folge, dass bei den immer selteneren Kindern, immer weniger in die Pflege gehen und da sich die sehr angespannte Situation in der Pflege nun auch immer stärker medial herumspricht, haben noch weniger den Wunsch, diesen Beruf zu ergreifen.

Ein schöner Beruf!?

Dabei ist es ein vielfältiger und schöner Beruf, es könnte zumindest einer sein. Verantwortung, soziale Kompetenz, kommunikative Fähigkeiten, Empathie, Spaß an der Arbeit mit Menschen, Bereitschaft dazuzulernen, manuelle Geschicklichkeit, Teamfähigkeit, sowie psychische und körperliche Belastbarkeit sind die Voraussetzungen für diesen Beruf. Das ist so abwechslungsreich wie es sich anhört, wäre da nicht der mitunter miserable Personalschlüssel. Das bedeutet, dass die Arbeit, die früher sechs oder acht Schwestern und Pfleger machten, heute von der Hälfte des Personals erledigt wird, Tendenz sinkend, solange es irgendwie noch gut geht. Dass es irgendwie immer noch gut geht, hängt zu einem nicht unbeträchtlichen Maße mit der Bereitschaft der Pflegekräfte zusammen, an die Grenzen der Belastung und öfter auch mal darüber hinaus zu gehen.

Da liegt die Lösung auf der Hand, man muss einfach nur mehr Personal einstellen. So weit, so gut, so richtig und so naiv. Denn natürlich ist das auch vorher schon jedem klar gewesen und so ist der Abbau der Personals kein dummer Zufall, sonder er hat System. Personal ist teuer, dort zu sparen heißt am effektivsten zu sparen und darum tat man genau das all die Jahre lang, sehenden Auges, auch deshalb, weil viele Krankenhäuser, Altenheime und private Pflegeunternehmen finanziell aus dem letzten Loch pfeifen und einem Verdrängungswettbewerb unterliegen. So werden immer mehr kleine Krankenhäuser zugunsten großer Klinikzentren geschlossen, in jeder Runde erwischt es wieder welche und man hofft, so lange wie möglich nicht dazuzugehhören. Dafür müssen die Zahlen stimmen.

Nun muss man fair sein und feststellen, dass das Berufsbild in der Pflege sich dramatisch geändert hat. Ich hatte die Gelegenheit mich mit Krankenschwestern und -pflegern zu unterhalten, die vor Jahren oder Jahrzehnten in der Pflege arbeiteten. Zu den Tätigkeiten in früheren Zeiten gehörte noch, zusätzlich zur Pflege, Essen kochen, Brote schmieren, Knöpfe annähen und Löcher in der Krankenhauswäsche stopfen. Geelgentlich ging man für die Patienten einkaufen. Diese Tätigkeiten sind heute vollständig in eigene Bereiche ausgelagert, statt dessen übernehmen Schwestern und Pfleger immer mehr ärztliche Tätigkeiten, wie Blut abnehmen, vor allem aber kommt es zu einer sehr umfangreichen Dokumentation all dessen, was man gemacht hat. Nun kann man denken: “Na ja gut, arbeiten müssen wir alle, was ist da so besonders, wenn sich das Berufsbild ändert, man ein paar Zeilen schreibt oder sich zwischendurch mal die Hände desinfiziert?” Doch gerade am vergleichsweise Normalen und Alltäglichen kann man verstehen, warum so viele den Beruf wieder verlassen, obwohl sie hoch motiviert waren, als sie damit anfingen.

Dokumentation

Die Dokumentation hat mehrere Funktionen. Zum einen will man den Verlauf der Krankheit oder Heilung eines Patienten vor Augen haben. Zudem kann man nur abrechnen, was auch dokumentiert ist, insofern besteht ein hohes Interesse daran, dass auch tatsächlich dokumentiert wird und der nächste Aspekt ist, dass man sich durch eine im Idealfall lückenlose Dokumentation auf eventuelle Nachfragen, bis hin zu juristischen Streitfällen vorbereitet.

Darum dokumentiert man alles: Blutdruck, Puls und Temperatur, Schmerzen, allgemeines Befinden, ob der Patient abgeführt hat, Blutzucker, welche Medikamente er wann erhalten hat, als Tablette, Brause, per Infusion, Spritze unter die Haut oder wie auch immer sonst. Allein sechs DIN A 4 Seiten umfasst eine Liste zum abhaken, der häufigsten Routineleistungen. Gewohnheitsmäßig wird jeder Patient pflegerisch aufgenommen, dabei wird er zu den wichtigste pflegerelevanten Dingen befragt, wie gut er sich bewegen kann und wie selbstständig er im Normalfall ist. Nach Schlaf-, Ess- und Trinkgewohnheiten wird gefragt, ob Vorerkrankungen oder Allergien bekannt sind, welche Hilfsmittel er braucht und so weiter.

Dann werden BMI, Sturzrisiko erfasst und dokumentiert, bei einigen Patienten wird ein Lagerungsprotokoll angelegt, wenn sie sich selbst nicht bewegen können, um zu dokumentieren, dass man etwas gegen das potentielle und gefürchtete Wundliegen unternímmt. Es können Ess- und Trinkprotokolle angelegt werden, bei denen dann alles dokumentiert wird, was der Patient isst und ausscheidet, in Sonderfällen (etwa nach einem Sturz) kann es vorkommen, dass die Vitalwerte des Patienten mehrfach, manchmal stündlich überprüft werden. Gibt es besondere Vorkommnisse, erstellt man zum Beispiel ein Sturzprotokoll und man schreibt über das, was am Patienten auffällt, einen kurzen Freitext. Laboruntersuchungen werden vorbereitet, die aktuellen Anweisungen des Arztes ausgearbeitet, in die Patientenkurve übertragen und das ist längst nicht alles und keinesfalls eine Sondersituation. All das ist die Arbeit, die pro Patient anfällt.