Eine Philosophie der Vorsicht

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Nützlicher Helfer in vielen Lebenslagen oder Spion am eigenen Arm? Vermutlich beides. © Dominic Smith under cc

Hans Jonas hat vor 40 Jahren “Das Prinzip Verantwortung” geschrieben und darin die ethische Maxime formuliert: “Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.” Einfacher gesagt, man soll aus unserer Zukunft kein Pokerspiel machen und wenn man unsicher ist, lieber erst mal die Finger davon lassen. Bezogen auf Techniken, die das ganze menschliche Leben auslöschen können.

Nicht nur an Klimawandel, Massenvernichtungswaffen, Atommüll und Gift ist dabei zu denken, sondern auch an Veränderungen, die auf den ersten Blick ein Vorteil zu sein scheinen. Dies führt in ethische Dilemmata. Einerseits ist es wünschenswert und geboten, das Leben jedes menschlichen Individuums und vermutlich jedes fühlenden Wesens zu verbessern. Aber was macht ein besseres Leben aus? Über die Basics von ausreichend Nahrung, Trinkwasser, Schutz, sauberer Luft, sowie einer medizinischen Grundversorgung brauchen wir nicht zu reden, aber allein das Überleben zu sichern, ist zu wenig. Längst geht es auch um kulturelle Teilhabe und ein gewisses Maß, die eigenen Vorstellungen leben zu können und danach ist man relativ schnell in dem Bereich, in dem man den Menschen nicht mehr erklären muss, was sie wollen, denn, das wissen sie selbst, man muss sie nur fragen, was ihnen fehlt und was sie brauchen um glücklicher zu werden.

Philosophie und Psychologie in einem Boot

Psychologie ist keine rein empirische Wissenschaft, sondern betrachtet und nutzt auch die Reflexionen des Individuums und untersucht diese. Daraus ergeben sich Fragen, darunter jene, die das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft zu klären versuchen. Die Freiheit des Einzelnen ist ein sehr hohes Gut, zu der Idee dringt man immer wieder durch, aber wo ist sie rechtmäßig zu begrenzen?

Wir haben unseren Fortschritt und die damit verbundenen Freiheiten sehr genossen, es ging uns gut, in den letzten Jahrzehnten. Uns ist aber bewusst, dass wir es vermutlich nicht überleben werden, wenn die rapide wachsenden Weltbevölkerung, der es dankenswerterweise auch noch zunehmend besser geht unsren Lebensstil kopiert. Autofahren, Fliegen, Fleisch essen, Kreuzfahrten, Samrtphones und durch wachsenden Konsum und Statussymbole zeigen, was man hat und dass man es geschafft hat, das geht nicht gut, da kann man recht sicher sein.

Doch mit welchem Recht wollen wir anderen Völkern, die nun endlich dort an dem Punkt angekommen sind, den die Avantgarde bei uns gerade überwindet, erzählen, dass sie nun bitte auf alle das verzichten soll, was wir bis eben genossen haben? Dabei könnte es helfen, zu untersuchen, warum einige von uns die alte Lebensweise überwunden und satt haben. Heute vielleicht aus einer Mischung von Angst und Einsicht, aber wie kommt die Einsicht zustande?

Die schwierige Frage nach der Eigentlichkeit

Eigentlichkeit meint in aller Regel, dass es hinter den Bedürfnissen, die jemand äußert, noch weitere, andere, eigentliche Bedürfnisse gibt. Problematisch daran ist, dass man damit jemandem, der sagt, was er gerne hätte, abspricht zu wissen, was er möchte. “Eigentlich möchtest du was anderes”, lautet die einigermaßen dreiste Aussage. Nun macht man das nicht nur aus Bosheit oder Größenwahn, sondern aus der Erkenntnis vieler Disziplinen, darunter natürlich viele vor allem therapeutische Disziplinen der Psychologie, dass es tatsächlich Bereiche gibt, die im Menschen verdrängt sind, aber eben existieren und die man bewusst machen kann, Die man andererseits aber fast als letzter an sich bemerkt, weil es sozial nicht erwünscht ist, diese Bereiche offen zu leben und zu vielem was man will, muss man sich mit einiger Anstrengung durcharbeiten.

Stark ist dieser Ansatz in dem Moment, wo man dem anderen sagen kann, was hinter bestimmten Wünschen in aller Regel steht und am besten, wenn sich die heimlichen, wahren oder eigentlichen Wünschen auf mehreren anderen Ebenen geradezu aufdrängen, so dass die alternativen Deutungen auf den, der sie erhält insgesamt überzeugend wirken. Auf diesem Weg kann man erkennen, dass die Rede von der Eigentlichkeit, von den Wünschen, hinter den Wünschen Sinn macht. Da ein verdrängtes Thema, ein verborgener Antrieb nie grundlos verdrängt ist, werden treffende Deutungen selten mit Begeisterung aufgenommen.

Auf der anderen Seite kann man auch hier den Bogen überspannen, denn wenn jemand eine Deutung einfach nicht einsieht oder anerkennt, sei es, dass sie falsch ist oder der Mensch nicht so weit ist, dann verpufft sie mehr oder minder ungehört. Man kann den anderen aber nicht zwingen eine Deutung anzunehmen und so ist es auch einfach in einigen Fällen ein Übergriff dem anderen zu erklären, was er nun eigentlich will, zumal die avisierten Eigentlichkeiten durchaus verschieden sind: von Sex, Macht, Fortpflanzung, wirtschaftlicher, privater und politischer Freiheit und der Vereinigung mit Gott ist so ziemlich alles dabei.

Diktatur, Überredung oder Überzeugung?

Doch nicht nur der Einzelne hat Ziele, Bedürfnisse und Ansprüche, auch die Gemeinschaft, nämlich mindestens zu überleben, doch das sollte nach Möglichkeit kein Kampf sein, sondern eine Selbstverständlichkeit, so dass das erhalten bleibt, was wir aus unserem Alltag kennen, eine überragende Sicherheit. Dennoch steht dieses Gefühl gerade auf der Kippe, denn die Gruppe vieler älterer Menschen hat die Sorge, wer sich um sie kümmern wird, wenn es mal nicht mehr alleine geht, wie das zu finanzieren ist und ob man dort wo man landet, ein menschenwürdiges Leben hat, dass alles vollkommen zurecht.

Die Jugend sorgt sich um die Zukunft des Planeten und auch das nicht grundlos, wie immer mehr Menschen dämmert. Andere, so die aufstrebenden Schichten in den Teilen der Welt, denen es langsam besser geht, wollen endlich auch ein wenig ihr Dasein genießen und nicht gleich wieder verzichten. Wie bekommt man all diese Anliegen nun unter einen Hut?

Argumente überzeugen und interessieren nicht jeden, was also soll man tun? Überraschend bis erschreckend schnell liebäugeln viele mit einer Diktatur, oft genug aus den Kreisen, die ansonsten wüst kritisieren, wie ausgeliefert wir sind und wie sehr wir alle manipuliert werden. Wie aber sieht ein alternativer Weg aus?

Wenn man ungefähr weiß, wie das Gegenüber tickt, also ob jemand für Argumente empfänglich ist oder eher für Klischees, was seine Ziele sind, seine Werte und so weiter dann kann man darauf reagieren. Wer Argumente stets für Lügen hält, dem braucht man keine zu präsentieren, wer immer ganz weit vorne sein möchte, hat dies eben als Lebensansatz und auf darauf kann man eingehen. Einige folgen hingegen gerne dem, was die anderen machen und so weiter. Besser wäre es, ihnen zu präsentieren, was sie ohnehin wollen, worauf sie anspringen. Komischerweise kommt dies vielen zu dirigistisch vor, dabei besteht ja die Möglichkeit sofort umzuschalten. Wer moniert, etwas klinge zu sehr wie Werbung, kann ja mit Argumenten versorgt werden. Das heißt nicht, dass man den anderen zwingend überzeugt, aber man bringt ihn zum nachdenken, was oft schon ein Gewinn ist.

Für diejenigen, die immer weit vorne sein wollen, muss man jene Verhaltensweisen und Attribute zu Statussymbolen aufbauen, die diesen Menschen imponiert und der sozialen Gemeinschaft nutzt. Es muss etwas “kosten”, sich diese Symbole zu erarbeiten, aber gerade dadurch erfüllen sie den Sinn der Statussymbole, nämlich zu signalisieren, dass man “jemand ist, der es geschafft hat”. Bei weitem besser als Diktatur, auch in der milden Form, denn die keineswegs netten Alternativen sind: