Die Diagnose der Ich-Schwäche

Gekräuselte Fäden

Manchmal erlebt man ein inneres Chaos. © Mikael Hvidtfeldt Christensen under cc

Mein erster Artikel über Ich-Schwäche hat zu einigen Reaktionen geführt, die erstaunlich stark in ihrer Polarisierung sind. Da ich Diskussionen für gut und wichtig halte, will ich auf die aufgeworfenen Fragen eingehen, so gut dies mir möglich ist und hoffe, die teilweise irritierenden Begriffe der Psychologie etwas aufklären und einordnen zu können.

Die Ich-Schwäche ist ein relativ gebräuchlicher Begriff in der Psychologie und, wie im Artikel beschrieben, kein Symptom, auch keine eigene Krankheit. Die Ich-Schwäche ist ein synonymer Begriff für die schweren Persönlichkeitsstörungen oder Borderline-Persönlichkeits-Organisationsebene (BPO), auch die schon beschriebene Identitätsdiffusion. Genauer gesagt umfasst die allgemeine oder unspezifische Ich-Schwäche also zum einen mehrere Symptome als auch Pathologien.

Insofern ist der Hinweis von Xenia vollkommen richtig:

“Es gibt zudem keine Ich-Schwäche als Krankheitsbild. Im Beitrag sind einzelne Symptome verschiedener Krankheiten beschrieben, die Symptome passen teilweise zu einer Sozialen Phobie, zu AD(H)S, Borderline, HPS, PTBS, diese Krankheiten und andere Eigenschaften, die dem Autor nicht gefallen, wurden einfach in einen Topf geworfen, durchgerührt und “Ich-Schwäche” genannt.”

Es ist aber auch nicht behauptet worden, dass es sich bei der Ich-Schwäche um ein einheitliches Krankheitsbild handelt, sondern es ging mir ja gerade darum, die Vielfalt der Ich-Schwäche in ihrem Ausdruck darzustellen. Die Liste könnte und muss sogar noch erweitert werden, um die narzisstische Persönlichkeitsstörung, sowie die Störungen aus dem paranoiden Spektrum, also alle Formen, die als hohes und niedriges Niveau der Borderline-Persönlichkeitsorganisation bezeichnet werden.

Das ist insofern wichtig, weil dies die von mir beschriebene starke Form der Ich-Schwäche beinhaltet, die wir zum Teil bei der paranoiden, vor allem aber der narzisstischen Persönlichkeitsstörung finden. Es ist ja gerade ein Charakteristikum der Ich-Schwäche, dass diese durchaus nicht immer schwach erscheint, sondern mitunter äußerst dominant und selbstbewusst wirken kann, wenngleich das eben ein kompensatorischer Effekt ist, der auf einem falschen Größenselbst oder grandiosen Selbstbild beruht.

Es wird neuerdings wieder etwas kontrovers diskutiert, inwieweit das narzisstische Selbst wirklich im Kern schwach ist, oder nicht. Raphael M. Bonelli, der ein lesenswertes Buch mit dem Titel “Männlicher Narzissmus: Das Drama einer Liebe, die um sich selbst kreist” geschrieben hat, ist der Auffassung, Narzissten seien eher stark, wenngleich er den Narzissmus natürlich auch als schwere Pathologie ansieht, wohingegen Otto F. Kernberg, der aktuell vermutlich größte Experte auf dem Gebiet der schweren Persönlichkeitsstörungen, der Auffassung ist, dass Narzissten ihr reales Selbst hassen, aber in ihr idealisiertes Selbst verliebt sind und die Diskrepanz zwischen Selbstanspruch und Wirklichkeit zu der beschriebenen Problematik von Idealisierung und Entwertung führt, die selbstsicher erscheint, ohne es zu sein. Mit anderen Worten, ich neige hier zum Lager um Otto Kernberg.

Wenn man den Begriff der Ich-Schwäche im geschilderten Sinn versteht, dann ist auch klar, warum es sich hierbei um eine wichtige Grenze handelt. Einerseits ist Ich-Schwäche kein solitäres Symptom, noch eine eigene Krankheit, sehr wohl markiert die Ich-Schwäche als Identitätsdiffusion aber eine bedeutende diagnostische Grenze, die keinesfalls willkürlich ist. Sie ist einerseits gut beschrieben und zentraler Inhalt des strukturierten oder strukturellen Interviews, das im Kern (als obere Grenze, die untere gilt der Differentialdiagnose zu den atypischen Psychosen) die Fähigkeit oder Unfähigkeit beschreibt, ein differenziertes und kohärentes Bild von sich und für das eigene Leben wichtigen anderen Menschen geben zu können.

Für Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen oder Ich-Schwäche ist es nicht möglich, so ein kohärentes Bild dazustellen, das heißt, der momentane Affekt bestimmt die Beschreibung von sich und wichtigen anderen und das in so gravierender Weise, dass die Beschreibung eines Menschen innerhalb von wenigen Minuten dramatisch wechseln kann, je nach dem, welcher Affekt in der Kommunikation gerade dominierend ist. Spricht man sie darauf an, so ist ihnen der Widerspruch zwar kognitiv durchaus bewusst, aber er bedeutet ihnen emotional nichts. Das ist typisch für die Ich-Schwäche, da das Selbstbild und das wichtiger anderer eben instabil ist. In guten Zeiten ist alles kein Problem, in schlechten Zeiten ist alles eine Katastrophe, Abstufungen und Grauzonen findet man dann selten. Dieses Bild ist von der deskriptiven (beschreibenden) Seite her typisch für die Ich-Schwäche und zugleich markiert und definiert es damit die diagnostische Grenze nach oben, zu den neurotischen Störungen oder der normalen Persönlichkeit.

Was ist schon normal?

Und wer bestimmt das eigentlich? Auch das fragt Xenia, zu Recht. Eine Antwort habe ich in dem Artikel Normalität gegeben und bin dort auch auf die kritischen Seiten des Normalitätsbegriffs bis zur Normopathie eingegangen, meine Bitte wäre, dort kurz nachzulesen, der Artikel ist überschaubar lang (mit einem Klick auf den rot unterlegten Begriff sind Sie bei dem Artikel). Kurz zusammengefasst: Es gibt zwei Arten von Normalität: Erstens, Normalität als statistischer Durchschnitt dessen, was in der Gesellschaft in der man lebt gerade dominiert. Zweitens, Normalität als Ideal des psychisch gesunden Menschen.

Tatsächlich haben Psychologen versucht, das Ideal der Normalität zu erfassen und zu beschreiben, analog dem Ideal des gesunden Menschen in den Medizinbüchern. Das klingt dann so:

“In das von mir vorgeschlagene Modell der Klassifizierung der Persönlichkeitsstörungen sind auch die bedeutenden Beiträge anderer psychoanalytisch orientierter Forscher und Wissenschaftler eingeflossen, so die Ergebnisse von Salman Akhtar (1989, 1992), Rainer Krause (1988; Krause & Lutolf 1988 ), Michael Stone (1980, 1990, 1993a) und Vamık Volkan (1976, 1987). Die normale Persönlichkeit ist in erster Linie gekennzeichnet durch ein integriertes Selbstkonzept und ein integriertes Konzept von wichtigen Bezugspersonen. Sind diese beiden Strukturelemente der Persönlichkeit vorhanden, sprechen wir von “Ich-Identität” (Erikson 1956a, b; Jacobson 1964). Erkennbar werden sie an dem inneren Gefühl für Selbstkohärenz und dem damit verbundenen äußeren Ausdruck. Ein integriertes Selbstkonzept bildet die grundlegende Voraussetzung für ein normales Selbstwertgefühl, Freude am eigenen Selbst und am Leben. Das eigene Selbst in seiner Ganzheit zu sehen verleiht die Fähigkeit zur Verwirklichung eigener Wünsche, zur Entwicklung des eigenen Potentials sowie die Fähigkeit zum Eingehen von langfristigen Beziehungen. Ein integriertes Konzept von wichtigen Bezugspersonen verleiht die Fähigkeit zur richtigen Einschätzung anderer Menschen und zur Empathie sowie zur emotionalen Besetzung anderer Menschen; auch gehört dazu die Fähigkeit, eine reife Form der Abhängigkeit zu entwickeln und gleichzeitig das konsistente Gefühl für die eigene Autonomie zu bewahren.

Das zweite Strukturmerkmal der normalen Persönlichkeit ist die aus der Ich-Identität erwachsende Ich-Stärke, die sich in einem breiten Spektrum von Affektdispositionen zeigt, aber auch in der Fähigkeit zur Affekt- und Impulskontrolle. Die Fähigkeit zur Sublimierung der Triebe in Arbeit und Wertvorstellungen wird in hohem Maße gespeist von der Integration des Über-Ich. Beständigkeit, Ausdauer und Kreativität sowohl beim eigenen Tun als auch in Beziehungen entstammen gleichfalls der normalen Ich-Identität, während die Fähigkeit Vertrauen zu entwickeln und ein Gefühl für Reziprozität und Engagement auszubilden, auch sehr stark von Über-Ich Funktionen determiniert wird.

Ein dritter Aspekt der normalen Persönlichkeit zeigt sich in einem ausgebildeten und integrierten Über-Ich mit internalisiertem Wertesystem. Dieser Wertekodex muss stabil und auf das Individuum zugeschnitten sein und darf nicht zu stark von unbewussten kindlichen Verboten beeinflusst werden. Eine solche normale Über-Ich-Struktur zeigt sich in dem Gefühl für persönliche Verantwortung und in der Fähigkeit zu realistischer Selbstkritik. Ebenso zählen dazu persönliche Integrität und eine gewisse Flexibilität beim Umgang mit den ethischen Aspekten von Entscheidungen. Ein normal ausgebildetes Über-Ich fühlt sich den Standards, Werten und Idealen seiner Kultur verpflichtet und unterstützt die oben ausgeführten Ich-Funktionen: Vertrauen entwickeln, Gegenseitigkeit anerkennen und tiefgehende Beziehungen zu anderen aufbauen.

Der vierte Aspekt der normalen Persönlichkeit ist der angemessene und befriedigende Umgang mit libidinösen und aggressiven Impulsen. Dazu zählen die Fähigkeit sinnliche und sexuelle Bedürfnisse uneingeschränkt ausdrücken zu können, ebenso die Fähigkeit, Zärtlichkeit zu zeigen und sich emotional für einen geliebten Menschen zu engagieren, sowie eine nicht übersteigerte Idealisierung dieses Menschen und der Partnerschaft. In diesem Bereich ist der freie Ausdruck der Sexualität in die Ich-Identität und das Ich-Ideal integriert. Eine normale Persönlichkeitsstruktur beinhaltet die Fähigkeit zur Sublimierung in Form von Selbstbehauptung, das heißt, diese Persönlichkeitsstruktur hält einem Angriff stand, ohne exzessiv zu reagieren; die Reaktion dient allein dem Schutz und die Aggression richtet sich nicht gegen das Selbst. Zu diesem Gleichgewicht tragen, wie hier nochmals betont werden soll, Ich- und Über-Ich-Funktionen bei.”[2]

Über die Fachleute hinaus bestimmt die Gesellschaft selbst, was in ihr normal ist, und anhand des jeweiligen Verhaltens, wer dazu gehört und wer nicht. Dieser Modus ist in vielfacher Weise von Soziologen (wie Helmuth Plessner, Niklas Luhmann), evolutionären Anthropologen (wie Michael Tomasello), Philosophen (wie Jürgen Habermas, Robert Brandom) und Moralpsychologen (wie Lawrence Kohlberg, Carol Gilligan) untersucht worden, doch reine Anpassung ist natürlich kritisch zu sehen, da wir wissen, dass auch Gesellschaften pathologisch entarten können. In dem Fall ist ein taktischer Opportunismus menschlich verständlich, aber ein irgendwie gearteter ziviler Ungehorsam bis offener Widerstand unter Umständen moralisch geboten.

Insofern sehe ich eine Psychologie, die Anpassung als einziges Kriterium beinhaltet und bei der richtiges Verhalten weitgehend dem angepassten Verhalten entspricht, kritisch und wer sich etwas mit Psychologie auskennt, wird wissen, das ich damit die alte behavioristische Schule meine. Da ich den Begriff und die kritiklose Praxis der Anpassung kritisch sehe (wer “Anpassung” als Suchbegriff eingibt, wird mehrere Artikel von mir dazu finden), kann ich die mir unterstellte Auffassung, anders zu sein sei schlecht, nun tatsächlich überhaupt nicht nachvollziehen. Artikel wie Der Wert der Krankheit, Der Sinn von Krankheit, Exzentriker und zahlreiche weitere belegen meine, Xenias Einschätzung vollkommen entgegengesetzte Einstellung, die in meinen Augen auch im Ich-Schwäche-Artikel erkennbar ist.