Wissenschaftliche Psychologie und Theorien

Zwei Menschem im Gleichschritt

Anpassung ist nicht immer die beste Lösung. © Andreas Lehner under cc

Die Frage nach der Wissenschaft in der Psychologie ist im Allgemeinen schwierig, weil wir auch hier das Ideal der Wissenschaft und die Realität der Wissenschaft unterscheiden müssen. Das Ideal der Wissenschaft stellt sich mitunter als reine Methode dar, frei von jedem weltanschaulichen Überbau. Das ist irgendwo zwischen fragwürdig und falsch, weil die Idee, es könne reine Methodik oder gar eine Welt als Anneinandereihung von Fakten geben, nicht frei von einer weltanschaulichen Einstellung ist, sondern die eigene metaphysische Basis nur nicht kennt, es ist die des Naturalismus. Was die Realität der Wissenschaft angeht: Psychologie, die sich explizit auf ihre Wissenschaftlichkeit beruft, hat nicht immer für Sternstunden der Psychologie gesorgt. Das gilt zum einen für die sehr dunklen Zeiten in der Naziherrschaft, wo sich Psychologie und ihre nahe Disziplinen, wie Psychiatrie und Sozialpsychologie, nicht mit Ruhm bekleckert haben, doch auch die Ära, in der der Behaviorismus das Zepter der Wissenschaftlichkeit hochhielt, konnte nicht halten, was versprochen wurde, mit der beschriebenen Problematik der Anpassung. Wissenschaftlichkeit kann selbst zur Ideologie werden, diese wird manchmal Szientismus genannt, und ist nicht immer gut darin, zu erkennen, dass es nicht eine Methode an sich gibt, die ohne jede weltanschauliche Verwurzelung auskommt, unter anderem in Verschwörungstheorien werden diese Hintergründe etwas ausgeleuchtet.

Dennoch kann man sich pragmatisch darauf einigen, dass es so etwas wie gute Wissenschaft gibt, die einem Idealbild der Objektivität und vorurteilsfreihen Prüfung nahe kommt oder wenigstens an diesem ausgerichtet ist. Auf dieser weltanschaulich enthaltsamen Ebene geht es zumeist um Wirksamkeitsnachweise und da bietet die Wissenschaft ein gutes Instrumentarium an. Im obigen Wikipedia-Zitat wird neben der empirischen auf die geisteswissenschaftliche Komponente der Psychologie hingewiesen, die sich dann therapeutisch im Zusammenschmelzen von philosophischen und psychologischen Aspekten manifestiert.

Dies markiert einen Schritt vom Normalen zum Reflexiven oder wie Ken Wilber es hier ausdrückt:

“Das Auftauchen der formal-reflexiven Basisstruktur eröffnet die Möglichkeit der D-5-Selbstentwicklung: eine hochdifferenzierte, reflexive und introspektive Selbststrukturierung. Das D-5-Selbst ist nicht mehr unreflektiert an soziale Rollen und konventionelle Moral gebunden; zum ersten Mal kann es sich auf seine eigenen individuellen Prinzipien von Vernunft und Gewissen stützen (Kohlbergs postkonventionelles, Loevingers gewissenhaft-individualistisches Selbst etc.). Zum ersten Mal kann das Selbst eine mögliche (oder hypothetische) Zukunft konzipieren (Piaget), mit ganz neuen Zielen, neuen Möglichkeiten, mit neuen Wünschen (Leben) und neuen Ängsten (Tod). Es kann mögliche Erfolge und Misserfolge abwägen auf eine Art, die es sich zuvor nicht vorstellen konnte. Es kann nachts wachliegen vor Sorge oder Begeisterung über alle seine Möglichkeiten. Es wird Philosoph, ein Träumer im besten und höchsten Sinn; ein innerlich reflexiver Spiegel, staunend über seine eigene Erkenntnis. Cogito, ergo sum.

“Identitätsneurose” bezeichnet spezifisch alle Dinge, die beim Auftauchen dieser selbstreflexiven Struktur schiefgehen können. Ist sie stark genug um sich von Regel/Rollen-Geist freizumachen und für ihre eigenen Gewissensprinzipien einzustehen? Kann sie, wenn nötig, den Mut fassen, nach einer eigenen Melodie zu marschieren? Wird sie es wagen, selbst zu denken? Wird sie von Angst und Depressionen erfasst angesichts ihrer eigenen Möglichkeiten? Diese Dinge – die leider von vielen Theoretikern der Objektbeziehungen auf die D-2-Dimension von Trennung und Individuation reduziert werden – bilden den Kern des D-5-Selbst und seiner Identitätspathologie. Erikson (1959, 1963) hat die vielleicht definitiven Studien über die D-5-Selbstentwicklung geschrieben (“Identitiät vs. Rollenkonfusion”). Hier kann nur die Beobachtung hinzugefügt werden, dass philosophischen Probleme ein integraler Bestandteil der D-5-Entwicklung sind und philosophische Erziehung ein integraler und legitimer Bestandteil der Therapie auf dieser Ebene ist.”[5]

Das Erreichen dieser Struktur betrifft also Fragen nach Sinn, Existenz, dem Tod, Ethik und der eigenen Rolle in der Welt, die nicht klassisch zum psychotherapeutischen Bereich gehören, aber Individuen umtreiben können, bei denen die Fähigkeit zur Liebe und Arbeit vorhanden ist. Man kann sich dies als weitere Stufe der Entwicklung vorstellen, muss dies aber nicht tun.

Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit des Begriffs oder Konzepts Ich-Schwäche im engen Sinne wurde gestellt. Man findet den Begriff und das Konzept immer wieder bei Otto Kernberg, auf den ich mich gerne und häufig beziehe und der glaube ich mehr als die meisten anderen Psychologen und Psychiater für eine explizite Orientierung an der Wissenschaft, in seinem Selbstverständnis und dem anderer steht. Schon in seinem ersten bedeutenden Werk von 1975, “Borderline-Störungen und pathologischer Narzissmus”, findet sich ein zehnseitiges Kapitel zur Ich-Schwäche, im ersten Standardwerk, “Schwere Persönlichkeitsstörung: Theorie Diagnose Behandlungsstrategien”, taucht der Begriff immer wieder auf und das Konzept wird erläutert und schließlich heißt es noch in seinem jüngsten Werk “Liebe und Aggression: Eine unzertrennliche Beziehung”, über die übertragungsfokussierte Therapie TFP:

“Das Projekt sieht im Modell der psychoanalytischen Psychotherapie – systematische Deutung der Übertragung bei zeitgleich stattfindenden supportiven Maßnahmen außerhalb der Therapie, damit sich die Behandlung erfolgreich entwickeln kann – den optimalen therapeutischen Zugang zur Behandlung von schweren Persönlichkeitsstörungen bzw. “Ich-Schwäche”.”[6]

Selbstverständlich findet man den Begriff nicht ausschließlich bei Kernberg, wie man per Suchmaschine schnell herausfinden wird.

Diagnosen und Kategorisierungen

Diagnosen und Kategorisierungen sind in allen Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaft wichtig, damit man weiß, worüber man redet (was gemeint ist, wenn jemand einen bestimmten Begriff benutzt) und vor welchen weltanschaulichen Hintergrund dies geschieht. Alle Konzepte sind tatsächlich nur Konzepte und damit Mittel und Wege, die wir für die Erkenntnis brauchen. Den Begriff der Ich-Schwäche (unter welchem Synonym auch immer) halte ich insofern für wichtig und gelungen, weil dieser mit konkreten Einschränkungen korreliert, die wiederum konkrete Auswirkungen auf viele Bereiche des Lebens haben.

Über Sinn und Unsinn manch anderer Diagnosen und Kategorisierungen in der Psychotherapie ließe sich sicher trefflich streiten, ausgerechnet bei der Ich-Schwäche finde ich das eher nicht, wie dargestellt. Umso verwunderter war ich, dass in den einschlägigen Nachschlagewerken im Internet bisher eher spärliche Informationen zu finden sind. Diese Lücke wollten wir ein Stück weit schließen und ich glaube nach wie vor, dass uns das recht gut gelungen ist.

Quellen