Werte und der Narzissmus in der Gesellschaft

Einige Narzissten haben keine Lust sich auf Werte festlegen zu lassen. Eines ihrer Grundgefühle ist, dass verbindliche Normen und Werte eine Frechheit und eine Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit darstellen. Das stimmt in gewisser Weise, aber sie haben keinerlei Probleme damit, wenn ihr eigener Lebenswandel die Freiheit anderer Menschen einschränkt. Das definiert Narzissten, dass sie das kalt lässt und sich stets etwas wichtiger finden, als den Rest der Welt.

In dieser weitgehend wert- und verpflichtungsfreien Welt bleibt dann oft nur noch ein übersteigerter Idealismus, der irgendwas zum wichtigsten Thema der Welt erklärt und Menschen in gut und böse unterteilt, weil sie entweder vegan essen oder nicht. Alternativ bleibt die Welt als große, ziemlich schnell langweilige Spielwiese in der jeder tun und lassen kann, was er will und es als Toleranz verkauft wird, wenn sich niemand für den anderen interessiert. Weltschmerz, Sinnlosigkeitsgefühle, chronische Langeweile und die beständige Sorge um das eigene Ansehen und/oder die eigene Gesundheit sind Resultate und die sind nicht selten in unserer Zeit.

Eine andere Form des Narzissmus stellt der lauwarme und stromlinienförmige Opportunismus dar. Still und duldsam macht man alles mit, was gefordert wird und wird zum kritiklosen Pflichterfüller und mitunter, wenn man Anerkennung bekommt, zum Selbstausbeuter. Man tut halt niemanden weh, tut wie befohlen (still oder offen), verzichtet auf eigene Meinungen, Standpunkte und Widerspruch. Scheinbar das Kontrastprogramm zum Narzissten der sich nichts vorschreiben lässt, doch es gibt ein verbindendes Element.

Oberflächlichkeit

Der opportunistische Narzisst ist an den Werten, die er da erfüllt, so wenig interessiert, wie der konfrontative und präkonventionelle Narzisst. Beide wollen ihre Komfortzone nicht verlassen, der eine will sich nichts vorschreiben lassen, nie und von niemandem, dem anderen ist es prinzipiell egal wem er da nachläuft und welche Überzeugungen er vertritt, denn er hat eigentlich gar keine. Er könnte auch Morgen das Gegenteil vertreten, es juckt ihn nicht, weil er sich keine eigene Meinung leistet und nur daran interessiert ist reibungslos durchs Leben zu kommen. Da ist es von Vorteil, wenn man eigentlich für und gegen gar nichts steht und sich eben auf nichts verpflichtet, was man nicht gesagt bekommt. Das ist äußerst bequem, denn verantwortlich sind dann die anderen, man selbst hat ja nur seine Pflicht getan. Das mitunter mit Volldampf, denn ansonsten gibt es oft nicht viel, wofür sich ein Mensch, der diese Einstellung hat, einsetzt, so richtig viel interessiert ihn aus eigenem Antrieb auch nicht.

Ein Ringen mit sich, mit eigenen Überzeugungen und Werten kommt in einem solchen Leben nicht vor, so wenig wie beim konfrontativen Narzissten. Auch der muss mit nichts ringen, sondern lebt in der Überzeugung, immer recht zu haben und besonders wichtig zu sein. Da kann man anderen die Welt und ihre Fehler erklären, wirklich diskutieren – was voraussetzt, den anderen ernst zu nehmen – muss man nicht.

Pluralismus

Der Pluralismus ist die an sich reife Überzeugung, dass die Vielfalt der Meinungen und Lebensansätze eine konstruktive Bereicherung unseres Lebens darstellt und, dass “jeder nach seiner Façon selig werden” soll. Doch Friedrich II. von Preußen, von dem dieses Zitat stammt, wollte damit bezwecken, dass man einander toleriert und respektiert und das ist längst nicht bei allem, was sich selbst als Pluralismus bezeichnet gegeben. Ignoranz und Desinteresse, also, dass einem der andere im Grunde vollkommen egal ist, tarnen sich heute oft hinter Begriffen wie Toleranz und Offenheit, schon weil das besser klingt und wir uns eben dran gewöhnt haben, nicht nachzufragen, wie die Begriffe denn nun gemeint sind. Wer Näheres wissen will ist am Anderen eigentlich wirklich interessiert, gilt in einer von Narzissmus und Oberflächlichkeit durchdrungenen Gesellschaft aber eher als Spaßbremse und Spielverderber.

So werden als Pluralismus, Mulitkulturalismus, Toleranz und Offenheit heute Einstellungen verkauft, die nett klingen, oft ohne es zu sein. Und, es sind Einstellungen, die keinen gesellschaftlichen Schutz bieten – auch die Gesellschaft hat eine Art Immunsystem – und selbst schutzlos sind.

Was läuft da falsch?

Wenn alles irgendwie gleich gut ist und es keine Perspektive gibt, die einer anderen gegenüber bevorzugt werden sollte, dann ist diese Einstellung ein Einfallstor für buchstäblich jedes Weltbild, jede Ideologie und sei sie noch so ekelhaft. Wenn man einzig die Perspektive des anderen einnimmt, hat dann nicht irgendwie jeder recht? Kann man den anderen nicht tatsächlich verstehen, wenn man es nur versucht und sich in seine Lage versetzt? Ja, kann man. Und psychologisch Geschulte sogar in besonderer Weise. Aber das allein ist nicht die Frage, sondern die lautet, ob der andere denn auch – mit der gleichen Anstrengung – gewillt ist, unsere oder meine Einstellung zu verstehen.

Pluralismus ist ein Spiel auf Gegenseitigkeit oder es funktioniert nicht. Linksliberale, Pluralisten und andere, die in etwa diese Einstellung vertreten, erkennen das durchaus. Sie wollen diese Einstellung auch unbedingt unterstützen und tragischerweise versagen sie hier oftmals komplett.

Wenn Pluralismus das Ziel ist, dann, so die Überzeugung, sollte man dieses Ziel möglichst früh anpeilen. Häufig idealisiert man hier die unverdorbene Natur und das, was ihr am nächsten kommt, die Kinder. Kinder, so heißt es, sind noch unverbildet, sie sind offen und haben keinerlei Vorurteile. Das mag sein oder auch nicht (“Kinder können grausam sein”, lautet das andere Extrem), in jedem Fall können kleine Kinder noch keine Klassen bilden und Konzepte erkennen. Ihre Offenheit ist zu einen guten Teil einer Unfähigkeit geschuldet, was an sich nicht schlimm ist, dafür sind es eben Kinder, aber es besteht kein Grund dieses Unvermögen zu verherrlichen. Pluralismus wird erst dann interessant und überhaupt er ist ein echter Pluralismus, wo man Unterschiede erkennt und sie dann – zu einem kleineren oder größeren Teil – akzeptiert. Alles andere ist, auch im übertragenen Sinn, Kindergarten.

Wir können Klassen bilden und Konzepte verstehen, wir haben die Fähigkeit Urteile zu bilden, auch Vorurteile. Es bringt nichts, so zu tun, als sei dies nicht so. Aber manche von uns können ihre Vorurteile auch zurückstellen und den Einzelfall prüfen oder die Herkunft ihrer Urteile erkennen und einschätzen.

Sich selbst zu verpflichten, auf Aussagen, auf ein Wertesystem war mal eine Auszeichnung. Es war ein Zeichen des Stolzes und des Respekts vor sich selbst. Zwar hat man möglicherweise den äußeren Autoritäten gehorcht, doch noch wichtiger waren einem die inneren Werte. “Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt der vielleicht großartigste Satz unseres Grundgesetzes, hier treffen wir auf ihre Herkunft, ihren Kern. Die Würde, die man hinterher allen anderen zuschriebt, muss man erst mal finden, man findet sie, in der Selbstverpflichtung. Im Willen, sich über die inneren und äußeren Zwänge zu erheben und eine innere Überzeugung zu kultivieren.[1]

In nicht wenigen Bereichen befinden wir uns ziemlich genau am anderen Ende dieser Haltung und lassen uns auf gar nichts (oder Beliebiges) festlegen. Wir verkaufen unseren Stolz und unsere Überzeugungen und unsere Menschlichkeit, wenn wir für nichts mehr stehen. Das läuft falsch!