
Sind wir in der Matrix oder ist die Matrix in uns? © Nicholas Raymond under cc
Die Frage: Wo leben wir eigentlich?, scheint auf den ersten Blick närrisch, weil die Antwort offensichtlich ist. Wagen wir den zweiten Blick.
Die meisten würden, konfrontiert mit der Frage sofort entgegnen: ‚Na hier auf der Erde.‘ Das könnte man im Einzelfall noch präzisieren: Europa, Deutschland, eine bestimmte Stadt oder Schillerstraße 38, Erdgeschoss, linke Wohnung. Immer würden wir eine enger oder weiter abgesteckte physische Adresse meinen. So ist die Frage nach dem ‚Wo‘ ja in der Regel auch gemeint. Aber eben nicht nur. Zumindest nicht in diesem Beitrag.
Leben wir alle in der gleichen Welt?
Aus der Hüfte geschossen würde man auch hier sagen: Klar. Man kann natürlich so tun, als sei es nicht so, aber dann kommt man über kurz oder lang in Konflikt mit der Realität.
Auf eine Art ist das überzeugend. Ich kann mir zwar einbilden aus eigener Kraft fliegen zu können, die Umsetzung könnte jedoch schmerzhaft enden. Also eigentlich alles ganz einfach, könnte man denken und so denken wir häufig auch. Es gibt eine wahre und realistische Welt da draußen, in der wir alle zusammen leben und es gibt mehr oder weniger zutreffende Ideen oder Phantasien über diese Welt da draußen, in mir, innen. Oft noch mit dem Zusatz versehen: Decken sich meine Vorstellungen mit der Realität, komme ich gut mit der Welt zurecht, wenn nicht, habe ich Probleme.
Allein, so einfach ist es nicht. Denn unsere Innenwelt ist nicht einfach eine Aneinanderreihung äußerer Fakten, die zu einem Gesamtbild addiert werden, wie wir alle in den letzten Monaten und Jahren erleben durften oder mussten. Es klingt so einfach, die komplizierte Welt in Richtung ihrer faktischen Grundbausteine aufzulösen und zu denken, dass dann alles ganz klar wird. Es klingt einfach und ist leider viel zu vereinfachend.
Die Psychologie und insbesondere die Tiefenpsychologie zeigt uns, dass es eine Fülle stark von einander abweichender Innenwelten gibt, in der man wahrnimmt und die Wahrnehmungen bewusst und unbewusst ordnet. Aber es reicht auch der Blick in den Alltag. Sind die Meinungen über den Krieg, über Corona oder andere Themen ganz leicht entlang der Fakten aufzulösen? Es gibt ein Überangebot an Fakten, die je nach dem was man annimmt, so oder anders hierarchisiert und zusammengesetzt werden, so dass zwar für nahezu jeden eine konsistente Erzählung – oft genug garniert mit Fakten und passenden Experten – vorhanden ist, aber dass davon am Ende nur eine richtige Meinung übrig bleibt, kann man nun wirklich nicht sagen. Geplatzte Freundschaften und zerstrittene Familien künden davon, dass viele ihre ganz eigene Sicht haben und sie alle bestehen darauf die besseren Fakten und unbestechlicheren Experten auf ihrer Seite zu haben.
Wie entsteht eigentlich die Innenwelt?
Hier soll es nicht um Wahrnehmungspsychologie gehen, also nicht um die äußere Beschreibung unserer Sinnessysteme, sondern um einen Blick in die Entstehung der inneren Welt und ihres Erlebens. Also mehr eine Übung in Empathie, als im Verstehen des Aufbaus von Sinneszellen. Aber auch diesen inneren Blick nachzuvollziehen, ist nicht einfach, da kontraintuitiv.
Oft wird diese Innenwelt zu zerteilt dargestellt, etwa so: Erst lernt man seinen Körper kennen, als Baby, dann seine Gefühle/Affekte/Emotionen und schließlich kommen irgendwann die Gedanken/Kognitionen und die Sprache dazu und man kann ausdrücken, was man fühlt. Aber das Erleben der Körpergrenzen ist natürlich auch schon ein kognitiver Prozess und mit Emotionen verbunden, es ist alles zusammen da, es gibt eher bestimmte Schwerpunkte in denen sich einige Bereiche intensiver ausbilden. Die folgenden Lern- und Entwicklungsprozesse bauen auf den Ergebnissen dieser Innenwelt auf.
Wichtiger ist aber zu verstehen, dass wir in gewisser Weise von Beginn an eine Art von ad hoc Theorien über die Welt entwerfen. Die Lernstrategien ändern sich mit der Zeit. Am Daumen zu nuckeln und an der Decke fühlt sich anders an, aber es ist nicht immer nur ein Versuch und Irrtum Vorgang in diesem einfachen Sinne. Freud war einer Pioniere, die versuchten die Innenwelt von Kindern nachzuzeichnen. Aus ihrer Sicht.
Das heißt, Fakten – diese oder jene, mehr oder weniger lange bleibende Daten – sind von Beginn an in verschiedene Weltentwürfe oder Weltbilder eingebunden, zu denen immer auch Selbstbilder und Bilder wichtiger anderer Menschen gehören. Die Welt des Babys ist nicht sein Bett oder Zimmer, sondern immer auch die Mutter. Es kann sich noch gar nicht selbst denken, ohne eine symbiotische Einheit mit der Mutter und erst später wird es dazu in der Lage sein, differenziere Selbstkonzepte und Konzepte von wichtigen anderen zu entwickeln und schrittweise die normativen Regeln zu verstehen, nach denen die Welt funktioniert.
Das Kind sieht, dass die Eltern mit dem Geschwister und mit dem Hund sprechen, aber nicht mit dem Kühlschrank oder der Heizung. Kinder machen in diesen Zeiten in der Errichtung verschiedener Innenwelten viele und gewaltige Schritte. Sie lösen sich schrittweise von der Bindung zur Mutter, mithilfe von Übergangsobjekten und -bezeihungen. Für viele von uns liegen diese Schritte in der Vergangenheit und wir erinnern uns nicht einmal, diesen Weg jemals gegangen zu sein. Über jeden dieser Schritte gibt es etliche dicke Bücher, insofern soll dieser Punkt hier nur erwähnt werden.
Was ist eigentlich innerhalb der Innenwelt?
Wir sind Geworfene. Heißt, wir finden uns an irgendeinem Punkt des Lebens in der Welt vor und versuchen diese ab da bewusst zu erfassen. In aller Regel geschieht dies zunächst implizit und intuitiv. Ein gutes Beispiel ist die Sprache, die wir lernen. Wir lernen zur Sprache die Grammatik implizit dazu, das heißt, dass viele Menschen in der Lage sind korrektes Deutsch zu sprechen, aber erklären, welchen Regeln sie da folgen, können sie nicht.
Aber es sind nicht nur die Regeln der Sprache, die man einfach so lernt, sondern eben auch, dass man mit Menschen und Tieren reden kann (wenn auch verschieden), mit toten Gegenständen nicht (wenngleich wir zuweilen auch unseren Computer, das Auto oder sonst etwas beschimpfen). Wir lernen, was normal und nicht normal in unserer Familie oder Gesellschaft ist. Dass bestimmte Tabuthemen nicht erwähnt werden dürfen, vor wem man Angst hat, wen man verachtet, was Glück bedeutet, wie man sich in einer Warteschlange verhält und jede Menge mehr. Irgendwann stoßen wir die Tür zur Reflexivität auf und fragen uns, warum wir das eigentlich glauben und denken und ob es nicht auch alles ganz anders sein könnte.
Mit einem zu pauschalen Skeptizismus kann man aber nicht alles zerschlagen:
„Der Skeptiker – als Repräsentant philosophischer Aufklärung – kann mit scheinbar guten/oder wirklich guten Gründen jede Form der faktischen Sittlichkeit in Frage stellen und mit großem existentiellen Risiko auch verleugnen; aber, wenn es ihm gelingt, zu Ende zu denken (den „Skeptizismus zu vollbringen“ bzw. – frei nach Kohlberg – die Krisenstufe 4 ½ der „sophistischen“ Aufklärung hinter sich zu bringen), so kann er einsehen, dass er das Prinzip der Moralität im Sinne der Diskursethik nicht rational (d.h. nicht ohne einen performativen Selbstwiderspruch zu begehen) verleugnen kann. Dann hat er jenen Vernunftsmaßstab der Moralität gewonnen, den Habermas selbst in seiner Auseinandersetzung mit Bubner (1984) so überzeugend gegen die substanzialistische Versuchung verteidigt hat.“[1]
Es ist nicht so, dass da draußen eine Außenwelt ist, die wir alle teilen und in uns eine private Innenwelt, die bei allen vollkommen verschieden ist.
Psychologie und Philosophie
Kommen wir nun zu einer äußerst bedeutenden Stelle, die kontraintuitiv ist, also anders als man es gemeinhin meint. Gewöhnlich stellt man sich die vorsprachliche Psyche so vor, dass sie mehr oder weniger dasselbe erlebt, wie die Psyche, die eine Sprache erlernt hat, mit dem Unterschied, dass die sprachbegabte Psyche nun ausdrücken kann, was sie will, während die andere zwar dieselben Wünsche und Empfindungen hat, darüber aber nicht sprechen kann.
Der Philosoph (der keiner sein wollte) Ludwig Wittgenstein erklärte der Welt, dass es anders ist. Sprache erklärt einem nicht nur die Außenwelt, sondern – das ist der kontraintuitive Teil – vor allem auch die Innenwelt, die Welt der eigenen Gefühle und Empfindungen. Wir meinen, dazu hätten wir doch schon Zugang, da wir auch traurig oder wütend sein können ohne Gebrauchsanweisung. Babys können von Anfang an ihre verschiedenen Stimmungen ausdrücken und wir gehen stark davon aus, dass sie dabei auch etwas empfinden, lange bevor sie auch nur ein Wort nach brabbeln können.
Das stimmt, doch genau darum ist dieser Punkt so schwierig, weil man seine Bedeutung übersieht. Es kommt eigentlich nur die begriffliche Zuschreibung oder Deutung hinzu. Das Kind hat verschiedene Stimmungen und durchlebt diese sehr sicher auch innerlich, ist damit aber zugleich ein Spielball der Affekte. Sie stoßen dem Kind zu, auch wenn es sie lebt und sich ausdrückt, sind sie doch etwas, was kommt und geht, wie die Gezeiten am Meer oder die Atmung, zu der man zunächst auch keinen willentlichen Zugang hat. Atmung, Verdauung und Affekte werden gewissermaßen mit Hilfe des Kindes ausgedrückt, ohne dass dieses sie groß regulieren kann. Das ändert sich später, wie wir wissen.
Die Psychologie weiß heute, dass die Deutung der Mutter und die emotionale Färbung dieser Deutung, für das Kind eine kaum zu überschätzende Rolle spielt. Wenn Mutter dem Kind erklärt, dass es Angst hat, traurig ist oder ihm sagt, dass es heute aber glücklich aussieht bekommt es seine eigene Innenwelt gedeutet und sprachlichen Zugang dazu. Wenn die Mutter zeigt und sagt, dass sie diese Gefühle kennt und sie von ihnen nicht beunruhigt ist, lernt das Kind, seine Stimmung der Trauer und seinen Tränen Begriffe zuzuordnen. Es kann später beim anderen zu erkennen, dass er traurig sein könnte, wenn er weint und vor allem lernt es eine gewisse Distanz zu sich, zur eigenen Innenwelt aufzubauen, man erlebt diese nicht mehr nur, man ist zugleich auch ihr Beobachter.
Man erschließt sich also, das war Wittgensteins Botschaft, die so ursprünglich und privat erscheinende eigene Innenwelt mit der Hilfe der öffentlichen Sprache und die Stimmung der Mutter bei der Deutung gibt dem Kind eine zusätzliche Botschaft, im guten Fall die, dass sie die Gefühle kennt und es schon in Ordnung ist, sie zu haben. „Du hast Angst“, kann sie mit ruhiger Stimme sagen, das Kind kurz in den Arm nehmen und ihm erklären, dass und warum es keine Angst zu haben braucht. Wenn Mutter dann in veränderter ernster Tonlage auf die wenige Dinge hinweist, vor denen das Kind Angst haben sollte, wird das Kind den Kontrast viel eher wahrnehmen, wenn Mutter sonst eher entspannt ist. Das sagt die Psychologie.
Die Philosophie ergänzt, etwa durch Habermas:
„Mir hat es nie eingeleuchtet, dass das Phänomen des Selbstbewusstseins etwas Ursprüngliches sein soll. Werden wir uns nicht erst unter den Blicken, die ein Anderer auf uns wirft, unserer selbst bewusst? In den Blicken des Du, einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht, werde ich mir nicht nur meines erlebenden Subjekts überhaupt, sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst. Die subjektivierenden Blicke des Anderen haben eine individuierende Kraft.“[2]
Das eigene Innere erklärt oder gedeutet zu bekommen ist ein epochaler Schritt für die individuelle Entwicklung.
Man ist in der Lage zur Selbstreflexion, später mal, aber früher schon zur Selbstregulation. Einer der vielen Schritte einer sich in Ringen oder Schalen erweiternden Innenwelt, durch die Integration von Begriffen und der damit verbundenen Stimmungen.Aber die kontraintuitive Seite der Sprache geht weiter, sie bezeichnet nicht nur etwas und macht es damit zum äußeren (der Tisch dort) oder inneren (meine Trauer) Objekt, sondern ist ein Mittel, dass uns an zig Stellen in das Leben einwebt und uns den Zugang zu bestimmten Bereichen überhaupt erst ermöglicht:
„Aus [Wittgensteins] Sicht verliert die Darstellungsfunktion der Sprache inmitten ihrer Mannigfaltigkeit von Verwendungsweise ihre privilegierte Stellung. Das Medium der Sprache dient nicht in erster Linie der Beschreibung oder Feststellung von Tatsachen; sie dient gleichermaßen dem Befehlen und dem Rätselraten, dem Witze erzählen, Danken, Fluchen, Grüßen und Beten. Austin wird später anhand dieser performativen Verben die doppelte Leistung von Sprechhandlungen analysieren, mit denen der Sprecher, indem er etwas sagt, zugleich etwas tut.“[3]
Willkommen in der Innenwelt. Wo leben wir eigentlich? Innen oder außen?
Was ist eigentlich außerhalb der Innenwelt?
Auch hier verlassen wir gewohnte Pfade. Wir denken gewöhnlich, in uns gäbe es Gedanken und Gefühle, die irgendwie nur zu mir gehören, weil nur ich sie wirklich wahrnehme und in der Außenwelt gibt es dann Autos, Tische, Hunde und andere Menschen, die von allen wahrgenommen werden.
Wittgenstein verwendet viel Energie darauf zu erklären, dass andere sehr wohl von meinen Schmerzen wissen könne, einfach in dem ich sage, dass ich Schmerzen habe und der Weg zu der Erkenntnis meines eigenen Innen, in dem Fall also, dass ich Schmerzen habe, ist derselbe, den auch jeder andere Mensch geht. Anhand der begreifenden Deutung, was Schmerzen sind und wie man sie ausdrückt, merke ich, dass es Schmerzen sein müssen, die ich habe, weil ich mich so verhalte, wie jene, über die man sagt, dass sie Schmerzen haben müssen. Weil ich diese Zutaten an mir bemerke, kann sie auch der andere wissen, ich weiß daher nicht mehr über meine Schmerzen, als er. Ich muss sie allerdings erleben, der andere nicht, wenn mir der Zahn weh tut. Ist das Innen denn dann eigentlich noch unzugänglich, privat? In gewisser Weise büßt es diesen besonderen Status ein, denn was für den Schmerz gilt, gilt auch für die Liebe oder die Wut. Wenn ich drüber rede, weiß der andere über meine Innenwelt bescheid. Das zu entflechten ist bis heute verwirrend.
Dafür macht es uns das Außen leichter, zumindest auf den ersten Blick. Denn da gibt es eben Autos, Tische, Hunde und Menschen, die kann man anfassen und die anderen bestätigen auch noch, dass die wirklich da sind, weil sie sie auch sehen und erkennen. Also ist die Außenwelt für alle dieselbe? Nun, Bienen sehen UV Licht, Tauben nehmen polarisiertes Licht und Magnetfelder wahr, Schlangen Infrarotlicht, Fledermäuse Ultraschall, die Welt der Hunde ist überwiegend aus Gerüchen aufgebaut. Wenigstens für die Menschen?
Wie man’s nimmt. Manche Menschen sind farbenblind, einige hören Stimmen (die andere nicht hören), es gibt Sehschwächen, Hörschwächen und das nur auf der Ebene der basalen Wahrnehmung. Aber unterstellt, die Eindrücke sind sehr ähnlich: Ich war vor langer Zeit mit einem Bekannten Billard spielen, ich spielte passabel, er ausgezeichnet, wir spielten am Tisch seines Vereins. Irgendwann fragte er mich, ob ein beim Stoß eigentlich die weiße Kugel anvisiere oder die, auf die ich ziele. Für mich war klar, das jeder – wie ich – auf die Kugel achtet, die er anspielt, er hingegen schaute auf die weiße Kugel.
Keine Ahnung, ob das schon eine andere Wahrnehmung ist, aber denken wir wieder an den Anfang. Themen wie Krieg und Corona haben eine erhebliche Sprengkraft für Beziehungen aller Art und das liegt nicht daran, dass man besser oder schlechter hört oder sieht, als andere, sondern an der Interpretation der Daten. Das Äußere, was so sicher da ist, die Fakten, die so unverrückbar sein sollen, sind immer eingebunden in mehr oder weniger konsistente Großerzählungen, eben jene Weltbilder, deren Stufenfolge wir immer wieder mal darstellen. Streng genommen, haben wir zu diesem Außen ebenfalls keinen direkten Zugang, sondern erschließen ihn uns, wie unsere Innenwelt, über den Erwerb der Sprache und die Integration der Deutungen anderer.
Dass man sie anfassen kann, den Baum, den Tisch, den Hund sind auch nur weitere Sinnesdaten, die in eine sich entwickelnde Theorie des Außen eingebunden werden. Wir haben die gewohnten Pfade verlassen.
Gibt es also kein Außen?
Was haben wir also? Zum einen, durch Sprache und andere Menschen vermittelte Beschreibungen des Inneren eines Menschen. Dass sie Durst und Schmerzen haben können, freudig, traurig, euphorisch und erregt sein können, neugierig und melancholisch, nachtragend, liebend und eifersüchtig, verzeihend und voll Reue. Mit diesem Rüstzeug ausgestattet können wir schauen, welche dieser Beschreibungen und Beispiele auf uns selbst zutrifft. Wir haben einen begrifflichen und theoretischen Zugang zur Innenwelt. Zudem gibt es den Qualiaaspekt der Innenwelt. Qualia heißt einfach gesagt, zu erleben, wie es ist Schmerzen zu haben, traurig oder erregt zu sein.
Ferner haben wir eine durch Sprache und andere Menschen vermittelte Beschreibungen des Äußeren: Das Auto dort ist rot. Der Tisch ist rustikal. Der Hund ist lieb. Johann ist geizig. Auch hier finden wir Einzeldinge oder Personen in ein bewertendes oder normatives Gitter eingebunden. Aber es gibt auch einen Qualiaaspekt der Außenwelt, denn wie es ist, mit der Hand über poliertes Holz zu streichen, einen guten Wein zu trinken oder durch einen Wald zu spazieren, ist ja nicht darauf zu reduzieren, dass die Strecke 4.862 Meter lang war und im Sichtfeld 33.873 Bäume standen.
Das Außen ist nicht für alle gleich, weder bei der Wahrnehmung, noch der Interpretation oder dem Erleben. Ist das alles nur vom Hirn vermittelt? Gibt es also kein Außen? Das kann man auch nicht sagen. Es ist logisch nahezu zwingend, dass es die Außenwelt oder Umwelten gibt. Haben wir denn echten Kontakt zu dieser Außenwelt? Man kann es so und so sehen. Eigentlich verfügen wir nur über Theorien der Außen- und der Innenwelt, aber gleichzeitig müssen wir uns darüber klar werden, dass über Theorien zu verfügen nicht irgendwie etwas ist, was uns von der Welt trennt. Lesen wir noch mal das vorige, dritte Zitat, in dem etwas zu sagen und zu tun über Sprechhandlungen vereint werden, oder hier Robert Brandom:
„Diskursive Praktiken umfassen wirkliche Dinge. Sie sind solide – man könnte sagen körperlich: sie umfassen wirkliche Körper, auch unseren eigenen und den der anderen (belebte und unbelebte), mit denen wir praktisch und empirisch zu tun haben. Man darf sich diese Praktiken nicht als hohl vorstellen, als müssten sie noch mit Dingen angefüllt werden. Sie sind nicht dünn und abstrakt, sondern so konkret wie die Praxis des Nägeleinschlagens mit einem Hammer. (Sie sind unser Zugang (unter anderem) zu dem, was abstrakt ist und nicht dessen Produkt.)“[4]
Wo leben wir eigentlich? In einer Welt, in der genau dies gilt.
Wie eng ist unser Kontakt zur Welt?
Auch diese Frage wirkt zunächst etwas albern, aber bei psychischen Störungen die mit einer Ich-Schwäche einher gehen hat man manchmal genau dieses Gefühl, von der Welt abgeschnitten zu sein. Es gibt Theorien, die besagen, dass man mit der Welt, da sie über das Nervensystem vermittelt ist, nie richtig in Kontakt kommt, aber überzeugend ist das nicht, denn worin sollte ein richtiger Kontakt bestehen?
Es hat mich nie überzeugt, dass ein Loch zu graben oder Zwiebeln zu schneiden irgendwie echter sein soll, als ein Buch zu lesen, zu meditieren oder eben einen Sprechakt zu vollbringen. Wir haben ganz einfach verschiedene Möglichkeiten mit Welt in Kontakt zu kommen ein Buch ist ja auch Welt und die Meditation findet ja auch nicht außerhalb statt.
Allerdings kann man verschiedene Wege verschieden weit gehen und dann kann sich das, was vielleicht erst wie ein enger, dunkler Gang wirkte auf einmal in einen großen Raum oder eigenen Kosmos verwandeln. Entscheidend ist weniger der Inhalt, als viel mehr der Grad an Aufmerksamkeit. Nehmen wir etwas die Essen. Eine simple biologische Notwendigkeit tierischer Lebewesen, um das eigene Überleben zu gewährleisten. Aber ist damit schon alles über das Essen gesagt? Sicher nicht.
Denken wir über all die Kochrezepte der Welt nach, die Kochshows, die Kreativität und Sorgfalt mit der man in der Spitzengastronomie dem Thema begegnet, die Lust die wir mit bestimmte Zubereitungsformen, wie dem Grillen verbinden, dann wird schnell klar, dass es hier längst nicht mehr ums Überleben und Kalorienzufuhr geht.
Gemeinsames Essen verbindet Menschen oder trennt sie, wenn religiöse oder politische Komponenten damit verbunden werden, etwa das Verbot bestimmte heilige oder unreine Tiere zu essen, Diskussionen über Vegetarismus, Veganismus und dergleichen. Denken wir an die weite Welt des Zubehörs für die Zubereitung oder das Servieren des Essens, nicht zu vergessen, die Diskussionen über die gesundheitlichen Schäden oder positiven Wirkungen bestimmter Nahrungsmittel. Alle paar Jahre ein neuer Trend, neuen Bücher, Produkte, neuerdings erweitert durch Diskussionen um die Nachhaltigkeit. Das sind gleich mehrere eigene Welten und das nur beim Essen.
Auf allen Gebieten des Lebens kann man verschieden weit kommen, manche sich weit verbreitet, andere sehr abseitig, überall gibt es die Möglichkeit überhaupt keinen Zugang dazu zu haben, sich ein wenig auszukennen, aber auch Spezialist dieser Welt zu sein. Oft hat es den Anschein, dass egal welchem Bereich man sich vollständig widmet, man sehr ähnliche Erfahrungen macht. Irgendwann ist etwas nicht mehr nur Hobby, sondern eine echte Leidenschaft, ihr nachzugehen vermittelt eine eigenartige Ruhe und Befriedigung, weil man durch die Beschäftigung ganz im Moment angekommen ist.
Dieses im Moment sein, scheint also so etwas wie eine große Kammer des Inneren zu sein, in die man durch vollkommen verschiedene Zugänge gelangen kann und selbst verschiedenen Bewusstseinsstufen scheint es möglich zu sein, dort anzukommen. Es ist als könnte man in diesen Bereich des Inneren baden und die Erfahrung dieser Ruhe und des Angekommenseins, vielleicht der Heimat, mit nehmen in die äußere Welt. Ungefähr so werden nonduale spirituelle Erfahrungen beschrieben. Wo leben wir eigentlich? In der Innen- oder Außenwelt?
Quellen:
- [1] Karl-Otto Apel, Auseinandersetzungen, Suhrkamp 1998, S.660
- [2] Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Suhrkamp 2005, S.19
- [3] Jürgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Suhrkamp 1988, S.111
- [4] Robert Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt. 2000, Suhrkamp, S.475
