Vertrauen und Beziehungen

Maria Alm, Tannen Wolken, Berge

Manchmal ist schon die Umgebung heilend. © Sergei Gussev under cc

Wunderheilungen und psychogener Tod sind die extremen Enden, aber viel entscheidender ist sind Vertrauen und Beziehungen in der normalen alltäglichen Begegnung mit dem Medizinsystem. Die medizinische Ausdifferenzierung sorgt zwar für neue Medikamente und effektive Spezialistenteams, aber die smarten Spezialisten sind, auch wenn sie nett sind, oft gar nicht in der Lage, zum Patienten eine Beziehung aufzubauen. Der Mensch ist eben auch hier beides, man darf seine Natur nicht vergessen, doch ist er auch und zuerst ein Beziehungswesen.

Hat man das Gesamtpaket im Blick, wird auch die Rolle der Medizin eine andere. Die sprechende Medizin rückt mehr in den Fokus, eine Medizin in der weniger die isolierte Krankheit und Dienstleistung im Vordergrund steht, sondern die Einbeziehung des Patienten. Der Patient kann mit falschen Vorstellungen medizinischer Art kommen, gerade wenn man sich in den Medizinseiten im Internet vergraben hat und hier kann der Arzt als wirklicher Fachmann helfen, zuweilen hat der Patient aber auch anderen Vorstellungen davon, was er überhaupt wieder erreichen will, manchmal ist Krankheit ein willkommener Weg um bestimmten Aspekten des Lebens auszuweichen.

Aber auch echte Ermutigung ist mehr als warme Worte, ebenso können negative Botschaften vernichtend sein. Baut man den Placeboeffekt bewusst in die Therapie ein, hält man die Motivation des Patienten hoch und vermeidet man Noceboeffekte ist viel gewonnen, den Patienten mit einzubinden und ihn schließlich zu einer Verhaltensumstellung zu bewegen ist oft mehr als die halbe Miete.

An dieser Stelle kommt aber auch der Bereich ins Spiel an dem die Patienten sich umstellen müssen. Die innere Reihenfolge von Hausmittelchen, über frei verkäufliche Medikamente, verschriebene Medikamente und dann immer spezialisiertere und härtere Eingriffe oder Medikamente folgt der Idee, dass man als Patient mehr oder weniger passiv bleibt und Medizin über sich ergehen lässt, andere Ansätze fordern dazu auch, dass eigene Schicksal in die Hand nehmen.

Leisten Sie sich etwas, zum Beispiel ein gutes Immunsystem

Es ist immer wieder erstaunlich was unser Immunsystem zu leisten vermag. Gesundheit und tiefe Beziehungen sind Hauptkomponenten des Glücks und andererseits sind glückliche Menschen gesünder. Wenn man zu viel Gewicht auf die Gesundheit legt, kann das auch schaden, eine einfache Frage ist, wozu man die Gesundheit denn nutzen möchte. Wenn die Gesundheit selbst das höchste Ziel ist, sollte man noch mal darüber nachdenken.

Es ist gut, wenn man sich selbst kennen lernt, um einschätzen zu können, was einen entspannt und was über die Maßen stresst. Das ist auch das Problem vieler Vorsorgeuntersuchungen, sie liefern manches mal falsch positive Werte. Das bedeutet, man ist mit dem Verdacht auf eine schwere Erkrankung konfrontiert, der dann weitere Untersuchungen folgen, vor allem aber Wochen der Ungewissheit, was massiven Stress bedeuten kann. Schön, wenn dann irgendwann die Erleichterung da ist, aber das hätte man sich in vielen Fällen sparen können. Aber es kommt drauf an, was man für ein Typ ist, die eine will Gewissheit und fühlt sich dann sicher, der andere hat eine gewisse Schicksalsgläubigkeit und ist der Auffassung, wenn es mich erwischen soll, erwischt es mich oder eben nicht.

Nur muss es eben zu einem passen. Entspannt durchs Leben zu gehen und nicht bei allem drauf zu achten, ob es gesund ist, sondern etwas auch reuelos etwas zu genießen, weil es lecker ist, ist unterm Strich gesünder, als wenn man ständig in Sorge ist.

Lassen Sie sich enttäuschen

Sich selber kennen zu lernen, heißt ein kompetenterer Partner des Arztes zu werden. Man muss sich nicht mit Medizin auskennen, das kann der Arzt selbst, aber sich selbst sollte man kennen und dann ruhig sagen, was man will. Dazu gehört auch, sich über die eigenen Urteile klar zu werden. Es hat mich früher schon, immer wieder fasziniert und gewundert, wie selbstverständlich Patienten sagen, ihr Doktor wäre ein guter Arzt. Woran sie das eigentlich festmachen wollen, habe ich mich immer gefragt, zumal die Aussagen sogar dann kamen, wenn der Arzt gar nicht helfen konnte und die Beschwerden blieben.

Irgendwann schien es mir dann eher so, dass man die Überzeugung braucht, dass der Arzt gut ist und es auch gut mit einem meint, eine der verbleibenden Verlässlichkeiten. in einer Zeit, die immer ruppiger wird, in der man immer mehr den Glauben an diverse Institutionen verliert, gleich ob Kirche, Politik oder andere Autoritäten. Das Verhältnis zum Arzt ist in mehrfacher Hinsicht ein sensibles Verhältnis, weil man eben krank ist und sich dabei mehr oder weniger schwach, ausgeliefert und bedroht fühlt. Da will man nicht auch noch hier zweifeln, die leicht idealisierte Welt ist oft die bessere und ein Vertrauensvorschuss durchaus gut. Wenn der dann aber enttäuscht wird, kann man durchaus nachfragen und sollte es auch tun. Viele Ärzte kooperieren gerne und sind für Vorschläge offen, gerade die der neueren Generationen sind da halbwegs unverkrampft.

Man sollte offen sein zu seinem Arzt, aber auch in der Hinsicht auf Zweifel, kann man die Beziehung anders gewichten, das muss kein Nachteil sein. Wenn man selbst lieber auf Augenhöhe redet, sollte man seinem Arzt das zumuten, wenn man eher den autoritären Arzt braucht, etwa, weil man sich bei jemandem, der einem das Gefühl gibt, zu wissen, was er tut, sicherer fühlt, sollte man dorthin gehen. Wenn es in dieser Hinsicht nicht passt, wird sich langfristig kein Vertrauensverhältnis einstellen, das wäre aber wichtig.

Von dem Recht auf Grundversorgung …

Es ist eine eigene und ideologische Diskussion, ob man meint, die Kapitalismus sei die Quelle allen Übels oder eine gute Erfindung. Meine Einstellung ist die, dass ich die Kapitalismuskritik zwar für bedenkenswert, aber oft überzogen halte und wie öfter ausgeführt halte ich zu weitreichende Projektionen auf die Umwelt schon insofern für problematisch, weil sie einen in eine passive und immer schon ausgelieferte Rolle bringen.

Das heißt nicht, dass man sich weigern sollte Hilfe anzunehmen und leugnet nicht, dass es eine der vorrangigen Errungenschaften der Menschheit ist, sich gegenseitig zu helfen. Gerade deshalb sollte man das medizinische, rehabilitierende und pflegerische System frei von finanziellem Druck halten. Es kann einfach nicht sein, dass die Versorgung und Pflege hilfebedürftiger Menschen zu einer besonders lukrativen Geschäftsidee werden kann, bei der man hohe Renditen erzielt. Man muss sich nur mal klar machen, dass das auf die eine oder andere Art immer heißt, von dem was man einnimmt, möglichst wenig auszugeben, für Alte, Kranke, deren Versorgung, Umgebung und Personal. Eine Politik, die ohnehin einen massiven Vertrauensverlust erleidet kann hier Vertrauen zurück gewinnen.

Krankenhäuser müssen keinen Gewinn machen, sondern Menschen gesund. Alten- und Pflegeheime müssen ebenfalls keinen Gewinn machen, sondern alte und kranke Menschen versorgen, wenn man rechtlich keinen Fuß in die Tür bekommt, sollte man wenigstens öffentlich deutlich darauf hinweisen, dass es sich gegebenenfalls um ein Unternehmen handelt, das primär Geld verdienen will, im Notfall über ein Labeling.

Die Versorgung von Menschen in Not muss eine Gesellschaft sich leisten wollen, wenn sie den Anspruch hat eine lebenswerte Gesellschaft zu sein. Den Menschen in allen Lebenslagen zu instrumentalisieren ist eine Fortsetzung des Ego- und Aggrotripps, den so viele heute nicht mögen. Man kann alternative Modelle fördern, wie Wohngemeinschaften von Alt und Jung, pflegebedürftigen und normalgesunden Menschen, wovon in vielen Fällen sogar beide Seiten profitieren können.

Man kann eine Gesellschaft umbauen, was zum Schlechten ging, kann auch zum Guten funktionieren. In kleinen und überschaubaren Schritten kann das meiner Meinung nach sogar manchmal besser funktionieren, als mit dem großen generellen Systembashing, der undifferenzierten Klage darüber, dass irgendwie alles schlecht ist und der gläubigen Meinung, dass man mit dem einen Schachzug alles ändern kann. Eine Gesellschaft, die neben der Gesundheit auch den Umgang miteinander wertschätzt und Menschen die Möglichkeit gibt, ausreichend Zeit für den anderen aufzubringen, muss ihre Alten- und Krankenpflegerinnen besser bezahlen. Die Pflegekräfte selbst wollen zwar primär mehr Kolleginnen, aber die bekommt man nur mit mehr Geld.

… bis zum perfekten Umfeld

Aktuell verändert sich die Ärzte- und Krankenhauslandschaft, weil es Regionen mit Überversorgung und solche mit Unterversorgung gibt. Der Trend geht zu spezialisierten Zentren, die sich primär mit bestimmten Erkrankungen beschäftigen, was insofern nicht schlecht ist, als es Spezialisten, die eine Gebiet richtig gut beherrschen und in der Medizin ist die Zahl der durchgeführten Behandlungen ein wesentliches Qualitätsmerkmal, es ist ein Unterschied, ob man etwas 1000 mal im Jahr macht oder zwei mal.

Der Nachteil ist, dass es auch in peripheren Bereichen gute Ärzte und Kliniken für die Erstversorgung geben muss, da gerade bei Unfällen, kardiovaskulären und neurologischen Erkrankungen (Herzinfarkten, Kammerflimmern, Schlaganfällen) um Minuten geht und da ist es schlecht wenn es ein richtig gutes Zentrum gibt, das leider 400 Kilometer entfernt ist.

Die Idee von Zentren muss jedoch nicht nur auf Krankheitstypen beschränkt bleiben, sondern kann auch auf Patiententypen ausgedehnt werden. Ob nun die de luxe Stationen für die etwas besser Betuchten die Lösung darstellen und die Verfahren nach vorne bringen, von denen dann am Ende alle profitieren, daran darf man zweifeln. Der Effekt hat sich auch anderen Stellen nicht eingestellt und die Spaltung eher vergrößert.

Was, wenn man mit spezialisierteren Krankenhäusern experimentiert, die den Typen entsprechen? Die naturnahe Klinik im Grünen, mit Kneipp-Becken und Vollwerternährung für die einen, die High Tech Klinik mit modernsten Geräten und Therapieformen, für die anderen. Eine Klinik in der es darum geht, sich mit der Einordnung der Krankheit in einen größeren Kontext zu beschäftigen, aber auch eine Standard Klinik, für Menschen, die keinen Schnickschnack mögen.

Wenn man nicht vergisst die Basics der anderen Bereiche beizubehalten, kann es auch hier zur Routine werden, dass man sich für die Patienten Zeit nimmt, die Ergebnisse der Psychologie mit einbaut, eine gesundendes Klima schafft und ihnen als Mensch begegnet, nicht als Kunde. Das sollte eine Gesellschaft sich leisten, ein krankes Gesundheitssystem nicht. Wir haben jetzt die Möglichkeit es mit zu gestalten, in dem wir uns klar werden, wie wir jetzt und in Zukunft leben wollen.