Organtransplantationen, Antibiotika und seltene Erkrankungen lohnen sich nicht

MRSA Bakterium, rot

Hier ein MRSA Bakterium, das von unserem Immunsystem unschädlich gemacht wird. NIAID under cc

Denken Sie auch, dass die mangelnde Spendenbereitschaft der Menschen das Hauptproblem bei den geringen Organtransplantationen in Deutschland ist? Eine andere Erklärung bieten die Macher des Films Der marktgerechte Patient an: Es lohnt sich finanziell einfach nicht diese Operationen durchzuführen. Zu selten, zu kompliziert, es gibt Operationen die weitaus lukrativer sind, also führt man diese durch. Der Film thematisiert die Fallpauschalen der Medizin, grob gesagt wurden diese eingeführt, um ein Gegenmittel gegen die langen Liegezeiten von Patienten zu haben, die aus jenen Zeiten stammen, als Krankenhäuser daran verdienen konnten, dass der Patient möglichst lange blieb. Die Verlockung die Liegezeiten künstlich etwas auszudehnen, war groß, mit der Einführung der Fallpauschale gibt es für eine definierte Krankheit nur noch einen festgelegten Betrag, gleichgültig ob alles schnell und unkompliziert verläuft oder man eine Komplikation nach der anderen hat. Gerade die schweren Fälle behandelt man daher ohne Gewinn, Ziel ist seit dem, den Patienten möglichst schnell wieder los zu werden, jeder Tag mehr sind verloren gegangene Einnahmen, Fließband Operationen und blutige Entlassungen sind oft das Resultat. ein krankes Gesundheitssystem?

Doch nicht nur im Krankenhaus, der Pflege und bei der Krankenkasse geht es um das liebe Geld, auch die fast schon berüchtigte Pharmaindustrie funktioniert nach den Kriterien des Marktes. Die bringen es mit sich, dass sich die Forschung an neuen Antibiotika nicht mehr lohnt. Einer langen und teuren Entwicklung folgt ein geringer Einsatz, da die neuen Medikamente als Reserve Antibiotika zurück gehalten werden müssen. Wirtschaftlich verständlich, medizinisch weiß man nicht, was man davon halten soll, da die Ära der Antibiotika ohnehin zu Ende sein könnte.

Nun können Pharmaunternehmen mit allem Recht darauf hinweisen, dass sie eben kein Wohlfahrts- sondern ein Wirtschaftsunternehmen sind, auch wenn sie es anderes suggerieren. Die meinen es alle nicht böse, es ist noch anders: Das Wohlergehen des Patienten, im Zweifel Ihres, ist ganz einfach uninteressant. Es stört niemanden, wenn Sie von einem Medikament oder Verfahren profitieren, vielen darf man noch guten Gewissens unterstellen, dass sie sich mit dem Patienten freuen, aber letztlich stört es auch nicht groß, wenn der Patient nicht profitiert, solange man durch ihn Geld verdienen kann. Ähnliches gilt für die Erforschung seltener Krankheiten, sie lohnen sich einfach nicht, Pech für die, die drunter leiden.

Hier wird der Ball zu uns zurück gespielt, denn soll das wirklich so bleiben? Müssen elementare Aspekte der menschlichen Versorgung unter dem Diktat der Wirtschaft stehen? Geld oder Leben ist eigentlich nicht die Alternative der Medizin und Pflege. Es ist nicht einzusehen, dass Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen Gewinne erzielen müssen, zumal es gute Gründe gibt die Medizin und Pflege generell anders aufzustellen.

Die falsche Gabe und die falschen Prioritäten

Oft lässt sich die Frage, ob wir nun Über- oder Untertherapie, Über- oder Untermedikation vorfinden gar nicht pauschal beantworten, mal ist es so, mal genau anders herum. Wenn Patienten morgens schon 23 Tabletten nehmen kann man sich schon fragen, ob das alles so richtig ist, zumal Wechselwirkungen auftreten, die niemand mehr einordnen kann.

Die Übertherapie und Selbsttherapie mit vermeintlich harmlosen Schmerzmitteln sorgt nicht nur in vielen Fällen Magen- und Darmblutungen, sowie einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle, sondern inzwischen sogar für ausgeprägte Suchterkrankungen, neuerdings rangiert die Schmerzmittelsucht vor der Alkoholsucht.

Die oben erwähnten Antibiotika sind und waren Wunderwaffen im Kampf gegen bakterielle Infektionskrankheiten, die wir zum Teil gerade wegen der Erfolge der Antibiotikatherapie kaum noch kennen. Diphtherie, Tuberkulose, Syphilis, aber auch sich zur Blutvergiftung oder Sepsis ausbreitende Entzündungen haben wir recht gut im Griff. Dass sie jetzt wieder kommen, hat eine Vielzahl vom Gründen, ein Hauptgrund ist sind die immer weiter verbreiteten Resistenzen.

Diese wären ein eigenes Thema, aber auf drei Hauptgründe reduziert ist der Rückgang der Wirksamkeit hierauf zurück zu führen: die zu verbreitete Verordnung durch Ärzte, die falsche Einnahme durch Patienten und die industrielle Massentierhaltung. Die Ausbildung von Resistenzen sind ein normaler Mechanismus der Evolution. Grob gesagt dezimieren Antibiotika die Zahl der Bakterien so stark, dass der Körper mit dem verbleibendem Rest selbst fertig werden kann. Dabei werden auch nützliche Bakterien getötet, was das Immunsystem schädigt und weitere unerwünschte Wirkungen hat. Gleichzeitig überleben jene Bakterien, die sich zufällig genetisch verändert haben, also mutiert sind und gegen das Antibiotikum resistent. Je häufiger man die Antibiotika einsetzt, umso mehr fördert man diese Ausbildung von resistenten Keimen, ebenso, wenn man die Antibiotika zu früh absetzt, wenn zwar viele Keime getötet sind, aber nicht alle, auch dadurch werden die zähen noch fitter und resistenter.

Weil man das kennt, versucht man gezielter zu schießen und einige Mittel, die sogenannten Reserveantibiotika zurück zu halten, die auch dann wirken, wenn andere Antibiotika es nicht mehr tun. Ausgerechnet die Reserveantibiotika werden aber im breiten Stil in der industriellen Massentierhaltung eingesetzt und egal ob sie beim Menschen oder Tier häufig eingesetzt werden, je öfter, desto größer die Zahl der Resistenzen, die wirksame Reserve wird also schleichend unwirksam und gleichzeitig ist man mit besonders multiresistenten Erregern, wie VRE oder MRSA den so genannten Krankenhauskeimen konfrontiert, die zum großen Teil aus der Fleisch- und Geflügelindustrie stammen.

Immerhin ist das Problem erkannt, was jedoch noch immer nicht heißt, dass die Praxis sich ändert, da jeder weiter machen möchte wie bisher.

Ideologie und Gewohnheit

Weite Teile der Medizin folgen dem biologischen Krankheitsmodell, das bedeutet, die Einstellung zu haben, dass Krankheit im wesentlichen ein biologischer Fehlvorgang ist. Zu viele Bakterien oder Viren, falsch mutierte Zellen und gar von vorn herein fehlerhafte Erbinformationen. Dieser Ansatz von Zellular- und Mikrobiologie hat über viele Jahrzehnte hinweg die Medizin dramatisch verändert und zu dem gemacht, was sie heute ist.

Man kann auch nicht sagen, dass er gescheitert ist, auch dieser Strang wird weiter verfolgt, etwa in der Genforschung, die allerdings noch immer nicht zu den Durchbrüchen geführt hat, die man sich versprochen hat. Noch immer sind Herz- und Kreislauf Erkrankungen, sowie Krebs die häufigsten Todesursachen bei uns und vieles ist auf Zivilisationserkrankungen zurück zu führen, bei denen viel weniger ausgefeilte Medizin, als viel mehr Aufklärung und Verhaltensänderungen im Alltag die entscheidende Wende bringen. Zu viel Gewicht, Alkohol, Stress, Tabak und zu wenig Bewegung und Entspannung, das sind alles Bereiche, die der einzelne Mensch am besten selbst regeln kann.

Ein befreundeter Arzt sagte mir, der eigentliche Fehler der Medizin sei, den Menschen suggeriert zu haben, dass gegen alles ein Kraut gewachsen sei, auch dann, wenn man vollkommen gegen seine Natur und ihre Rhythmen lebt, denn irgendwo ist der Mensch noch immer ein natürliches, ein biologisches Wesen. Nein, man kann nicht folgenlos Jahre lang schlechte Nahrung zu sich nehmen, auf jede Bewegung und Entspannung verzichten und dann erwarten, dass das alles spurlos an einem vorbei geht. Es reicht nicht, die eine oder anderen Pille einzuwerfen oder ein paar Ersatzteile auszutauschen.

Allerdings kennt man längst auch den entgegen gesetzten Trend, Menschen, die sich nur noch um ihre Gesundheit kümmern und darüber hinaus vergessen, dass Gesundheit kein Selbstzweck ist. Andererseits ist sie, wenn man die Menschen selbst befragt, die Hauptzutat zum Glück. Fragt man Glücksforscher, so sind es tiefe Beziehungen. Beides ist in unserem Zusammenhang wichtig.

Das biologische Krankheitsmodell macht weiterhin Fortschritte, allerdings stößt es immer öfter auch an Grenzen, etwa in der Schmerzmedizin und bei chronischen Erkrankungen. Längst ist klar, dass der Körper eng mit der Psyche zusammen hängt und dass nicht nur Stress als negativer Faktor eine Rolle spielt, sondern es auch positive Faktoren wie Resilienz und Ressourcen auch bei Krankheiten gibt und einen fließenden Übergang psychischer, psychosomatischer und somatischer Erkrankungen, dazu Faktoren wie Placebo- und Noceboeffekt.