Eine der schlimmsten Situationen, wenn jemand fehlt, von dem wir wünschen, dass er da wäre. © Joris Louwes under cc

Es gibt Ereignisse, die mit der Wucht einer inneren Bombe in unser Leben einschlagen, so dass unsere Welt in Trümmern liegt.

Ein ziemlich hohes Erregungslevel gehört offenbar zu so gut wie allen Phänomenen der letzten Jahre dazu, nicht selten in Bereichen, bei denen lediglich die Komfortzone eines Ichs angekratzt ist, dass sich selbst zum Nabel der Welt erklärt hat. Doch die Bombeneinschläge in die innere Welt liegen jenseits der Komfortzone. Während bei der allgegenwärtigen Erregung und Empörung das Geschnatter und Selbstwichtigkeit dominieren, bringt manches Ereignis alles aus dem Gleichgewicht und bricht mit der Gewohnheit.

Es bleibt etwas zurück, ein Knacks, wie Roger Willemsen es schriebt, zumindest wissen wir intuitiv, dass ab jetzt etwas anders ist. Unser Leben wird nicht so weiter gehen und vielleicht nie wieder so werden, wie vor diesem Ereignis.

Wenn unsere Welt in Trümmern liegt

Da ist natürlich der unerwartete Todesfall eines nahen und geliebten Menschen zu nennen. Wenn das eigene Kind stirbt. Wenn die Eltern eines Kindes jung sterben. Wenn ein Lebenspartner oder sehr enger Freund stirbt, bei einem Unfall, an einer plötzlichen schweren Krankheit oder einfach zu früh und oft besonders verheerend für die Hinterbliebenen: wenn ein naher Mensch sich selbst getötet hat.

In all diesen Fällen sind wir geschockt und nach dem Knall wird erst einmal alles still. Fassungslosigkeit und Entsetzen machen sich breit, unser Lebensfluss ist unterbrochen und wir wissen nicht was ist und was kommen wird. Wir wissen auch nicht, was wir jetzt tun sollen.

Eine andere gravierende Erschütterung ist das Ende einer langen Beziehung. Das ist immer ein Trauma, eines, was von einigen nie so ganz überwunden werden kann. Wir sind Beziehungswesen und so ist das Wegbrechen einer bedeutenden Beziehung immer eine Katastrophe. Besonders auch für Kinder, etwa, wenn die Eltern sich scheiden lassen. Was gerne rationalisiert wird und in manchen Fällen unausweichlich ist, wenn es einfach nicht funktioniert, ist sogar noch für erwachsene Nachkommen traumatisch. Auch hier können Leere, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit die Folge sein.

Sehr erschütternd kann es sein, wenn man feststellt, dass das Leben in irgendeinem Aspekt völlig anders ist, als man dachte. Wenn man sich in irgendeiner gravierenden Auffassung über das Leben, ein Ideal oder einen Menschen getäuscht hat. Wenn man denkt, man führe eine tolle Beziehung und erfährt, dass der Partner seit Jahren fremd geht, die Kinder missbraucht oder das Leben auf einer Lüge errichtet wurde, die nun zusammenfällt. Eine plötzliche, heftige und schmerzhafte Erfahrung, die übrigens auch bei Psychotherapien erscheinen kann, wenn man sein Selbstbild revidieren muss. Der Durchbruch und die Erkenntnis sind der eine Pol, aber da ist dann eben auch der andere, die Erschütterung über das, was da in Trümmern vor einem liegt.

Das Wegbrechen der wirtschaftlichen Existenz, an der bei uns so viel hängt, ist natürlich dementsprechend schlimm, weil damit oft auch der soziale Status zusammen hängt. Wir leben in einem Staat der den Wert von Menschen nicht unwesentlich an ihrem Einkommen und Besitz misst. Wenn das von jetzt auf gleich zerronnen ist, weil eine gut gehende Existenz dahin ist, durch Corona, durch eine Firmenpleite oder Rationalisierung, ist das ebenfalls oft heftig und schambesetzt, selbst wenn man gar nichts dazu kann. Gar nicht so wenigen Rentnern geht es ebenfalls so, dass sie, wenigstens gefühlt, über Nacht ihren Status verlieren, wesentliche Teile ihres Lebens und es versäumt haben, sich eine neue Betätigung frühzeitig aufzubauen. Vielen fallen nach kurzer Zeit in ein tiefes Loch, es wird nur nicht oft drüber gesprochen.

Vielleicht die vernichtendste Situation ist es, wenn man eine ärztliche Diagnose erhält, die offenbart, dass man sehr schwer krank ist, es werden wird oder gar tödlich erkrankt ist. Der Boden wird einem unter den Füßen weggezogen wenn man auf einmal hört, dass man nur noch ein paar Wochen oder ein halbes Jahr leben wird.

Was tue ich jetzt noch, was lasse ich? Nur noch die wirklich wichtigen Dinge? Nur noch das, was mir Spaß macht? Aber was macht jetzt noch Spaß und macht es den gleichen wie eben noch, als man seine Diagnose noch nicht kannte? Und was ist wirklich wichtig im Leben? Auch eine plötzliche psychische Erkrankung kann das Leben radikal verändern. Eine Psychose, eine heftige Angsterkrankung oder der bleischwere Deckel einer Depression, die sich über das ganze Leben legt.

Alles wird still

Im Angesicht wirklicher Katastrophen sind wir an einem Punkt angelangt, an dem es für uns nichts mehr zu tun gibt. Jedenfalls nicht, was diese Explosion in unserem Inneren angeht. Es gibt kein Zurück mehr, das Ereignis ist bereits eingetreten und es kümmert sich nicht darum, ob wir damit einverstanden oder dazu bereit sind. Die Wucht haut uns einfach um, alles wird still. Man schaut irgendwann nach, was überhaupt noch steht.

Wenn es nichts mehr zu tun gibt, dann kann man aber immerhin etwas lassen. Das ist nicht als Gag gemeint, sondern eine durchaus ernsthafte Vorstellung breiterer Teile der Mystik. Das Lassen des Meister Eckhart, des Buddhismus, der psychosomatische Arzt Rüdiger Dahlke empfiehlt es öfter mal der Medizin und ihren Patienten, Dinge einfach zu lassen, statt immer zu machen und auch die inneren Explosionen beenden erst mal unseren Aktionismus. Dieses Lassen heißt aber in Fällen der Katastrophe nicht, dass man etwas freiwillig nicht macht, sondern man wurde in gewisser Weise dazu gezwungen.

“In den Lehren des Buddha hören wird von Ich-Losigkeit. Das hört sich schwer verständlich an. Wovon ist eigentlich die Rede? Wenn die Lehren über Neurosen sprechen, dann fühlen wird uns sofort zu Hause. Davon verstehen wir etwas. Aber Ich-Losigkeit? Wenn wir an unsere Grenzen stoßen und uns bemühen, diesen Bereich wirklich kennen zu lernen – das heißt, dass wir uns trauen, weder in Emotionen zu schwelgen noch sie zu unterdrücken –, dann löst sich etwas Hartes in uns auf. Die bloße Kraft jeder Energie – sei es die Energie des Zorns, die Energie der Enttäuschung oder die Energie der Angst – weicht uns auf. Wenn wir sie nicht in irgendeine Richtung kanalisieren, dann durchbohrt uns genau diese Energie bis ins Herz – und öffnet uns. Das ist die Entdeckung der Ich-Losigkeit. Sie geschieht, wenn all unsere Strategien versagen. An unsere Grenzen zu stoßen ist so, als würden als würden wir eine Tür zu geistiger Gesundheit und zur bedingungslosen Güte der Menschheit entdecken, statt einem Hindernis oder einer Bestrafung zu begegnen.”[1]

Das ist jedoch eine für unser Denken ungewohnte Wendung und geht über übliche Lebenshilfe Konzepte hinaus. Es ist ernst gemeint, in dem Sinne, wie ein Leben gelingen könnte, auch in Krisen. Wir werden hilflos, wenn wir keinen Plan, kein Konzept mehr haben, im Buddhismus wird genau das geübt. Wir wollen die Dinge verstehen, in weiten Teilen des Ostens geht es darum davon abzulassen verstehen zu wollen.

Aber dieses Lassen ist kein passives vergraben, sondern es geht darum, die Qualität dessen was ist genau zu spüren. Dass es noch eine Position dazwischen gibt, ist bei uns eher unbekannt, es fehlen die Begriffe und das Verständnis hier für.

Nicht in den Exzess gehen

Manche Ereignisse im Leben zermalmen alles, was war. © Robert Couse-Baker under cc

Unsere Methoden sind nicht schlecht. Es geht nicht darum, das gibt es in letzter Zeit häufiger, alles bei uns entweder konkurrenzlos gut und den anderen überlegen zu fühlen oder zur Selbstverdammung zu greifen, in der der Westen dann zu analytisch, zu verkopft und kalt ist, wo es doch um warme, gute, fühlende Ganzheit geht.
Wir versuchen einander zu unterstützen, ganz besonders in Notlagen. Das könnte hier und da noch besser werden, weil es immer noch besser gehen könnte, aber wir zeigen uns oft solidarisch mit Menschen, die schwer getroffen sind. Das ist gut.

Weitermachen ist auch eine Option. Die Anforderungen der Normalität haben einen eigenen Sog und auch wenn wir nicht wissen, was unser Leben noch für einen Sinn hat, kann es eine gute Option sein, einfach weiter zu machen, wie immer. Irgendwann kommt der Tag, an dem der Schmerz geringer wird, an dem man wieder lachen kann, an dem man sich freuen kann. Auch dann, wenn immer eine Narbe bleiben wird, aber die gehören zum Leben und machen uns im besten Fall reifer und mitfühlender.

Es gibt auch dusselige Angewohnheiten. Die Leugnung von Problemen, die man früher hätte erkennen können, vor denen manche bereits seit Jahren bis Jahrzehnten warnen, verbunden mit der Frage, warum denn eigentlich vorher keiner was gesagt hat über das unvermeidliche Suchen und Finden eines Sündenbocks. Manche kippen dann direkt von der Leugnung in die Dekadenz, in dem die sagen, jetzt sei ohnehin alles zu spät.

Wir suchen viel im Außen, der Osten zeigt uns, dass wir den Blick auch nach Innen wenden können. Wir sind es gewohnt dem Innen keine große Bedeutung zu schenken, etwas, was der Osten ebenfalls anders sieht. Er lehrt uns auf unsere Rolle zu schauen. Nun kann man das wegschieben, aber spätestens wenn die eigene Welt in Trümmern liegt, funktioniert das nicht mehr. Da mag man noch so sehr darauf trainiert sein zu projizieren und anderen die Schuld zu geben, es hilft einem ja nichts.

Gibt es Hilfe, wenn unsere Welt in Trümmern liegt? Ja, sagen manche und die Lösung wurde in dem obigen Zitat schon dargestellt. Nicht in Emotionen schwelgen und sie auch nicht unterdrücken. Trauer, Wut oder was auch immer sind oft angemessene Reaktionen und allemal besser als depressiv zu werden und von allen Gefühlen abgeschnitten zu sein. Aber man kann auch zu viel ausagieren, wüten, schreien, weinen, klagen … all das kann reinigen, kann ein Gewinn sein, wenn Menschen über Jahre keine emotionalen Regungen zeigen konnten, aber man kann sich auch hier exzessiv hineinsteigern und in Emotionen suhlen. Der andere Punkt ist die, meist unbewusste, Leugnung. Es ist doch scheinbar gar nichts passiert. Die Verleugnung setzt oft ein, wenn der Schmerz unerträglich groß wäre und ist ein lebenserhaltender Schutzmechanismus. Aber wie sieht sie nun aus, die Mitte.

Wir können lernen, die Qualität bestimmter Emotionen zu spüren. Wir stürzen uns dabei nicht in die neue Runde der mitreißenden Emotionen, sondern schauen einfach, dass da diese Emotion ist, lassen es zu, dass sie da ist und schauen noch etwas genauer hin. Wir betrachten nicht die Ursache zum zigsten Male, sondern die Emotion selbst. Ob Freude oder Lust, Wut oder Angst, Trauer oder Scham, Reue oder Stolz, was genau ist das eigentlich. Wo ist es? Ist es irgendwo im Körper mehr als an anderen Stellen? Wo ist es kalt, schwer oder wo ist es heiß und pulsierend? Oder fühle ich es ganz anders? Wie fühlt es sich eigentlich genau an? Was unterscheidet Angst, Lust oder Schmerz? Bestimmte Signale können sehr ähnlich sein, die Mimik, die Laute, das Zittern vor Erregung.

Hinschauen, aber es nicht Abbauen und Ausagieren. Seit Jahren ist bekannt, dass es gar nicht so gut ist, mal Dampf abzulassen, oft gilt, dass der gewinnt, der sich bremst. Aber hier geht es nicht um die reine Kontrolle, sondern um ein immer genaueres Kennenlernen. Natürlich fällt es in einer Krise leichter, wenn man damit schon einige Übung hat, aber man kann jederzeit damit beginnen und es ist nie zu spät.

Das sagen auch anerkannte Meister spiritueller Wege, bei denen es fast immer darum geht, die Dinge anzuschauen und dann das zu tun, was uns so schwer fällt … nämlich sie weiter nur anzuschauen. Und dann? Was bringt das denn? Was mach ich dann damit? Wo ist die Pointe? Sie war schon da. Es geht darum, aus dem Denken, dass der Wert von etwas darin liegt, was ich damit anfangen und damit machen und wie ich es nutzen kann, auszusteigen.

“Die formelle Meditation ist die sicherste und vielseitigste Art, mit der Entwicklung dieser Haltung anzufangen. Auf unserem Sitzkissen werden wir damit vertraut, weder zu schwelgen, noch zu unterdrücken und wir lernen, wie es sich anfühlt, die Energie einfach da sein zu lassen.”[2]

Hinschauen, passiv werden. Sich entspannen und noch genauer hinschauen. Nicht wegschauen, leugnen, verdrängen oder sich künstlich beruhigen. Es mag sein, dass das manchmal sein muss, aber es geht ums Hinschauen. Sofern man es erträgt. Manchmal erträgt man es nicht, manchmal übernimmt eine Automatik des Körpers oder der Seele oder Psyche, damit man einfach überleben kann. Es können gravierende Ereignisse einfach weg sein oder inmitten von schwerem Leid wird man ganz unbeteiligt. Ich bin das nicht, das passiert nicht mir. So erlebt man es.

Es ist großartig, dass es so etwas gibt und gleichzeitig schrecklich, weil es fast immer im Kontext von intensivem Leid und schweren Traumatisierungen auftritt. Bei schwersten Traumatisierungen ist sogar die Gefahr gegeben, dass es im Kontext von Therapien zu sogenannten Retraumatisierungen kommt, das heißt, etwas was kaum jemand auf dem Schirm hatte und was über Jahre abgespalten war, steht wieder mitten im Raum. Mit all dem Leid was dazu gehört und oft mit voller Wucht durchbricht.

Aber nicht jeder Mensch hat schwerstes Leid oder ein echtes Trauma erlebt und wir lernen immer mehr mit Traumatisierungen umzugehen. Doch es zeichnet sich mehr und mehr auch bei der Therapie ab, dass das was wirkt – etwa bei dem effektiven EMDR – vor allem die Konfrontation ist. Und konfrontieren kann man umso besser, je stabiler die Psyche ist. Auch da lernt man dazu, durch Resilienz und Ressourcen.

(K)eine Therapie

Wir sind es kulturell gewohnt das Wirkprinzip von etwas zu isolieren. Man fand heraus, dass Sauerkraut auf langen Schiffsüberfahrten gegen Skorbut half, ging der Sache auf den Grund und entdeckte, dass eine bestimmte Gruppe der Vitamine, in dem Fall das Vitamin C es war, was half. Also isolierte man das Vitamin und fand, extrahierte und synthetisierte in der Folge die Wirkstoffe aller möglicher Pflanzen mit großem Erfolg. Eine Bewegung, die immer feiner wird und bis in die Molekularmedizin vordringt, einerseits.

Andererseits findet man immer mehr heraus, dass es nicht der eine Wirkstoff oder der eine Kniff ist, sondern die Kombination. Bei dem vielen bekannten Johanniskraut ist das der Fall. Neulich entdeckte man das Rezept einer etwas 1000 Jahre alten englischen Augensalbe, einer sonderbare Kombination und Zubereitung, die allerdings hoch effektiv gegen Bakterien wirkt. Bei der systematischen Untersuchung fand man, dass es nicht eine der Zutaten war, die wirkte, sondern tatsächlich das Zusammenspiel am besten war.

So ist es auch mit der Meditation. Sie ist keine Therapieform, wirkt aber. Nicht die Entstressung allein, sondern es ist diese und unbekannte Herangehensweise sich nicht auf die eine oder andere Seite ziehen zu lassen, sondern einfach abzuwarten und hinzuschauen, die Dinge entstehen und auch wieder vergehen zu lassen. Alles und immer wieder. Was entsteht, vergeht auch wieder. Der kleinste Gedanke, eine Emotion, ein Weltreich und vielleicht auch das Universum. Man kann nichts festhalten. Wir versuchen das aber alle und so vergrößern wir das Leid.

Meditation hilft uns im grundsätzlichen Sinne dort auszusteigen, weil es nicht darum geht sich mit irgendeinem Inhalt gemein zu machen, auch keinem genialen, sondern einfach nur zu beobachten. Versteht man das, hat man den Ausweg aus allem Leid gefunden, meinen zumindest die Buddhisten. Man sollte meinen, dass das ewig dauert, aber tatsächlich gibt es da noch eine andere Seite.

Es kann auch sehr schnell gehen, dass man loslässt, begreift worum es geht oder erwacht, buchstäblich im nächsten Augenblick. Man muss dazu nicht irgendwelche Mantras murmeln, fast jeder kennt Annäherungen aus dem Alltag. Wer schon einmal sein Leben auf ein großes Ziel ausgerichtet hat, sei es eine Partnerschaft, ein berufliches oder sportliches Ziel, in das man jede Menge Energie investiert hat und nun ist auf einmal dieses Ziel, für das man gelebt hat, aus irgendwelchen Gründen zerronnen, der kann das nachvollziehen. Vielleicht ist das Ziel erreicht, vielleicht aber auch für immer aus und vorbei, ein Traum ist geplatzt, weil eine Partnerschaft scheiterte, ein Traum sich nicht erfüllte. Zurück bleiben Leere, Enttäuschung und gleichzeitig eine merkwürdige Art der Freiheit, der Offenheit, gerade auch nach Katastrophen. Man hat noch ein halbes Jahr zu leben. Erschütternd kurz und dennoch öffnet sich zugleich ein ganz großer Raum, man kann wirklich ganz präsent sein, bei allem was man tut, sei es noch so wichtig oder banal. Andererseits weiß man auch gar nicht so recht, was man jetzt machen soll, was ist denn überhaupt jetzt noch wichtig? Vielleicht noch sein Leben in Ordnung bringen, vielleicht aber auch einfach mal wieder am Abend durch die Stadt schlendern, ohne Ziel, ohne Absicht.

Je näher man dem Tod kommt, um so mehr ist man bereit von den Illusionen Abschied zu nehmen, denen man folgte, weshalb man dem Tod im fernen Osten so eine große Bedeutung beimisst. Die Illusion besteht im Grunde darin, an seinen Plänen fest zu halten und die Welt in das Korsett seines Vorhabens zu pressen. Das ist Quatsch, weil die Welt sich ohnehin nicht an Pläne hält und wem sie einmal zerronnen sind, der findet Zugang zu dieser Lichtung, denn ansonsten ist der Tod nichts Besonderes, alles was man dann und dort erleben kann, kann man auch jetzt erleben.

Inseln der Klarheit

Alle Empfindungen haben diese Kipppunkte des Leids, in denen das Gefühl umschlägt, etwas aus dem Chaos ragt. Auch dann, wenn man es nicht schafft, die Balance zwischen dem Leugnen und sich hinein werfen zu halten (und das wird uns oft misslingen), taucht inmitten des Wahnsinns und des Chaos diese Insel der Ruhe und Klarheit auf. Aber es muss nicht zwingend die Welt in Trümmern liegen, in jedem Moment kann es sich wieder einstellen, dass man die Ruhe im Auge des Wirbelsturms erlebt oder einfach auch den Moment der Klarheit im Wahnsinn des Alltags. Einfach in dem man da ist.
Wir müssen es paradoxerweise üben nichts zu tun, nicht zu reagieren und auch mal passiv zu bleiben. Dabei kann es zu sonderbaren Momenten kommen, sogar bei intensivem Leid, das einen dunklen Schleier über alles was die Welt schön macht legt. Wie es oft bei zerbrochenen Beziehungen der Fall ist. Nichts macht mehr Spaß, alles ist bestenfalls Ablenkung, Ersatz. Da ist dieser Schatten auf allem, den man nicht los wird. Doch auch wenn man sich in Schmerz und Selbstmitleid gesuhlt hat, kann die andere Seite auftauchen, eine eigenartige Form von Frieden und Freiheit. Wenn man am tiefsten Punkt angekommen ist, kann man nicht mehr fallen und auch das ergibt wieder eine Form der Freiheit und sei es eine Narrenfreiheit[link], doch aus diese ist nicht zu verachten.

Wie gesagt, auch unsere Herangehensweise hat ihren Wert und ihre Stärken. Doch auch andere Traditionen haben ihre starken Seiten und wenn das Beste aus allen Bereichen zusammen fließt, ist das zu begrüßen. Der hier skizzierte Weg ist eine Form der Klarheit und Sanftheit nicht der Verbesserung oder Optimierung. Es gehört zum Weg, dass wir immer wieder von ihm abfallen. Durch unsere Denkgewohnheiten, Begierden und spontanen Affekte. Aber niemand kann uns daran hindern zur freundlichen und wachen Offenheit zurück zu kehren, uns selbst verzeihend, dass wir uns haben entführen oder mitreißen lassen. Auch Aktion und Karacho sind ein Teil des Lebens und es geht nicht darum nur noch passiv zu beobachten. Aber es geht darum diese andere Seite immer wieder finden zu können und wenn wir das gut beherrschen, kann es uns auch dann helfen, wenn unsere Welt in Trümmern liegt. Irgendwann fließen beide vielleicht sogar zusammen.

Quellen