Eine zauberhafte richtige Welt, irgendwo zwischen Natur und Künstlichkeit. © Ajay Goel under cc

Das richtige Leben hört sich manchmal so an, wie eine Drohung, wenn wir jemandem sagen, er solle erst mal erwachsen werden.

Oder realistisch und endlich aufhören zu träumen. Das richtige Leben scheint etwas zu sein, in dem man ankommen kann und muss. Aber was macht das oder richtige oder echte Leben eigentlich aus?

Dieser Frage und wann man dort angekommen ist, kann man sich vielleicht, wenn man sie nicht direkt beantworten kann, über den Umweg nähern, indem man jene benennt, die im richtigen Leben noch nicht angekommen sind. Kinder zum Beispiel. Sie sind vielleicht herrlich unverstellt, oft im spielenden Moment versunken, aber wir wissen ja gerade, dass das richtige Leben eben kein Spiel ist. Ist doch so, oder?

Ab einem bestimmten Alter ist man dann oft auch wieder raus. Vom Archetypus des oder der alten Weisen ist nicht viel übrig geblieben in unserer Gesellschaft, in der die vornehmste Aufgabe der Alten ist, bitte nicht dement zu werden und niemandem zur Last zu fallen. Denn dann sind sie definitiv raus, aus dem richtigen Leben, vielleicht aber auch schon mit der Pensionierung. Manche laufen dann zwar zur Höchstform auf, beginnen ein Studium, machen die lange geplante Weltreise oder mischen sich aktiv irgendwo ein, andere genießen einfach ihren Lebensabend, aber ist das noch das richtige Leben? Denn das richtige Leben ist auch kein Spaß, hört man manchmal.

Behinderte Menschen, vor allem geistig behinderte, die sind auch raus, gesteht man ihnen doch zu oder unterstellt es ihnen, am richtigen Leben nicht teilnehmen zu können, jedenfalls nicht so richtig.

Ist das richtige Leben also einfach das Arbeitsleben? Vorher ist alles mehr oder weniger Spaß oder Probelauf. Kita, Schule, Uni und dann, dann geht es so richtig los, wenn man seinen Bachelor hat oder die Lehre beginnt. Wobei die, die ‘was Richtiges’ lernen und machen natürlich bessere Karten haben auch im richtigen Leben anzukommen. Was Richtiges ist dann oft was Handfestes, wo man, also so gut wie jeder, sich was drunter vorstellen kann. Tischler oder so. Das hat was Ehrliches, Echtes. Wobei natürlich schon die Frage ist, ob man wirklich begeistert ist, wenn das eigene Kind auf die Idee kommt, eine Tischlerlehre machen zu wollen. Kann man ja immer noch, wenn man nichts Besseres (falls man das sagen darf) gefunden hat. Wobei das ja sehr echt ist, genau die Garten- und Landschaftsbau. So nahe an der Natur, irgendwie ja auch schön, wichtig und sinnvoll, aber das richtige Leben fordert ja auch den richtigen Verdienst und das richtige Ansehen.

Gewiss, es fordert auch, dass man diese wertenden Unterscheidungen in gute und schlechte Berufe eigentlich so nicht trifft. zumindest nicht so offen. Ist ja auch wirklich schön, so was Handfestes. Es wäre ja zumindest nicht schlecht, wenn man erst mal versucht, noch ein wenig weiter zu kommen. Aber Arbeit, die bringt einem dem richtigen Leben näher. Handfest ist dabei durchaus gut, aber das heißt dann weniger mit dem Schraubenschlüssel oder der Schippe in der Hand, sondern mit Stift oder Laptop. Das ist schon eher was Richtiges. Denn, das richtige Leben erfordert auch, dass man realistisch ist und endlich aufhört zu träumen. Man muss ja auch mal an die Zukunft denken, man wird ja nicht jünger.

Nicht jede Arbeit ist richtige Arbeit

Waldarbeiter, Klempner und Installateure machen zwar schon echte Arbeit, aber zum richtigen Leben gehört durchaus, dass man das Bessere nimmt, wenn man das Bessere haben kann. Schwitzen kann man auch im Fitnessstudio, das muss nicht bei der Arbeit sein. Wenn man sich auch ein wenig nach – naja ‘unten’ – abgrenzen will, zumindest der Nachwuchs soll es ja besser haben und die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht, so gibt es auch noch andere Berufe, die die Teilnahme am richtigen Leben doch eher ausschließen.

Künstler zum Beispiel, ganz schlecht. Brotlos, versponnen, wofür denn? Man kann ja auch privat und so, am Wochenende und lieber was Anständiges lernen. Philosoph ist auch nichts. Klar, wenn man das Philosophendasein elegant mit medialer Präsenz verknüpfen kann, dann geht das schon, aber einfach so dasitzen und denken? Das ging damals schon los, Thales vom Milet, ganz alter Grieche, wurden von der thrakischen Magd ausgelacht, weil er gen Himmel blickend in den Brunnen fiel und zwar die Erkenntnis des Fernen begehrte, dabei aber das Naheliegende übersah, was durchaus nicht ohne tieferen Sinn ist. Er wird uns nachher noch mal begegnen.

Aber das hat der Philosoph mit dem zerstreuten Professor gemein, sie schweben irgendwie in anderen Sphären, sind aber – wenigstens dem Klischee nach – für das richtige Leben verloren. Zu trottelig, zu lebensfern, zu ungeschickt. Lebt im Elfenbeinturm, die Haare zerzaust und weiß nicht, was ein Glas Gurken kostet. Überhaupt so Geisteswissenschaftler, das ist irgendwie ungreifbar, besser ist Ingenieur oder Ärztin. Oder was mit Lehramt oder Jura, das kann man wenigstens gebrauchen.

Beginnt das richtige Leben, wenn man Kinder bekommt?

Man könnte das meinen, denn schon die Arbeit zwingt zu einer gewissen Regelmäßigkeit und Disziplin, Kinder natürlich auch, wenn man ihnen gerecht werden möchte. Ein oder mehrere Kinder zu haben, ist dann eine Aufgabe für ungefähr zwei Jahrzehnte. Alles wird anders, die Eltern reifer und verantwortlicher, vorher hat man sich noch die Hörner abgestoßen, wie man so sagt, nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt der viel mit dem richtigen Leben zu tun hat, so zumindest in der Theorie.

Praktisch haben Psychologinnen das untersucht und kamen zu anderen Ergebnissen. Die Punkte Offenheit, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, die bei den Big Five die Reife messen, ergeben aber ein ziemlich durchwachsenes Bild, das sich unterm Strich so zusammenfassen lässt, dass Alter und Geschlecht die Reife eines Menschen stärker beeinflussen als die Elternschaft. Eltern mit Anfang 20 sind andere, als mit Mitte 30.

Kinder zu bekommen macht nach dieser neuen Studie (ein ältere kam zu anderen Ergebnissen) jedenfalls nicht automatisch reifer und eine gewisse Reife scheint etwas damit zu tun zu haben, dass man mitten im Leben steht.

Man spürt schon, dass man im richtigen Leben angekommen ist

Aber vielleicht ist es mit dem richtigen Leben ja auch ähnlich wie bei Freude, Stress, Schmerzen, Orgasmen, Verliebtheit oder Gipfelerfahrungen. Man kann am besten selbst sagen, ob man so etwas erlebt hat und wenn man es erlebt hat, kann man die Frage auch ziemlich sicher beantworten. ‘Waren Sie je verliebt?’ Wer es war, der weiß es, wer herumlaviert und sagt, das käme drauf an, was man so unter Liebe versteht, war es eher noch nicht. So könnte es auch beim richtigen Leben sein, man spürt schon, wenn man dort angekommen ist.

Wenn man sich seiner Verantwortung für das eigene Leben, die anderen, die Gesellschaft und die Erde bewusst wird und diese auch wahrnimmt, dann ist man angekommen. Allerdings scheint einen doch vieles wieder raus zu kicken. Das richtige Leben ist eben ein realistisches und die Realität ist für viele (noch immer) irgendwo da draußen. Träumen sollte man nicht zu viel, dabei sind unsere Tagträume gar nicht selten, sind Realität und Phantasie gar nicht so schroff von einander getrennt, wie man meinen sollte.

Vielleicht machen eigene Kinder die Menschen nicht unbedingt reifer, aber eine längere Beziehung scheint es doch tun, oder? Manche stellen sich unter Beziehungen andauernde Verliebtheit vor und beenden nach jedem erneuten Rausch der Hormone dieselbe vor dem abebben, auf der Suche nach dem neuen, immer währenden Kick. Doch auch Beziehungen die den Sprung von der Verliebtheit zur Liebe (mit Überschneidungen) schaffen, haben einen hohen unrealistischen Anteil und müssen ihn haben. Beziehungen sind immer auch Idealisierungen des anderen, Bilder von dem, was der andere sein könnte. Aber auch Bilder und Visionen davon, was wir mal zusammen erleben werden. Die Möglichkeitswelt deren enge Zugehörigkeit zur Realität mit Husserl und Heidegger ausgerechnet zwei Philosophen gefunden haben, sehr spät übrigens, wenn man es philosophiegeschichtlich einordnet, erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Eine intime Beziehung ohne Idealisierung zerfällt oder wird zur nur noch funktionalen Beziehung, in der man sich über die Erfordernisse des Alltags austauscht und in dem etwas darüber Hinausgehendes immer mehr ausgedimmt wird. Wenn das die Version des richtigen Lebens ist, sollte man lieber einen Bogen darum machen.

Bin ich noch drin?

Der Alltag ist voll von Angeboten, die uns immer wieder rauskicken. Neben Träumereien und Künsten haben auch Bücher nichts mit dem richtigen Leben zu tun. Vielleicht noch der eine oder andere Ratgeber, ein historischer Krimi zum entspannen, aber zu sehr sollte man sich nicht in Bücher vergraben und der Ausdruck ‘Bücherwissen’ klingt manchmal etwas abfällig und ist auch so gemeint. Denn das richtige Leben findet man eben nicht zwischen Buchdeckeln, es findet außerhalb davon statt.

Auf der anderen Seite haben die sozialen Medien ihren festen Platz ja nicht nur auf dem Smartphone von uns sondern eben auch in der Lebenswelt. Alle paar Minuten schauen sehr viele darauf, um sich in virtuellen Welten zu treffen, eine Welt der oft mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, als dem eben noch so genannten richtigen Leben.

Aber wo finden Social Media, Bücher, Tagträume, Kunst, Musik, Philosophie und Meditation und dergleichen denn nun eigentlich statt, wenn nicht hier im Leben? Warum ist es echter zu essen als zu denken? Auto zu fahren als zu meditieren? Wir können die Realität gar nicht vermeiden, wir können den Kontakt zu ihr gar nicht kappen, es gibt nur unterschiedliche Arten und Wege die Realität wahrzunehmen oder sich in ihr zu bewegen und von keinem können wir sagen, er sei realer als ein anderer.

Natürlich gibt es Lug und Trug, Illusionen und Irrtümer, Lügen und Täuschungen und auch den Begriff des Realitätsverlustes kennt man in der Psychiatrie und Psychologie. Aber selbst beim Realitätsverlust verliert man nicht die Realität, sondern den Bezug zur herkömmlichen Deutung der Dinge, die die aller meisten teilen. Bei Halluzinationen ist noch halbwegs offensichtlich, dass da jemand etwas sieht, was nicht da ist, was die anderen also nicht sehen, aber schon die Frage, wann eine Deutung überzogen ist, ist ja umstritten. Eingebettet in die Realität sind sie alle, nur nicht in jene, die von den meisten anderen Menschen erlebt wird. Das ist nicht folgenlos, eine Psychose ist schon eine ernste Sache, aber eben auch eine verflixt reales Geschehen.

Auch Irrtümer und Lügen haben ja eine Wirkung, bei der Lüge ist diese ja sogar beabsichtigt, ein Irrtum ist zwar nicht vorsätzlich, Folgen hat er dennoch und beide natürlich im richtigen Leben, wo auch sonst? Man kann das richtige Leben gar nicht vermeiden. Es ist von Anfang bis Ende gespickt mit dem, was für manchen gar nicht dazu gehören soll.
Das beginnt mit unserer Tagesroutine oder einer Sonderplanung, im Grunde ein virtuelles Geschehen in der der Ablauf für heute gedanklich vorweggenommen ist. Arbeit, Einkauf, Kinder wegbringen, zur Uni und dann das, was man sonst noch so macht, dabei hat man schon aufs Smartphone geschaut. Hat man einen besonderen Termin, denkt man darüber nach, wie dieser wohl laufen wird, wie lange das wohl dauert, man plant und spielt alles durch … im Geiste. Man denkt vielleicht über einen Streit von gestern nach, spielt noch einmal alles durch, schätzt ein, was das wohl jetzt bedeutet. Es fällt einem ein, bei wem man sich auch mal wieder melden müsste, überlegt, was man heute wohl anzieht und so weiter. Das richtige Leben ist gespickt mit Gedankenspielen über dies und das, auch wenn wir nicht Sudoku lösen, keine Philosophen oder Mathematiker sind.

Das richtige Leben. Eine normative Aussage?

Steckt hier ganz viel richtiges Leben drin oder besonders wenig? © Clint Budd under cc

Vielleicht ist das mit dem richtigen Leben ja auch normativ oder moralisch gedacht. So wie in Adornos berühmten Zitat: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Eventuell etwas abgeschwächter, so dass es eine richtige Art zu leben gibt und eine, davon abzuweichen. Adorno hat dabei jedoch kein uniformes Lebensmodell im Hinterkopf, keine Gleichmacherei, denn an anderer Stelle feiert er die Unterschiede und sich wechselseitig respektierende Lebensansätze.

Alles wäre gut, wenn jeder die Art und Weise des anderen zu leben akzeptiert und nicht versucht, ihn zu einem anderen Leben, Fühlen, Wollen, Handeln, Sagen oder Denken zu bekehren. Jedoch ist nicht jeder willens oder in der Lage, das einzusehen oder umzusetzen und so ist dann in der Praxis doch nicht jeder Lebensansatz gleich gut. Ein Punkt der längst nicht jedem klar ist und der daher auch noch nicht zu Ende diskutiert ist.

Dennoch hat eine andere Art der Normativität viele von uns im Griff. Das richtige Leben hat viel mit dem zu tun, wie man eben heute so lebt. Da wird zwar von manchen eine gewisse Uniformität beklagt, aber es ist ein Konformismus über Bande. Die Rede vom großen bösen Mainstream hört man immer aus eher bestimmten kleineren Ecken der Gesellschaft und jedes Mal sieht der Mainstream ein wenig anders aus. Was ihn eint ist lediglich, dass er anders ist als wir. Nicht die Werte einer bestimmten Randgruppe zu teilen ist aber noch keine übereinstimmende Eigenschaft, die Menschen verbindet.

Und im Gegensatz zu dem was behauptet wird, ist auch weniger die Orientierung an dem, was alle machen das verbindende Element, sondern es scheint heute wichtig zu sein, sich abzugrenzen, anders zu sein, das zu machen, was noch niemand gemacht hat. Teil eines bestimmten auserwählten Zirkels zu sein oder etwas erlebt zu haben, was so nie wieder zu erleben sein wird. Der eine magische Moment, das Konzert von 2012, das sensationelle Sportereignis, der unvergleichliche Urlaub oder die Party, die es so nie wieder geben wird. Singularität als die neue Norm, das Besondere und Unwiederbringliche als der neue Maßstab.

Stimmt ja auch. Das neue Buch genau da und dort gelesen zu haben, das gibt es vermutlich als Erlebnis so nur einmal auf der Welt. Aber bei Licht betrachtet ist jedes Ereignis auf seine Art einzigartig. Die Erkenntnis, wenn sie zündet, ist super, genau das will uns Zen beibringen, aber wenn jeder Moment besonders ist, ist auch wieder keiner besonders. Die nächste super Erkenntnis. Wir sind aber derzeit noch woanders unterwegs und feiern das Besondere, definieren uns darüber.

Das macht uns zwar besonders, aber es trägt kollektiv nicht und da gibt es immer weniger. Gerade noch die Hälfte der Menschen bei uns ist Mitglied einer christlichen Kirche, aber auch Parteien, Gewerkschaften und anderen Großorganisationen verlieren an Nachwuchs. Doch die vermeintliche Individualität ist in vielen Fällen eine neue Uniformität, eben nur gut verpackt. Oft ein bindungsloser Einzelkämpfer, der sich über seinen Beruf und seine Leistungsbereitschaft und -fähigkeit definiert. Ein unverheirateter Mensch, der sich so lange es geht für seine Arbeit fit hält und sich den Anforderungen seiner Umgebung weitestgehend geräuschlos anpasst, darf sich also heute als Leistungsträger fühlen. Früher galten solche Menschen als kauzige Sonderlinge und wurden Hagestolz genannt.

Der nicht reflektierte gesellschaftliche Druck

Die Schuld bei den Sündenböcken zu suchen ist zu einfach, wenngleich auch Habermas hier klare Worte findet:

“In der diffusen Gestalt frei konkurrierender öffentlicher Meinungen kann „das Politische“ – im Sinne eines Interesses für das Ganze unserer einstweilen noch über nationalstaatliche Öffentlichkeiten legitimierten Gemeinwesen – auch in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften in Verbindung mit demokratischen Wahlen ein einigendes Zentrum bilden. Das ist freilich nur so lange möglich, wie die entscheidungsbedürftigen Themen überhaupt noch in die Kommunikationskreisläufe Eingang finden und die staatlich in institutionalisierten Entscheidungen selbst in dem pluralistischen Stimmengewirr einer vitalen Öffentlichkeit verwurzelt bleiben. Die Belastungen, die durch die Funktionsstörungen in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft, vor allem im ökonomischen System, hervorgerufen werden, finden auf dem Resonanzboden der Zivilgesellschaft ein Echo in einer zerstreuten, aber gesellschaftlich verbreiteten Krisenempfindlichkeit. Dieses noch vorpolitische Allgemeinbewusstsein richtet die Aufmerksamkeit auf Themen, die einen Handlungsbedarf der Politik einfordern. Es kann sich in der Öffentlichkeit artikulieren und unter günstigen Bedingungen mobilisierende Kraft entfalten. Die längst verstaatlichten politischen Eliten empfangen von dieser Seite einen intentionalen Gegendruck zu dem Erpressungspotential der Märkte und dem allgemeinen systemischen Druck funktionaler Imperative, die im Scheine von Sachnotwendigkeiten auftauchen”[1]

Habermas ist nie leicht zu lesen, beim zweiten Mal versteht man aber, was er meint. Den Funktionalismus können und müssen wir selbst loswerden. Auch indem wir uns klar machen, dass wir diese funktionalistische Sichtweise erst erworben haben.

Wir sind alle so individuell, dem kann man sich kaum nicht entziehen, wenn die Freunde das machen, macht man es mit. Natürlich nur, wenn man dazu steht, es muss schon zu mir passen. Aber mein Freundeskreis passt schon zu mir, sonst wäre es ja nicht mein Freundeskreis. In der Umgebung, der Nachbarschaft, da kann man nun auch nicht einfach machen, was man will, jedenfalls nicht ohne Gesichtsverlust, man will ja auch kein Asi sein. Schon ist man ganz individualistisch wieder im Gruppendruck, hat aber auswendig gelernt, dass man das alles freiwillig macht. Das mit dem Freiwilligen stimmt schon, aber es ist oft recht unreflektiert.

Man kann für die Mitwelt die Fassade eines doch ziemlich zufriedenen Lebens aufrecht erhalten, indem es darum geht über alle Widersprüche hinweg zu sehen, alle Ideale der Jugend (falls es da etwas gab) langsam auszudimmen, sich so anzupassen, dass man nicht merkt, dass das vermeintlich so hohe Maß an Individualität, die man aber bitte auch in den sozialen Medien fortlaufend zu dokumentieren hat, doch recht unfrei macht.

Die Lösung ist bestimmt kein billiger und floskelhafter Kollektivismus, sondern oft Reflexion der eigenen Zustände. Also genau das, was eigentlich doch gar nicht so viel mit dem richtigen Leben zu tun haben soll.

Es tut ja doch keiner was?

So hört man es oft und dann findet das richtige Leben wieder nur statt, wenn man schwitzt, sägt und Möbel verrückt. Reden scheint schon weiter weg und Denken kann ja nichts ändern. Denken kann sich höchstens zu Taten verdichten und die ändern das was. Es ist egal, was ich denke, wenn ich Durst habe, denn dann muss ich einfach was trinken. Aber eine schwierige Entscheidung treffe ich nicht dadurch, dass ich viel trinke, sondern da muss ich nachdenken. Klingt simpel, ist simpel, nur werden bei den ‘Beweisen’, wie wirkungslos das Denken doch sei, häufig merkwürdige Kontexte kreiert.

Dass man sich ja nicht denken kann, dass sich die Wand von selbst anstreicht, das müsste man schon selbst tun. Stimmt, aber hat auch keiner behauptet. Aber das Denken ändert sich, wenn man anders denkt. Man kann lernen anders zu fühlen, weiter zu werden, neue Möglichkeiten anzuschauen, neue Perspektiven einzunehmen und auf einmal ändert sich die ganze Welt.

Bei einer Psychotherapie gibt ein zwar den Ansatz, sein Verhalten zu ändern, aber das ist nur einer von vielen und dazu längst nicht der tiefgreifendste. Wenn er passt, ist er super, genau wie die Säge richtig ist, wenn man einen dicken Ast los werden will. Ansonsten ist eine erweiterte Perspektive das was die Welt eines Kranken fundamental ändern kann. Man denkt ‘nur’ etwas anders, etwas breiten und spielt das durch. Und auf einmal ist alles anders. Das sind die Paradefälle, aber es gibt sie.

Und es kann sogar noch sparsamer und passiver werden. Der Mystiker Meister Eckhart ist unter anderem dadurch bekannt geworden, dass er eine Art westlichen Buddhismus entwickelt hat. Eckhart schreibt in eindrucksvoller Weise, dass es nicht darum geht sich als religiöser Mensch abzustrampeln um ein gottgefälliges Leben zu führen, viel mehr solle man von all dem loslassen und darauf vertrauen, dass Gott einen schon so schafft, wie er es für richtig hält.

Das ist mal echtes Gottvertrauen, aber Eckhart verstört weiter und sagt, dass ihm in seinem Durchbrechen Gott als Schöpfergott nicht genügen kann. Trotz oder wegen seiner Reduziertheit lässt Meister Eckhart keinen Stein auf dem anderen. Er schreibt, ihm würde zuteil, dass er – in seiner ersten ungeschaffenen Ursache stehend – und Gott eins sind. Man muss den Weg nur konsequent zurück gehen und loslassen.

Das ist noch nicht mal ein Denken, sondern die Frucht konsequenter geistiger Armut. Eine Armut, die daher rührt, dass man los lässt und zurück lässt, was man als sicher ansieht. Aber Eckhart macht es uns nicht leicht. Seine Botschaft ist nicht, sich hinzusetzen, selig zu lächeln und darauf zu warten, dass alles gut wird. Denn einerseits redet er von Vertrauen, geistiger Armut, dem Geschehen lassen oder Gelassen werden.

Aber das ist eben keine Lethargie. Was erwarten Menschen von der Religion? Aktuell schwindet die konfessionelle Bindung, ob die Transzendenz je verschwinden wird, weiß man nicht. Es ist das Außeralltägliche, was die Menschen suchen und dieses Außeralltägliche scheint ein tiefes Bedürfnis des Menschen zu sein, eines, das Religion und Kunst verbindet. Es gibt jenseits des Alltags noch dieses andere, vielleicht diese andere Welt und auch sie ist echt und richtig, weil Menschen in ihr und mit ihr etwas erleben.

Meister Eckhart torpediert oder transformiert auch das, wenn er einerseits betont, “dass die Heiligkeit niemals auf ein Tun gegründet ist, sondern ausschließlich auf ein Sein.”[2]

Doch in seiner Predigt über Martha und Maria findet man:

“Eckharts Hochschätzung der von einem göttlichen Impuls geleiteten sozialen Aktivität führt ihn sogar zu einer unkonventionellen Auslegung der biblischen Erzählung von den Schwestern Maria und Martha, die dem herkömmlichen Verständnis völlig widerspricht. Er folgt nicht der traditionellen Interpretation der Darstellung im Lukasevangelium (Lk 10,38–42 EU), wonach Christus dort den Vorrang der rein kontemplativen Haltung Marias gegenüber der aktiven Marthas feststellt. Vielmehr steht nach Eckharts Deutung die äußerlich aktive Martha höher als die nur Christus zuhörende Maria. Martha war zwar mitten in den Sorgen der Welt tätig, aber unbekümmert, auf besonnene Weise und ohne dabei Gott aus dem Auge zu verlieren. So verband sie in ihrer Haltung die Vorzüge von Kontemplation und Aktion.

Den Vorrang der sozialen Aktion vor der passiven Kontemplation betont Eckhart noch drastischer in einem Traktat, wo er schreibt, dass jemand, der im Zustand der Verzückung ist wie der Apostel Paulus, wenn er von einem kranken Menschen weiß, der eines Süppleins von ihm bedarf, von der Verzückung ablassen soll, um dem Bedürftigen zu dienen. Dabei versäumt man keine Gnade, sondern gibt im Gegenteil Gott den Vorrang.”[3]

Das Besondere liegt im Alltäglichen und dort findet die Synthese statt. Erst mag es diese Trennung geben, vielleicht ist sie notwendig, um dem Sakralen, dem Besonderen einen Raum zu geben, aber letztlich kürzen östliche und westliche Mystiker diese Trennung ein. Die gleiche Handlung, dasselbe Tun kann vollkommen unterschiedlich motiviert sein und die Synthese ist kein engagiertes Wollen, kein besonderes Denken, sondern eine Einstellung, die alles abstreift und gleichermaßen für Gott und die Welt offen ist und wir sahen, dass der Meister mit einen konventionellen Gottesbild nicht viel am Hut hat.

Das richtige Leben, wo findet es statt?

Wer ist nun näher dran, am richtigen Leben? Der Waldarbeiter, der Philosoph, der in der Brunnen fällt oder die Magd, die ihn auslacht? Eine Quantenphysikerin oder ein Bäcker, der noch mit der Hand ehrlich knetet? Ein Lügner oder seine Anwältin? Ein Irrer oder sein Psychiater? Ein Märchenerzähler, Mathematiker, Musiker oder Mystiker?

Man kann die Realität nicht vermeiden, alles was man macht, ist gleich nah dran an und wirkt auf sie ein und in ihr. Das alles ist richtiges Leben. Dass das richtige Leben in einem normativen Sinne meint, so zu leben, wie es alle tun – auch wenn das was alle tun derzeit oft darin besteht, sich und anderen seine Einzigartigkeit durch Besonderheiten beweisen zu wollen – ist ebenfalls nicht überzeugend. Alles und jeder ist auf seine Art einzigartig. Hat man das mal verstanden und wirklich durchdrungen, kann man von der Suche nach dem Besonderen auch wieder ablassen, weil jeder Moment gleich einzigartig ist. Die Frage besteht darin, ob man es erkennt, nicht, ob es so ist.

Quellen