Mainstream im halben Dutzend

Social Media könnte man zu den Mainstream Produzenten rechnen, aber auch sie haben keine homogene Botschaft. © U.S. Army CCDC under cc

Genau das ist aber ein neues Phänomen. Teilte man früher die Gesellschaft in die politischen Lager links und rechts ein oder vielleicht in eine Ober-, Mittel- und Unterschicht, so ist heute gar nicht mehr klar, wer überhaupt zur Elite zu rechnen ist. Es gibt nicht mehr die breite Mittelschicht, die wohlhabend, gut gebildet und daher linientreu ist, schon deshalb weil eine Linie kaum erkennbar ist.

Will man sich der Skizzierung dessen nähern, was den Mainstream heute ausmacht, muss man sich wundern, denn der definiert sich zwar ein wenig auch über die, die sich von ihm abgrenzen, aber wenn man dann versucht den Mainstream über Bande zu rekonstruieren, wird es schwierig. Denn, in welche Richtung trottet die traurige Herde denn nun? In Richtung ‘linksgrün’, wie der Mainstream und vor allem die Medienvertreter sein sollen? Stehen wir alle kurz vor der Ökodiktatur? Oder ist der Staat und der Mainstream, der ihm folgt, doch eher auf dem rechten Auge blind, hat die Gefahren von dort viel zu wenig wahr- und ernstgenommen? Sind wir alle aus Washington ferngesteuerte Transatlantiker oder gibt es zu viele Putinfreunde? Oder ist es gerade zum Haare raufen, wie sehr das Thema Umwelt- und Klimaschutz noch immer ausgeblendet wird? Geht es in Wirklichkeit um die großen strategischen Neuausrichtungen der Weltpolitik und die Fragen von Krieg und Frieden, die wir auf die leichte Schulter nehmen und die der Mainstream nicht erkennt? Ist es doch die Schere zwischen Arm und Reich, die er verfehlt? Werden die großen Räder gedreht und diskutiert, also Menschheitsthemen, Jahrhundertereignisse und liegt der Teufel in Wahrheit im Detail oder im Alltag? Sind es viel mehr der demographische Wandel und der Pflegenotstand, das Absinken des Rentenniveaus, was zwar undramatisch klingt, aber doch für Jahre des Leids und Elends von vielen Menschen sorgt? Verpassen wir gerade sehenden Auges den Anschluss an neue Technologien oder ist der Trend das Heil in allen Arten von technischen Utopien zu suchen, der wirkliche Wahnsinn? Oder sind Bildung, Integration. Tierschutz, innere Sicherheit, eine Agrarreform oder noch ein anderes Thema das, was der Mainstream nicht hinreichend auf dem Schirm hat?

Mainstream bedeutet heute, sich vom Mainstream abzugrenzen

Ohne das zu diskutieren oder zu hierarchisieren, wird bei der gewiss noch nicht vollständigen Liste der neuen Realitäten, denen wir uns stellen müssen irgendwie ungreifbar, was ‘den’ Mainstream denn nun eigentlich ausmacht. Was zeichnet die Frau oder den Mann des Mainstreams denn nun als solchen aus, wie müssen sie sein? Mainstream bedeutet heute, sich vom Mainstream abzugrenzen. Der Individualismus, eine Spielart der Singularitäten ist vielleicht das, was am Prägnantesten ist, aber ein Zeichen der Zeit ist ja, dass man irgendwie alles kombinieren kann und sich damit und darin gefällt. Natürlich gibt es noch das typische Lagerdenken, den Öko oder Konservativen vom alten Schlag, aber wie oft begegnet uns das Gegenteil, nämlich ein bunter Stilmix?

Der Veganer, der technikaffin und Nationalist ist. Der erfolgreiche Businessman der ein Elternjahr nimmt und sein Kind im Tuch vor dem Bauch trägt. Der vegetarische Bodybuilder. Die Akademikerin, die sich im Studium prostituierte. Die tätowierte Businessfrau. Die klassischen Rollenbilder und Vorstellungen, sie passen oft nicht mehr. Manche sehen eine drei- oder sechsgeteilte Gesellschaft, andere finden zehn unterschiedliche Milieus und fast immer sind die Kräfteverhältnisse so, dass alle Teile annähernd gleich stark sind. Ein Mainstream ist da nicht zu sehen.

Nimmt man klassischere Zuordnungen, dann ist von einer homogenen Mittelschicht nicht viel zu sehen. Man kann sie am Einkommen festmachen, aber die Zeiten in denen Einkommen auf Bildung, Intelligenz, Fleiß und Disziplin, sowie Verantwortungsbewusstsein und Anstand verwiesen, sind lange vorbei, wenn die Zusammenhänge nicht ohnehin stets etwas überzeichnet waren. Arm und hoch gebildet, reich und skrupellos, es gibt sämtliche Variationen.

Es gibt keinen Mainstream mehr und das ist ein Problem

Der klassische Mainstream existiert nicht mehr. Individualismus, der sich von anderen abgrenzen und einzigartig sein will, ist zwar ein auffallender Trend, aber eben gerade nicht das, was man Mainstream nennt: ein breiter Strom von verlässlichen Einstellungen, die man beim anderen voraussetzen kann und mit ihr oder ihm teilt, selbst wenn man ihn nicht kennt. Wir wissen nicht mehr unbedingt, wie andere ticken, wir teilen nicht mehr zwingend ihre Art sich zu unterhalten, wir kennen ihre Werte nicht, wir teilen nicht, was sie in Massenmedien konsumieren und das verunsichert.

Der Mainstream hat genau diesen Vorteil, dass es eine breitere Mehrheit gibt, die sich über wesentliche Aspekte von Einstellungen, Werten, Lebensführung, Zielen und Narrativen einig ist und diese teilt. Das kann man gut finden und sich darin wohl fühlen, man kann sich auch darüber ärgern, es bieder und spießig finden und dagegen opponieren. Man kann sich in irgend einer Weise dazu verhalten und muss es sogar. Einen Mainstream, den man mit der Lupe suchen muss, der bei jeder Abgrenzung vollkommen anders aussieht, ist keiner. Das muss nicht zwingend schlecht sein, sondern verweist auf Neuorientierungen, die früher vermutlich langsamer liefen, aber das stresst Teile der Gesellschaft.

Aber bedeuten mehr Angebote von Massenmedien und Lebensmodellen nicht automatisch auch mehr Freiheit und mehr Qualität? Nicht zwingend, wie man an der gegenwärtigen Diskussion oder ihrem Ausbleiben sieht. Wenn ein Orientierung gebender Mainstream wegbricht, richtet man sich, da wir Orientierung brauchen und suchen in den eigenen Blasen ein. Leichter denn je bekommt man heute Zustimmung zu den eigenen Einstellungen, Thesen, Denkmustern und Weltbildern, die einem helfen, die Welt zu ordnen. Sehr oft zielen sie auf unsere Emotionen ab. Ob Umwelt oder Migration, Renten oder Klima, Sicherheit oder Sinn, Wohlstand oder Anstand, alles wird sehr heiß gekocht und oft wird versucht, Emotionen gegen Fakten auszuspielen.

Auch hier finden wir immer ähnliche Muster. Man bevorzugt ein Thema, über das man mehr oder weniger gut Bescheid weiß, sieht sich selbst als jemanden, der über gute Argumente verfügt und andere, die bockig sind, emotional, mit Vorurteilen behaftet und irrational. Je nach Temperament und Grad des Interesses an den Themen, kann man sich darüber ärgern oder gar verzweifeln, warum die anderen einfach nicht einsehen wollen, was doch so klar zu sehen ist. Der eine fragt sich noch, woran das liegen mag und fragt, ob der Mensch nun ein Wesen ist, was von Affekten und Emotionen geleitet ist, oder von Argumenten, guten Gründen oder der Vernunft, andere winken ernüchtert ab und brechen die Kommunikation ab. Emotionen oder Vernunft? Das ist keine Frage, die man eindeutig beantworten kann, man findet ebenso viele Meinungen, Ansichten und Bücher, die die eine Seite betonen, wie man welche für die andere findet.

Eine Vielfalt der Stimmen und Informationsmöglichkeiten bringt dann wenig, wenn sie dazu führt, dass die Kommunikation in der Gesellschaft insgesamt nicht mehr gut funktioniert. Wenn am Ende die einen wütend, die nächsten frustriert und die dritten hysterisch sind, ist irgendwas nicht gut gelaufen und das könnte daran liegen, dass wir eben über kein blindes Vorverständnis zu den meisten Dingen, die man so macht, nicht machen sollte und dergleichen mehr verfügen.

Ich bin anders: Zwei Varianten

Man kann schwer leugnen, dass ein gewisser Individualismus zu unserer Zeit gehört. Anders zu sein, als die anderen, kann jedoch zwei Gesichter haben. Zum einen das des notorisch Unangepassten. Er hält sich an keinerlei Regeln, weil er diese stets als Bevormundung empfindet und hat keine Lust die irgendwem anzupassen oder unterzuordnen. Die Radikalverweigerung erscheint oft als besonders frei, ist aber bei näherer Betrachtung abhängig von dem, was andere vorgeben. Die einen passen sich dem brav an, die Radikalverweigerer opponieren dagegen. Geht es freier und besser? Ja. Der reife Individualismus wählt aus, welche der gesellschaftlichen Vorgaben sich mit dem eigenen Geschmack decken und welche nicht. Anders gesagt, man muss sich und anderen nicht krampfhaft beweisen, dass man in allem anders ist, als die anderen, sondern kann es sich erlauben, hier und da konventionell zu sein und zu mögen, was viele andere auch mögen und ab und zu, auch gegen den Strom zu schiwmmen, nicht aus Prinzip – weil man generell nicht macht, wozu andere einen auffordern – sondern begründet. Man kann mit der Werten der Gesellschaft, aus der man stammt, im Großen und Ganzen einverstanden sein, aber dennoch gibt es Bereiche, die man begründet anders sieht und auch anders handhabt.

So wird das Spektrum dessen, was man als Option zur Verfügung hat deutlich breiter, als wenn man immer nur naserümpfend ablehnt, was vielen anderen gefällt. Wir sind tastend dabei einen neuen Mainstream zu konstruieren. Es kann durchaus gelingen, aber kaum jemand schafft es derzeit Werte zu formulieren, die auf ein Ziel ausgerichtet sind, uns etwas abverlangen und auf die wir uns kollektiv einigen könnten und die mehr sind, als Banalitäten, die besagen, dass das Leben glücklich und gesund verlaufen sollte.

Quellen