Essen und Verdauen

Der nächste an sich natürliche Rhythmus der gestört ist, ist der von Essen und Verdauen. Essen kann so schön sein, doch schon die Flut von Essstörungen sorgt dafür, dass aus dieser an sich selbstverständlichen Geschichte leider oft ein entsetzliches Drama wird. Bei depressiven Menschen ist die unbeschwerte und lustvolle Nahrungsaufnahme nicht durch merkwürdige Ideale sabotiert, sondern durch eine Unlust am Essen selbst. Man hat keinen Appetit und nichts schmeckt mehr so richtig, oft entgegen dem, wie man es von sich selbst kannte. Denkbar ist natürlich auch hier, dass man sich durch eine jahre- und manchmal jahrzehntelange Selbstkasteiung aufgrund vorgeblich gesundheits- oder gewichtsbedingten Verzichts auf das, was man wirklich gerne Essen würde eine Quelle abgräbt, die dem Leben Würze und Fülle gibt.

Die andere Seite des Thema ist die Verdauung, die ebenfalls am besten funktioniert, wenn man wenig Theater um sie macht. Oft ist jedoch auch der Darm erlahmt, das Grundübel ist hier zu wenig Bewegung und dann manchmal ein reduzierter Stoffwechsel. Den haben depressive Menschen manchmal auch anzubieten, was man daran sieht, dass eine Schilddrüsenserkrankung, die den Stoffwechsel reduziert Symptome produzieren kann, die man von der Depression nicht unterscheiden kann. Durch Stress, Schmerz- oder Abführmittel, die den Darm normal kaum noch arbeiten lassen. Wer verstopft ist, kann auch auf anderen Ebenen nichts Neues aufnehmen, meinen zumindest einige aus der Abteilung Psychosomatik und da der Darm alles andere als ein einfacher Schlauch ist, sondern ein hochkomplexes Organ, steht eine Fehlfunktion sogar direkt in der Diskussion Depressionen auszulösen. In jedem Fall tut eine Rückkehr zur natürlichen Normalität auch hier gut.

Anspannen und entspannen

Anspannung und Entspannung sind die nächsten Kandidaten des Themas Depressionen und natürliche Rhythmen. Auch hier ist heute im durchaus größeren Rahmen etliches aus dem Rhythmus geraten, auf der Ebene des Körpers ebenso, wie auf der psychischen. Dadurch, dass wir uns körperlich oft nicht mehr richtig anstrengen, kommen wir kaum noch in die natürlich folgende Entspannung, in der der Körper regeneriert, Muskeln auf- und Stresshormone abbaut. Durch den häufigen Stress ist unser Körper aber in einer permanenten Alarmstimmung und das heißt, dass die Muskeln unseres Körpers oft verkümmern, dabei aber zugleich hart und dauerverspannt sind. Hier ist Entspannung über den Umweg der Aktivität gefragt, um den Körper langsam wieder mehr zu fordern, was zudem oft mehr Selbstvertrauen gibt, Glückshormone ausschüttet, erstens, weil man sich überwunden und zweitens, einfach weil man sich bewegt hat.

So werden auf denkbar einfachen Weg Schmerzen reduziert, die oft auch eine hohe Korrelation mit Depressionen haben und überdies ist die Therapie gegen chronische Schmerzen und Depressionen, auf vielen Ebenen erstaunlich parallel, bis in die Biochemie hinein, wo Medikamente, die gegen Schmerzen wirken, in höherer Dosierung antidepressive Effekte entfachen. Für beide gilt, dass Bewegung ein essentieller Bestandteil der Therapie ist.

Die Realität sieht heute anders aus. Hektik und Dauerstress bringen es oft mit sich, dass man nach der Arbeit einfach zu kaputt ist, um sich noch sportlich zu betätigen. Natürlich ist es hier oft ratsam den inneren Schweinehund dennoch zu überwinden, aber gerade bei depressiven Menschen ist hier Vorsicht geboten, denn sogar der Sport wird dann zu einem Bumerang, wenn er nur der nächste Punkt auf der Liste der Pflichtaufgaben ist, die man tapfer, aber ohne jeden Spaß abarbeitet.

Die Fülle der Emotionen leben und annehmen

Und so ist eine wesentlicher Punkt um wieder in einen natürlichen Rhythmus zu kommen, die Fülle der Emotionen zu leben. Depressive Menschen haben oft das Lachen und das Weinen verlernt, vor allem aber die Zufriedenheit. Manchmal deshalb, weil sie über Jahren versuchten auch ihre Emotionen zu sehr zu kontrollieren. Das ist eine andere Form als die depressive Phase beim zyklothymen Wechsel zwischen unterschiedlich stark ausgeprägten Manien, auf die dann in vielen Fällen unterschiedlich stark ausgeprägte Depressionen folgen. Doch nicht alle depressiven Menschen unterliegen dem Wechsel der Stimmung. Ihre einpolige Grundtonart ist ein tiefes Moll, manchmal aus der angstvolen Überlegung erwachsens, dass es nur schlimmer werden kann, wenn es gut ist. Darum besser nie in die Vollen gehen, dann ist der Absturz nicht so tief. Könnte man zumindest meinen, nur dass der Verzicht auf die Tiefen eben auch bedeutet, sich der Höhen zu berauben. Und das wirkliche schlimme Leiden ist nicht die Traurigkeit, sondern das Empfinden, von jedem Gefühl abgeschnitten zu sein.

Es kann zu einem Stück weit auch ein unfreiwilliges, weil erlerntes denkerisches und emotionales Training sein, sich die Welt schlecht zu reden, nur muss man bei depressiven Menschen mit solchen Hinweisen eher sparsam und vorsichtig sein, zumal die Depression, das dürfen wir nie vergessen, eine lebensbedrohende Krankheit ist. Wenn depressive Menschen Hinweise hören, wie schön das Leben doch eigentlich ist, so kann sie das noch mehr deprimieren, weil sie gefüht dann ’nicht mal dazu‘ in der Lage sind. Auch darf der stille Vorwurf der Undankbarkeit nicht aufkommen, den sich depressive Menschen auch dann zu Herzen nehmen, wenn man es selbst gar nicht so meinte. Depressive Menschen ziehen sich nicht selten den Schuh an, unfähig zu sein, die einfachsten Dinge hinzukriegen oder zu erleben, eine niederdrückende „Nichts mache ich richtig“ Haltung, die einem die erneute Legitimation gibt, sich schlecht zu fühlen.

Doch einen Blick für die schönen und unbeschwerten Seiten des Lebens zurück zu gewinnen, ist richtig, dort muss die Reise langfristig hinführen, egal in welcher dunklen und engen Höhle sie startet. Das Leben depresssiver Menschen ist nicht selten ein Ausdruck von unbewusster Selbstbestrafung. Männer benutzen tendenziell die Arbeit als Strafe, werden Workaloics, auch wenn sie keinem größenwahnsinnigen Programm folgen und bleiben weit länger als Frauen unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen. Frauen nutzen Beziehungen als Strafe, indem sie Partner wählen, die weit unter ihrem Niveau sind. Beide Geschlechter tun es in dem Bewusstsein, es nicht besser verdient zu haben, oft genug einfach ein Resultat vielfach wiederholter Glaubenssätze, die man in der Kindheit hörte und nie infrage stellte und waren sie noch so primtiv: Dass man faul, dumm, ungeschickt ist und es nie zu was bringen wird. Eine Ebene tiefer existiert die Welt der Strafe für eine Schuld, die, eher unbewusst als vorbewusst ist, die man nie so ganz zu greifen kriegt und die oft so aussieht, als sei man irgendwie an allem schuld, inklusive daran, dass es einem jetzt so schlecht geht.

Wenn alles finster ist, ist gerade der Körper ein guter Partner um sich an und mit ihm wieder ins Land oder wenigstens auf Inseln der kleinen Freuden und des Unbeschwerten vorzuwagen. Oft ist es wirklich ein Wagnis, wenn man der stillen Überzeugung ist, man dürfe sich nicht wohl fühlen oder gar längerfristig zufrieden sein. Manchmal muss man tief in der Psyche graben, doch bei Depressionen ist es überraschend oft auch so, dass man sich einfach nur daran erinnern muss, dass man glücklich sein darf. Ein geradezu banal anmutendes Experiment dazu hat einfach dadurch funktioniert, dass man zutiefst unglückliche Menschen, sich blaue Punkte an verschiedene Orte in der Wohnung kleben ließ, die sie einfach nur daran erinnern sollten, dass sie glücklich sein dürfen. Es klappte sensationell gut.

Sexualität, Kreativität und Neugierde

Sexualität ist ein schöner Weg zur Entspannung, leider gepflastert mit Tabus, die gerade auch in unserer Zeit wirken, in der wir meinen die oft allgegenwärtige Übersexualisierung und leichte Verfügbarkeit der Pornographie, habe diesen Bereich enttabuisiert. Insofern sind Schuld und Selbstablehnung hier weiterhin mit den meisten Spielarten der Sexualität verbunden und sei es, dass dies über den Druck zahlreicher Affären statfindet, die dann doch auf dem Gewissen lasten. Häufiger ist die sexuelle Lust jedoch gehemmt und damit eine weitere natürliche Quelle, die an sich jederzeit zur Verfügung steht.

Erlaubt ist, was Spaß macht, leider haben Depressionen und natürliche Rhythmen hier die schlechte Wechselbeziehung, dass viele Ratgeber zwar sagen, man solle lernen, auf sich und den eigenen Körper zu hören, dann aber auch gleich mitliefern, was der eigene Körper dabei empfinden sollte, wenn man auf ihn hört. Man mag bestimmte Haltungen mit mehr oder weniger Recht kritisieren, bei Depressionen sollte es am wenigsten darum gehen, eine Korsett durch das nächste zu ersetzen, sondern jemandem zumuten und zutrauen wirklich mal für sich zu entdecken, was im Leben Spaß und Freude bringt, jenseits irgendwelcher Modelle von einem richtigen Leben.

Man wird nie alle Bereiche dieser natürlichen Rhythmen so leben können, wie die Natur es mal vorgesehen hat (was letztlich, wegen den unklaren Naturbegriffs nur eine Metapher sein kann) und der Mensch ist zäh und anpassungsfähig und kann Abweichung von vielen dieser Rhythmen für längere Zeit kompensieren. Doch klar werden sollte auch, dass wenn man immer mehr dieser natürlichen Rhythmen für eine immer längere Zeit missachtet, die Gefahr steigt, dass man sich durch diese Missachtung in einer immer größere Nähe zur Depression bringt. Da Depressionen weltweit zunehmen und sehr häufig sind, wäre das zumindest ein Ansatz, der mir diskutabel erscheint. Das Thema einfach unter Stoffwechselerkrankung abzuhaken, Tabletten zu nehmen und ansonsten alles weiter wie bisher zu machen, erscheint mir da fragwürdig.

Wenn der Weg in die Depression über den Körper, im Sinne einer Vernachlässigung seiner Bedürfnisse geführt hat, stehen die Chancen, dass hier tatsächlich eine simple Umkehr der richtige Weg ist, gar nicht schlecht. Im praktischen Leben wird diese simple Umkehr alles andere als simpel sein, das ist mir bewusst, aber sich auf die Mühen, vieles leichter zu nehmen, einzulassen, erscheint mit lohnend, denn Depressionen sind wahrlich kein Spaß. All das was auch für diesen Weg an Energie, Neurgierde, Kreativität und Lust fehlt, kann man sich behutsam (zurück)erobern, auch wenn man mitten in einer Abwärtsspirale meint, dies sie völlig aussichtslos.

Quellen