Mehr Narzissmus und Einsamkeit durch das Internet?

Smartphone im Kino

Alle zusammen und jeder für sich allein? © Eje Gustafsson under cc

Ein bisschen wie beim Narzissmus, wie Narzissmusforscherin Jean Twenge Glauben berichtete. Sie forschte vor allem über den Einfluss des Internet auf die Entwicklung des Narzissmus und sieht es als eine hohe Gefahrenquelle an. Auch hier war die Überraschung eher auf Seiten der Forscherin, denn als sie ihre Studenten damit konfrontierte, dass sie hohe Narzissmuswerte aufwiesen, reagierten diese keineswegs entsetzt, sondern eher gelassen. Sie sahen sich durchaus als narzisstisch an, meinten aber, dass das eine Eigenschaft sei, die man heute eben brauche.

Diese Ideen greift auch der Psychiatrieprofessor Manfred Spitzer auf, der spätestens seit Digitale Demenz zu den scharfen Kritikern des Internet, vor allem beim zu frühen Kontakt von Kindern mit dem Internet, zu zählen ist. In Mediensucht sind wir auf die pointierten, manchmal aber auch übertrieben zugespitzten und fragwürdigen Aussagen Spitzers eingegangen. Leider ist er diesem Stil offenbar treu gebleiben, SPON Kolumnist Christian Stöcker bezeichnet diese Art der Darstellung inzwischen als die Methode Spitzer und setzt ein Gegengewicht. Spitzers neueste Thesen sind, dass Einsamkeit und Narzissmus, hier folgt er Jean Twenge, Folgen des zu großen Internetkonsums sind. Vielleicht sollte man formulieren: sein könnten?

Wohltuend anders ist da das Buch des Bloggers Schlecky Silberstein, mit dem bewusst reißerischen Titel: “Das Internet muss weg: Eine Abrechnung”. Dazu noch im neongelben Umschlag. Der Inhalt ist jedoch, anders als man erwarten könnte, kein wüstes Geschimpfe, sondern eine differenzierte, kenntnisreiche, gut recherchierte und reflektierte Erläuterung dessen, was in den unendlichen Weiten des weltweiten Netzes so passiert.

Auch er weist unter anderem auf die Vereinsamung der Generation Z oder Generation YouTube hin. Facebook gilt dort schon lange als Medium der Elterngeneration, Snapchat ist das Medium der Generation YouTube, da dort die Nachrichten nach dem Lesen sofort verschwinden und die Eltern dort ohnehin nicht zu finden sind. Überwachung mag für diese Generation kein großes Thema sein, Überwachung durch die eigenen Eltern finden die meisten dann doch nicht so spannend.

Allzeit verbunden und doch einsam? Einer der Top-Stars der Vlogger Szene, der Schwede Felix Kjellberg, der sich PewDiePie nennt als Gründe für seinen Erfolg, dass seine Fans ihn als Freund sehen und die Einsamkeit vor dem Bildschirm das verbindende Element ist, was Stars und Fans zusammenbringt. Schlecky Silberstein nimmt das auf und sagt, das heutige Teenager allein in ihren Zimmern sitzen, Hausaufgaben machen oder Computerspiele spielen und dabei YouTubern lauschen.[2]

Das klingt irgendwie komisch bis trist, aber Teenager waren immer schon merkwürdig, das ist sozusagen einer ihrer Hauptzüge und es ist gut, dass es so ist. Bei meinen Recherchen zur depressiven Gesellschaft stieß ich auf den Begriff der Generation Biedermeier, für die Jugendlichen der damaligen Zeit. “Innerlich zerrissen, sehnen sie sich nach Tradition und Privatheit. Doch die Lebensrealität, die die junge Generation am eigenen Leib erfährt, sieht anders aus. In Großstädten wird bereits jede zweite Ehe wieder geschieden, die Familie als Ort der Beständigkeit ist in Gefahr.” So hieß es damals, in 2011. Einerseits zeitlich nicht weit weg, für einen Teenager jedoch ein halbes Leben.

Und was sie in der zweiten Hälfte mitbekamen, macht nicht gerade mehr Mut, als 2011. Eine zunehmend gereizte bis aggressive Stimmung, das Gefühl wachsender Unsicherheit nehmen zu, gerade auch getriggert durch Echokammern in denen man sich die Bälle gegenseitig zuspielt und sich bestätigt, wie fürchterlich alles ist. Nur sind die Interessensphären von Kindern, Teenagern, Adoleszenten, aber auch darüber hinaus Erwachsenen von 30, 50, 70 oder 90 Jahren doch recht verschieden. Kinder und Teenies haben in der Regel kein größeres Interesse an Politik, zumindest nicht in der klassischen Form. Das sie sich ihre Gegenwelten schaffen, in denen sie einfach nur Freunde wollen, ist durchaus zu verstehen. In einer etwas durchgeknallten Zeit ist man mit den Wunsch nach Normalität und Stabilität offenbar schon auffällig.

Aber so ganz eindeutig sind Bewegungen heute nicht mehr, wenn sie es denn je waren. Denn der Rückzug der Teenies in virtuelle Welten steht in einem gewissen Kontrast zur allgegenwärtigen Präsentation des eigenen Soseins, zu nahezu jeder Zeit, in eben diesen Welten. Privatsphäre existiert da kaum noch und nimmt zukünftig, so prognostizieren viele, immer mehr ab.

Die zwei Seiten des Internet

Droht uns deshalb auch von hier der Untergang? Einsam, narzisstisch, ausspioniert und zum normalen Gespräch kaum mehr in der Lage, dafür politisch radikalisiert und absurden Verschwörungstheorien folgend, ist das der Menschentypus der zukünftig dominieren wird?

Man kennt neben all dem vermeintlichen Schrecken hoffentlich auch seine Gegenbeispiele. Eines ist, dass die Einsamkeit alter Menschen, durch Social Media gelindert werden kann. Wir sind ja in aller Regel nicht von kommunikationsunfähigen Zombies umgeben, sondern sehr viele Menschen sind, in sehr vielen Lebenssituationen erfrischend unauffällig. Doch der wichtigste Grund ist ein anderer: Selbst Kritiker des Internet werden konstatieren, dass das world wide web unser aller Leben umfassender und tiefer verändert hat, als wohl jemals irgendwer zu träumen wagte.

“Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer in seinem Haus haben wollen würde”, sagte Ken Olsen vom Digital Equipment Corp noch 1977. Darüber können wir heute milde lächeln. Die Gesellschaft teilt sich noch eine Gruppe die vollständig ohne das Internet oder die vorhergehende Ära der Heimcomputer aufgewachsen ist und die oft noch immer mit dem Internet fremdelt; einer Gruppe die groß wurde, während auch Computer groß wurden und einer, die als Digital Natives mit dem Klang des Modems oder allzeit präsenten Smartphones aufwuchsen und -wachsen und sich kaum noch vorstellen können, was man den früher den ganzen Tag über gemacht hat, als man kein Internet hatte. In absehbarer Zeit, wird es nur noch Digital Natives geben. Weltbilder ändern sich nicht durch Argumente und Überzeugungen, sagt man manchmal, sondern dadurch, dass die, die sie vertreten irgendwann aussterben. Sind die Bedenken dann weg?

Hoffentlich nicht. das Internet hat sich so rasant durchgesetzt, weil es vier große Bedürfnisse des Menschen erfüllt, die in umgekehrter Reihenfolge der Bedürfnispyramide aufgetreten sind: Wissen, Spielen, Sex und Kontakt. Es ist großartig, was man heute durch das Internet alles wissen kann, wenn man denn will. Vieles mag oberflächlich sein, aber wer wirklich will, kann in sehr vielen Bereichen tiefer einsteigen und sich von zu Hause aus so umfassend bilden und informieren, wie es vorher nie möglich war. Vielleicht ist das der Aspekte der am seltensten genutzt wird, aber, wer will, der kann.

Für alle die, die sich vorhin gefragt haben, was man denn mit einem Computer macht, der keinen Zugang zum Internet hat: Spielen. Die nostalgischen, Geschicklichkeits- und Ballerspiele, die man früher nur in Spielhallen fand, kamen über diese Personal Computer in die eigenen vier Wände und wurden von primitiven Strichen in Bewegung rasend schnell zu immer komplexeren und bunteren Landschaften, in denen man sich heute mit mehreren, via Internet, tummeln und komplett versinken kann.

Sex und Pornographie ist zwischendurch der größte Bereich des Internet gewesen, die Tatsache, dass die Zahl der Pornofilme in den Jahren in denen sie im Internet frei zugänglich sind um den Faktor 700 mehr geworden sind, spricht für sich. Auf die Nachteile dieser Entwicklung sind wir in Pornosucht und Sexsucht nachgegangen. Vielleicht noch erstaunlicher, dass dies nicht der stärkste Internetbereich blieb, sondern, wie ich vor vielleicht 5 Jahren hörte von den Social Media und ihrem Prinzip des allgemeinen Strebens nach Kontakt abgelöst wurde. Womit wir wieder bei Facebook wären, die dieses Prinzip wie kein anderes Unternehmen erkannten und nutzten.

Man konnte teilen und sich mitteilen und all das ist heute Alltag geworden. Ist das wirklich schlecht? Bedenkenträger gibt es immer. Es gehört heute zum Standardwissen, dass die Sumerer schon vor 3000 Jahren darüber klagten, dass die Jugend verdorben und die Welt daher demnächst dem Untergang geweiht sei, von Pionieren weiß man, dass sie stets übertreiben, ob man neue Länder, Drogen oder Gesellschaftsmodelle entdeckt und ausprobiert und Männer sind schon immer abgetaucht, ob zum Fußball, Motorradwochenende oder in den Heimwerkerkeller. Also alles einfach lassen, wie es ist, alles halb so wild?