Sind wir eine Suchtgesellschaft?

Wenn wir die an Substanzen gebundenen und nicht gebundenen Süchte mal insgesamt betrachten, kann man sich schon fragen, ob wir nicht insgesamt eine Suchtgesellschaft sind. Wehe, wenn mal die soziale Internetplattform ausfällt oder das Paket nicht kommt. Auch von Strom und Informationen brauchen wir immer mehr, lechzen geradezu danach. Doch das alles läuft bei uns nicht unter Sucht.

Unsere Kultur hat eigene Normen und Rituale, die den Umgang mit Drogen und Süchten unausgesprochen regeln. Der Morgenkaffee ist fast obligatorisch, aber auch er ist bereits eine Psychostimulanz oder eben eine Droge. Wer sich morgens auf dem Weg zur Arbeit eben noch mit zwei Schachteln Zigaretten versorgt, wird keineswegs komisch angeschaut.

Wer sich jedoch morgens mit einer kleinen Flasche Schnaps und einem Bier eindeckt, erntet garantiert schiefe Blicke. Ab Mittag sieht die Geschichte dann anders aus, da darf man bei uns trinken, zumindest in einigen Kreisen. Gegen Abend natürlich erst recht. Kiffen ist ja, außer in der Jugend, schon Subkultur und hat den Beigeschmack des Verbotenen, erst recht gilt das für harte Drogen. So widersprüchlich das mitunter sein mag, es sind die Regeln unserer Kultur, von denen man wenigstens wissen muss, dass sie so sind. Kritisieren kann man sie dann immer noch.

Gibt es eine drogenfreie Gesellschaft?

Es hat vermutlich nie eine drogenfreie Gesellschaft gegeben und jeder hat das Recht mit seinem Körper umzugehen, wie er will, ob das gut oder schlecht ist, ist eine Frage dessen, was man von einem guten Leben erwartet. Schon frühere Kulturen nutzen Gärgetränke, Mutterkorn, Pilze und was die Natur so hergab, um sich zu berauschen, oft eingebunden in rituelle Zeremonien, die dem Rausch die Struktur gaben, die uns heute oft fehlt. Oft mit dem Ziel einer spirituellen Suche und tieferen Einsicht verbunden. Wir haben den Drogenkonsum vom Ritual abgetrennt und ihn oft zu Selbstzweck gemacht, nach tieferer Einsicht oder anderen Dimensionen suchen wir nicht mehr.

Ob es je eine drogenfreie Gesellschaft gegeben hat ist also fraglich, ebenso fraglich ob unsere Gesellschaft ohne Drogen und Sucht in der Weise funktionieren würde, wie sie es heute tut.

Ein bisschen künstlich nachzuhelfen gehört zum guten Ton. Die Kinder bekommen Ritalin, einige Studierende nehmen es auch, es werden, um durchzuhalten und fit zu sein, Upper konsumiert was das Zeug hält und reichlich Alkohol getrunken. Auch Benzodiazepine, bekannt als Valium und unter anderen Namen hat eine extrem hohes Suchtpotential, ist weit verbreitet und steht obendrein im Verdacht Demenzen zu fördern. Was kann man da tun?

Entscheidend ist der Konsument

leere Biergläser auf Holztisch

Der Alkohol gehört bei uns dazu. Ein Downer, der entspannt und oft unterschätzt wird. © Kuba Bożanowski under cc

Zunächst ist es gut zu wissen, was man tut. Man sollte die gesundheitlichen Risiken der einzelnen Drogen kennen. Leider schützt das Wissen und auch Intelligenz allein nicht. Zu viele, sehr intelligente Menschen sind Drogen verfallen, so war es schon immer.

An der Idee der Identitätsdiffusion scheint nach meinem Dafürhalten einiges dran zu sein, so dass das Ziel von Betroffenen, die ein Bewusstsein für ihr Problem haben sein kann, eine innere Struktur oder Ich-Stärke zu entwickeln, das geht oft nur mit therapeutischer Hilfe, aber mit dieser Hilfe geht es dann tatsächlich oft. Auf der anderen Seite gilt es neben allen Gefahren die Kirche im Dorf zu lassen. Nicht jeder der gelegentlich Drogen konsumiert ist oder wird süchtig, aber man sollte die Gefahren benennen und nicht klein reden. Nicht jeder der süchtig ist, ist rettungslos verloren, viele schaffen auch den Absprung von der Sucht, aber es gibt Menschen, die es nicht schaffen und neben ihrem eigenen Schicksal, reißen sie oft noch andere in einen finsteren Strudel. Jeder hat ein Recht auf Rausch und je höher der Grad an Bewusstheit ist, mit dem man an das Thema heran geht, um so besser ist es.

Die Diskussion um Sucht muss offen und darf nicht verlogen sein. Unehrlichkeit und Inkompetenz führen nur dazu, dass einem niemand mehr zuhört. Süchte haben das Potential Beziehungen und Familien zu zerstören tiefe Narben in Biographien zu hinterlassen. Das wirklich traurigste Kapitel. Drogen zu nehmen kann durchaus Spaß machen und erhebend sein, aber wir dürfen die Schattenseiten nicht ausblenden.