Ideologie als Suchtersatz

Wenn Sucht wirklich Suche ist, dann müsste es Belege dafür geben, dass Menschen, die ein Ziel für sich gefunden haben von ihrer Sucht loslassen konnten. Diese Belege gibt es, nicht selten in einem religiösen Kontext. Die Erzählungen ähneln sich. Jemand kam mit seinem Leben nicht klar, war frustriert, perspektivlos, nahm Drogen, geriet mitunter in die Illegalität und wurde gewalttätig oder verkaufte den eigenen Körper und als schon alles zu spät schien, kam irgendwann das Erweckungserlebnis. Das muss keineswegs religiöser Natur sein. Oft sind es ganz banale Gedanken, die irgendwann, einen süchtigen Menschen zur Umkehr bringen. Manchmal sind es aber religiöse Geschichten und der ehemalige “Sünder”, wandelt sich vom Saulus zum Paulus, findet seine Heimat in irgendeiner Religion und kann fortan genau das unterlassen, was früher sein Leben vollkommen dominierte.

Was bedeutet das psychologisch?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen psychischem Strukturverlust (der Identitätsdiffusion) und Suchtverhalten. Es wird darüber gestritten, ob dieser Mangel an psychischer Organisation eine Folge des Drogenkonsums ist oder die Voraussetzung dafür, dass man massiv Drogen konsumiert. Auf jeden Fall gibt es Menschen, die überzeugend darstellen können, dass sie erst nichts mit sich anzufangen wussten, Drogen nahmen, kriminell waren, bis sie ihre Berufung fanden. Und diese Berufung gibt ihnen Halt und Struktur. Auf einmal weiß man, wofür man lebt auf einmal hat man ein Ziel, weiß, wohin mit den eigenen Energien und kann sich mit Engagement und Feuer einer Sache widmen, für die man oft auch noch gelobt wird. Aus dem Loser von gestern ist auf einmal ein anerkannter Mensch geworden.

Die Problematik liegt darin, dass man den Verdacht haben kann, dass jemand, der sich mit Haut und Haaren einer Ideologie verschreibt möglicherweise die eine Sucht gegen eine andere, hier im aller weitesten Sinne verstanden, austauscht. Wenn die Ziele der ideologischen Richtung halbwegs mit den Zielen der Gesellschaft in der man lebt konform sind, ist das in aller Regel unproblematisch. Die meisten Religionen sind in ihrer moderaten Form durchaus mit der Gesellschaft kompatibel, ich würde mich sogar zu der These hinreißen lassen, dass sie im Gegensatz zu dem, was man zuweilen hört unserer zerstreuten und zunehmend orientierungslosen Gesellschaft notwendige Strukturen verleihen können. Über den Weg, dem Individuum Sinn und Orientierung zu geben. Doch daraus können auch Zerrformen der Religionen entstehen, in denen fragwürdige Spielarten dominieren. Dennoch ist ein Ziel oder eine Bestimmung im Leben zu finden, ein wichtiger Aspekt eines Weges aus der Sucht.

Upper und Downer

knieende Holzpuppe hält sich riesige Tablettenbox an den Mund

Fast jeder konsumiert Wundermittel der einen oder anderen Art, die viel versprechen und manches verschweigen. © Jonathan Silverberg under cc

Längst sind wir keine Gesellschaft mehr in der Sucht bedeutet, bekifft in der Ecke zu liegen und sein Leben gemäß den gesellschaftlichen Konventionen nicht auf die Reihe zu bekommen, sondern immer mehr Drogen werden dazu benutzt um permanente Höchstleistungen zu bringen, um dem Druck und den Erwartungen stand zu halten. Nur, dass diese Spitzenleistungen, die oft mit einem hohen Maße an Selbstausbeutung gar nicht als solche gewürdigt werden. Es gilt zunehmend als normal, dass man krank, müde, schlapp zur Arbeit geht. Und damit das klappt, hilft man eben etwas nach, mal mit Medikamenten, mal mit sogenannten Lifestyle-Drogen.

Ironischerweise ist eben auch die Arbeitssucht eine Sucht und unser ganzer Lebensstil auf eine merkwürdige Art von Leistung ausgelegt, bei der Durchhalten und Weitermachen das Minimum zu sein scheint. Nur die Frage “Wofür eigentlich?” wird immer seltener gestellt. Drogenexperten trennen anregende Upper und beruhigende Downer und viele Drogen sind heute Leistungsdrogen.

So kann man das in letzter Zeit stark ins Gerede gekommene Crystal Meth, ein typischer Upper, zum einen einsetzen um zum Partytier zu mutieren und so ist Crystal der eine eine Modedroge der Schwulenszene, zum anderen wird es ganz im Gegenteil von Hausfrauen dazu benutzt den tristen Alltag durchzustehen.