Szientismus – Wissenschaft als Weltbild

MRT Gerät mit Liege von Siemens

Ein Magnetresonanztomograph ist Ausdruck der wissenschaftlich-technischen Revolution. © Image Editor under cc

Die Entwicklung, die wir hier erkennen können, ist interessant. Was als Methode begann, hat ein gewisses Eigenleben entwickelt und sich zu einem Weltbild ausgebaut, eventuell zu einer Zerrform der eigentlichen Idee. Der Szientismus ist nach meiner Überzeugung allenfalls mythisch-rational, da er bestimmte Ideen, die sich aus der Methode Wissenschaft ergeben, verabsolutiert und zum Weltbild mitsamt seinen dazugehörigen Prämissen erhebt.

Das Weltbild hinter der Naturwissenschaft ist “der Naturalismus“. Und schon hier beginnen mehrere Probleme, die wir hier nur grob skizzieren.

  • Man kann erfolgreicher Naturwissenschaftler sein, ohne überhaupt zu wissen, dass man ein bestimmtes Weltbild vertritt. Das ist häufiger als man denkt und führt zu dem Selbstirrtum, es sei möglich nur Fakten zur Kenntnis zu nehmen.
  • Es gibt zig Versionen des Naturalismus. Der schon erwähnte Philosoph Jürgen Habermas hat schon 1968 den Szientismus, die fundamentale Lesart des Naturalismus in seine Schranken verwiesen, dennoch bezeichnet er sich selbst als Vertreter eines “sanften Naturalismus”.
  • Natur nicht zuletzt ist der Begriff Natur keinesfalls so klar, wie er anfangs erscheint.

Eine Welt aus empirischen Fakten?

Letzten Endes geht der Szientismus auf die Überzeugung zurück, die Welt ließe sich in objektiver Weise darstellen. Bei der Höhe von Bergen und der Zusammensetzung des Blutes mag das noch klappen, strittig wird es, wenn es um Bewusstseinsinhalte geht. Ist eigentlich das, was zwischen unseren Ohren (oder wo auch immer) passiert, irgendwann und prinzipiell objektivierbar und so für alle zu erkennen? Dies war auch Inhalt des Streits der Willensfreiheitsdiskussion.

Die Zweifel mehren sich. Selbst wenn ich die Gedanken des anderen ausgebreitet vor mir hätte, sie würden ja durch meine Weltsicht interpretiert. Ich kann dann vielleicht wissen, dass der andere beim Stichwort Weihnachten an Tannenbaum, Mitternachtsmesse und Zimtgeruch denkt, aber meine Assoziationen dazu könnten wiederum ganz andere sein als seine. Angenommen das Bewusstsein und Erleben des anderen könnte in mein Bewusstsein, per Computer eingespielt werden, dann würde dennoch all das Erleben des anderen noch immer durch meine Deutungen verzerrt. “Oh, so erlebt dieser Mensch Liebe? Darüber freut er sich?” Und ich würde es mit dem vergleichen und das bewerten, was ich darüber denke und dabei empfinde. Vielleicht ist es einmal technisch machbar, dass man das Sosein des anderen pur und vollkommen erlebt. Aber in dem Augenblick und für diese Zeit wäre ich nicht mehr – sondern ich wäre der andere – und eine Objektivierung wäre ausgeschlossen. Alle Aspekte des Kosmos werden wir nie erfassen.

Auch die Idee, dass wir in einer Welt der reinen Fakten leben, ist illusionär. Die light Variante dieser Darstellung ist im Grunde leicht zu verstehen. Der Empirismus geht davon aus, dass wir uns zunächst in einer Welt von Rohdaten wiederfinden. Wir sehen zwei Stöcke daliegen und erkennen, dass der eine länger ist als der andere und so lernen wir was “ist länger” bedeutet. Wir heben zwei Steine hoch, der eine wiegt mehr und wir lernen was “schwerer als” heißt.

Das klingt nicht schlecht, ist aber problematisch, da das Erkennen von länger und kürzer, sowie leichter und schwerer bereits voraussetzt, dass man genau dieses Konzept was angeblich erst durch die konkreten Rohdaten – die Stöcke, die Steine – erkannt wurde, bereits vorhanden war. Wie kann ich den längeren Stock identifizieren, ohne bereits ein Idee von länger und kürzer zu besitzen?

Die Variante für Freaks ist diese:

„Im seinem Meisterwerk “Empiricism and the Philosophy of Mind” beutet Sellars diese Konsequenzen seiner Einsicht, in die Signifikanz inferentieller Verknüpfungen für den Begriffsgebrauch aus, und zwar auch für Fälle responsiver Klassifikation: Nichtinferentielle Berichte, durch die Wahrnehmungszustände explizit gemacht werden, können keinen selbstständigen, unabhängig von anderen Bereichen verständlichen Bereich der Sprache bilden. Beobachtungsberichte haben zwar einen gewissen Vorrang bei der Rechtfertigung empirischer Behauptungen, nicht aber beim Verstehen. Da zum Wissen nicht nur Rechtfertigung, sondern auch Begreifen oder Verstehen des gerechtfertigten Inhalts gehört, kann es kein Beobachtungswissen ohne Inferenz geben. Man kann keine reine Beobachtungssprache oder Beobachtungsbegriffe haben und dann fragen, ob die Entscheidung ihnen einen inferentiellen Überbau zu verpassen, rational zu rechtfertigen ist. Der Fels, auf den der erkenntnistheoretische Fundamentalismus baut, ist dementsprechend seine Unfähigkeit zu erklären, was es heißt, die Signifikanz von Elementen der beobachtungsgestützten Rechtfertigungsbasis zu verstehen. Denn um einen Begriff nichtinferentiell anwenden zu können, um unterscheidend auf nichtsprachliche Reize zu reagieren, muss man andere Begriffe inferentiell anwenden können. Nur wenn die Reaktion eine solche inferentielle Signifikanz hat, ist sie begrifflich gehaltvoll. Der Gedanke eines autonomen Sprachspiels (oder Menge von Praktiken der Begriffsanwendung), in dem nur nichtinferentielle Berichte vorkommen (und sei es auch über rein mentale Ereignisse), geht komplett in die Irre.“[4]

Gewiss keine leichte Kost, aber lohnend, auch wenn man sich viele Passagen durch mehrfaches Lesen erarbeiten muss.

Der Monismus

Am Ende des Tages ist die wissenschaftlich-technische Revolution vermutlich ein riesiges Gesamtprojekt. Der wirkliche Naturwissenschaftler wird die einzelnen Hypothesen und Bausteine einer so gut wie immer komplexen Theorie vorurteilsfrei prüfen. Er agiert damit wie der Psychologe, der Psychoanalytiker oder der Philosoph. Die Methoden sind andere, der Geist ist derselbe, ganz wie Quine es darstellte.

Der aktuelle Zwischenstand ist in etwa der: Die meisten sind überzeugt, dass wir in einer Welt leben, die von Wirkmechanismen und Gesetzen der Natur durchzogen sind, die überall ihre Gültigkeit haben. Dies nennt man Monismus oder ontologischen Monismus. Ontologie ist die Lehre vom Sein (= wie es ist, wie die Dinge sind) und Monismus heißt einfach, dass wir alle in einer Welt leben. So weit, so gut.

Die andere Seite ist die erkenntnistheoretische und das heißt praktisch: Welt wird auf zig unterschiedliche Weisen erfahren und interpretiert. Die einzelnen und individuellen Interpretationen ballen sich zu Clustern, zu kulturellen Magneten oder vMemes zusammen, in denen dann eine bestimmte Lesart, wie Welt zu verstehen und das Leben zu leben ist, dominiert. Das aufzuzeigen ist die Absicht der Reihe über Weltbilder. Doch aus diesen ganz unterschiedlichen Arten Welt zu erleben, zu leben und wahrzunehmen, entstehen ganz andere, in sich geschlossene Ansätze und Weltbilder.

Am Anfang fragten wir, ob sich diese Weltbilder hierarchisch entfalten und also immer besser werden, oder ob sie einfach nur anders sind. Auf den ersten Blick spricht viel dafür, dass die nachfolgenden Weltbilder ihre Vorläufer überragen und somit besser sind. Doch der Teufel sitzt im Detail. Uns dämmert langsam, dass eine zu sehr auf Rationalität ausgerichtete Welt ins Straucheln und in Selbstwidersprüche gerät.

Philosophisch und wissenschaftstheoretisch lautet die Aufgabe, die verschiedenen Lesarten über die Welt, die erkenntnistheoretischen Ansätze, in die Idee der Geschlossenheit der Welt, den ontologischen Monismus, einzuflechten. Politisch und lebenspraktisch bedeutet es, dass wir vorhergehende Weltbilder nicht vollständig negieren und über Bord werfen dürfen, als hätten sie uns gar nichts mehr zu sagen. Wir sind vernünftige Wesen, aber eben auch affektive. Wir können Statistisken auswerten und Strategien optimieren, aber wir sind doch auch assoziativ. Das Eine über das Andere zu stellen hieße uns einiger Teile unserer Selbst zu berauben. Die Wissenschaft geht, wo sie gut ist, unbeirrt den Pfad der Erkenntnis und ist bis in unglaubliche Bereiche vorgestoßen. Die wissenschaftlich-technische Revolution hat es uns allen ermöglicht von diesen Spitzenlesitungen im Alltag zu profitieren. Der Weg der Erkenntnis, das Wahre zu suchen, ist edel. Doch möglicherweise beschreibt es nicht all unser Sein. Das Schöne und das Gute sind Alternativen.

Quellen:

  • [1]Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse. Mit einem neuen Nachwort. [2. Aufl.] Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973
  • [2] Otto Kernberg in einem Interview zu seinem Buch “Liebe und Aggression”, http://www.schattauer.de/de/news/presse/pressemitteilungen/2014/de/20-mai.html
  • [3] Peter Stemmer, Sprachanalytische Philosophie, in Borsche Hrsg., Klassiker der Sprachphilosophie, C.H.Beck 1996, S. 419
  • [4] Robert Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt. Suhrkamp 2001, S. 154