Wissenschaft in Höchstform

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Wissenschaft ist ein Netzwerk verschiedenster Bereiche. © Duncan Hull under cc

Doch Popper irrte in einigen Punkten, wie wir in “Verschwörungstheorien” ausführten. Wissenschaftliche Ideen bestehen zumeist nicht aus einzelnen Sätzen, die, wenn sie falsifiziert werden, die ganze Theorie zum Einsturz bringen, sondern sie sind komplexe Satz- und Ideengefüge, bei denen zumeist einige Bereiche korrigiert, nachgebessert oder ausgetauscht werden, nicht gleich die ganze Theorie.

So hat man oft nicht die eine Ursache, sondern findet ganze Bündel von Ursachen, die obendrein miteinander wechselwirken. Noch immer müssen sich jedoch alle Einzelteile einer Theorie der Prüfung stellen. Jede Behauptung oder Hypothese wird geprüft, verifiziert oder falsifiziert. Bezogen auf die Psychoanalyse irrte Popper etwa zur Hälfte.

Versuchen wir uns noch einmal klar zu machen, was an der Psychoanalyse überhaupt als unwissenschaftlich galt. Die Psychoanalyse und mit ihr aufdeckende, psychodynamische und deutende Therapiemetheoden leben von der Kraft ihrer Deutungen. Wie das genau geht, haben wir in “Wie wirken psychologische Deutungen?” aufgezeigt. Nun kann es aber sein, dass der Analytiker eine Deutung präsentiert, mit der der Patient ganz und gar nicht einverstanden ist, die er sogar vollkommen absurd findet. Was nun?

In der Wissenschaft würde man sagen: “Gut, prüfen wir es nach.” Und man würde versuchen ein Experiment zu entwickeln. Freud sprach hier jedoch vom Deutungswiderstand. Vereinfacht heißt das: Die Deutung stimmt, der Patient irrt sich. Nun, gleichgültig ob das so ist, oder nicht, eine solche Haltung hat ein dickes Problem: Sie ist nicht falsifizierbar. Sie kann nicht widerlegt werden. Und das macht sie tatsächlich, an dem Punkt und so betrachtet, unwissenschaftlich.

Doch wie so oft ist das nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist die: Psychoanalyse und deutende Verfahren sind längst nicht so schroff asymmetrisch. Denn am Anfang steht die Phase, in der der Therapeut den Patienten kennen lernen muss. Wie denkt er, wie fühlt er, wie sieht er die Welt? Das geht nur im Dialog. Bei Unklarheiten und scheinbaren Widersprüchen kommt als nächster Schritt die Phase der Klärung. Was meint der Patient, wenn er diesen oder jene Begriff benutzt?

Erst dann kommt die Phase, in der der Therapeut, in seiner Rolle als Experte für Bereiche, die man gewöhnlich nicht direkt erkennt, bestimmte Verhaltensweisen deutet. Diese Deutung ist ein Angebot an den Patienten, die Dinge mal so, aus dieser Perspektive zu betrachten. Und das ist ein Experiment. Was kommt aus, wenn wir es mal so sehen und deuten? Das ist nicht unwissenschaftlich, es geht allenfalls über normale Wissenschaft hinaus. Für Jürgen Habermas ist die Psychoanalyse “das einzige greifbare Beispiel einer methodisch Selbstreflexion in Anspruch nehmenden Wissenschaft”[1]. Und das gilt nicht nur für das Weltbild und Selbstbild des Patienten, sondern auch die Methode des Analyse selbst.

Und in der Tat, auch hier ist viel passiert. Man kann die Auswirkungen eines Konstrukts wie dem Über-Ich natürlich empirisch nachprüfen. Heute geht man von einem Schichtenmodell des Über-Ich aus, dass man das Über-Ich nicht herzeigen oder vermessen kann, sollte uns nicht beirren, denn das Klima, die Zeit oder die Natur kann man ebenso wenig herzeigen. Man kann definieren, wie lange eine Sekunde ist und fortan damit rechnen, doch das geht auch mit dem Über-Ich. Wenn die zweite Schicht des Über-Ich fehlt, hat das ganz konkrete Auswirkungen.

Und so sind heute längst alle Teile der Psychoanalyse überprüfbar und empirischen und statistischen Erhebungen zugänglich, nicht zuletzt durch Otto Kernberg, der sich als Psychiatrieprofessor ausdrücklich als Mann der Wissenschaft versteht und als Vorsitzender der größten psychoanalytischen Vereinigung und durch seine eigene Arbeit über Jahrzehnte die Psychoanalyse und die Wissenschaft fusionierte. Wer heute behauptet, die Psychoanalyse – einzelne Fossile unter den Analytikern ausgenommen – sei unwissenschaftlich muss erklären, was er die letzten 40 Jahre gemacht hat.

Hat sich die Psychoanalyse der Wissenschaft angepasst? Gewiss, auch. Das ist der eine Punkt. Doch es gibt noch einen weiteren, erstaunlichen. Es ist ein Vorurteil, dass Freud unwissenschaftlich, also nicht zu widerlegen wäre. Angebote und tatsächlich vorgenommene Änderungen gibt es zuhauf. Um nur ein Beispiele zu nennen, Kernberg selbst:

“Ich verstehe Libido nicht als angeborenen Trieb, sondern als Resultat der Verschmelzung aller positiven Affekte und Aggression als Verschmelzung aller negativen Affekte. Das heißt, dass Freuds Triebverständnis in Anbetracht unserer heutigen neurobiologischen Kenntnisse umformuliert werden muss.”[2]

Die Anekdoten und Geschichten. Die Tatsache, dass Freuds Psychoanalyse widerlegt werden kann und zuweilen wird, zeigt bereits, dass sie falsifizierbar ist. Aber die Widerlegungen sind gar nicht der spannende Punkt, sondern eher, dass so viele Bereiche der Psychoanalyse und mit ihr assoziierte Therapieformen bestätigt wurden. Eine Methode, die einige Zeit bestenfalls anekdotisch und subjektiv galt, wirkt bis in die Gegenwart.

Die (eventuell) nicht vorhandene Kluft

Wir sprachen den dialogischen Abgleich zwischen der Sichtweise des Patienten und des psychodynamischen Therapeuten, die Phase der Klärung. Was genau meint jemand, wenn er von Liebe oder Angst spricht. Diese Klärung von Begriffen kennen wir aus der Philosophie. Für viele (mindestens die Philosophen der analytischen Philosophie) ist das – die Klärung der Begriffe – ohnehin die Definition für die gesamte Philosophie.

Auch in der Wissenschaft kennt man diese Klärung, dort heißt sie Definition. Man muss zunächst wissen, was gemeint ist, wenn man einen Terminus oder Begriff gebraucht. Das ist dann auch schon alles an Unterschieden zwischen Naturwissenschaft, Psychologie und Philosophie. Quine formuliert es so “Philosophie und Wissenschaft unterscheiden sich nach ihm [d.i. Quine – C.B.] allein durch die Allgemeinheit ihrer Fragestellungen, durch sonst nichts; ihre Methode ist dieselbe, die Philososphie atmet “the same empirical spirit that animates natural science. There is no place for a prior philosophy.””[3]

Wissenschaft in Höchstform ist längst nicht mehr das öde monologische Spiel der Untersuchung von Steinen in Bewegung, sondern eine komplexe dialogische Sichtweise, in der verschiedene Denkansätze die in sich konsistent sind, darum konkurrieren, die beste Erklärung zu sein, für die tote und belebte Natur, sowie Seele/Psyche und Geist, was auch immer das ist.

Klima, Kosmologie und Kaffee

Keineswegs ist das Spiel der Vagheiten auf die Human-, Geistes- und Sozialwissenschaften beschränkt. Der seit Jahren andauernde Streit über die Ursachen und Folgen des Klimawandels beziehen sich ja auf die Bereiche, denen man gewöhnlich Exaktheit unterstellt, ein bisschen Chemie und viel Physik. Nicht mal was Wildes, sondern die basalen Zusammenhänge von Rotation und Neigungswinkeln, aber schon wenn sich diese Größen überlagern, wird einem schwindelig.

Von der Kosmologie sprachen wir schon und der Diskussion, ob etwas überhaupt noch als wissenschaftlich bezeichnet werden kann, was sich nur auf Mathematik stützt. Doch die Verwirrung beginnt nicht erst bei den großen und größten Themen. Wer immer den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hinterher hechtet, der führt zumindest ein abwechslungsreiches Leben.

Kaffee ist nicht gut, denn Coffein ist, wissenschaftlich erwiesen, ein Herzgift. Und schlecht für den Magen, säurelockend. Andererseits hat eine große wissenschaftliche Studie ergeben, dass Leute die regelmäßig größere Mengen Tee oder Kaffee trinken, signifikant älter werden und vor allem auch weniger an Herz- und Kreislauferkrankungen leiden. Und es fördert die Verdauung, das schützt vor Darmkrebs. Obendrein hat Kaffee viele von den guten Antioxidantien. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen schützen die vor allem Möglichen, bis hin zum Krebs, weil sie die bösen freien Radikale fangen. Also doch Kaffee. Bis man dann herausgefunden hat, wissenschaftlich natürlich, dass die Antioxidantien doch nicht so gut sind und vor allem freie Radikale gerade zur Krebsbekämpfung vom Körper gebraucht werden. Also kein Kaffee. Andererseits ist Kaffee natürlich ein mildes Antidepressivum, macht wach, setzt etwas Adrenalin frei. Und da Depressionen ja eine Volksseuche sind, kann man nicht vorsichtig genug sein, also her mit dem Kaffee. Bei alten Leuten hat er eine schlafanstoßende Wirkung und kann vor der gefürchteten Schlafapnoe schützen. Wobei wach sein und Adrenalin, das ist ja wissenschaftlich erwiesen auch Stress und das ist ja nun einer der Killer schlechthin. Aber andererseits … bin ich dann irgendwann, verrückterweise, dazu gekommen, meinen Geschmack entscheiden zu lassen. Das ist natürlich vollkommen verantwortungslos und unwissenschaftlich, wobei, nach neuester Erkenntnissen und der Sichtung aller vorhandenen Studien kaum etwas so gesund zu sein schient, wie Kaffee.

In ihrer höchsten Form spannt die Wissenschaft einen weiten Bogen und ist eine großartige Methode, die vorurteilsfrei prüft und ändert, darauf angelegt, sich immer mehr zu verbessern, dadurch, dass man mögliche Fehler mit einbezieht und an diesen lernt. Der Vorteil der Methode Wissenschaft ist nicht, dass sie in allem richtig liegt, sondern dass sie sich traut Fehler zu machen und unermüdlich nachbessert. Die wissenschaftlich-technische Revolution finden wir hier in ihrer Blüte.