Psychologie

Die Psychologie und schon das bloße Wissen um psychologische Zusammenhänge kann hier tatsächlich helfen. Man wird nicht 100.000 Flüchtlinge einer Traumatherapie unterziehen können, aber der wichtigere Punkt in diesem Zusammenhang auch, dass man die psychologischen Integrationshindernisse benennt und angeht:

Angst vor Verlusten

Diese Ängste muss man ernst nehmen, ohne sich allein von der Angst leiten zu lassen. Dass Angst ein schlechter Ratgeber ist, ist zwar ein Kalenderspruch, aber einer, der wahr ist. Durch eine Vielzahl von Faktoren, ist die Lage in Deutschland und Europa angespannt. Zum einen gibt es eine empfundene Ungerechtigkeit was die Verteilung der Gelder angeht, was dazu führt, dass die Unterschicht abgehängt ist und die Mittelschicht sich davor fürchtet. Wir wissen, dass für Menschen keineswegs die gleiche Menge an Geld und Wohlstand dasselbe Maß an Glück bedeutet. Entscheidend ist vielmehr, ob sie das Gefühl haben etwas zu gewinnen, dann werden Menschen wagemutig und optimistisch oder, ob sie das Gefühl haben, dass sie etwas verlieren, dann werden sie unzufrieden und extrem konservativ.[9]

Die Angst vor den Verlusten führt oft nicht dazu, dass man einander hilft, sondern, dass man die Abgerutschten entwertet und fallen lässt, wie eine heiße Kartoffel. Damit wird die Angst, es könne einen demnächst selbst treffen, in Grenzen gehalten wird, man projiziert die „Schuld“ für das soziale Abrutschen gerne auf den Betroffenen, statt sich mit ihm zu solidarisieren.

Massenregressionen

Es sind vor allem die Regressionen, die wir verstehen müssen, die aber gleichzeitig nahezu unvermeidbar sind. Kurzfristig kommen sie durch neue Umstände zustande, wie Kernberg im obigen Zitat erläutert. Menschen in Gruppen ohne gemeinsames Ziel regredieren so gut wie immer. Mittelfristig müssen wir auf der Hut sein, dass unsere Gesellschaft sich nicht zu sehr primitiven und narzisstischen Idealen verschreibt. Eine ausschließlich an Leistung und Nutzen ausgerichtete Sichtweise auf Menschen, auf Einwanderer, wie auf perfektionistische Selbstansprüche, folgt dabei genau diesen äußert fragwürdigen Idealen. Man darf die Frage, ob ein Mensch einen gesellschaftlichen Nutzen hat schon stellen, aber es ist explizit gegen die Ideale der Aufklärung und die Werte des tatsächlich schützenswerten Abendlandes, Menschen ausschließlich durch die instrumentelle Kosten/Nutzen-Brille zu betrachten, ist ein primitives Ideal und verstärkt emotional kalte, narzisstische Tendenzen. Es entspricht der zweiten von sechs Stufen der Moralentwicklung nach Kohlberg. Das können wir besser. Wir schaffen das.

Vorsicht vor den Faktenstreuern

Vereinfachungen sind bei komplexen Themen keine gute Lösung. Immer wieder kommen Menschen daher, die uns erklären wollen, wie die Fakten denn nun tatsächlich seien. Aber gerade bei Themen die in ihrer Komplexität über Redoxreaktionen hinaus gehen, ist das was als Fakten und Tatsachen verkauft wird immer schon Interpretation. Die Auswahl der Fakten, ihre Gewichtung, an all dem erkennt man bereits das dahinter liegende Weltbild, die Gesinnung. Die scheinbare Neutralität wird hier oft nur vorgegaukelt, egal auf welcher Seite man sich bei dem Thema tendenziell befindet.

Wo soll die Reise hingehen?

Würstchen mit Kraut

I(s)st das Deutschland? © David Pursehouse under cc

Endlich reden wir! Endlich gibt es breit angelegte Diskussionen über Werte und im besten Fall gelingt es uns zu formulieren, was wir eigentlich wollen und was wir nicht wollen. Man kann nicht oft genug betonen, dass gesellschaftliche Moral eine Kraft ist, die man nicht unterschätzen sollte, auch wenn man sie nicht einklagen kann. Wenn jemand schief angeguckt oder kollektiv geschnitten wird, ist das nicht nichts, sondern oft eine Höchststrafe, soziale Tötung. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir uns trauen zu sagen, wo die Reise hingehen soll. Wenn wir eine Lehre aus den vergangenen Jahrzehnten und den dort gemachten Fehler ziehen können, dann die, dass wir anderen Menschen, Einwanderern und Einheimischen unsere Spielregeln, dass was wir wollen und nicht wollen, zumuten dürfen, zumuten sollten und nicht aus falscher Angst als Unmensch tituliert zu werden, auf Regeln verzichten und wegschauen. sollten Um es auf eine griffige Formel zu bringen: Lieber klare Spielregeln, als keine!

Nichts ist schlimmer als eine zynische, narzisstische Gesellschaft, in der es egal ist, wer welche Werte vertritt, weil ohnehin niemand mehr an irgendwelche glaubt. Wohin das führt berichtet der Journalist Peter Pomerantsev für Russland, die Parallelen zum Westen werden dort explizit erwähnt.

Das bedeutet einen Dialog mit den Einwanderern zu führen und zwingt uns zur Reflexion. Egal wie die Inhalte sind, ebenso wichtig ist, sich auf die Werte dann auch festlegen zu lassen, ernst zu nehmen, was man selbst ausgehandelt hat und sich nicht in Belanglosigkeiten und ethisch-moralischer Beliebigkeit zu ergehen. Nicht nur Einwanderer suchen geradezu nach Orientierung, enthält man ihnen diese vor, wenden sie sich an die bekannten extremistischen Rattenfänger, die mit ihren einfachen Wahrheiten genau diese Orientierungslücke füllen. Also verhandeln wir unsere Regeln doch lieber selbst, denn dass wir alle das Volk sind, ist ja nun mal wahr.

Wann ist man eigentlich deutsch?

Man kann von Einwanderern mit dunkler Haar- und Hautfarbe nicht verlangen, dass sie sich bleichen lassen. Menschen sehen (zum Glück) nicht gleich aus, aber das wäre ohnehin das geringste Problem, wenn klar wäre, was man tun muss, um in Deutschland als Deutscher anerkannt zu werden. Hier klafft eine Lücke, wenn die gefüllt ist, kann man sehen, ob jemand die – von uns allen auszudiskutierenden – Kriterien erfüllt, oder nicht. Man kann notorischen Querulanten vorhalten, dass jemand diese Kriterien bereits erfüllt und zurückfragen, warum die Nörgelei nicht aufhört.

Ich weiß nicht, ob der jüngst wieder ins Gespräch gebrachte Begriff der Leitkultur heute so viel glücklicher ist als damals. Auch von den sogenannten „Biodeutschen“ mögen heute die meisten sehr viel lieber Döner als Eisbein mit Kraut. Wie sattelfest wir selbst bei der Zahl der deutschen Mittelgebirge, den jüdisch-christlichen oder humanistischen Werten sind, wie gut wir unser Grundgesetz kennen kann auf nette Weise hier testen. Was in einer Umfrage der ZEIT als typisch deutsch gilt, kann man hier lesen. Bei allen Schwierigkeiten und Kontroversen würde ich die Frage: Schaffen wir das?, so beantworten: Wir schaffen das!

Quellen:

  • [1] Winand von Petersdorff, in: https://www.faz.net/aktuell/kommentar-luegen-in-zeiten-der-migration-13849864.html
  • [2] Gunnar Heinsohn, Können wir uns den Sozialstaat noch leisten? Schrumpfvergreisung und Dequalifizierung in Deutschland, 2010, S.3, Online: https://www.hss.de/fileadmin/media/downloads/Berichte/101021_Vortrag_Heinsohn.pdf
  • [3] siehe die Graphik unter: https://mediendienst-integration.de/migration/wer-kommt-wer-geht.html
  • [4] Christian Füller in, der Freitag Online, https://www.freitag.de/autoren/christian-fueller/das-ist-keine-ehrliche-reaktion
  • [5] Spiegel Online, https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/fluechtlinge-in-deutschland-allein-mit-dem-trauma-a-1053075.html
  • [6] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff, AA IV, 429 / GMS, BA 66, Onlineversion: https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/Kant/aa04/429.html
  • [7] Otto F. Kernberg, Ideologie Konflikt und Führung: Psychoanalyse von Gruppenprozessen und Persönlichkeitsstruktur, Klett-Cotta 2000, S.61
  • [8] https://de.wikipedia.org/wiki/Einwanderung#Statistik
  • [9] Daniel Kahnemann, Schnelles Denken langsames Denken, Siedler Verlag 2012, S. 331-341