Flüchtlinge sind keine Nutztiere

Hans-Joachim Maaz weist jedoch zurecht darauf hin, dass die Flüchtlinge nicht in aller erster Linie zu uns kommen, um unsere Renten zu sichern. Sie kommen zum großen Teil als Flüchtlinge oder wie man auch sagen könnte: als Heimatvertriebene. Ansonsten verschärfen sich die Effekte noch, die Maaz in der Ausbeutung der armen Länder des Südens sieht.[4] Viele Flüchtlinge, manche Stimmen sagen, jeder zweite Flüchtling, ist traumatisiert.[5] Traumatisierte Menschen funktionieren aber nicht so einfach und reibungslos wie man das im Rahmen einer Nützlichkeitsbetrachtung gerne hätte. Zudem mahnt Kant, einer der geistigen Architekten des aufgeklärten Abendlandes, dass der Mensch keine Sache sei, “sondern [er] muß bei allen seinen Handlungen jederzeit als Zweck an sich selbst betrachtet werden.”[6]

Doch auch der Staat hat ein Recht seine Ansprüchen geltend zu machen. Daraus ergeben sich Spannungen. Für den Staat sind Kategorien wie Nutzen und Einhaltung der Rechtsnormen wichtig, doch die Menschen in diesem Staat können ihrerseits andere und oft differenziertere Kriterien anlegen. „Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen“ lautet ein berühmtes Zitat des Schriftstellers Max Frisch, der diese Diskrepanz im Zuge der ersten bundesdeutschen Einwanderung auf Aufruf artikuliert. Aber niemand zwingt uns die Fehler von damals zu wiederholen.

Im Zuge bisheriger und nicht selten krampfhafter Intergrationsbemühungen und Standortbestimmungen ist von allen Seiten kaum ein Fehler ausgelassen worden. War den einen lange Zeit nicht klar, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und wurde im Zuge dieser Debatte der Begriff zum Kampfbegriff, sah die andere Seite in der heute breit akzeptierten Forderung, dass Einwanderer schnell die deutsche Sprache lernen sollen, noch einen Akt der “Zwangsgermanisierung”. Über sogenannte Greencards versuchte Deutschland schon einmal, reichlich bürokratisch, für einen geordneten Zuzug zu sorgen, das Ergebnis war wenig überzeugend.

Integration

Integration ist gleich das nächste Reizwort. Es gibt eine angstvolle Skepsis auch in den gemäßigten Teilen der Bevölkerung, ob die Flüchtlinge willens und in der Lage sind, sich zu integrieren. Massenschlägereien in Auffanglagern scheinen die schlimmsten Befürchtungen über die Inkompatibilität der Kulturen zu bestätigen.

Doch Integration findet nicht in Auffanglagern statt, sondern im realen Leben, in Begegnungen im Alltag, bei der Arbeit, die uns erfahren lassen, dass der andere, gar nicht so anders ist. Hier kann die Psychologie helfen die Dinge zu verstehen. Befinden sich Menschen zusammen, ohne dass sie ein gemeinsames Ziel verbindet kommt es bei allen, seien sie noch so zivilisiert und hochgebildet, in kürzester Zeit zu Regressionen. Der Psychiater und Psychoanalytiker Otto Kernberg dazu:

„Das Potential für solche Regressionen ist in jedem von uns vorhanden. Wenn wir unsere gewohnte Sozialstruktur verlieren, wenn unsere gewohnten sozialen Rollen aufgehoben und vielfältige Objekte – die im interpersonalen Feld die Vielfalt der intrapsychischen primitiven Objektbeziehungen reproduzieren – in einer unstrukturierten Beziehung zusammenkommen, dann werden leicht primitive Ebenen des psychischen Funktionierens reaktiviert.“

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In einfache Worte und für unser Thema übersetzt: Flüchtlinge müssen möglichst schnell aus Massenunterkünften raus, brauchen ein Ziel und orientierende Werte. Natürlich sollten das unsere sein, ein Konsens der Bevölkerung, was hier geht und nicht geht, insofern haben wir nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, genau das klar und für alle die hier leben und leben wollen verbindlich zu formulieren. Schaffen wir das? Für die manchmal etwas ängstliche deutsche Seele, die zwischen der Sorge als Nazi oder Rassist gesehen zu werden und einer trotzigen Wut als Reaktion auf diese Angst hin und her pendelt, die vielleicht größte Herausforderung. Doch warum sollten wir nicht, jenseits aller populistischen Schlusstrichdiskussionen, in der Lage sein über unsere kollektiven Schatten zu springen? Wir schaffen das!

Absurditäten, Paradoxien und Klischees

Die Diskussion ist nicht frei von Absurditäten, Paradoxien und Klischees. Im Osten der Republik demonstriert man offiziell für den Erhalt der bedrohten Werte des jüdisch-christlichen Abendlandes. Komischerweise haben aber gerade in Ostdeutschland über 75% der Bevölkerung überhaupt keine konfessionelle Bindung. Oder sind es die humanistischen Werte oder die der Aufklärung, die man dort verteidigen will? Man weiß es nicht, darf aber zweifeln und warum ausgerechnet dort, wo man am wenigsten Kontakt mit Einwanderern hat, ist auf den ersten Blick auch nicht nachvollziehbar.

Doch dem Osten nun pauschal zu unterstellen, dort seien alle etwas zurückgeblieben, hilft nun wirklich nicht weiter und ist deutlich zu undifferenziert. Längst haben rechte Bewegungen überall in Deutschland und Europa Zulauf. Und da für manche Berlin nicht mehr hip genug ist, ziehen Teile der Karawane nun nach Hamburg und vor allem, ins noch hippere Leipzig. Dennoch hat besonders der Osten unter dem demographischen Wandel und Abwanderung zu leiden. Von 17 Millionen Ostdeutschen zu Zeiten der Wende leben dort aktuell noch 12,5 Millionen, das ist in etwa die Größenordnung Bayerns.

Viele Menschen sind beeindruckt von Merkels Kurs in der Asylpolitik, andere erschreckt. Doch mit den warmen Worten gehen harte Taten einher, wie einige Verschärfungen des Asylrechts zeigen.

Der gute Asylant wird aktuell gegen den bösen Wirtschaftsflüchtling ausgespielt. Aber was ist ein Wirtschaftsflüchtling? Ist nicht jeder Deutsche, der dem Ruf einer Uni in den Staaten folgt, oder in eine Kellnerstelle in der Schweiz annimmt oder als Rentner seinen Lebensabend auf Mallorca verbringt auch ein Wirtschaftsflüchtling? Eine massenhafte Einwanderung in die Sozialsystem ist sicher nichts, was dem Staat langfristig nutzt, aber das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass bislang “jeder Ausländer in Deutschland pro Jahr durchschnittlich 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält”.[8]

Man könnte die Aufzählung fortführen und beliebig ins Detail gehen, doch dabei besteht die Gefahr, dass die Diskussion endlos zersplittert und man das eigentliche Ziel, um das es gehen muss aus dem Blick verliert. Ziel ist, die Herausforderung durch die Migrationsbewegungen nicht nur irgendwie zu bewältigen, zu überstehen, wie eine Grippe, sondern wirklich zu sehen, dass gute integrierte neue Deutsche eine echte Vitaminspritze oder um im Bild der deutschen Schrumpfvergreisung zu bleiben, eine Frischzellenkur sind. Und die entsprechenden Weichen zu stellen. Die Zahl der Migranten ist ohnehin zu groß, um sie abhalten zu können. Die Bedingungen in der Herkunftsländern von Deutschland aus zu ändern, ohne dass bisher irgendwer wusste, wie das gehen soll, darf mal wohl getrost im Ordner “Absurdes” abheften. Wer glaubt, dass ein Telefonanruf von Frau Merkel tatsächlich den Krieg in Syrien oder das Morden in Nigeria beenden könnte?