Religion ohne Spiritualität

Tibetsiche Mönche bei Zeremonie

Der tibetische Buddhimus vereint religiöse und spirituelle Elemente. © Wonderlane under cc

Religion ist durchaus ohne Spiritualität denkbar, doch oft werden im Rahmen gemeinschaftlicher Erfahrungen bestimmte Gefühle und Empfindungen ausgelöst, die als spirituell interpretiert werden können. Eine inspirierende Predigt, eine Gruppenerfahrung durch gemeinschaftliches Singen oder Beten, doch auch das stille Verweilen vor einem Altar oder in einer Moschee. Es ist eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich, dass es im Zuge religiöser Praktiken immer wieder auch zu spirituellen Erfahrungen kommt, die anschließende Frage wäre dann, wie diese Erfahrungen gedeutet werden und hier trennen sich die Wege vermutlich stärker, als bei den Erfahrungen selbst.

Doch prinzipiell kann man auch ein religiöser Mensch sein, ohne jemals eine spirituelle Erfahrung gemacht zu haben, denn viele religiöse Systeme haben gar nicht den Anspruch die Gläubigen zu einer direkten Gottes- oder Erleuchtungserfahrung zu führen.

Spiritualität ohne Religion

So wie Religion ohne Spiritualität denkbar ist, ist es umgekehrt auch der Fall. Man braucht nicht zwingend Religion um spirituell zu sein, viele sind durch ihre Spiritualität sogar von einer konfessionellen Bindung abgerückt. Viele spirituelle Menschen brauchen die Religion vielleicht nicht mehr, weil sie durch ihre Praxis auf Fragen Antworten bekommen haben, die für sie klipp und klar sind. Die direkte Erfahrung ist gegenüber der Verkündung sicher ein Vorteil.

Jeder spirituelle Praktiker ist jedoch gleichzeitig auch in ein Weltbild eingebunden, vor dem er seine Erfahrungen interpretiert und dies muss kein religiöses Weltbild sein. Gleichzeitig ist es so, dass die spirituelle Erfahrungen natürlich ihrerseits ein weltbildveränderndes Potential besitzt. Spiritualität und Religion können also durchaus zusammen gehören, müssen es aber nicht, da sind sämtliche Kombinationen denkbar und bekannt.

Meditation

Die Königsdisziplin der spirituellen Traditionen ist sicher die Meditation. Es gibt noch andere Disziplinen wie bestimmte Atemtechniken, Drogenerfahrungen und Trancetechniken, die man einzeln oder kombiniert einsetzen kann, aber die verschiedenen Formen der Meditation bilden das Zentrum des spirituellen Gebäudes. Man kann sich fragen, wie und wann die Meditation eigentlich zu uns kam. Das ist gar nicht so ganz leicht zu beantworten, da es immer wieder Zeiten gab in denen diese Technik zu uns strömte.

Zum letzten Mal sicher im Zuge der Esoterikwelle, Ende der 1970er, die aber mehr versandet und verflacht ist als alles andere und dazu führte, dass Esoterik heute, als verbrannter Begriff, in Kümmerformen wie Astro-TV ihr Unwesen treibt. Esoterik ist nie so richtig als Kulturphänomen aufgearbeitet worden und startete mit einem höheren Anspruch.

Die Hippies trugen sicher ihren Teil dazu bei, dass mehr spirituelle Erfahrungen, wenngleich auf eher unsystematischen Wegen, gemacht wurden. Liebe, Frieden, Freiheit. Musik, gute Laune, dazu Experimente mit Sex und Drogen, nicht in einem so breiten Teil der Gesellschaft, wie man denkt, aber doch prägend, da schwamm auch die eine oder andere spirituelle Erfahrung mit, vermittelt über LSD, transzendentale Meditation oder Tanz, Musik und Sex.

Doch schon vor 1900 gab es die Theosophie mit der schillernden Madame Blavatsky und zum ersten Mal kamen die Yogapraktiken der Inder nach Europa. Erprobt wurden sie in geheimen Zirkel, Logen und im öffentlicheren Raum. Seriöse Forschung, Scharlatanerie und erste Gehversuche wurden unternommen, in einer Zeit des Umbruchs. Neue Wege und Perspektiven in Kunst und Wissenschaft eröffneten sich, neben Kandinsky, Kafka, Schönberg, den Röntgenstrahlen und der allgemeinen Relativitätstheorie, betrat auch die einflussreiche Psychoanalyse die Bühne der Welt, mit dem stolzen Atheisten Sigmund Freud und dem Kronprinzen Carl Gustav Jung, der ein großes Interesse an spirtuellen Praktiken hatte.

In den teilweise bunten Strömungen dieser Zeit erreichten auch die vordergründig stilleren und unspektakuläreren Meditationspraktiken Europa. Heute ist das Interesse an eben diesen Techniken groß, weil man immer mehr erkennt, dass wir Menschen zwar vernünftige Argumente verstehen und verarbeiten können, diese unsere Handlungen aber nicht in dem Umfang motivieren, wie man das in der Sturm- und Drangzeit der Vernunft, der Aufklärung und der vielen Jahrzehnten danach, noch dachte. Heute weiß man, dass der Mensch nicht das rationale Wesen ist, für das er sich selbst manchmal hält, der Glaube an die Vernunft bröckelt und wir wissen, dass wir mindestens noch eine zweite, emotionale Seite in uns haben, eventuell aber auch eine dritte, spirituelle, die einen ganz eigenen Charakter besitzt.

Das Bild vom spirituellen Osten

Doch man sollte es sich nicht zu leicht machen und Meditiation als etwas aus dem Osten ansehen, mit dem wir nichts zu tun haben. Nicht in den 1970ern oder um 1900 erreichte die Meditation Europa, sondern Europa hat selbst eine spirituelle, mystische Tradition, die sich sehen lassen kann und aus der mit Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Meister Eckhart, Albertus Magnus und Hildegard von Bingen, um diese nur stellvertretend zu nennen, immer wieder Leuchttürme herausragten, die im stillen Gebet ihre Erleuchtungserfahrungen hatten und in Worte zu bringen versuchten.

Zur Zeit Hildegards ließen sich die Gottessucher mitunter in ihre Klosterzellen einmauern und wurden durch bestimmte Luken im Gemäuer von der Bevölkerung versorgt. Spirituelle Praktiker wurden damals gesellschaftlich unterstützt, das ist nicht unbedingt mehr vorstellbar, in der heutigen Zeit.

… stimmt nur zum Teil

Zudem ist es ein Irrglaube, dass das heutige Asien in Spiritualität versunken ist. Der westliche Zen-Meister Brad Warner sagt, dass sogar von den großen Zen-Lehrern in Japan kaum noch einer selbst meditiert. Entgegen einem verbreiteten Klischee demzufolge die Durchschnittsjapaner entweder Zen machen oder in vollgestopften U-Bahnen stecken. Im riesigen Indien gibt es durchaus noch Ecken in denen eine spirituelle Tradition gepflegt wird, aber auch dort ist es eher eine Ausnahme.

Es gibt hinsichtlich einiger Bereiche noch heute signifikante Unterschiede zwischen östlicher und westlicher Spiritualität, aber prinzipiell ist Spiritualität eine von allen Menschen erlernbare Technik. Was Spiritualität und Religion uns heute noch (oder gerade heute) geben können und wo Risiken und Nebenwirkungen liegen, dazu mehr im nächsten Teil.