Weniger Vertrauen

Eine künstlerische Darstellung einer nahenden Katastrophe, von Paula Rego. © Pedro Ribeiro Simões under cc

Es ist noch etwas anders geworden. Wir vertrauen weniger. Das Vertrauen in Religion, aber auch Instanzen wie Wissenschaft, Politik oder Staat sinkt. Wenn aber gleichzeitig auch die Identitätsbildung nach hinten geschoben wird, haben wir immer weniger Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen, mit denen wir ausgesöhnt sind.

Wir sind also in einem beständigen Schwebezustand, wollen alle Möglichkeiten scheinbar erhalten bleiben und schieben Entscheidungen auf, weil wir oft denken, es könnten noch bessere Angebote kommen, Doch die Rechnung ist eine ohne den Wirt, denn wer sich nicht entscheidet, der hat nicht mehr Optionen, sondern über den wird irgendwann entschieden. Damit ist man dann in der Regel noch weniger zufrieden. Man fühlt sich dann ohnmächtig, wenn man sich auf der Basis sehr vieler Möglichkeiten entscheidet, hat man jedoch das Gefühl, man würde mit Minderwertigem abgespeist. Eine eher ich-schwache, mindestens labile Position.

Vertrauen zu sich selbst wächst aber auf der Basis des Vertrauens in andere. Wer die Erfahrung gemacht hat, im Bedarfsfall sicher umsorgt zu sein, der bildet auch Selbstvertrauen aus, viele andere nur ein kompensatorisches Größenselbst, das im Krisenfall oft zerplatzt. Wir müssten also anderen wieder mehr vertrauen um uns mehr vertrauen zu können, aber das kann man nicht anknipsen oder mal eben im Wochenendseminar nachholen.

Zugleich wird eine doppelte Resilienzleistung von uns verlangt. Unsere Welt ändert sich in vielen Aspekten, gleichzeitig greifen aber auch unsere Modelle mit diesen Veränderungen umzugehen nicht mehr, was verständlich ist, da sie in den letzten Jahrzehnten wesentlich aus abwarten und aussitzen bestanden. Hat nun die Politik die Bevölkerung infantilisiert oder umgekehrt oder lief beides parallel? Die Tendenz die Dinge offen zu lassen ist jedenfalls auf beiden Seiten erkennbar, das Ergebnis ist eine Massenregression in den letzten Jahrzehnten, die es umzudrehen gilt.

Vertrauen lernen durch Realismus und Aktivität

Mit der Verweigerung jedweder Festlegung geht zumeist, wenn andere oder das Leben dann entschieden haben, ein nicht selten hektischer Aktionismus einher. Völlig ‘überrascht’ wird gefragt, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass am Ende wirklich das eintritt, wovor oft schon seit Jahrzehnten gewarnt wird und dann müssen Schuldige gefunden und abgestraft werden und es wird irgendwas gemacht, oft nur, damit man zeigen kann, dass man jetzt endlich was macht.

Aktiv werden ist eine gute Strategie um von der Opferhaltung in die Situation von Festlegung und Verantwortung zu kommen, um die es geht. Aber eine durchdachte Aktivität ist besser als Aktionismus. Um wieder Vertrauen zu fassen, ist es nicht nötig, sich irgend etwas einzureden, sondern das Vertrauen von einer realistischen Basis aus aufzubauen. Das kann man eigentlich auch sofort tun. Mal kurz überlegt: Wir haben bisher überlebt. Dass uns dies überhaupt gelungen ist, ist außerordentlich unwahrscheinlich. Je mehr man sich in das Thema einarbeitet, um so unwahrscheinlicher scheint es. Jeder kann es durchspielen. Zwar ist das Argument, dass etwas immer schon so war und darum auch so bleiben wird ein logischer Fehlschluss, aber ganz ohne Plausibilität ist es dennoch nicht.

Zweitens, ein Selbstexperiment. Der Schleier des Nichtwissens. Wenn heute alles ganz fürchterlich ist, wann war es besser? Jeder kann sich überlegen, wann er oder sie statt dessen hätte leben wollen. Das Gedankenexperiment geht so: Die Zeit und den Ort darf man selbst wählen, Geschlecht und sozialen Status nicht. Wenn man so etwas wie Smartphone, Dusche, Schmerzmittel, Antibiotika, Seife, Heizung, Dusche und Fenster mal streicht, wird es nach dem ersten Kick oft schon eng. Wenn man überlegt, dass die Oberschicht, der es so richtig gut ging, immer äußerst dünn war, noch enger.

Mit anderen Worten, man kann in die Zähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Kreativität der Menschheit schon einiges Vertrauen haben. Doch Vertrauen in uns schließt eben das in andere ein und mindestens psychologisch ist auch das Vertrauen auf höhere Mächte nicht irrational. Wenn man meint, es läge nicht alles in unserer Hand, kann man noch immer das tun, was man meint tun zu müssen und einen großen Teil innerlich abgeben. Wir sind heute in der eigenartigen Position zu glauben, alles selbst regeln zu müssen, es aber dann dennoch nicht zu tun. Aus den oben genannten Gründen, die oft in eine reale Überforderung über gehen. Wir wollen die perfekte Entscheidung treffen, das eine Los soll der Hauptgewinn sein und dann lassen wir vieles verstreichen und wundern uns, dass wir den Einfluss verlieren und glauben irgendwann absurde Ideen, die uns suggerieren, dass wir selbst mit unserem Leben am wenigsten zu tun haben.

Das Halbwissen überwinden

Wir können nicht alles wissen. Aber wir sind doch keine gänzlich unwissenden Wesen. Hier geht es nicht darum Wege zu finden, um die Welt besser zu machen, sondern unsere Zukunftsängste zu lindern. Beides fließt jedoch ineinander, denn aktiv zu werden und die Opferperspektive hinter sich zu lassen ist ein Teil ihrer Überwindung. Die selbst verordnete Unmündigkeit ist ein Teil davon, die sich irgendwie seltsam darin gefällt, zu betonen, dass man einfach nichts tun kann.

Niemand kann uns jedoch daran hindern, die Dinge zu Ende zu denken und genau das sollten wir tun, um den Aktionismus zu überwinden. Wenn wir uns als selbstwirksam und kompetent erleben, geht es uns und der Welt besser. Wir können immer weiter fragen und gute von schlechten Antworten unterscheiden, das haben wir 2500 Jahre lang geübt. Relativ neu ist hingegen die Psychotherapie und ein effektiver Weg bei Zukunftsängsten ist die kognitive Konfrontation mit den Ängsten. Die Zukunftsängste sind schon begründet, aber das Spiel umzudrehen und zum aktiven Pol zu werden, ist immer einer der Auswege.

Aus Aktionismus kann auch Aktion werden. Wir leben im Anthropozän, für das gelten soll, dass der Mensch ein wesentlicher Faktor beim Weitergang auch der Naturgeschichte ist, jedenfalls auf der Erde. Man kann vor der Verantwortung, die sich daraus ableitet durchaus gehörigen Respekt haben, aber Zukunftsängste kann sie effektiv bekämpften. Wenn wir erwachsen werden und Verantwortung übernehmen hilft das gleich mehrfach, gerade auch bei unserer Angst.