Ein Gefühl, das derzeit gar nicht so selten geteilt wird, auch wenn es nicht neu ist. © Jeanne Menjoulet under cc

Zukunftsängste sind gegenwärtig weit verbreitet. Galten sie früher als eher diffus, so sind sie heute wesentlich greifbarer.

Dabei gibt es in unserer ausdifferenzierten Welt ein breites Angebot an Ereignissen, vor denen man sich fürchten kann. Inzwischen ist für jede Altersstufe etwas dabei. Die Jugend sorgt sich um den Klimawandel, die Alten mussten bis vor kurzem noch Angst vor Coronaviren haben (und das Thema ist noch nicht ausgestanden). Doch inzwischen ist auch für die mittleren Altersklassen genug im Angebot. Das Thema Migration macht vielen Menschen Sorgen, die Finanzierung der Renten in den nächsten Jahren ist sehr wackelig, das Medizinsystem und insbesondere das Segment der Pflege fährt gerade mit Ansage vor die Wand, man kann sich um politische Spannungen sorgen und manches mehr.

Es gibt eine selten berücksichtigte Unterscheidung zwischen Angst und Furcht. Furcht ist auf ein konkretes Objekt gerichtet. Man kann sich vor Tunnels, Hunden, Spinnen, Fahrstühlen oder der Höhe fürchten, Angst bleibt diffus. Das macht sie nicht besser, weil sie sogar eine Art Lebensbegleiter werden kann, worunter die Lebensqualität in vielen Fällen entsetzlich leidet.

Zukunftsängste sind irgendwo dazwischen. Man hat in der Regel noch keine Erfahrungen mit der Situation gemacht, ob Altersarmut oder Klimawandel, aber die Möglichkeit ist nicht irreal, dass man damit demnächst konfrontiert wird. Man weiß nicht, was kommt, das weiß man im Grunde zwar an keinem Tag des Lebens, aber wir haben unsere Routinen, mit deren Hilfe wir uns das erfolgreich einreden können. Doch durch die Komplexität der Welt beginnen diese Routinen zu bröckeln.

Die Rahmenbedingungen

Unser Alltag ist in nicht wenigen Fällen schon eine logistische Großtat[link] und erfordert nicht selten ein Maß an hoher organisatorischer Kompetenz. Dazu kommt, dass viele Lebenserleichterungen das Leben de facto schwieriger gemacht haben. Vieles, was Zeitersparnis bringen sollte und könnte, kostet oft zusätzliche Zeit.

Ohne Zweifel ist das Internet die letzte große technische Innovation mit einer erheblichen Auswirkung auf unseren Alltag, mit allerlei wunderbaren Möglichkeiten, aber dass es unser Leben nur einfacher oder nur besser gemacht hat, kann man nicht behaupten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen im Zuge der industriellen Revolution technische Neuerungen Fahrt auf und veränderten das Leben der Menschen radikal. Man brauchte Gott nicht mehr, sondern immer mehr Menschen in Europa konnten ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Für Arbeit, Nahrung, Mobilität war zunehmend gesorgt. Züge, Autos, Flugzeuge, die dazu gehörige Infrastruktur von Straßen, Schienen und nicht zu vergessen das aufkommende Telekommunikationsnetz sorgten für neue Lebens- und Arbeitsweisen. Doch so gravierend die Veränderungen auch waren, es war keineswegs das gelobte Land, was sich da präsentierte.

Brutal lange Arbeitszeiten und lausige Bedingungen in Fabriken und Bergwerken, inklusive der Arbeit von Frauen und Kindern, sorgten für eine mittlere Lebenserwartung von etwa 38 Jahren, noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gegen Ende des Jahrhunderts und um die Wende zum 20. änderte sich das, durch organisierten Arbeitskampf um bessere Bedingungen und da immer mehr Arbeit und technische Neuerungen nun auch eine neue Logistik im Schlepptau hatte, kamen neue Berufe auf, wie Büroangestellte.

Ungefähr ab da bedeuteten wissenschaftliche, technische und soziale Neuerungen einen ungemeinen Fortschritt an Lebensqualität, die sich in einer dramatischen Veränderung der Lebenserwartung niederschlugen, die sich in 150 Jahren ungefähr verdoppelte. Die Waschmaschine war vielleicht noch die letzte gute Erfindung, die einer breiten Masse von Frauen das Leben erleichterte und tatsächlich Zeit und Mühen ersparten. Bereits der Fernseher dürfte deutlich ambivalenter sein, das Internet wurde bereits erwähnt.

Was ist heute anders?

Es sind jedoch nicht nur die Umwelt oder Technik, die anders geworden sind, ganz wesentlich ist die innere Einstellung. Nach dem zweiten Weltkrieg kam das Wirtschaftswunder, das bis zum Beginn der 1970er einen ungeheuren Fortschrittsoptimismus beförderte, der auch danach nur dosiert abebbte. Aber in vielen kleinen und größeren Schritten ist er abgeebbt und heute finden wir oft das Gegenteil: ausgeprägte Zukunftsängste, binnen 25 – 50 Jahren, je nachdem an welcher Stelle beim Einzelnn ein komisches Gefühl einsetzte.

Wir finden heute eine ungeheuer ausdifferenzierte Welt vor, in der neben der Vielfalt an technischen Möglichkeiten noch eine Vielfalt an Weltanschauungen kommt, dazu werden einige Grundpfeiler unserer Alltagsorientierungen gerade infrage gestellt, wir haben also Veränderungen auf mehreren Ebenen. Sie begleiten unser Menschsein durch die gesamte Geschichte, die reichlich abrupte Brüche kennt, aber vielleicht kommen sie heute etwas zu schnell.

Komplexer Alltag, viele verschiedene Weltbilder und eine recht große Anzahl an realen Problemen, das kann schon ein Nährboden für Zukunftsängste sein. Klima und Corona, darunter leiden besonders die Jungen, vor der Altersarmut haben sie natürlich weniger Sorge und alte, ungeimpfte ältere Menschen hatten mitunter Angst um ihr Leben. Viele Mittelalte haben reale Ängste um ihre finanzielle Zukunft, wenn sie sich gerade eine berufliche Existenz aufgebaut haben, die nun in Teilen oder vollkommen zerstört ist.

Doch es ist noch etwas anders geworden, innerlich. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zeit der Jugend, die Adoleszenz erheblich ausgeweitet, mitunter bis weit über das 30 Lebensjahr hinaus. Junge Menschen wohnen länger zu Hause, sind später berufstätig, Heirat und Kinder kommen in der Regel jenseits der 30 (1970 war die Hälfte der 24-Jährigen verheiratet) und auch die Identität ist kaum entwickelt. Auch das hat viele Ursachen, innere und äußere. Der komplexe Alltag bietet sehr viele, oft zu viele Möglichkeiten und trifft auf eine Weigerung, sich festzulegen. Aus innerer und äußerer Überforderung, oft will man eigentlich nur spielen und im Zweifel irgendwie alles mitnehmen.

Dass wir zunehmend eine Kinderkultur werden darauf wird schon seit längerer Zeit hingewiesen. Man will alle Möglichkeiten haben, aber auch die Freiheit, sie nicht zu nutzen. Es macht mehr Spaß zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren, wenn man weiß, dass man auch noch ein Auto in der Garage hat. Wir haben heute oft, was wir uns wünschten und können damit nicht umgehen, kommen damit nicht klar. Zu viele Optionen, zu viele Gedanken. Zu viel Katastrophisieren, weil man denkt, dass man sich in dem vielfältigen Angebot richtig entscheiden muss, nur um dann doch nicht zufrieden zu sein, weil es noch so viel andere und anderes gibt und man Angst hat, man könne etwas verpasst haben, weil man sich falsch entschieden hat.

So schiebt man die Entscheidungen auf, bei denen man früher oft gar keine Wahl hatte. Es ist eine seltsame, aber vermutlich richtige Erfahrung, dass zu viele Freiheiten uns nicht glücklicher und stressfreier machen. Festlegungen machen glücklich, für etwas zu sein, sich entschieden zu haben, davon berichten alle, die wirklich für etwas brennen.

Weniger Vertrauen

Eine künstlerische Darstellung einer nahenden Katastrophe, von Paula Rego. © Pedro Ribeiro Simões under cc

Es ist noch etwas anders geworden. Wir vertrauen weniger. Das Vertrauen in Religion, aber auch Instanzen wie Wissenschaft, Politik oder Staat sinkt. Wenn aber gleichzeitig auch die Identitätsbildung nach hinten geschoben wird, haben wir immer weniger Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen, mit denen wir ausgesöhnt sind.

Wir sind also in einem beständigen Schwebezustand, wollen alle Möglichkeiten scheinbar erhalten bleiben und schieben Entscheidungen auf, weil wir oft denken, es könnten noch bessere Angebote kommen, Doch die Rechnung ist eine ohne den Wirt, denn wer sich nicht entscheidet, der hat nicht mehr Optionen, sondern über den wird irgendwann entschieden. Damit ist man dann in der Regel noch weniger zufrieden. Man fühlt sich dann ohnmächtig, wenn man sich auf der Basis sehr vieler Möglichkeiten entscheidet, hat man jedoch das Gefühl, man würde mit Minderwertigem abgespeist. Eine eher ich-schwache, mindestens labile Position.

Vertrauen zu sich selbst wächst aber auf der Basis des Vertrauens in andere. Wer die Erfahrung gemacht hat, im Bedarfsfall sicher umsorgt zu sein, der bildet auch Selbstvertrauen aus, viele andere nur ein kompensatorisches Größenselbst, das im Krisenfall oft zerplatzt. Wir müssten also anderen wieder mehr vertrauen um uns mehr vertrauen zu können, aber das kann man nicht anknipsen oder mal eben im Wochenendseminar nachholen.

Zugleich wird eine doppelte Resilienzleistung von uns verlangt. Unsere Welt ändert sich in vielen Aspekten, gleichzeitig greifen aber auch unsere Modelle mit diesen Veränderungen umzugehen nicht mehr, was verständlich ist, da sie in den letzten Jahrzehnten wesentlich aus abwarten und aussitzen bestanden. Hat nun die Politik die Bevölkerung infantilisiert oder umgekehrt oder lief beides parallel? Die Tendenz die Dinge offen zu lassen ist jedenfalls auf beiden Seiten erkennbar, das Ergebnis ist eine Massenregression in den letzten Jahrzehnten, die es umzudrehen gilt.

Vertrauen lernen durch Realismus und Aktivität

Mit der Verweigerung jedweder Festlegung geht zumeist, wenn andere oder das Leben dann entschieden haben, ein nicht selten hektischer Aktionismus einher. Völlig ‘überrascht’ wird gefragt, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass am Ende wirklich das eintritt, wovor oft schon seit Jahrzehnten gewarnt wird und dann müssen Schuldige gefunden und abgestraft werden und es wird irgendwas gemacht, oft nur, damit man zeigen kann, dass man jetzt endlich was macht.

Aktiv werden ist eine gute Strategie um von der Opferhaltung in die Situation von Festlegung und Verantwortung zu kommen, um die es geht. Aber eine durchdachte Aktivität ist besser als Aktionismus. Um wieder Vertrauen zu fassen, ist es nicht nötig, sich irgend etwas einzureden, sondern das Vertrauen von einer realistischen Basis aus aufzubauen. Das kann man eigentlich auch sofort tun. Mal kurz überlegt: Wir haben bisher überlebt. Dass uns dies überhaupt gelungen ist, ist außerordentlich unwahrscheinlich. Je mehr man sich in das Thema einarbeitet, um so unwahrscheinlicher scheint es. Jeder kann es durchspielen. Zwar ist das Argument, dass etwas immer schon so war und darum auch so bleiben wird ein logischer Fehlschluss, aber ganz ohne Plausibilität ist es dennoch nicht.

Zweitens, ein Selbstexperiment. Der Schleier des Nichtwissens. Wenn heute alles ganz fürchterlich ist, wann war es besser? Jeder kann sich überlegen, wann er oder sie statt dessen hätte leben wollen. Das Gedankenexperiment geht so: Die Zeit und den Ort darf man selbst wählen, Geschlecht und sozialen Status nicht. Wenn man so etwas wie Smartphone, Dusche, Schmerzmittel, Antibiotika, Seife, Heizung, Dusche und Fenster mal streicht, wird es nach dem ersten Kick oft schon eng. Wenn man überlegt, dass die Oberschicht, der es so richtig gut ging, immer äußerst dünn war, noch enger.

Mit anderen Worten, man kann in die Zähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Kreativität der Menschheit schon einiges Vertrauen haben. Doch Vertrauen in uns schließt eben das in andere ein und mindestens psychologisch ist auch das Vertrauen auf höhere Mächte nicht irrational. Wenn man meint, es läge nicht alles in unserer Hand, kann man noch immer das tun, was man meint tun zu müssen und einen großen Teil innerlich abgeben. Wir sind heute in der eigenartigen Position zu glauben, alles selbst regeln zu müssen, es aber dann dennoch nicht zu tun. Aus den oben genannten Gründen, die oft in eine reale Überforderung über gehen. Wir wollen die perfekte Entscheidung treffen, das eine Los soll der Hauptgewinn sein und dann lassen wir vieles verstreichen und wundern uns, dass wir den Einfluss verlieren und glauben irgendwann absurde Ideen, die uns suggerieren, dass wir selbst mit unserem Leben am wenigsten zu tun haben.

Das Halbwissen überwinden

Wir können nicht alles wissen. Aber wir sind doch keine gänzlich unwissenden Wesen. Hier geht es nicht darum Wege zu finden, um die Welt besser zu machen, sondern unsere Zukunftsängste zu lindern. Beides fließt jedoch ineinander, denn aktiv zu werden und die Opferperspektive hinter sich zu lassen ist ein Teil ihrer Überwindung. Die selbst verordnete Unmündigkeit ist ein Teil davon, die sich irgendwie seltsam darin gefällt, zu betonen, dass man einfach nichts tun kann.

Niemand kann uns jedoch daran hindern, die Dinge zu Ende zu denken und genau das sollten wir tun, um den Aktionismus zu überwinden. Wenn wir uns als selbstwirksam und kompetent erleben, geht es uns und der Welt besser. Wir können immer weiter fragen und gute von schlechten Antworten unterscheiden, das haben wir 2500 Jahre lang geübt. Relativ neu ist hingegen die Psychotherapie und ein effektiver Weg bei Zukunftsängsten ist die kognitive Konfrontation mit den Ängsten. Die Zukunftsängste sind schon begründet, aber das Spiel umzudrehen und zum aktiven Pol zu werden, ist immer einer der Auswege.

Aus Aktionismus kann auch Aktion werden. Wir leben im Anthropozän, für das gelten soll, dass der Mensch ein wesentlicher Faktor beim Weitergang auch der Naturgeschichte ist, jedenfalls auf der Erde. Man kann vor der Verantwortung, die sich daraus ableitet durchaus gehörigen Respekt haben, aber Zukunftsängste kann sie effektiv bekämpften. Wenn wir erwachsen werden und Verantwortung übernehmen hilft das gleich mehrfach, gerade auch bei unserer Angst.