Vier ‘Strategien’ gegen Covid-19

Unbeliebt, aber sehr wirksam. Abstand halten. © Jerney Furman under cc

Die erste will ich nicht mit bestimmten Ländern assoziieren, wem welche einfallen, darf diese einsetzen. Ich würde diese Strategie als ‘keine Strategie’ bezeichnen, das heißt man setzt drauf, dass Covid-19 im Grunde nicht so schlimm ist und wenn überhaupt, dann gerade mal so schlimm wie ein Grippe. Diese Länder haben neben sehr hohen Infektionszahlen (auch im Vergleich zur Zahl der Gesamtbevölkerung) manchmal auch eine schlechte Sterblichkeitsrate. Bei anderen Ländern wundere ich mich, warum ausgerechnet diese so eine erstaunlich niedrige Sterblichkeitsrate vorweisen können, aber jeder wundert sich vermutlich über etwas anderes. Die Strategie der Ignoranz scheint in meinen Augen keine erfolgreiche zu sein.

Schwedens Weg wird momentan nahezu täglich anders bewertet. Er zeichnet sich dadurch aus, dass man auf einen staatliche Lockdown verzichtet und statt dessen auf die Vernunft und freiwillige Einsicht der Bürger gesetzt hat. Das kam gut an, dann wieder nicht so, dann doch wieder, die Fallzahlen in Schweden sind deutlich höher als in den anderen skandinavischen Ländern, die Sterblichkeitsrate ist deutlich höher, sinkt in letzter Zeit aber ab, so das der schwedische Weg aktuell wieder etwas freundlicher betrachtet wird. Er könnte sich langfristig auszahlen, weil er mit einer schnelleren Durchseuchung der Gesamtbevölkerung spielt, die immer so mit 65% der Bevölkerung angegeben wird – aber auch das ist ein eher spekulativer Wert – er zahlt sich dann aus, wenn eine effektive Therapie oder eine Impfung erst spät gefunden wird. Wird sie schneller gefunden, hat Schweden zu viele Todesopfer.

Zum ganzen Bild gehört aber auch, dass der schwedische Weg gar nicht so locker und Deutschlands Weg nicht so rigide war oder ist, wie es dargestellt wird. Dies führt zumindest Juan Morenos Podcast über Schwedens Sonderweg aus.

Während die Freunde von Schwedens Weg zumeist kritisieren, dass Deutschland zu hart vorgehe und die Wirtschaft zerstöre oder zu viel Rücksicht auf Menschen nimmt, die sowieso bald gestorben wären, was sie zumeist mit den Anhängern der ersten Strategie des Nichtstuns verbindet, gibt es eine andere Gruppe, denen die Maßnahmen in Deutschland nicht weit genug gegangen sind.

Anhänger dieser Idee bevorzugen in der Regel ein Szenario, das als Der Hammer und der Tanz bekannt wurde. Kurz gesagt, handelt es sich dabei um kurze, aber rigide regionale Lockdowns, die schnell und hammerhart sind, mit dem Ziel das ganze Land vor einem Lockdown oder unkontrollierbaren Folgen der Pandemie zu schützen. Im Grunde die Situation die man jetzt bei uns erreicht und zu Beginn der Welle verfehlt hat, mit dem Unterschied, dass bei uns noch mehr getestet werden müsste.

Die deutsche Strategie gehört irgendwo ins Mittelfeld und erscheint mir als eine Mischung aus guter Logistik und Glück. Unser Lockdown ist im Grunde ein Kuschellockdown gewesen, es gab keine echten Ausgangssperren, die Versorgung ist nicht zusammen gebrochen, die Maßnahmen erschienen der Überzahl angemessen. Glück hatte man in meinen Augen, weil Italien das erste Land war, was in Europa mit voller Wucht getroffen hatte, das gab uns die Möglichkeit zu lernen und diverse Arten von Intensivplätzen auszubauen und frei zu halten. Italien wurde hier kalt erwischt, wir hätten es auch sein können. Denn das Medizinsystem wurde bei uns, zum Glück, gar nicht groß getestet, die in meinen Augen gute logistische Arbeit im Vorfeld, konnte das weitgehend verhindern. Zudem wurde das Medizinsystem gerade herunter gefahren, immer mehr Kliniken sollten aus wirtschaftliche Gründen verschwinden – eine Idee, die man noch immer nicht aufgegeben hat – was bei nicht ausreichender Versorgung allerdings geschehen kann, konnten und können wir live beobachten.

Hintergrund-Immunität und natürliche Immunisierung

Ist man wenigstens ein bisschen immun, wenn man früher schon mal Kontakt mit anderen Arten von Corona-Viren hatte? Das nehmen manche Virologen an und dies könnte die Verbreitung verlangsamen, aber man weiß es nicht sicher, zudem nicht, wie groß der schützende Effekt ist. Außerdem weiß ja kaum jemand, ob er zu denjenigen gehört, die schon einmal eine Coronaviren Infektion hatten. Die Unsicherheit bleibt.

Dem Standard gemäß müssten sich nach einer durchgemachten Covid-19-Infektion im Immunsystem Antikörper gebildet haben, die beim nächsten Kontakt die Viren gewissermaßen schon an der Tür erkennen und gar nicht erst hinein lassen. Unklarheiten gibt es daher, bei Berichten über zweite Infektionen, von denen man immer wieder hört, die aber auch ein Testfehler sein können.

Wie lange die Antikörper uns nun schützen ist auch unklar, von drei Monaten über sechs, 12 bis zu 18 Monaten ist alles möglich, aber man weiß eben auch nicht, was denn nun der Fall ist. In dem Zusammenhang wurde auch ein Immunpass diskutiert, der Menschen, die Antikörper im Blut haben andere Tätigkeiten ermöglicht, allerdings kann es so zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft kommen. Zudem hat man in letzter Zeit entdeckt, dass ein milder Verlauf offenbar dazu führt, dass die Antikörper im Blut nach einiger Zeit wieder verschwinden, ob das auch heißt, dass diese Menschen ihre Immunisierung verloren haben, ist unklar.

Bekommt jemand der einmal milde Symptome hatte, diese nun immer wieder? Man weiß es nicht. Dieses Bündel an Unklarheiten lässt viele von uns so verunsichert da stehen.

Therapeutische Ansätze

Mit jeder Woche die vergeht, werden die therapeutischen Erkenntnisse etwas größer und da wir inzwischen weltweit vernetzt sind und ein hohes Interesse an einem Austausch besteht, wird aktuell alles schnell geprüft und es liegen ständig neue Erkenntnisse vor.

Ein Wundermittel der ersten Stunden, das Malariamittel Hydroxycholoquin hat offenbar so schwere Nebenwirkungen (wie viele andere antivirale Mittel auch), dass es im Verdacht steht zu mehr Toten zu führen, als ohne Behandlung. Zumindest ist die Datenlage sehr umstritten.[15]

Remdesivir ist inzwischen zugelassen, aber von durchschlagendem Erfolg ist die Wirkung nicht. Es kann die Zahl der Krankentage reduzieren, aber es senkt nicht die Sternblichkeit, ist die bisher vorherrschende Meinung. Die neuesten Ergebnisse erfordern ebenfalls weitere Studien.[16]

Ein anderer Weg ist die symptomatische Therapie, in der man den Körper an seiner Schwachstelle unterstützt, von der Versorgung mit Sauerstoff, bis hin zu intensivmedizinischen Maßnahmen. Gut, dass es sie gibt, wenn man sie braucht, ist das allerdings nicht so toll, weil man dann bereits schwer krank ist.

Da, wie oben ausgeführt, Entzündungen der Adern der Organe ein Hauptproblem sind, die zu Thrombosen und Embolien (Verstopfungen dieser Adern) führen, gibt man Gerinnungshemmer, die diese Thrombosen beseitigen und ihnen vorbeugen können.

Gute Erfolge verspricht man sich auch von Dexamethason, ein starkes Cortisonpräparat. Die Wirkung von Cortison ist allgemein entzündungshemmend und da Covid-19 eine Entzündungskrankheit ist macht der Ansatz Sinn, allerdings berichteten russische Ärzte, dass sie bereits seit längerer Zeit routinemäßig Dexamethason verwenden und es dort zwar hilft, aber nur bei etwa einem von sieben Patienten.

Camostat ist ein Mittel, das die TMPRSS2-Proteine und damit die Eintrittpforte des der Coronaviren hemmen kann und wurde für Studien zugelassen.[17]

Alles in allem sieht man hoffnungsfroh stimmende Fortschritte, aber noch keinen Durchbruch. Vielleicht kommt der auch nicht, in dem Sinne, dass es das eine Mittel geben wird, was hilft, aber in vielen Fällen ist die Medizin sehr erfolgreich mit Therapien, die aus einzelnen, auf den Patienten abgestimmten Bausteinen bestehen.

Impfungen

Insgesamt sieht man die Impfungen als die beste Lösung an, aber auch hier könnte der Teufel im Detail liegen. Der erste Punkt ist, dass wir noch keinen Impfstoff haben und dieser zunächst auch getestet werden muss. Bislang wurden jedoch auch gegen andere Arten von Coronaviren keine Impfungen gefunden – vielleicht nur deshalb, weil man zu wenig gesucht hat – und dann ist auch nicht klar, woran der Impfstoff sich orientieren sollte.

Wir kennen inzwischen alle die stilisierte Coronavirus Darstellung, die Kugel mit den Zapfen auf der Oberfläche. Dies sind die sogenannten Spikes und die Biotechniker, die den Impfstoff suchen, orientieren sich oft an dem Muster dieser Spikes, das dann mit der Impfung gegeben werden soll, damit der Körper, das Immunsystem, Antikörper bildet. So weit, so gut, nur verändern sich diese Spikes wohl relativ schnell (und sollen sich schon verändert haben), so dass die Impfung immer nur für eine gewisse Zeit wirksam ist, ähnlich wie bei der Virusgrippe, bei der man sich jährlich neu impfen lassen soll und die neuesten Stämme doch nicht erfasst werden. Bei Sars-CoV-2 kommt es aber gerade darauf an, also könnten diese Impfungen eine erste schnelle Wirkung haben, aber es muss nach tiefer greifenden Impfungen gesucht werden.

Mutationen und die zweite Welle

Ob und wie Sars-CoV-2 mutiert oder schon mutiert ist, ist gleich die nächste unklare Frage und alle Wahrscheinlichkeiten sind im Grunde nur Beruhigungen, man weiß einfach nicht, ob, wie und wann diese Mutationen stattfinden und in welche Richtung sie gehen. Das Virus könnte harmloser oder aggressiver werden, es nutzt dem Virus zwar, wenn der Wirt überlebt, weil es sich dann besser verbreiten kann, aber letztlich ist das bereits eine Vermenschlichung eines Vorgangs, der ohne Absichten ausgeführt wird. Vergessen wir nicht, dass bei Viren nicht mal klar ist, ob sie überhaupt leben, da kann von Absichten dann keine Rede sein.

Genau so unklar ist, ob oder wann eine zweite Welle kommt. Auch wenn das in der Vergangenheit bei Pandemien oft der Fall war, so heißt das nicht zwingend, dass es so bleiben muss, wir leben inzwischen in anderen Zeiten mit andere Risiken (viel enger, viel mehr Verkehr, viel mehr Massentierhaltung), aber auch viel mehr Möglichkeiten der schützenden Logistik, durch Presse, Internet und Apps.

Unglückliche Darstellungen

Manche Kommunikationen sind nicht geglückt. Man erinnere sich an die Warnung vor Ibuprofen (und verwandten Mitteln), die dann schnell als Fake galt, bevor Tage später die WHO offiziell vor dem Gebrauch warnte, nur um die Warnung dann später wieder zurückzuziehen.

Der Wechsel der Ziele wurde nicht gut erklärt, auch wenn man mit dem Ergebnis aus medizinischer Sicht zufrieden sein kann – für viele kleine Gewerbe war und ist es allerdings ein Desaster – so ist vor allem nicht klar und oft genug erklärt worden, warum der Durchbruch zur Verfolgbarkeit von Einzelereignissen so wichtig ist. Noch besser wäre gewesen diese Strategie von Beginn an zu erklären, aber vermutlich ist sie erst bei laufendem Betrieb entstanden. Nachvollziehbar, aber unglücklich.

Das Gezerre um den Mundschutz und seine Wirkung ist ebenfalls schwierig gewesen, die Einsicht, dass alle geschützt sind, wenn alle einen tragen, hat sich spät durchgesetzt und am Anfang fehlten sie ganz einfach. Zumindest dieser Fehler wird kein zweites Mal passieren.

Corona-App

Halbwegs gelungen scheint die Corona-App zu sein, die auch von Datenschützern gelobt wird, das praktische Problem ist nur, dass gerade die Menschen, die besonders gefährdet sind, nämlich alte Menschen, oft zu denen zählen, die kein Smartphone besitzen. Aber hier zählen auch Teilerfolge, die möglich sind, wenn ein gewisse Prozentsatz der Bevölkerung die App installiert und diese Zahl ist schon erreicht. Hier zählt jeder kleine Schritt.

Grippe und Covid-19: Ein passender Vergleich?

Diesem Themenkomplex will ich noch einmal breiteren Raum geben, weil vielfach argumentiert wird, dass Covid-19 im Grunde nicht schlimmer als eine Grippe sei, die uns jedes Jahr heimsucht. Ich habe das am Anfang auch geglaubt und nach den ersten Zahlen konnte man das auch glauben, nach und nach änderte sich jedoch das Bild.

Die Influenza Virusgrippen deren Stämme uns immer wieder überfallen, führen bereits seit einigen Jahrzehnten alle paar Jahre zu Ausbrüchen von heftigeren Grippewellen bei denen in den Jahren der starken Ausbrüche etwa 20.000 Menschen bei uns sterben. In Jahren mit mildem Grippeverlauf deutlich weniger. Die Zahlen der Grippetoten sind dabei immer Schätzungen, die sich aus der sogenannten Übersterblichkeit ableiten, die ein geschätzter Wert ist. Dieser wird so ermittelt, dass man von der Zahl derer ausgeht, die in einem normalen Jahr sterben, die Zahl der Menschen, die über den Durchschnittswert hinaus gestorben sind, rechnet man bestimmten Sonderereignissen zu, sind keine zu finden bei denen sehr viele Menschen gestorben sind, rechnet man sie den Infektionskrankheiten zu.

Betrachtet man nur die Zahlen, kann man zunächst zu dem Schluss kommen, zu dem in der Tat viele gelangen, wenn man die Zahlen untersucht. 20.000 Grippetote in einer heftigen Saison, verglichen mit aktuell 9.000 Covid-19 Toten seit Anfang März, das sieht nicht wirklich erschreckend aus. Das stimmt, aber die Bedingungen sind völlig verschieden. Zum einen kann man sich, wenn man will, gegen Grippe impfen lassen. Bei Covid-19 hat man diese Möglichkeit nicht. Die Risikogruppe hätte also einen gewissen Schutz, bei Covid-19 bleiben sie schutzlos. Der vielleicht wesentliche Unterschied ist jedoch der, dass wir wegen Covid-19 eben einen Lockdown, Abstangsregeln, Hygienemaßnahmen und so weiter hatten und haben und dennoch haben wir schon 9.000 Tote zu verzeichnen und wir stehen im Vergleich noch gut da. Hier greift wieder das Präventionsparadoxon, dass die vergleichsweise geringe Zahl an Toten bei uns – ausgelöst durch die Maßnahmen – suggeriert, die Krankheit sei gar nicht so schlimm.

Dass Covid-19 bei der Übersterblichkeit insgesamt keine Rolle spielt, darf man mit dem Blick auf die Zahlen als immer mehr empirisch widerlegt ansehen.[18] Die Bedeutung von Covid-19 für Todesfälle wird in dieser Animation dargestellt. Der Trend, dass Covid-19 als gefährlicher als eine Grippe angesehen wird, scheint sich durchzusetzen.[19]

Covid-19 hat zudem keine Saison, zumindest weniger ausgeprägt, ein weiterer Unterschied ist, dass die Krankheit in den meisten Fällen in den ersten Tagen symptomfrei verläuft, obwohl man in dieser Zeit bereits ansteckend für andere ist, für die Gesamtbevölkerung ist dies die gefährlichste Zeit, die vier Tage oder länger dauern kann. Zudem kommt es bei Covid-19 auch immer wieder, wenn auch selten, zu unklaren Todesfällen bei an sich jungen und gesunden Menschen, die zu keiner Risikogruppe zählt. Dass man nie an, sondern nur mit Covid-19 stirbt, kann man angesichts der biologischen Ursachen, die oben ausgeführt wurden, als falsch ansehen. Die Gleichsetzung von Grippe und Covid-19 scheint insgesamt unpassend zu sein.

Das dicke ethische Problem

Im Zuge der Diskussion um den Lockdown ist Kritik geäußert worden, die in die Richtung geht, dass man das mit dem Schutz des Lebens Alter und Kranker nicht zu eng sehen sollte. Das ist im Kern gegen unsere Auffassungen, die es verbieten Leben gegen Leben aufzuwiegen. Wir ziehen eher rote Linien ein und versuchen Leben wo immer es geht zu schützen. In medizinischen Triage Situationen ist man gezwungen abzuwägen, wer sterben muss und wen man zu retten versucht, das ist hochgradig belastend und immer entsetzlich, darum haben wir ja zurecht alles dran gesetzt um diese Situationen zu vermeiden. Man findet bei der Kritik mehrere Szenarien, eines ist:

Tote gegen Wirtschaftswachstum

Ein utilitaristisches Argument, dass man eben Werte abwägen muss und ein Einbruch der Wirtschaft eben auch zu Leid und Sorgen oder Verzweiflung führt. Utilitaristen bekennen hier keine Farbe, den ansonsten müsste man klar formulieren, wie viele Menschenleben einem die Verhinderung von Wirtschaftseinbußen oder Pleiten denn wert sind: 10.000 Tote gegen 10 Prozent Einbußen? Mehr? Weniger? So offen will das aber niemand sagen und wir möchten eigentlich nicht so denken und agieren und kritisieren gerade verstärkt, dass wir es oft dennoch tun, bei Waffenexporten und anderen Geschäften.

Ein Problem ist auch, dass man gegen jeden noch so schrecklichen wirtschaftlichen Verlust etwas machen kann, der Tod ist jedoch unumkehrbar.

Tote gegen Tote

Manche argumentieren jedoch, dass auch der Lockdown oder die Angst zu Toten führt, dann stehen nicht Tote gegen Wirtschaftsleistungm sondern Tote gegen Tote. Ein stärkeres Argument, da eine Rettungsmaßnahme, die zu mehr Toten als Geretteten führt ihr Ziel verfehlt hat. Die inkonsistente Argumentation der Utilitaristen ist hier jedoch auffallend. Einmal wird bei jeder Statistik bezweifelt, ob die Daten denn überhaupt stimmen, ob man denn nicht eher mit als an Covid-19 gestorben sei, dass man im Grunde keiner Statistik wirklich trauen kann und so weiter, doch wenn es darum geht aufzuzeigen, was der Lockdown für dramatische und tödiche Folgen hat, beruft man sich selbst auf Zahlen und Schätzungen, die auf einmal nicht mehr bezweifelt werden, im Grunde aber kein bisschen zuverlässiger sind. Um in die Logik von mit oder an mal zu übernehmen. Die Todesursache Lockdown sucht man auf den Zetteln nach der Leichenschau ebenfalls vergebens.

Tote gegen Freiheit und Würde

An sich kein schlechtes Argument, doch auch hier beim zweiten Hinschauen heikel. Denn im Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht zwar, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, aber das heißt, dass man sie eben gerade nicht (nämlich nie) verlieren kann. Leben ist immer würdiges oder wertes Leben, denn mit dem Begriff vom ‘unwerten Leben’ haben wir so unsere schlechten Erfahrungen gemacht. Im Rahmen der Diskussionen um Sterbehilfe setzt sich gerade mühsam und vermutlich zurecht die Auffassung durch, dass Menschen, die ihr eigenes Leben aus nachvollziehbaren Gründen unerträglich leidvoll empfinden das Recht haben sollten mit Unterstützung zu sterben, wenn tatsächlich kein anderer Ausweg mehr in Sicht ist und gewünscht wird. Der fundamentale Unterschied ist jedoch, dass das die Betroffenen entscheiden und nicht andere Menschen für sie. Die Argumentation, jemand würde ohnehin bald sterben (das kann man einfach nicht wissen oder nur in den seltensten Fällen) und sein Leben sei ohnehin unwürdig, kann niemand für einen anderen beurteilen und ist einfach zynisch, anmaßend und eben gegen das GG.

Was ist zu erwarten?

Wie wir sahen, ist manches bekannt, einiges noch unsicher und kontrovers, etwa ob und wann eine zweite Welle kommt, ob und wann wir eine Impfung bekommen, ob und wie die Wirtschaft wieder anspringt und wann das Virus mutiert. Offenbar ist Letzteres schon geschehen.[20]

Vergleichsweise klar dürfte sein, dass Covid-19 uns erhalten bleibt, vermutlich auch nach einer Impfung, durch die Mutationen. Wir haben gesehen, dass Pandemien keine virtuelles Szenario sind, sondern dass alles sehr schnell gehen kann. Unterm Strich haben wir mit Covid-19 auch wenn man nichts verharmlost noch halbwegs Glück gehabt, es gibt schimmere Kombinationen, die uns auch treffen können. Insofern ein guter Trainings- und Testfall. Da das Verhalten jedes Einzelnen zählt ist dieses Training sogar gut, wir alle sind nun viel besser vorbereitet.

Eine Normalität ist sicher heiß ersehnt, dass sie schnell kommen wird ist aber eher nicht zu erwarten, selbst wer alles ignoriert findet nicht dieselbe Welt vor, wie zuvor. Momentan ist kaum ein Lebensbereich nicht betroffen, ob man Essen gehen will, Sport machen, zum Arzt, ins Kino, Einkaufen gehen, in den Urlaub oder zur Arbeit fährt, nichts ist aktuell so richtig unbeschwert und das macht so gut wie niemandem Spaß.

Schaut man sich die Zahlen an, dann ist die Durchseuchung der Bevölkerung bei uns, selbst wenn man eine Dunkelziffer unterstellt, die 10 oder sogar 20 mal höher liegt als die bestätigten Fälle, im unteren einstelligen Prozentbereich, so zwischen 2,5 und 5%. Das heißt mehr als 60% oder ungefähr 50 Millionen Menschen bei uns, haben die Infektion noch vor sich, wenn man davon ausgeht, dass bei etwa 65% das Virus nicht mehr weiter gegeben wird. Weltweit ist die Durchseuchung aktuell noch geringer.

Es werden vermutlich noch lange Zeit einzelne Brandherde immer wieder aufflackern, wie jetzt in Gütersloh oder Peking und es wird immer wieder zu regionalen Lockdowns kommen, der Motor der Weltwirtschaft wird weiter stottern und wir müssen in vielen Bereichen unserer Lebensweise umdenken. Gut wäre, wenn in immer breiterem Umfang getestet würde, weil dies wenigsten für eine gewisse Zeit die Ungewissheit reduziert.

Strategien für das persönliche Covid-19 Risikoprofil

Was ist nun mit all dem anzufangen? Wenn Sie sich die einzelnen Bereiche sorgfältig anschauen, werden Sie einen Eindruck von Ihrem persönlichen Risikoprofil bekommen. Sie wissen, wie alt, schwer und vorerkrankt Sie sind, welche Blutgruppe und welches Geschlecht Sie haben und vermutlich wie es um Ihr Immunsystem steht.

Sie wissen, wo und unter welchen Bedingungen Sie arbeiten, wenn diese Bedingungen schlecht sind, können Sie vielleicht sogar anregen, diese zu verbessern, wenn Sie wissen, wie wichtig ein kompletter Luftaustausch ist, vor allem wenn viele Menschen zusammen sind.

Sie wissen, ob sie arm sind und sich ausgegrenzt fühlen und wie anerkannt Sie insgesamt oder in Ihrer Gemeinschaft sind und wie zufrieden Sie damit sind.

Schwieriger ist es die eigenen psychischen Muster und Verhaltensweisen einzuschätzen, wenn man verdrängt oder bagatellisiert, aber auch dramatisiert, so geschieht das häufig aus unbewussten Gründen, die wir eben nicht kennen. Man kann sich aber mit anderen vergleichen oder besser noch, mit anderen darüber reden, für wie leichtsinnig oder vorsichtig, bewusst oder intuitiv man gehalten wird. Wie leicht oder schwer man sich anpasst oder von den Meinungen anderer beeinflussen lässt.

Alles zusammen genommen, scheint mir die Strategie es schnell hinter sich haben zu wollen insgesamt eher nicht so klug zu sein, da unsere Erkenntnisse von Woche zu Woche zunehmen und sich auch kluge Logistiken immer mehr einspielen und man mehr und mehr dahinter kommt, wo man aufpassen muss und wo Schwachstellen liegen. Vor allem werden die therapeutischen und diagnostischen Erkenntnisse schnell größer.

Je größer das eigene Risiko, etwa als älterer Mann mit Übergewicht und hohem Blutdruck, der medikamentös gesenkt wird, Blutgruppe A der überdies arm ist, desto klüger ist es, sich erst gar nicht zu infizieren und wirklich kritische Situationen mit vielen Menschen, in engen Räumen zu meiden, auf ein absolutes Minimum zu reduzieren und dann nur mit guten Masken (FFP 2 oder 3) ausgestattet. Prävention oder Vorsorge Punkt 1: Gar nicht erst anstecken.

Die großen Vier

Ansonsten ist eine Kombination von Logistik (Abstand) und Hygiene (Hände waschen und Mundschutz), Informationen, die sich nahezu täglich erneuern und die das eigene Risikoprofil beinhalten sollten, sowie eine Unterstützung des eigenen Immunsystems, aus inzwischen bekannten Gründen, meines Erachtens der beste Ansatz. Prävention oder Vorsorge Punkt 2: Gar nicht erst krank werden. Mit einem guten Immunsystem geht das am besten, zudem hat das den Vorteil, dass sie selbst aktiv werden können und das nagenden Gefühl der Ohnmacht in eines der Kontrolle über das eigene Leben verwandelt wird.

Je besser alle mitmachen und geschützt werden, umso besser für alle. Das heißt der Zugang zu medizinischen Informationen und Präventionsmöglichkeiten sollte einfach nur niedrigschwellig sein, es können auch Bilder und Pictogramme verwendet werden. Übersetzungen in andere Sprachen (auch in einfache Sprache) sollte dazu gehören, für Menschen die mehr fassen können aber auch mehr Informationen, umso freier und verantwortlicher kann man agieren.

Wem die Krise Grund zur Reflexion über grundlegende Lebenspositionen wie Gedanken über den Wert des Lebens, unsere Lebensweise und neue Perspektiven gibt, wunderbar. Auch das brauchen wir momentan, da wir vermutlich in vielem fundamental umdenken müssen. Vergessen wir nicht, dass es nicht nur Coronaviren gibt, wir haben noch andere Sorgen und freudvolle Lebensbereiche. Frühere Selbstverständlichkeiten wieder neu schätzen zu lernen ist auch nicht schlecht.

Bei Informationen kann man nach und nach lernen die wichtigen von den unwichtigen Punkten zu trennen, die eigenen Vorlieben spielen da eine wichtige Rolle. Man braucht keine ausgeklügelten Strategien für Gesellschaften, wenn man ohnehin lieber allein ist.

Aktiv zu werden und sich in mehrfacher Hinsicht fit zu machen ist besser als abzuwarten und nichts zu tun, vor allem ist es gut zu verstehen, was man, aus welchem Grund tut. Wir haben im Zusammenhang mit Medizinthemen und der aktuellen Forschung immer wieder erwähnt, wie wichtig es ist, den Placeboeffekt mit einzubauen, das heißt, bezogen auf Covid-19, dass Sie über die sinnvollen Anweisungen hinaus noch das tun können, von dem Sie überzeugt sind, dass es Ihnen hilft, weil Ihnen das in einem hohen Maße auch helfen wird. Sie gewinnen Kontrolle (oder lernen, sie abzugeben und sich dabei nicht zu fürchten), reduzieren Stress und all das hilft Ihrem Immunsystem.

Informieren, Verstehen, Gewichten, all das ist gut, aber alles kann das Zünglein an der Waage sein. Wie bei chronischen Schmerzen oder Depressionen kann auch hier die Abwärtsspirale von Angst, Frustration, Unsicherheit und Sorgen irgendwann ins Gegenteil verkehrt werden und nach und nach werden wir lernen mit Coronaviren zu leben, so wie wir mit Grippe eben auch leben.

Was Ihnen hilft Covid-19 besser zu verstehen, hilft uns allen und Maßnahmen, die andere betreffen und ihnen helfen oder schaden, haben auch Auswirkungen auf den Einzelnen. Das persönliche Covid-19 Risikoprofil soll Ihnen helfen, in Eigenregie weiter zu kommen und neue Erklärungen an der Hand, sowie Strategien und Sichtweisen zur Verfügung zu haben. Ich hoffe, ein Stück weit dazu beigetragen zu haben und wünsche allen Leserinnen und Lesern gute Gesundheit und trotz allem Freude am Leben.

Quellen