Der große Kindergarten

Was Väter ihren Söhnen geben können, ist wichtig. © Tony Alter under cc
Der Ödipuskomplex ist im wesentlichen ein neurotischer Konflikt. Er fällt heute tatsächlich immer öfter aus, weil viele Kinder gar nicht mehr so weit kommen und überhaupt keinen adäquaten väterlichen „Feind“ haben, an dem sie sich versuchen und abarbeiten können. Die autoritäre Vaterrolle wurde immer mehr beschnitten und eigentlich müsste man froh sein. Denn, wieso sollte es überhaupt ein Nachteil sein, wenn Kinder nicht mehr kämpfen müssen, wenn Autoritäten schwächer und Hierarchien flacher werden? Das ist in der Tat die zentrale Frage. Man muss dabei gar nicht tief in die ideologische Trickkiste greifen, sondern einfach die Befunde unserer Zeit betrachten. Was wir in letzter Zeit stark erleben, ist ein Anwachsen schwerer Persönlichkeitsstörungen, insbesondere eine Welle narzisstischer Pathologie. Neuerdings – das wäre ein Albtraum – kommt es offenbar sogar zu einer Kapitulation vor dem Narzissmus, wie wie uns Dieter Nuhr berichtet, der hier leider keinen Spaß macht.
Doch was hat das alles mit dem Ödipuskomplex zu tun? Viel! Denn die beschriebene Entwertung der väterlichen Autorität, gilt vielen prominenten Theoretikern der Psychoanalyse und linksliberalen Strömungen als Ursache und dann später auch als Folge von narzisstischen Pathologien. Genannt seien hier für die linke Theorie Horkheimer, Adorno und Marcuse, sowie Lasch, Otto Kernberg und Alexander Mitscherlich für die Analyse.
Das Problematische am Ödipuskomplex ist nicht, dass er prinzipiell nicht existieren würde, sondern, dass er (als Konflikt mit der nun nicht mehr vorhandenen Autorität des Vaters) oft ausfällt. Doch dieser Konflikt „dient in den Augen dieser Theoretiker nicht nur als Medium zur Internalisierung väterlicher Autorität, sondern auch als Fundament moralischer Autonomie, die ihrerseits zum Hort gesellschaftlichen Widerstands werden kann.“ Und was hier fehlt macht nun „den Weg frei für die direkte Manipulation des Ichs durch Massenmedien, Schulen, Peergroups und politische Führer.“.[2] Diana Diamond bringt hier die Misere auf den Punkt. Formulieren wir es noch einmal aus: Die Autorität des Vaters ist belastend für den Jungen, schützt ihn während dieser Zeit aber vor Einflüsterungen von außen. Heutzutage ist das unter dem Schlagwort Resilienz oder Resilienzforschung aktuell in aller Munde. Das war eigentlich schon alles, aber die Brisanz liegt hier nicht in der Formulierung, sondern bei den Folgen.
Wenn die Kinder diesen Kampf nicht kämpfen können, werden sie tendenziell zum einen größenwahnsinnig statt frei und zum anderen desorientiert, sie halten alle Informationen für gleich gut. Wir leben in einer Zeit, in der sehr primitive, fundamentalistische und verschwörungstheoretische Gedankengebäude Konjunktur haben und wir wissen nicht woran wir uns orientieren sollen. Diese Verunsicherung und Orientierungslosigkeit ist eine direkte Folge des ausgefallenen ödipalen Kampfes. So reißt uns jede neue Welle hin und her und wir wissen nicht, was wir glauben sollen und im schlimmsten Fall schließt man sich am Ende Extremisten an, die durch klare Botschaften auf primitive Weise Halt und Orientierung bieten, aber manchmal das Leben gefährden.
Die postmoderne Welt ist oftmals ein großer Kindergarten geworden. Spiele, Spaß und vor allem keine Langeweile aufkommen lassen. Das Smartphone ist immer dabei, sichert den Wunsch nach zumindest oberflächlichem Kontakt. Auch der Wunsch nach allgegenwärtiger Ver- und Absicherung und der gefühlte Anspruch auf ein perfektes Leben kann mit einem eher unreifen, infantilen und narzisstischen Weltbild einher gehen. Die Saat von Ideologien, die diese kindlichen Wünsche bedienen gehen auf diesem Acker gut auf.
Grenzen setzten
Diese Tendenz zum Werteverlust (oder einer Beliebigkeit der Werte) und so manchem Desaster in der Kindererziehung hat man durchaus bemerkt und man versuchte gegen zu steuern. Die gefundenen Lösungen sind aber nur unzureichend. Die Retrowelle der Erziehungsratgeber, die vor etwa zehn Jahren zu einem Wiedererstarken konservativer Positionen (und zu mancherlei Unsinn) führte, versuchte diesen Mangel an Struktur auszugleichen. Doch das ist oft zu kurz gesprungen. Nun sollen Eltern Werte weitergeben, die sie selbst nicht leben. Das klappt oft nicht, wie es im Buche steht und wenn man sich manche fragwürdigen neudeutschen Erziehungsideale ansieht, kann man eigentlich nur hoffen, dass die Versuche schnell aufgegeben werden.
Autorität ist nicht Sadismus
Autorität ist wichtig, weil sie eine Orientierung gibt. Die Kinder wissen, wo sie dran sind, wo die Grenzen verlaufen, was richtig und erlaubt und was falsch und unerlaubt ist. Die Eltern bestimmen, wann es ins Bett geht und wann die elterliche Schlafzimmertür verschlossen bleibt. Je klarer, ruhiger und zuverlässiger das geschieht, desto besser. Heute hat sich der Wind längst gedreht, man erinnert sich wieder, dass Väter wichtig sind.
Kinder können Klarheit und eine gewisse Strenge gut tolerieren, was schlecht ist, ist Willkür. Das Kind darf alles, bis es nervt, dann wird es niedergebrüllt und bestraft, auch, weil den Eltern manchmal die Nerven blank liegen. Die Grenzen müssen auch nicht diskutiert werden, sondern einfach verlässlich sein. Nicht willkürlich und jede Woche anders. Das ist schon fast die halbe Miete, wenn das Kind dann noch das Gefühl hat, es könne sich mit allem ohne Angst vor Strafe haben zu müssen, an die Eltern wenden, kann nicht mehr viel schief gehen, weil hier für eine solide Struktur gesichert ist.
Autorität bedeutet nicht, das Kind fortwährend die eigene Macht spüren zu lassen, das wäre einfach eine Form sadistischer Kontrolle. „Schau mal, was ich mit dir machen kann und du kannst nichts dagegen tun“, wäre die stumme Botschaft, die man seinem Kind mit gibt und das wollen bewusst sicher die wenigsten Eltern.
Gut gemeint und schlecht gemacht
Weniger bekannt und irgendwo verständlich aber aus einem übertriebenen Kontrollzwang stammend, ist der Wunsch das Kind perfekt zu erziehen. Überengagierte Eltern versuchen ihrem oft einzigem Kind oft alle Gefahren zu ersparen und es gleichzeitig optimal zu fördern. Als Helicopter-Eltern allseits gefürchtet kennen sie jede ärztliche Diagnose und jedes pädagogische Programm besser als die entsprechenden Fachleute und fordern maximale Versorgung und Aufmerksamkeit für das Kind. Nur Kind darf es oft nicht sein, weil der Alltag längst durchoptimiert ist und wenn nach dem Karatekurs (man nicht früh genug lernen sich zu wehren), der SUV vorfährt, um zum Reiten (Spaß muss sein) und dann zur Nachhilfe (die Konkurrenz schläft nicht) zu eilen, verliert man fast ein wenig aus dem Blick, dass es oft gar nicht mehr um das Kind geht, bei dem oft schon mit dem ersten Schrei auf dieser Welt der spätere Hochschulabschluss beschlossene Sache ist. Dann kann es ja immer noch entscheiden, was es selbst machen will. Doch leider ist auch hier der Zug dann abgefahren und der Zusatzkurs Power-Entspannung für die Kleinsten macht die Sache nicht besser, sondern nur noch schlimmer.
Mehr Ödipus
Was möglicherweise nach der guten, alten Zeit klingt ist so nicht gedacht. Wann immer man genau benennen soll, wann die Zeiten denn wirklich gut waren, landet man verdächtig oft in der Zeit der eigenen Kindheit, die dann oft noch verklärt wird. Schon bald wird das Geräusch eines sich einwählenden Modems ebenso romantisch verklärt sein, wie heute der Geruch von Bohnerwachs oder die Hits der 1980er. Und so richtig toll war es auch damals nur und Einzelfällen, wenn man genauer hinschaut.
Bevor wir uns der Frage zuwenden, wie wir gegebenenfalls wieder ödipale Strukturen oder solche, die sie adäquat ersetzen können, etablieren, müssen wir erst einmal verstehen, was es bedeutet, wenn solche Strukturen heute oftmals fehlen und warum wir den Ödipuskomplex brauchen. Psychopathologisch ist der Zusammenhang schnell erläutert: Die Etablierung einer neurotischen Struktur ist bereits die Überwindung einer narzisstischen Struktur, oder allgemeiner, einer schweren Persönlichkeitsstörung. Im familiären Bereich ist eine Zerstörung oder ein Ausfallen ödipaler Strukturen schon nicht ohne, doch im gesamtgesellschaftlichen Bereich ist die Konsequenz weitaus dramatischer. Diesem Bereich wenden wir uns demnächst zu.
- [1] Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht, Orell-Füssli 2003, S.44ff
- [2] Diana Diamond, Narzissmus als klinisches und gesellschaftliches Phänomen, in Otto F. Kernberg und Hans-Peter Hartmann, Narzissmus: Grundlagen, Störungsbilder, Therapie, Schattauer 2006, S.190f