Ein kleiner Exkurs in die Welt der Magie

Der Wille zur Macht, der Drang zu leben und der Welt den eigenen Stempel aufzudrängen, das ist Version der magischen Phase der Entwicklung, die normalerweise nur noch Kleinkindern zugestanden wird. Doch wir sind heute noch fasziniert von Charismatikern, die Macht und manchmal eine Aura des Dämonischen umgibt.

Dieser Drang seinen Willen zu leben ist eine echte Alternative zur Kultur des christlichen Abendlandes, das in den Augen mancher Interpreten die Buße und die Schuld zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Darum begegnet einem ein Interesse an der Philosophie Friedrich Nietzsches, in mehr oder weniger geglückter Interpretation, auch in vielen modernen magischen Systemen. Doch bevor wir vor diesen “Jugendsekten” die Nase rümpfen, wenn man sich die Mühe macht und sich mit magischer Literatur und Praxis mal beschäftigt, dann findet man neben dem “Verrückten”, etliche Elemente die man auch heute noch gut für das Leben gebrauchen kann und deren systematisches Training, gerade in einer Zeit der Fragmentierung, sicher nicht schadet.

Foto und Titel von Franz Bardons Buch

Bardons Buch ist ein Klassiker der magischen Literatur. © Rudi Daugsch under cc

Neu und wesentlich für magisches Denken im neutralsten Sinne ist, wie gesagt, der Einfluss von Innen- und Außenwelt aufeinander, ein Gedanke, den wir heute weitgehend verabschiedet haben um ihn dann doch durch die Hintertür wieder einzuführen. Unsere Überzeugungen haben einen wesentlichen Einfluss auf unsere Art die Welt zu erleben und unsere Art die Welt zu erleben, ist nichts anderes als die Welt, wie sie uns erscheint. Eine andere haben wir nicht.

Wir können von unserem Erleben abstrahieren, verstehen und sogar ein Stück weit nachfühlen, dass anderen die Welt anders erscheint, aber dennoch ist unsere Welt immer unser Erleben von Welt, ist unsere Welt geknüpft an unsere privaten Überzeugungen. Magie versucht diese Überzeugungen radikal infrage zu stellen und durch Training, Disziplin und ein anderes Weltbild zu verändern. Die Überzahl der Suchenden bleibt dabei wohl in den Bedingungen der allgemeinen menschlichen Natur gefangen, mehr als die selbsternannten Magier sich oft eingestehen würden. Aber der Gedanke einer Durchlässigkeit von Innen- und Außenwelt ist nicht so dumm und unattraktiv, wie man bisweilen hört. Wir haben ihn etwas zu schnell über Bord geworfen und dabei die Innenwelt als subjektiven und damit für die Wissenschaft uninteressanten Kram vernachlässigt. Der Idee der Körper sei nur ein Teil eines größeren Naturgeschehens und seiner Gesetze, die Psyche selbst wiederum nur Teil des Körpers schleudert die Magie ihre Ideen der Welt entgegen, in der Süchte und Gewohnheiten eine Art autonomer Wesenheiten darstellen, über die es als Magier Herr zu werden gilt, nicht indem man sie bekämpft, sondern zu ignorieren lernt. Roh, primitiv und irgendwie goldrichtig. Die Lehre quasiautonomen Systeme besagt nichts anderes, hat nur oft den unangenehmen Unterton, man sei diesen und jenen Systemen stets willenlos ausgeliefert. Mindestens hier wird man dem Magier zuzwinkern wollen. Doch wie viel Verbindung gibt es nun, zwischen Innen und Außen?

Ist die Welt für mich gemacht?

Schon die Frage klingt verrückt in unserer Zeit. Doch bleiben wir bescheiden. Wir lehnen den Gedanken zwar oft vehement ab, leben aber zugleich so, als gäbe es kein Morgen und keine Mitmenschen, als sei sie nur für uns gemacht. Doch hier ist etwas anderes gemeint, nämlich die Frage, ob die Welt mir etwas zu sagen hat. Im heute üblichen Weltbild wird die Frage verneint, zugunsten der Erzählung, dass wir einen mehr oder minder sinnlosen und kurzen Auftritt in einer zufällig entstandenen Welt hinzulegen haben.

Wer ernsthaft glaubt, die Welt habe ihm etwas zu sagen, ist irgendwo zwischen Größenphantasien und Realitätsferne anzusiedeln. Aber genau mit diesen Überzeugungen dealen die subjektivistischen Ansätze, denen Teile der Psychologie sehr Nahe stehen. Die Vertreter aufdeckender oder psychodynamischer Ansätze haben früh erkannt, dass die Frage nach richtig und falsch irgendwann nicht mehr weiterbringt. Wer seinen Vater als kalten Tyrannen erlebt, der hat nichts davon zu hören, dass alle anderen den Vater als netten und warmen Menschen empfinden. Man fragt vielmehr, was es für die Therapie, die Beziehungen und das Leben dieses Menschen bedeutet, dass er den Vater so tyrannisch erlebt. Anders gesagt, man akzeptiert, dass jemand die Überzeugungen hat, die er nun mal hat. Diese Welt gilt es erst mal kennen zu lernen und in gewisser Weise ist das immer eine magische Welt, da es die Welt der eigenen Überzeugungen. Prämissen und der eigenen Weltbilder ist.

Dass die Sonne an unserem Geburtstag scheint, hat uns nichts zu sagen und natürlich ist da doch diese Assoziationskette in uns, die an bestimmtem Tagen, in bestimmten Situationen des Lebens ganz automatisch anspringt und Ereignisse, Assoziationen, Analogien und Phantasien in unser Bewusstsein spült. Manchmal für Bruchteile von Sekunden, wenn überhaupt nur halbbewusst, manchmal für länger, für eine wehe oder schöne Erinnerung, ein kurzes Aufflackern eines Gefühls oder, wenn man dem nachgeht, einer ausufernden Kette von immer neuen, “alten” Erfahrungen, die man längst vergessen glaubte. Viele mögen keinen Tee, weil der sie an Krankheit erinnert. Ein flüchtiger Geruch aus der Kindheit oder Jugend und schon kommen oft wohlige Erinnerungen an früher wieder hoch. Man hört “unser Lied” und schon ist die Zeit der ersten Liebe wieder da. Nicht nur erinnert, sie ist buchstäblich, emotional, wieder da.

In Therapien kann es zu Retraumatisierungen kommen, indem man während der Therapie an Ereignisse kommt, die in irgendeiner hinteren Ecke einer psychischen Tiefgarage abgelegt waren und die nun in aller Wucht wieder vor einem stehen. (Da diese verdrängten oder abgespaltenen Ereignisse dennoch wirken, auch wenn sie nicht erinnert werden, ist dies ein Risiko, das man therapeutisch wagen darf und sollte.) Soll heißen: die Phantasien wirken. Doch was belastet, kann auch lindern und heilen. Die Welt, tot oder lebendig, zufällig oder bedeutsam sagt uns ständig etwas. Wir stehen in einem unausgesetzten Dialog – und sei er nur ein großes Selbstgespräch – mit der Welt, wie wir sie erleben und auch in unserer Welt gibt es Erinnerungen an Verstorbene, Phantasien darüber was ein Vorbild von uns wohl an unserer Stelle machen würde. Wir haben bei Nummernschilder oder Automarken Assoziationen und sei es nur, dass man auf der Rückfahrt vom Urlaub irgendwo den ersten Kölner sieht oder, weil der neue Freund ein bestimmtes Auto hat, man diese Marke nun auf einmal überall sieht. Es berührt uns, wenn wir in einer fremden Wohnung einige der Bücher oder Zeitschriften finden, die wir selbst gelesen haben, wenn dort die Musik läuft, die wir auch hören.

Umgekehrt lassen unsere Einstellungen uns “die Welt da draußen” tatsächlich anders als andere erleben. Die Welt ist für einige Menschen ähnlich, grob aufgeteilt in die Gruppen und Weltbilder, denen wir uns hier widmen, doch sie ist gewiss nicht für alle gleich. Magie im engeren Sinne ist so ein Weltbild von vielen möglichen. Es versucht die Welt durch den Willen zu manipulieren und zu verändern. Das funktioniert durchaus nicht immer so gut, wie man es hätte, aber in einem weiter gefassten Sinne ist Magie das Wissen um die Durchlässigkeit von Innenwelt und Außenwelt, die Interaktion von Subjektivem und Objektivem. Wir brauchen, so paradox es klingt, in vielerlei Hinsicht den Mut zu mehr Magie in der Welt.

Quelle:

  • [1] Don Beck im Interview: http://www.zen-akademie.org/cover/don_beck_interview_WIE8.pdf