Blatt Verästelung

Trainiert man eine bestimmte Sichtweise, sieht man immer feinere Verästelungen. © Torsten Behrens under cc

Dass ich mal für den Slogan ‚Sei hart‘ plädieren würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

Psychologie ist gewöhnlich ummantelt von einer Aura des Verständnisses. Zurecht! Es geht erst mal darum, jemanden zu verstehen. Das ist und bleibt auch so, es ist gut, wichtig und richtig.

Wenn man das gut kann, stellt man fest, dass man sehr viele Menschen, man kann fast sagen, so gut wie jeden verstehen kann. Verstehen heißt dabei in die Welt des anderen ein Stück weit mitzugehen und nachzuempfinden, warum er oder sie so ist, wie er oder sie eben ist. Empathie. In den höheren Stufen der Empathie versteht man dann auch, wo jemand seine Grenzen hat und warum er diese zur Zeit oder generell nicht überwinden kann.

Fortgeschrittene Empathie heißt nicht, alles zu entschuldigen. Es gibt Grenzen, die man respektieren muss, wenn man mit anderen zusammen leben will, wenn man drauf pfeift, regiert das Recht des Stärkeren und das heißt Aufrüstung, zwischen den Nationen und auch um privaten Umfeld. Man geht davon aus, dass Streits eskalieren können, weil der andere Kraft- und Kampfsport macht, in Gruppen auftritt, bewaffnet ist, manchmal alles zusammen. Ein verrückter Trend, in den USA sieht man, wohin er führ. Ein Klima der Gewalt ist aber nichts, in dem man gerne leben möchte, sofern man nicht zu jenen gehört, die sich in so einer Umgebung wohl fühlen.

Wo mehr Härte nichts bringt oder gefährlich ist

Sei hart ist keine Allzweckformel. Es ist nicht der neue Hype oder garantierte Weg, sondern einfach ein oft vernachlässigter Baustein. Er ist gefährlich bei depressiven Menschen. ‚Ach komm, stell‘ dich nicht so an‘, ist ein schlechter Rat, denn viele depressive Menschen reißen sich seit (zu) langer Zeit sehr stark zusammen und müssen manchmal riesige Energien aufbringen, um das zu leisten, was anderen scheinbar leicht von der Hand geht. Sie verdammen sich oft selbst und geben alles, fühlen irgendwann gar nichts mehr und brauchen therapeutische Hilfe, dann kann man auch hier viel erreichen.

Es ist ebenfalls kein guter Rat bei Menschen, die diese Härte bereits leben, sich ganz darüber definieren und deren Alltag ein permanentes Trainingsprogramm für den erwarteten Ernstfall ist. Diese Menschen legen großen Wert darauf niemanden zu brauchen, sie sind Selbstoptimierer, Prepper, Do it yourself Anhänger und ihr Leben ist nicht selten ein Training in mentaler und körperlicher Härte. Muskel- und Ausdauertraining, Survivalqualitäten, Disziplin, perfekte Ernährung und nur die Zügel nicht locker lassen, die Konkurrenz schläft nicht.

Der Rat ist natürlich auch Quatsch bei Psychopathen, die sind hart und können sich in aller Regel ein Leben ohne Härte nicht vorstellen, alle Forderungen nach Liebe, Sanftheit, Verletzlichkeit kommen ihnen schwach und lächerlich vor. Die Sichtweise von Vertretern eines etwas einseitigen Empathieverständnisses, dass alle Menschen sich ja in Wirklichkeit nur nach Liebe sehnen, ist seltsam unempathisch, es verkennt die Befriedigung, die manche Menschen daraus ziehen, stark, mächtig und überlegen zu sein. Doch darum soll es jetzt nicht gehen, denn die Ich-Schwäche treibt viele Blüten.

50 Jahre narzisstisches Trainingslager

Bis heute tobt der Streit darum, ob der Narzissmus nun dramatisch zugenommen hat, nur stärker beachtet wird, bessere Ausdrucksmöglichkeiten hat oder überhaupt nicht zugenommen hat. Bevor man die narzisstische Persönlichkeitsstörung dann demnächst offiziell abschafft, können wir hier noch mal auf die Sahne hauen.

Man kann die letzten Jahrzehnte auch als Trainingslager für Narzissmus sehen. Menschen haben gelernt immer sensibler zu werden, was an sich gut und richtig ist, aber häufig sind sie vor allem sensibel bis hypersensibel in eigener Sache und im Kontrast dazu hart und schmerzfrei gegenüber anderen. Weil das Leben kompliziert und vielgestaltig ist, wird nicht jeder Narzissmus als sofort zu erkennender Egoismus gelebt, sondern manchmal macht man sich mit dem gemein, was man für eine gute Sache hält, setzt sich für andere(s) ein und meint doch nur sich, die Verlängerung des Selbst.

Ein Thema der 68er war sogenannte Randgruppen mehr in der Fokus zu rücken. Wenn man diesen Blick schärft, liegt es in der Natur der Tätigkeit, dass man immer mehr Unrecht erkennt. Durch die Einwanderungsgeschichte kamen zudem neue Gruppen dazu, die unter Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus litten. Ansonsten galt es die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen durchzusetzen und das Thema Sexualität allgemein zu liberalisieren. Unterm Strich ist das ganz gut gelungen, wir alle profitieren davon, doch es gibt noch immer Bereiche, in denen nachgebessert werden muss, bei subtileren Arten des Rassismus, im Umgang mit diversen und queeren Menschen, bei sexuellen Übergriffen aus Machtpositionen heraus.

Mit der höheren Sensibilität wuchs zum Teil auch die Bereitschaft sich beleidigt zu fühlen. Auch das ist nachvollziehbar. Wer in dritter Generation in Deutschland lebt, ist nicht immer begeistert davon als jemand behandelt zu werden, der ‚eigentlich‘ aus der Türkei, Marokko, dem Iran oder einem anderen Land kommt. Die Spannungen die es mit dem politischen Islam gegeben hat, führten dazu, dass man sich hier wechselseitig noch stärker beäugte.

Die Wurzel war zu einem Teil die Begeisterung mit der man in der deutschen Mittelschicht die Idee aufnahm ein Opfer des Lebens zu sein. Tenor: Was hätte alles aus mir werden können, wenn die anderen nicht alles vermasselt hätten. Diese Menschen sind zu einem Teil inzwischen Eltern, Modell Helicopter, die ihr Projekt Wunderkind von Anfang an managen oder Rasenmäher-Eltern, die versuchen jedes Hindernis, das der kommenden Nobelpreisträgerin im Weg stehen könnte, schon im Frühfeld zu eliminieren. Menschen, die nur in Watte gepackt werden, werden tendenziell keine netten Menschen.

Es ist Narzissmus, wenn man maximale Ansprüche an andere hat und selbst beleidigt ist, wenn die Umwelt sich nicht ausreichend bemüht, bei allem was man selbst sagt und tut Milde walten zu lassen und wohlmeinend zu erkennen, dass der Ansatz mindestens gut gemeint war, wenn nicht gar eine andersartige, aber gerade darum eben als solche ausgezeichnete Genieleistung. Hier wird von anderen jene aktive Mühe gefordert sich für mich zu interessieren, die ich selbst gegenüber anderen nicht aufbringe.

Sei hart, aber kein Psychopath

Im skizzierten Problem steckt im Grunde schon die Lösung. Die Selbstansprüche müssten ein wenig hochgehen, die an andere zurück geschraubt werden. Härte heißt psychologisch auch Resilienz, Widerstandskraft. Die Kraft mit Krisen umzugehen, an ihnen sogar im besten Fall zu wachsen. Dadurch, dass nicht alles glatt läuft, man auch mal verliert, an Aufgaben scheitert und dies dennoch nicht das Ende der Welt ist.

Gerade wenn man wieder über Wasser schwimmt kann man merken, was man alles überstehen kann und auch, zu was man in der Lage ist. Selbstwirksamkeit, ein anderer Begriff aus der gerade modernen Psychotherapie, auch das hat Aspekte der Härte. Anders gesagt, das Leben ist nicht immer nur schön und durch manches muss man einfach durch: kann man aber auch. Peter Scholl-Latour, ein weithin bekannter Journalist, der in der Fremdenlegion war und die Krisengebiete der Welt besuchte, wunderte sich schon vor vielen Jahren darüber, dass die Menschen immer empfindlicher wurden, nun kam er sicher vom anderen Ende des Spektrums her, hatte aber eine sehr lange Phase der Beobachtung.

Psychopathen sind hart gegen sich und andere, sie sind bereit sich, vor allem aber andere zu schädigen. Niederlagen darf es in ihrem Leben nicht geben, eher würden sie alles und auch sich selbst zerstören. Das kann und soll nicht der Weg sein. Selbstwirksamkeit heißt an sich zu entdecken, dass man mit schwierigen Situationen umgehen und sie meistern kann. Das kann man aber nur, wenn man mit dem was man als schwierig empfindet auch mal ab und zu konfrontiert wird. Wenn man das merkt, entwickelt sich nach und nach ein realistisches, kein großartig narzisstisches Selbstvertrauen, was obendrein echt ist, nicht kompensatorisch.

Funktionieren zu können ist gut, aber es ist nicht immer alles. Aber es ist eben ein Vorteil, wenn man weiß, dass man einen Weg finden wird, wenn es schwierig wird. Psychopathen verfügen über mentale Härte, Angstfreiheit und die Fähigkeit sich zu fokussieren, sehr wünschenswert, aber der Preis ist zu hoch. Für die anderen Menschen, aber man darf auch begründete Zweifel daran haben, dass ein Leben als Psychopath schön ist. Es gibt zwar keine Hemmungen in die Vollen zu gehen, aber das Spektrum der Welt, an dem Psychopathen teilhaben können, ist begrenzt. Dass Vertrauen, Reue, Schuld und der Wunsch nach Wiedergutmachung real und positive Bausteine des Lebens sind, ist weit entfernt. Theoretisch erreichbar, in der Praxis wäre das ein langer Weg.

Es gibt andere Wege sich die positiven Seiten der Psychopathen zu erschließen, über Meditation. Aber es reicht eben nicht zu sagen, okay, mach ich jetzt mal drei Wochen, dann muss er Erfolg da sein. Da hilft ein weiterer Aspekt der Härte: am Ball zu bleiben. Schnell begeistert zu sein und dann, wenn das Strohfeuer verloschen ist, wieder aufzuhören, das ist leicht. Am Ball zu bleiben, durch Höhen und Tiefen zu gehen, sich nicht frustrieren zu lassen, weiter zu machen, wieder neu anzufangen und immer ein wenig tiefer zu graben, das ist es. Ausdauer.