Virtuelle oder reale Freunde?

Dies war eines der ersten Vorurteile, das man hörte: “Wer nur noch Internetfreunde hat, der hat keine echten mehr.” Erstens stimmt diese Scheinalternative nicht, denn wer viele Onlinekontakte hat, hat oft auch viele reale Kontakt. Zweitens unterscheiden wir alle zwischen engen und lockeren Freunden und Bekannten. Drittens ist auch den meisten Onlineaffinen der echte Kontakt noch immer wichtiger, doch viertens ist die Aufsplittung in reale oder virtuelle Welt etwas, was zunehmend fragwürdig wird.

Man kann sich mit seinen Freundinnen treffen und gleichzeitig oder zusammen im sozialen Netzwerk unterwegs sein. Für die Generation der Digital Natives ist das weder ein Widerspruch, noch eine Besonderheit, sondern gelebte Realität. Nun muss die gelebte Realität nicht automatisch gut oder gesund sein – in den Innenstädten sind Feinstaub, Lärm und Smog oft gelebte Realität, niemand würde das gutheißen -, doch das ist der andere, interessante Strang, den wir langsam einflechten wollen.

In seinem lesenswerten Buch “Die pausenlose Gesellschaft: Fluch und Segen der digitalen Permanenz”, beschreibt der Biologe, Wissenschaftshistoriker und Philosoph Rafael Ball den schleichenden Übergang von der analogen zur digitalen, und das heißt für ihn zur permanenten, Gesellschaft. Wie wir oben feststellten, nimmt der Medienkonsum in der gesamten Gesellschaft stetig zu.

Extreme Schicksale und Verhaltensweisen

Wenn man bei Süchten oft auch keine genau Grenze angeben kann, so ist vollkommen klar, dass es extreme Schicksale gibt, bei denen sich die Frage, ob diese Menschen süchtig sind, nicht mehr stellt. Hier finden wir alle Faktoren vereint: die oft Jugendlichen gehen nicht mehr aus dem Haus und zur Schule, brechen Freundschaften ab, schließen sich mitunter ein und werden aggressiv gegenüber den Eltern, die sich begreiflicherweise Sorgen machen und deren Druck die Situation eskalieren lässt. Aber wer bleibt schon cool, wenn das eigene Kind sich sein Leben zerstört?

Aber was ist zu viel und wann sind elterliche Sorgen berechtigt? Es ist ironischerweise ebenfalls ein Ausdruck der permanenten Gesellschaft, jene Helicopter-Eltern hervorgebracht zu haben, die nun, digital versorgt, nicht nur alles besser wissen, von der Diagnose der Ärzte, bis zum Lehrplan in der Schule – schließlich sind es ihre Kinder und wer könnte die besser kennen, als die Eltern selbst, so die vermeintlich erdrückende, tatsächlich aber zirkuläre Logik – sondern den Nachwuchs von Kleinkindesbeinen an überwachen. Was umsorgend und vernünftig klingt, nimmt nicht selten groteske Züge an, vor allem sind die per Handy oder Technik georteten und dauerüberwachten Kinder nie für sich. Sie lernen so nie Verantwortung und die Eltern nie, ihren Kindern zu vertrauen.[5] Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, ist leider ein Satz, den ein Diktator geprägt hat.

Was, wenn die einzigen sozialen oder sexuellen Kontakte und Interessen wirklich nur virtuell bestehen? Sicher, dann ist das Kind irgendwie bereits in den Brunnen gefallen, aber wenn soziale Isolation, Alter oder Behinderung vielleicht bessere Antworten kennen würden, als ein virtuelles Leben, der Totalverzicht auf Kontakte ist sicher oft schlechter und die Einsamkeit alter Menschen, oder anderer nicht Beachteter, kann wenigstens durch Medien gelindert werden.

Szene aus World of Warcraft

World of Warcraft, geliebt und gefürchtet © SobControllers under cc

Ein echtes Problem scheinen manche Onlinespiele und hier insbesondere World of Warcraft zu sein, das für den allgemeineren Typ der Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiele (englisch kurz MMORPG) steht.

Neben Belohnung und Bindung, so zitiert Spitzer eine Studie von Rehbein et al. von 2009 [4], ist es vor allem die Komplexität des Spielgeschehens, die die User bindet, andererseits ist gerade Komplexität nicht schlecht und suchterzeugend ist vor allem etwas, was erst einmal reizvoll und interessant ist. Aber die Stimmen divergieren, ob es sich dabei überhaupt um eine Sucht handelt.

Wer ist gefährdet?

Hier gibt es psychologische und soziologische Ursachen, die fließend ineinander übergehen. Doch es ist auch die Frage von Ursache und Wirkung bei der Mediensucht. Wenn Spitzer sagt, man habe nach “zwei Stunden Fernsehen oder virtuellem Geballere […] zu nichts mehr Lust”, dann ist das eher suggestiv, ebenso wie die Bemerkung, dass selten jemand vorm Bildschirm richtig glücklich wirkt.[5] Die Frage müsste lauten: Macht der Bildschirm depressiv oder sitzen Depressive häufiger vor dem Bildschirm? Macht der Computer einsam oder nutzen Einsame einfach häufiger den Computer? Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich beides bedingt und verstärkt.

Ganz ohne Zweifel sind die Menschen mit einer geringen Impulskontrolle gefährdet und Onlineaktivitäten, vor allem rasche, multiple, wie der sekundenweise Wechsel oder das Zappen beim Fernseher, verstärken diesen Effekt. Ohne Zweifel bringt eine intensive Mediennutzung diese Effekte auch ursächlich hervor, statt nur korrelativ zu sein, aber nicht jeder neigt überhaupt dazu, Stunden vorm Bildschirm zu kleben – aber wir alle eben auch immer mehr. Die ohnehin fragmentierten Psychen zersplittern noch mehr, bei unserer Festplatte wissen wir, wie wir defragmentieren, bei der Psyche erfordert das mehr als einen Knopfdruck. Aber fragmentierte Psychen, die oft ebenso gespalten sind zwischen Kognition und Emotion wie zwischen nur Gut und nur Böse, sind genau jene mit einer oft reduzierten Impulskontrolle, doch die Ursachen hierfür liegen oft anderswo. Sie erfahren dann aber durch Medienaktivitäten mit einem hohen Anteil an Gewalt oder Pornographie eine ungesunde Verstärkung.

Auch Studien wie diese belegen, dass es echte Verlierer gibt und die Art und Menge der Onlineaktivitäten ganz offenbar, wenn nicht verursachen, dann begünstigen und hier reichen sich psychologische und soziologische Faktoren die Hände.

Gefährdende Faktoren sind Geschlecht, Wohnregion, Bildungsniveau der Eltern und Migration.[6] Jungen sind gefährdeter als Mädchen, Einwohner norddeutscher Städte stärker als die süddeutscher, die Kinder ungebildeter Eltern stärker als jene gebildeter und Migranten stärker als einheimisch Geborene. Der soziale Kontext macht die Musik und wie so oft die Dummen dümmer die Klugen klüger. Wer nur Klatsch und Tratsch, Verschwörungstheorien und Propaganda, Gewalt und Pornos konsumiert, kann sich selten zu einer differenzierten Persönlichkeit entwickeln, kommen dann noch Erfahrung häuslicher Gewalt hinzu, ist die Katastrophe fast perfekt.