Gemeinsamkeiten erzeugen Vertrautheitsgefühl

Freundinnen mit Gemeinsamkeiten © Hassan Rafeek under cc

“Sag mir wer Deine Freunde sind und ich sage Dir wer Du bist.” Solchen Aussagen zufolge haben unsere Freunde eine Menge mit uns gemeinsam. Sie stammen aus dem gleichen sozialen Milieu, haben ähnliche Interessen und Vorlieben und sind charakterlich mit uns auf einer Wellenlänge. Neuere Forschungsergebnisse relativieren allerdings die Ansicht, dass allein Gemeinsamkeiten bei der Wahl von Freunden entscheidend sind.

Welche Rollen spielen Gemeinsamkeiten in Freundschaften?

Vertrautheit

Das Institut für Demoskopie (2010) befragte 1.935 Personen zum Thema Freundschaft. Die Probanden sollten angeben, welche Dinge in ihren Augen eine enge Freundschaft auszeichnen. Dabei zeigte sich, dass ähnliche Denk- und Sichtweisen sowie gleiche Interessen unter Freunden wichtiger sind als neue Impulse und Ideen durch den anderen.

Laut Heidbrink (2010) sorgen gleiche Hobbys und Interessen dafür, dass es genug Gesprächsstoff gibt. Darüber hinaus führt eine Übereinstimmung von Moral- und Wertvorstellungen dazu, das Konfliktpotential möglichst gering zu halten. Des Weiteren spielen aber auch nicht bewusste Vertrautheitssignale des Gehirns eine entscheidende Rolle.

Vertrautheitssignal des Gehirns

Rosburg (2011) untersuchte die Hirnaktivitäten im Rahmen von Entscheidungsprozessen. Er zeichnete die Hirnströme der Probanden mittels Elektroenzephalografie (EEG) auf. Den Versuchspersonen wurden zwei Städtenamen genannt. Dann sollten sie spontan entscheiden, welche größer ist. In 90% der Antworten wurde der bekanntere Städtename gewählt. Ein so genanntes Vertrautheitssignal im Gehirn führte dazu, dass bekannte Alternativen unbekannten vorgezogen wurden. Dieses Signal wurde in den ersten 300 bis 500 Millisekunden einer Entscheidung erzeugt und beeinflusste somit spontane Entscheidungen, während weitere für die Entscheidung relevante Informationen erst später verarbeitet wurden. Es lässt sich somit schlussfolgern, dass sich dieses Vertrautheitsgefühl bedeutsam auf unsere Entscheidungen auswirkt.

Der primäre Einfluss der Vertrautheit war auch entwicklungsgeschichtlich äußerst bedeutsam. Schon für den Frühmenschen war es vorteilhaft, Gleichgesinnte einer Gruppe auszumachen. Dies hatte vermutlich mehr Sicherheit und Vertrauen innerhalb der sozialen Bindung zur Folge.

Verfügbarkeit

Bahns et al. (2011) verglichen Freundschaften an einer Massenhochschule mit denen kleinerer Universitätsstädte. Hierfür befragten sie Freundespaare hinsichtlich ihrer Meinungen, Einstellungen und Lebensweisen. Ziel war es, Gemeinsamkeiten festzustellen. Hierbei zeigte sich, dass es zwischen den Freundespaaren an Massenuniversitäten stärkere Ähnlichkeiten gab als zwischen denen kleinerer Hochschulen. Je größer die Auswahl potentieller Freunde also ist, desto eher werden Freundschaften unter Gleichgesinnten geknüpft. Dieses Ergebnis ließe sich auch mit dem von Rosburg (2011) in Einklang bringen. Ist die Auswahl besonders groß, hat das Gehirn weniger Zeit Entscheidungen zu treffen. Folglich wird es sich mehr nach dem primären Vertrautheitsgefühl richten und weniger die sekundären teilweise auf Ungleichheit beruhende Argumente einbeziehen.

Dagegen nahmen die Freunde kleinerer Universitätsstädte mehr Nähe zueinander wahr. Einerseits wird aus diesem Ergebnis deutlich, dass ein Mangel an Alternativen für die Entstehung neuer Freundschaften entscheidender ist als Gemeinsamkeiten. Das Bedürfnis nach nahen Bindungen scheint also so stark verankert zu sein, dass man Unterschiede auch vernachlässigen kann. Andererseits steigert eine geringe Auswahl an Freunden die Verbindlichkeit der sozialen Kontakte zusätzlich. Vermutlich fühlt man sich aufgrund der geringeren Verfügbarkeit stärker von einzelnen Freunden abhängig bzw. ist zufriedener mit seinen sozialen Kontakten.

Generell kann es auch nicht schaden, sich gegenüber Menschen mit abweichenden Merkmalen offen zu zeigen. Dies birgt die Möglichkeit, alte Gewohnheiten zu überdenken, Neues zu erleben oder sich weiter zu entwickeln.

Quellenangaben

  • Bahns, A.J., Pickett, K.M. & Crandall, C.S. (2011). Social ecology of similarity: Big schools, small schools and social relationships. Group Processes & Intergroup Relations, 6, 1-13.
  • Feldkamp, M. (2010, März). Wie entsteht Freundschaft und woran zerbricht sie? FernUniversität in Hagen.
  • IfD Allensbach (2010, März). Kriterien für enge Freunde. Statista Online verfügbar (15.11.2011).
  • Rosburg, T. (2011, Juli). When the brain decides. Psychological Science.