
Kann man unser Bewusstsein bald auf einen Computer uploaden? © OLCF at ORNL under cc
Der Wunsch nach dem Tod weiterleben zu können ist sicher sehr alt. Er ist, auch das weiß man schon lange, zutiefst mit dem Menschsein verbunden.
Den Tieren, so nimmt man an, fehlt das Bewusstsein über ihre Sterblichkeit und die Götter sind unsterblich, falls es welche gibt. Wie viel Tiere über sich und den Tod wissen, ist unklar, klar ist aber, dass man in der Bewusstseinsfalle des Todes sitzt, wenn man um die eigene Sterblichkeit weiß. Ab diesem Moment ist der Tod unser ständiger Begleiter durchs Leben und muss als fundamentale Bedrohung des Lebens dann auch wieder verdrängt werden. Das gelingt in der Regel mehr oder weniger gut, so dass wir schockiert sind, wenn der Tod dann doch jemanden ‚zu früh‘, wie es dann oft heißt, holt.
Versuche des Weiterlebens
Der Tod ist der Höhepunkt des Kontrollverlustes. Aus diesem Grund steht das Erbe schon seit längerer Zeit im Verdacht, den eigenen Einfluss über den Tod hinaus ausdehnen zu wollen. Natürlich ist es ein schrecklicher Gedanke, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Welt, die man erlebt, mit dem eigenen Tod eventuell untergeht, gerade auch das, was einem lieb und teuer war. Deshalb soll es in meinem Sinne weiter gehen, man formuliert den letzten Willen, das Testament und verteilt sein Erbe. So, dass wenigstens etwas von mir bleibt.
Waren es früher Gebrauchsgegenstände oder etwas emotional Bedeutsames, ist es heute eher Geld und das Kaffeeservice und vielleicht in Video von und mit den Kindern oder Enkeln, falls vorhanden. Im Gedenken der Hinterbliebenen lebt man weiter, wie in Wenn junge Eltern sterben ausgeführt.
Biologie
Womit wir bei der nächsten Form des Weiterlebens sind, den Nachkommen. Die Hälfte der Gene die man weitergibt, stammen von einem selbst, diese werden mit jeder folgenden Generation verbreitet aber auch halbiert. 25%, 12,5% und 6,75% in der vierten Generation. Klingt auch nicht beeindruckend. Auf der anderen Seite kommt man ja auch nicht aus dem genetischen Nichts, sondern hat auch da meistens zwei familiäre Umfelder, die eigenen Konturen treten also gewissermaßen aus einer Genwolke hervor, bevor sie sich in dieser auch wieder auflösen. Was wiederum heißt, dass sehr ähnliche Gene wie meine auch dann weitergegeben werden, wenn sich irgendwer aus meiner Familie fortpflanzt.
Kunst und Kulturleistungen
Wenn wir uns anschauen, was die Idee hinter Erbe und Biologie ist, so geht es in beiden Fällen darum, dass Informationen von mir weiter geführt werden und in der Welt bestehen bleiben. Etwas ähnliches geschieht, wenn man sich als Künstler in der Welt verewigt. Bestimmte Kunstwerke, Riffs, Rhythmen, Meme, Speisen, Rituale oder Gesten kennen sehr viele Menschen. Manche sind fest mit ihrem Schöpfer verbunden, wie die Mona Lisa mit Leonardo da Vinci, bei andere tritt die Person hinter die Geste zurück, oder wer weiß, wer zuerst den Zeigefinger vertikal über die leicht gespitzten Lippen legte um zu signalisieren: Psssst.
Der Künstler kann, gelingt ihm so etwas wie das Smoke on the water Riff, tiefer in der Welt verankert bleiben, als er es mit Nachkommen tun könnte.
Technologie
Es gibt diverse Versuche der Technologie dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Kryotechnik, also Einfrieren, in der Hoffnung, dass man irgendwann wieder belebt werden kann, ist eine davon, der Versuch unser Bewusstsein und unsere Körperdaten auf einen Supercomputer hochzuladen, der dann eine Supersimulation anlaufen lässt, bei der wir den Unterschied zwischen Realität und Simulation nicht mehr bemerken, ist eine weitere Vorstellung. Der Beginn wird immer wieder vertagt, man gibt die Hoffnung jedoch nicht auf, allgemein sind viele jedoch der Auffassung, dass diese Versuche auf einem naiven Konzept von Körperlichkeit beruhen.
Ein weiterer Versuch ist der Ansatz mittels Genschere den Tod oder die für die Alterung verantwortlichen Gene abzuschalten. Das würde das Problem der Überbevölkerung natürlich vergrößern und würde man es nur den Reichen zukommen lassen, das der Ungerechtigkeit, von der Frage ob dieser Traum nicht ein unausgesetzter Alptraum wäre, mal ganz abgesehen.
Die technologischen haben mit den religiösen Ansätzen, auf die wir gleich eingehen, eine große Gemeinsamkeit. Denn Erbe, bleibendes Kunstwerk oder was auch immer, eines bleibt: Man will ja als erlebendes Ganzes weiterleben und das geht nicht, auch wenn man einen jährlichen Gedenktag bis in alle Ewigkeit zugesprochen bekäme. Man würde in Erinnerung bleiben, wäre selbst aber tot.
Religion
Bei den Religionen ist das anders, da bleibt man als erlebendes Ganzes erhalten. Vielleicht etwas geläutert und verjüngt, aber im Großen und Ganzen doch so, wie man ist. Beim Computer-Upload und der Genveränderung ist es ebenso, man bleibt als der Mensch, der man ist erhalten.
Entweder man geht ein ins Paradies oder kommt im Buddhismus, Jainismus und Hinduismus (und einigen anderen Glaubensrichtungen) immer wieder auf die Erde, mal eher als unpersönliches karmisches Bündel, mal als Seelenkern, bis man dereinst in einer Form der Einheit aufgeht.
All diese Versuche einer Einschätzung, wie plausibel, realistisch oder nicht sie sein mögen, kreisen im Zentrum um eine oft ausgelassene oder ungefragte Frage:
Wer bin ich?

So stellt man sich Reinkarnation üblicherweise vor. © new 1lluminati under cc
Denn die Antwort auf die Frage ob ich nach dem Tod weiterleben kann, hängt ja entscheidend davon ab, wer ich denn nun eigentlich genau bin. Sie erscheint zunächst einfach, ich, das ist mein Körper. In ihm, genauer, im Kopf laufen dann auch Gefühls- und Gedankenprozesse ab und all das zusammen, das bin dann ich, eine biologische Einheit.
Auf der anderen Seite bin ich, was ich bin durch Beziehungen. Meine ersten Beziehungen zur Umwelt entscheiden darüber, wie (in)stabil mein Ich ist. Dadurch, dass ich umsorgt werde, meine Eltern im Alltag beobachte und erfahre, wie man miteinander umgeht. Ich lerne, was in ihrem Leben passiert, wichtig ist und was nicht, wie und heftig schnell man, auf wen und was reagiert.
„Mit einfachen Worten könnte man sagen, dass wir von Geburt an die ererbte Fähigkeit der Wahrnehmung, der Erinnerung haben, der Fähigkeit, Repräsentationen von dem, was wahrgenommen wird, zu schaffen, und nach und nach entwickeln wir ein symbolisches Denken und die Fähigkeit zum abstrakten Denken und der Intelligenz. Wir absorbieren, was um uns herum geschieht: Unsere Beziehungen zu Dingen und Menschen. Das Ego ist wie ein Computer, der Informationen absorbiert, sie integriert und lernt, sie in Wichtiges und Unwichtiges zu sortieren, in das was gut und was schlecht, was hilfreich und was schädlich ist.
Wir lernen die Kontrolle unseres eigenen Körpers, und nach und nach lernen wir zu unterscheiden, was in ihm und außerhalb von ihm ist. Und schließlich wird eine innere Welt aufgebaut. Ein Teil davon bleibt in der bewussten Erinnerung haften, im Bewusstsein – ein kleiner Teil. Und ein großer Teil versinkt in die unbewusste Erinnerung, in das, was man das „Vorbewusstsein“ nennt. Das Vorbewusste ist wie ein Reservoir an Informationen, an das wir nicht ständig denken, doch zu dem wir Zugang haben. Und ein Teil sinkt auf eine noch tiefere Ebene, das dynamische Unbewusste oder das Es.
Was ist in diesem dynamischen Unbewussten oder dem Es enthalten? Alles, was das Ego oder Selbst im Bewusstsein nicht dulden kann. Es ist zu intensiv, es ist zu gefährlich und gewöhnlich ist es verboten. Freud sagte, dass das, was besonders intensiv ist und oft verboten wird, frühe sexuelle und auch frühe aggressive Impulse und Wünsche seien.
So hat das Ego die doppelte Aufgabe sowohl des allgemeinen Lernens wie auch des Errichtens einer inneren Welt von Repräsentationen des Selbst und der anderen. Und diese Repräsentationen werden allmählich integriert, und so entwickelt das Ego ein integriertes Selbstgefühl und ein integriertes Gefühl der signifikanten anderen – eine innere Welt der Menschen, die wir lieben und die uns lieben – oder was Joseph Sandler die „repräsentative Welt“ nannte.
Kurz gesagt, das Ego ist der Sitz des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der motorischen Kontrolle, der bewussten Erinnerung, des Zugangs zum Vorbewussten. Aber es ist auch – und das ganz grundlegend – der Sitz der Welt verinnerlichter Objektbeziehungen und eines integriertes Selbstgefühls.“[1]
Sprache, Gott und Bakterien
Sprache ist nicht nur die Möglichkeit sein Inneres auszurücken, sondern mit unseren sprachlichen Bildern konstituieren wir Welt. Was wir nicht benennen existiert für uns nicht. Wir könnten an etwas sterben, was wir nicht kennen, etwa als Mensch im Mittelalter an einer bakteriellen Infektion, aber wenn man nicht weiß, was Bakterien sind, interpretiert man den Tod durch diese anders, vielleicht als Strafe Gottes.
Die Geschehnisse mit allen Folgen sind für alle da, auch wenn man ihre genaue Ursache nicht kennt. Aber was ist eigentlich die Ursache, die genaue noch obendrein? Das ist eher ein Sprach- und damit Vorstellungsbild unserer Zeit. Was in einer Zeit sprachlich existiert rückt ins Zentrum, der Rest zunehmend an den Rand. Heute glauben wir nicht mehr an Gott und seine Strafen, dafür an bakterielle Infektionen, die wir auch nachweisen können. Abstrich oder Blutprobe, ab ins Labor, Erregerbestimmung, passendes Antibiotikum und der Spuk ist zu Ende.
Die genaue Ursache ist dann die starke Vermehrung bestimmter krankmachender Bakterien, mit 99% leben wir in Symbiose, wir brauchen sie, damit wir überhaupt leben können – das Gesamtgewicht der uns besiedelnden Bakterien ist mit etwas 2 kg, größer als das des Hirns, dass etwa 1,4 kg wiegt – und wenn dann die krankmachenden Bakterien reduziert werden, sind wir wieder gesund.
Doch so einfach ist es nicht, denn längst hat sich unser Kausalitätsdenken gewandelt. Da ist nicht mehr die eine eindeutige Ursache, nach der es zu genau einer Wirkung kommt, die auf diese zurück geht, sondern es gibt in der Regel ein ganzes Bündel von Ursachen, die sich gegenseitig durchdringen und dabei hemmen und verstärken können. So ist es auch mit den Bakterien, manche erkranken daran, andere nicht. Krankmachende Bakterien und Viren gibt es schließlich überall.
Wie fit das eigene Immunsystem ist spielt eine nicht unerhebliche Rolle, seit Corona wissen wir das alle etwas besser. Aber auch dessen Fitness ist wieder abhängig von zig weiteren Faktoren.
Beim Bild der eindeutigen Ursache zoomen wir in einem Kunstgriff zeitlich und räumlich maximal nahe an ein Ereignis – etwa unsere bakterielle Infektion – heran und behaupten dann, dass alles was in diesem eng umgrenzten Umfeld stattfindet die eigentliche Ursache ist. Also die Infektion und davor die Vermehrung von bestimmten Bakterien in einer bestimmten Region. Aber wer sagt uns eigentlich wie eng der Kreis räumlich und zeitlich zu ziehen ist?
Natürlich ist der zeitlich nahe Kontakt mit krankmachenden Bakterien wichtig, aber wie fit das Immunsystem ist eben auch. Darüber entscheidet wiederum das Lebensalter, wie intakt die engen Beziehungen sind, wie entspannt man gerade ist, ob man eine Radtour entlang eines Flusses im Sonnenlicht gemacht hat oder Walspaziergänge, wie ausgewogen man sich ernährt, wie gut man schläft und so weiter. Auf einmal spielen die letzten Wochen und Monate eine mitentscheidende Rolle. Wirklich monokausale Ereignisse, also eindeutige Beziehungen von genau einer Ursache zu einem Ergebnis, sind seltene Spezialfälle im Leben, die man oft sogar mit viel Aufwand unter Laborbedingungen erzeugen muss. Damit ‚die Realität‘ unseren Welt- und Sprachbildern angepasst werden können.
Und wer bin ich jetzt, der ich nach dem Tod weiterleben möchte, also falls ich das möchte?
Bin ich eine Unterabteilung meiner Gedanken, die in meinem Hirn hergestellt werden? Mein Ich, das lasen wir, besteht aus Repräsentationen von mir und wichtigen anderen, diese produziert mein Gehirn, das in meinem Kopf sitzt. Ein paar Regionen werden immer aktiviert, wenn mein Ich angesprochen wird. Also sitze ich irgendwo in meinem Kopf, was schon schief klingt, weil mein gesamter übriger Körper ja auch zu mir gehört.
Der wird dann, so heißt es, in anderen Regionen meines Hirns repräsentiert. So wie auch die Sprache und alles andere was zum Leben gehört. Nun ist die Sprache allerdings kein rein biologisches Ereignis. Sie wird in der Umgebung gesprochen. Was gesprochen wird ist abhängig von der Umgebung. Andere Sprachen, andere Klimazonen, Geschichten, andere Geografie, anderes Arten des Bewusstseins. Anderes Außen dringt nach Innen, wird zum Ich und seinen Repräsentationen. Wer ich bin ist stark abhängig von vielen Faktoren meiner Umgebung.
Variablen und Konstanten
Aber immerhin, man kann sich irgendwie vorstellen, dass hier Repräsentationen der Umgebung verinnerlicht werden, auch wenn sehr viel Unterschiedliches repräsentiert und zusammen gemischt werden muss. Auf der anderen Seite gibt es jedoch Vereinfachungen und diese wurzeln vielleicht in Konstanten. Es ist jedoch unklar welche das sind. Eine scheint zu sein, über die Möglichkeit zu verfügen ein Ich auszubilden. Allerdings weiß man, dass diese Ich-Bildung durch Störungen, wie häufige Spitzenaffekte behindert werden kann. Aber immerhin, die Tendenz ein Ich zu bilden, ist stark.
Bis vor kurzem hätte man vermutlich noch sagen können, dass sich als Mann oder Frau zu fühlen recht stabile Konstanten sind, doch genau diese Kategorisierungen sind aktuell umstritten. Da dies vor dem Hintergrund bestimmter Weltbilder geschieht, ist die Ausbildung von Weltbildern zur Orientierung vermutlich eine Konstante, nur müssen Weltbilder nicht lebenslang beibehalten werden. Man kann das gleiche Ereignis aus einem Weltbild heraus als Strafe Gottes sehen, aus einem anderen als bakterielle Infektion.
In verschiedenen Weltbildern nimmt auch das Ich eine jeweils unterschiedliche Gestalt an, so dass die Frage wer es ist, der nach dem Tod weiterleben könnte, auch vor diesem Hintergrund zu sehen ist. Zum Ich gehört zwingend auch eine Geschichte, eine erzählte Spur, die aus der Vergangenheit kommt. Der private Mythos der Ich-Erzählung fügt sich dabei in ein gesellschaftliches Narrativ ein. Mehr und oft weniger bewusst schwingen sie alle mit, wenn ich von mir, meiner Geschichte und meinen Vorstellungen, Werten und Träumen rede: ein wenig Familie, Zeitgeist, Produktionsweise, unsere Sprache und Kultur und vieles mehr, so wie die stets dazu gehörenden Grenzen des Bewusstseins.
Doch ist die Art der Sprache und der Argumentation nicht stets von einer gewissen logischen Reihenfolge abhängig, so dass die Logik vor allem anderen eine gewisse Struktur gibt? So setzt ein Ich zu denken, auch sich als Ich wahrzunehmen, die Erfahrung eines anderen, eines Du oder einer Umwelt logisch voraus. Aber wie kommt eine Logik, eine logische Struktur, die über allem schwebt, in die Welt? Wie ordnet sie unser Denken, wie kann sie überhaupt auf es einwirken?
So gibt es eine Menge Fäden, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart reichen und bewirken, dass ich der und so bin, wie ich eben bin. Ohne Spur aus der Vergangenheit könnte ich nicht sein, kein Ich sein. Man kann sich fragen, welche Spuren besonders wichtig sind und welche vielleicht nicht so.
Biologie, Kultur und Beziehungen

Alles kommt und geht, wie Ebbe und Flut, alles Einzelteile und doch ein Ganzes. © Bernd Thaller under cc
Aus der Gewohnheit unserer Denktradition meinen wir, der Biologie stehe der Vorrang zu. Wenn ich nach dem Tod weiterleben will, bedarf es eines biologischen Überlebens, wo das nicht geht, ist auch das Bewusstsein verschwunden, so meint man.
Aber wer wäre ich, ohne meine Beziehungen? Gesetzt, es sei möglich meine Alterungsprozesse aufzuhalten, aber nicht die meines Umfeldes. Würde ich das wollen? Man kann sich zwar sagen, dass es genug interessante und neue Menschen gibt, aber so eine richtige Beziehung zu mir werden die vielleicht nicht aufbauen, vielleicht auch bald völlig andere Interessen haben und all jene, die meine Erinnerungen an früher teilen, sind verschwunden. Biologisch wäre ich noch immer da, aber bin ich das immer noch?
Wer bin ich denn hier und heute? Die Summe meiner Biodaten, meiner Beziehungen, aber auch meiner Interessen und Neigungen, Ansichten und Einsichten, Werte und Träume. Gesetzt meine Biodaten bleiben alle, wie sie sind, Familie, Liebesbeziehungen, enge und ferne Freunde und Verwandte auch, nur meine Einstellungen wären auf einmal völlig andere. Wäre dieser Mensch noch ich?
Wenn ich nun die Summe zufälliger Genmischungen und anderer biologischer Parameter bin, zur Welt gekommen in einem zeitlichen, politischen, geografischen und kulturellen Umfeld, das auch ganz anders hätte sein können, inmitten von Menschen, die auch andere hätten sein können, wer bin ich dann überhaupt? Oder besser gesagt: Hätte ich unter anderen Umständen nicht auch ein völlig anderer Mensch werden können? Was ist überhaupt so originär ichhaft, was gehört so sehr zu mir, dass es alles andere überdauert oder überstrahlt?
Könnte man also sagen, ich bin zu 30% Biologie, zu 30% meine Beziehungen, zu 30% meine sonstige Umwelt und zu 10% bin ich ein nur zu mir gehörender Wesenskern?
Reinkarnation
Es ist ja dieser Seelen- oder Wesenskern, der irgendwie weiter gegeben werden soll. Das bisschen Ich, was sich, den Modellen der Reinkarnation nach immer ein wenig weiter entwickelt, bis zu einem Punkt der Erkenntnis seiner All-Einheit, Gottgleichheit oder wie auch immer das beschrieben wird. Oft als Form einer Lebensschule, bei der man, wenn alles gut geht, Leben für Leben dazu lernt.
So geht man, in mancher Vorstellung zusammen mit anderen Seelen durch die Inkarnationen und trifft sich in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder, bis man sich karmisch nichts mehr zu geben hat. Dafür saust die Seele, als amtliches Zwischenergebnis der bisherigen Inkarnationen durch weitere, dazwischen durch die Bardo-Zustände oder ähnliche Zwischenreiche, in denen man Klarheit gewinnt, sich zwecks Weiterschulung wieder verkörpert oder eben reinkarniert und so schreitet die Geschichte fort, bis das Karma ausgeglichen ist oder man ins Klare Licht eintritt. Man kann, muss dann aber nicht mehr inkarnieren, so heißt es oft.
Nur, wie geht das? Wo wird das Zwischenergebnis abgespeichert? Das Gehirn ist weg, klar, doch wenn die Seele ganz anders als die Materie ist, wie kann sie mit derselben überhaupt in Kontakt kommen? Die alte Frage an den Dualismus, nach wie vor unbeantwortet. Wenn die Seele aber gar nicht so wirklich getrennt ist, wo befindet sie sich?
Im Buddhismus heißt es allerdings, dass der Glaube an ein Ich von Beginn an eine Illusion ist. In dem Moment, wo man das erkennt ist die Erleuchtung da, gleich ob nach einem oder 70.000 Leben. Aber jetzt einfach zu glauben, dass es mich nicht gibt oder nie gegeben hat, das klappt nicht. Schon beim nächsten Ärger kontrahiere ich wieder auf die Größe eines Ich.
Aber erneut: In anderen Zeiten, unter anderen Bedingungen würde ich mich über anderes ärgern und den jetzigen Anlass vielleicht gar nicht ärgerlich finden. Ist das Ich nun einfach ein Bündel Ärger? Nein, sagen Buddhisten. Ein Bündel Ärger, Schmerz, Bedürfnisse und Begierden, die sich irgendwo festhalten, um sich zu vergewissern, dass es sie wirklich gibt. Aber kann ich denn einfach alles loslassen?
Leben ohne Ich?
Nein, sagen die Biologen. Man muss essen, schlafen, atmen und weiteres, das ist das Ende der schönen Idee. Doch, sagen die Mystiker, denn es ist unerheblich ob irgendwo etwas passiert, das ist ja immer so, worauf es ankommt, ist sich nicht in die Idee zu verkrallen, man sei ein Ich. Darum sagen sie, man könne die Dinge auch anders betrachten. Wir tun es als Ich, muss man aber nicht. Man kann auf die Welt auch unter dem Aspekt Reduzierung von Leid schauen.
Leid hat Ursachen, nehmen wir Hunger als eine einfache. Wenn irgendwo Leid aufgrund von Hunger ist, holt man am besten was zu essen und gibt es dem, der am meisten Hunger hat. Ist man selbst derjenige, der Hunger hat und leidet, ist es sinnvoll selbst zu essen. So kann man mit allen Punkten verfahren. Da ist Leid, aufgrund von Durst, Schmerz, Liebeskummer oder Sinnleere, also kümmert man sich drum.
Mit all den ‚Das machst du ja nur, weil du selbst was davon hast‘-Konzepten kann man sich befassen, man muss es aber nicht. Auch die Frage, wer denn jetzt den größten Hunger hat, muss man nicht überstrapazieren. Wenn drei Menschen hungern lindere vielleicht am meisten Leid, wenn ich dem was gebe, der am hungrigsten ist. Vielleicht aber auch nicht, wenn ich zwei, die weniger hungern satt bekomme, statt dem einen. Aber sind solche Rechenspiele nicht egal?
Man bekommt raus, was man rein steckt, alles tautologisch, man erntet die Prämissen, die man sät. Wer die Ich-Betrachtung zugrunde legt, wird sie immer wiederfinden. Man braucht keine Zeit, um aus der Zeit auszusteigen. Das Ich hat eine Spur in der Geschichte, wenn diese Spur keine Linie mehr ist, wenn es nur noch einzelne Ereignisse sind, Gedankensplitter, Assoziationen, Erlebnisse in denen früher und jetzt verschwimmen, Ereignisse in denen andere und ich verschwimmen, die daher nur noch Ereignisse sind, auf die wir mit Mitgefühl reagieren oder auch nicht, dann ist diese Geschichte nicht mehr da.
Sterben tut man aber trotzdem, kann man sagen. Ja, aber was ist, wenn man dem eigenen Körper gar nicht im Übermaß identifiziert ist? Irgendwo stirbt immer jemand, irgendwo kommt immer neues Leben in die Welt. Dann ist man zwar kein Ich mehr, weil dem Ich keine herausgehobene Bedeutung mehr zugemessen wird, aber man ist. Irgendwo ist immer jemand Hunger und vergeht wieder, kommen Gefühle und gehen, ebenso Gedanken.
Wir haben gelernt auf unseren Körper beschränkt zu sein. Erlebnisse in denen wir die Körpergrenzen überschreiten, finden wir ganz sonderbar, haben aber immerhin schon eigene Begriffe dafür. Kann ich nach dem Tod weiterleben? Als Ich vermutlich nicht, aber dass man auch schon während Lebzeiten als Ich sterben kann erzählen uns die Mystiker seit ewigen Zeiten, sie machen es sogar zur Grundbedingung eines ewigen Lebens.
Quellen:
[1] Otto Kernberg in einem Interview mit Susan Bridle, in: Was ist Erleuchtung?, Herbst/Winter 2000, S.130