Stradivari-Geige in Vitrine

Die Stradivari: seit mehr als 300 Jahren ein Inbegriff für Spitzenqualität, bis heute. © Håkan Svensson under cc

Dass Klischees uns bremsen, kann man in vielen Bereichen des Lebens sehen und exemplarisch nachweisen.

In aller Regel handelt es sich dabei um die Behauptung einer vielfach wieder modern gewordenen Ausschließeritis, nach der man entweder nur in die eine oder andere Richtung denken, fühlen und handeln kann.

Was gesund ist, macht keinen Spaß und was Spaß macht, ist ungesund

Das ist die klischeehafte Zuspitzung von Gesundheitsempfehlungen in denen es in der Vergangenheit oft hieß, dass Genussmittel eingeschränkt werden sollten. Gemeint waren damals fettes Essen, Alkohol und Tabak, empfohlen wurden Mäßigung und mehr Bewegung. Die Folgen der Maßlosigkeit waren Übergewicht, Bluthochdruck und Herzinfarkt, auf der anderen Seite gab es natürlich einen gesellschaftlichen Gewinn – zeigen zu können, dass man es geschafft hat – der Herzinfarkt galt mal als die Managerkrankheit, heute kann ihn sich jeder leisten.

Aber das Klischee ist in den Köpfen, Spaß oder Gesundheit, man muss sich entscheiden. Ein anderes auch: Wenn man den gesellschaftlichen Aufstieg erreicht hat, kann man auf die Regeln für der anderen pfeifen. Und irgendwie schien das eine Regel der Erfolgreichen zu sein, auf konventionelle Vorgaben zu pfeifen. Das kann man auch falsch, nämlich verkürzt verstehen, dann hat man die Idee, dass schon der Bruch der Regeln ausreicht, um besonders toll zu sein. Aber häufig ist man nur peinlich, weil vergessen wurde, dass Kreativität und Originalität ebenfalls dazugehören. Man sollte das Konventionelle über- und nicht unterbieten.

Der Zigarre rauchende dicke Mensch ist wenigstens bei uns heute nicht mehr angesehen, moderne Manager sind schlank und demonstrativ gesund, Übergewicht bis zur Adipositas ist eine Krankheit der Armen geworden, wie auch übermäßiger Tabakkonsum, nur Alkohol wird quer durch alle Schichten getrunken.

Sex bleibt immer unerwähnt, schwingt in dieser Unerwähnheit allerdings mit. Im Klischee sollen Genießer gegen Asketen ausgespielt werden. Ein Stück weit mag das stimmen, aber wenn man es überzieht, hängt Genuss von der Menge ab. Wer sich als Genießer definiert ist im besten Fall auch einer, im weniger guten dann irgendwo in Richtung Sucht unterwegs. Aber auch wenn Genussmittel zur Gewohnheit geworden sind, ist die Frage, ob sie noch mit Genuss verbunden sind. Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar, auch da ist was dran, letztlich muss man selbst entscheiden, wo man steht.

Es wird oft darauf verwiesen, dass man sich nur – ganz achtsam – auf diese eine Sache, den einen Reiz konzentrieren sollte. Wenn es so ist, dass man von einem Eindruck, einer Tätigkeit ganz absorbiert ist, ist das okay, vielleicht sogar toll, aber ich werde immer skeptischer, ob man das so hoch hängen und eine Vorschrift oder ein eigenes Klischee draus machen sollte. Die zentrale Frage ist, ob man etwas genießt und wenn man das mit dem Buch und der Schokolade in der Wanne hinkriegt, ist das auch in der Kombination ein privates Glücksritual, gegen das nichts spricht.

Man ist egoistisch oder sozial

Auch das ist oft ein Klischee. Ein inzwischen bekannter und – bezogen auf die Ergebnisse – schon wieder kassierter Test für Kinder, ist der mit einer kleinen, sofortigen Belohnung oder der Aussicht auf eine größere Belohnung, wenn man dem sofort verfügbaren Reiz widersteht.

Abgehen davon, dass die Überprüfung nicht beeindruckend ausfiel, mit der ersten Interpretation meinte man zeigen zu können, dass die Fähigkeit zur Impulskontrolle in jungen Jahren, auch später dazu führt, dass man erfolgreicher wird. Aber erfolgreich zu sein, heißt nicht unbedingt sozial zu sein. Im Grunde ist die Aussicht auf späteren, umso größeren Erfolg – weil man artig lernt oder übt, wenn andere spielen oder feiern – ja nur ein gezähmter Egoismus. ‚Meine Stunde kommt, euch werd‘ ich’s zeigen.‘ Das kann auch ein Amokläufer denken.

Aber Egoismus muss nicht mal unsozial sein. Wer sich bescheuerten Anweisungen verweigert kann das aus mitmenschlichen, aber auch egoistischen Gründen tun. Das muss nicht falsch sein und kann sogar anderen nützen, die sich dann ebenfalls trauen sich zu verweigern, zu protestieren, für sich einzustehen. Selbst wenn jemand einfach nur für sich keine Lust hatte.

Dennoch ist es ebenfalls falsch, dass jede gute Tat im Kern egoistisch ist, weil man es angeblich nur auf Lob, Anerkennung oder ein eigenes gutes Gefühl abgesehen hat. Warum ist es über die Behauptung hinaus falsch? Weil die These nicht zu widerlegen ist. So betrachtet ist man immer Egoist und wenn man Menschen fragt, die Gutes tun, warum sie es machen und behauptet, es sei ihnen eben selbst nicht klar, warum sie tun, was sie tun, ist man doppelt unfalsifizierbar. Fragt man sie aber tatsächlich, so ergibt sich ein Spektrum an Motiven für Handlungen, von rein egoistischer Natur, bei denen man versucht, das eigene Wohlergehen zu vergrößern – gleich, ob das anderen nützt oder schadet – bis zur altruistischen Absicht das Wohlergehen anderer zu vergrößern – gleich, ob einem selbst das nützt oder schadet.

Auch hier kommt es also vor, dass Klischees uns bremsen ein differenziertes Bild zu entwerfen. Was mir hilft kann allen helfen, was mir Spaß macht, kann ebenfalls allen dienen oder einfach Freude bereiten.

Wie gut gefällt mir mein Leben eigentlich?

Oft kann die eigene Lebensbilanz, nicht nur am Ende des Lebens, durchaus gut und wichtig sein. Manchmal neigen wir dazu uns selbst etwas vor zu machen, vielleicht auch aus den nachvollziehbaren Gründen uns vor Enttäuschungen schützen zu wollen. Manche Menschen haben turmhohe Ansprüche an alle Bereiche ihres Lebens, es ist unwahrscheinlich, dass so ein Ansatz gut ausgeht, die Latte über die man muss, liegt einfach zu hoch. Der Anspruch auf Perfektion ist nicht selten auch eine Kompensation, gegen das kränkende Gefühl, dass es so wie es und wie man ist, nicht gut genug ist.

Aber muss mein Leben sensationell und perfekt sein? Warum reicht es nicht aus, dass man einfach nur zufrieden ist, gerne lebt? Wir kennen die ‚richtige‘ Antwort, auch wenn wir fühlen, dass wir mehr verdient hätten, eigentlich. Viele verachten den Durchschnitt, je narzisstischer sie sind, umso stärker. Wenn wir davon mal absehen: Ist mein Leben hier und heute, das was meinen Träumen, wenigstens annähernd entspricht? Wer krank, arm und allein ist, wird diese Frage kaum mit ‚Ja‘ beantworten, aber wie ist es mit Ihnen? Es geht weder um ein eindeutiges ‚Ja‘ oder ‚Nein‘, viel mehr um eine Tendenz.

Könnte ja sein, dass Sie halbwegs gesund und zufrieden sind, aber sich Sorgen wegen der Weltlage machen: Corona, Krieg und Klima, Überbevölkerung, stark polarisierte Meinungen im Alltag. Wenn es irgendwie eng zu werden droht, verschließen wir – aus Angst daran sowieso nichts ändern zu können – die Augen und spielen Normalität. Das ist nicht immer falsch, weil die Normalität eine erstaunliche Kraft ist und hat, aber einfach weiter zu machen kann auch zur Verdrängung werden, wenn genau diese Normalität uns in die Krise gebracht hat. Doch grade dann ist es wieder so, dass Klischees uns bremsen, weil man einfach mitmachen muss. So meinen es in regressiven Zeiten viele.

Große Schnitzel, Biergläser, Menschen mit Smartphone sitzen an einem Tisch

Gut ist, wenn die Portionen groß sind. Das ist leider nicht immer richtig. © Peter Robinett under cc

Was würde uns glücklicher machen? Wenn die ganzen Krisen da draußen nicht wären? Wenn man die Uhr noch mal zurück drehen könnte? Blenden wir das, was wir nicht beeinflussen können für einen Moment aus: Ansonsten alles bestens? Oder wenigstens gut genug? Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber bei gar nicht so wenigen Menschen kann man den Eindruck gewinnen, als solle permanenter Konsum über etwas hinwegtäuschen: Unzufriedenheit? Innere Leere und Langeweile? Ist es Frustbewältigung?

Wenn jemand Spaß an etwas hat und sich wie doll auf etwas freut, super. Kritisch sehe ich nur, wenn das zur leeren Gewohnheit wird, die ihren Effekt der Freude gar nicht mehr erzielt. Es ist ja nicht nur so, dass Essen, Alkohol, Tabak und andere Drogen zu Suchtverhalten führen kann – was dann Zwang ist und keine Lust mehr – auch der Kauf oder das Bestellen von Klamotten, Deko- oder Elektroartikeln und einer immer neuen Gestaltung der Wohnung, oft nach dem Diktat der Mode für die jeweilige Zielgruppe, kann zu einem unhinterfragten Automatismus werden. Hinterfragt man ihn, lautet eine Frage, wie lange man das eigentlich mitmachen will? Also, was ist das Ziel? Gibt es eins? Wo will ich mit all dem eigentlich hin und wann will ich angekommen sein? Man muss allerdings das Leben auch nicht als ‚Ankommen‘ definieren, es geht nur darum, sich klar zu machen, was man eigentlich will.

Was soll damit gezeigt werden? Dass ich mithalten kann? Mit wem? Wohin soll die Reise gehen?

Selbstfindung

Zu sich zu finden, wurde oft als ein Ziel ausgerufen. Es ist gut, wenn es nicht zu puristisch interpretiert wird. Man hat in manchen Darstellungen, die Konsum jeder Art und Selbstgenügsamkeit gegen einander ausspielen, das Gefühl, am Ende solle man dann mild lächelnd einfach dasitzen, sich an den Strahlen der Sonne und dem Gesang der Vögel erfreuen und was muss man reichen, sonst ist man nicht angekommen. Das lockt kaum jemanden hinterm Ofen hervor.

Aber was, wenn wir Qualität auf vielen Ebenen schätzen lernen? Wenn Ankommen bedeutet, irgendwann mal zu wissen, was man will und man sich nicht jährlich neu diktieren lässt, was man wollen soll? Das macht Spaß und man lernt sich selbst besser kennen. Es macht vor allem Spaß, wenn man mit dem beginnt, womit man sich ohnehin freiwillig und gerne beschäftigt.

Warum eigentlich der schnelle Durchlauf von Minderwertigem, wenn man an etwas wirklich interessiert ist? Ständig neue Reize, auf dem Smartphone, in der Wohnung, vom Paketlieferer, bis wir endlos gestresst sind, uns das alles zu viel wird und in noch mehr Ablenkung flüchten? Was erwarte ich eigentlich vom Leben, wenn es nicht pauschal um ’nur das Beste‘ oder ‚alles‘, also Klischees geht?

Wie will ich leben, arbeiten, welches Beziehungsmodell, welche Werte, Vorstellungen und Ziele sollen mich leiten, in dieser Phase des Lebens? Dazu gehört natürlich auch die Frage, was mir Freude macht, meinem Leben Sinn und Befriedigung gibt und wie ich dieser steigern kann. Das ist gesunder Egoismus. Wenn Klischees uns bremsen, wollen sie uns sagen, wir dürften nicht und niemals egoistisch sein. Die, die darauf pfeifen, sagen, dass sie das alles nicht interessiert. Aber schadet dieser Egoismus anderen?

Wenn ich die Formel das Qualität gleich Quantität ist und ich immer Neues und immer mehr brauche mal dahingehend hinterfrage, ob mich das wirklich zufriedener macht, tut das jemandem weh? Natürlich habe ich immer noch mit der Welt zu tun, mit ihrer Schönheit und ihren Genüssen, vielleicht mehr denn je zuvor, wenn ich mich frage, was mir denn eigentlich besonders gefällt. Wenn ich am Schnitzel nur die Panade schmecke, ist es offenbar nicht das Fleisch. Wenn ich Neues suche – eine Quelle der Lust – kann ich beim Wein Sorten finden, die ganz anders schmecken, als alles, was ich kannte. Aber auch beim Tee, Schokolade, Gewürzen kann ich auf Reisen gehen und neue Eindrücke suchen, in der Kunst und vielen anderen Bereichen geht es oft genau darum. Ob Kleidung, Werkzeug, was auch immer es ist, mit einer Neugierde, die sich zur Qualität durcharbeitet, zu der man sich in gewisser Weise erziehen muss, tun Sie niemandem weh.

Ganz nebenbei finden Sie auch immer mehr zu sich, Sie erkennen, warum Sie etwas gut finden, was Qualität für Sie bedeutet, vielleicht ein wenig mehr als zuvor und das was Sie wollen, vielleicht den Mut, sich das zu gestatten. Durch den Umgang mit Welt, nicht durch die Abkehr von ihr. Das schließt sich nicht aus, es findet zusammen statt. Oft sind sie übertragbar. Wenn man lernt, sich über 10 Jahre auf seinem Lieblingsgebiet immer mehr zu schulen, den Blick verfeinert, immer mehr Kenntnisse erwirbt, erkennt, worauf es ankommt, kann man das in vielen Fällen auf andere Lebensbereiche übertragen.

Kurz- mittel- und langfristige Ziele

Das Klischee will es, dass kurz- mittel- und langfristige Ziele sich immer ausschließen. Drei oder mehr verschiedene Ziele zu verfolgen, die sich allesamt widersprechen ist eine Form der kognitiven Dissonanz, anders gesagt, eines Lebens in beständigen Selbstwidersprüchen. Nun erscheint es oft so, dass sich viele mit diese Selbstwidersprüchen gut arrangiert haben. Aber manche empfinden dabei ein nagendes Unwohlsein und wollen mehr aus einem Guss leben. Nicht monothematisch, nur eben nicht selbstwidersprüchlich.

Es macht einfach keinen sonderlichen Spaß in einer Welt zu leben, von der man das Gefühl hat, dass sie untergeht. Gleich, ob man Kinder hat, oder nicht. Man badet in der Stimmung von heute ja mit und man fühlt mit anderen mit. Nur wenige Menschen sind knallharte Zyniker, die hochrechnen, dass das mit den großen Problemen und dem zu erwartenden Lebensalter gerade so gut gehen wird. Aber was heißt das? Dass das eigene Ende und das der Zivilisation möglichst zusammenfallen? Kann man so etwas anstreben?

Die Stimmung in einer Welt, die der Überzeugung ist, dass es vorwärts geht, ist viel entspannter, es lebt sich besser darin. Der Klimawandel ist global, keiner wird verschont, schon heute nicht mehr. Energiegewinnung, Bauen, Landwirtschaft und Transport/Mobilität, sind die zentralen Gebiete in denen sich Gravierendes ändern muss. Aber der Wandel muss sozial gerecht sein, also anders, als unsere Welt bislang tickt. Es reicht erneut Egoismus um für diese Gerechtigkeit zu sein, denn soziale Unruhen und Klimaflüchtlinge im sehr großen Stil können wir nicht verpacken.

Der Endgegner

Den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu begrenzen ist ein großes, schwieriges aber im Grunde schlichtes Ziel, es geht um das kollektive Überleben. Das ist fundamental, aber gerade darum primitiv, Grundlage. Kompliziert zu bewerkstelligen, aber nicht sehr komplex.

Am anderen Ende des Spektrums stehen dann Themen wie Ethik und – wer weiß – Karma, die unser Zusammenleben regeln. Wie sollte unsere Welt aussehen und wie erreichen wir so eine Welt? Ohne zu naiv zu sein, aber auch, ohne uns frustrieren zu lassen. Hier ist ein Finetuning der viele Themen und Bereiche, um die wir uns gleichzeitig kümmern müssen gefragt, um die guten Seiten aller Entwicklungsstufen zu verbessern.

Irgendwann geht es darum, den anderen wieder zu vertrauen und sie eigenständig machen zu lassen. Das ist ein schönes Etappenziel, wenn man den Aggressionstrieb nicht auf die leichte Schulter nimmt. Spätestens an dem Punkt steht dann auch wieder eine Beschäftigung mit der Psychologie an und wir müssen die letzten Hürden überwinden. Damit ist keine Schwelle zu Paradies überschritten, aber wenn man den Punkt überwindet, an dem man menschliche Beziehungen als Strategiespiel sieht und auf die Ebene kommt, auf der man selbst in der Lage ist, anderen prinzipiell Vertrauen zu schenken, ohne naiv zu sein, ist viel gewonnen.

Wenn Klischees uns bremsen, glauben wir, dass alle Menschen Engel sind oder der Mensch des Menschen Wolf ist. Realistischer ist, die irgendwo auf einem Spektrum angesiedelt zu sehen und anderen und uns selbst die Fähigkeit zuzusprechen, uns zum Besseren zu entwickeln.