Den Charakter eines Menschen erkennen – das ist einerseits schwierig, andererseits einfacher als gedacht. Man muss nur entsprechende Anhaltspunkte haben. Im Grunde zeigen Menschen viel über sich. Der Charakter eines Menschen wird sichtbar in wiederkehrenden, unbequemen und alltäglichen Situationen. Werfen wir einmal einen psychologischen Blick darauf.

Charakter eines Menschen erkennen: Muster wahrnehmen

Menschen zu „durchschauen“ bedeutet nicht, sie zu entlarven oder zu bewerten. Es geht vielmehr darum, wiederkehrende Muster wahrzunehmen, anstatt sich lediglich auf Worte, Selbstdarstellung oder einzelne Situationen zu verlassen. Der wahre Kern eines Menschen wird selten auf einem Silbertablett serviert. Man muss sich erst durch eine Schicht aus Erklärungen und dem Bild, was jemand von sich zeigen möchte, durcharbeiten, um seinem Charakter näherzukommen.

Nachfolgend ein paar Anhaltspunkte, wie man den Charakter eines Menschen erkennen kann:

1. Beobachte das Verhalten bei Problemsituationen

Frau mit Jeansjacke

Man kann einer Person nur vor den Kopf gucken: Den Charakter eines Menschen zu erkennen fällt mitunter schwer. © Sascha Kohlmann under cc

Inzwischen ist es ein altbekannter Hinweis in den sozialen Netzwerken: Charakter zeigt sich nicht darin, was jemand sagt oder vorhat, sondern darin, was er tatsächlich tut. Ganz besonders gilt dies für Situationen, die für ihn anstrengend, konfliktbeladen oder nachteilig ausfallen. Das gezeigte Verhalten unter Druck ist ehrlicher als jede Selbstdarstellung. Solange alles glatt läuft, wirken viele Menschen reflektiert, empathisch und kooperativ. Erst unter Stress, bei Kritik oder emotionalem Druck zeigt sich, welche inneren Strategien greifen:

  • Spricht jemand Schwierigkeiten an oder vermeidet er das Gespräch und hofft, dass sich Dinge von selbst erledigen?
  • Versucht eine Person, Lösungen zu finden, oder verliert sie sich in Rechtfertigungen und Erklärungen?
  • Bleibt jemand respektvoll, auch wenn er angespannt ist, oder wird der Ton schärfer, abwertend oder passiv-aggressiv?
  • Kann ein Mensch eigene Grenzen benennen oder erwartet er, dass andere seine Überforderung auffangen?
  • Ist eine Person bereit, Feedback aufzunehmen, oder reagiert sie mit Verteidigung und Gegenangriff?
  • Sucht jemand Nähe und Austausch oder entzieht er sich durch Rückzug, Schweigen oder emotionale Kälte?

Natürlich können wir alle unter Anspannung hin und wieder fahrig, gereizt oder weniger reflektiert reagieren – gerade in Phasen, in denen sowieso schon viel los ist und wir überfordert und dünnhäutig sind. Hinter vielen der oben genannten weniger funktionalen Copingstrategien (um mit unguten Gefühlen umzugehen) verbergen sich Ängste und Selbstzweifel. Deshalb sind diese Punkte nicht als Bewertung zu verstehen, sie zeigen einfach nur, womit jemand im Inneren umzugehen hat. Ein wichtiger Unterschied ist allerdings, ob wir unser Fehlverhalten registrieren und uns dafür entschuldigen oder ob die Anspannung dauerhaft als Rechtfertigung für verletzendes Verhalten gilt. Ersteres zeigt seelische Reife.

2. Worüber ein Mensch immer wieder spricht

Womit sich ein Mensch beschäftigt, ist eigentlich nie zufällig. Gedanken, Gespräche und Handlungen kreisen meistens um das, was innerlich Bedeutung hat. Dies können bestimmte Bedürfnisse sein, ungelöste Themen, Ängste oder das Selbstbild, welches ein Mensch von sich hat. Themen, die sich ständig wiederholen, sind innerlich hoch besetzt:

  • Geht es für eine Person häufig um Status und Anerkennung?
  • Bleibt ein Mensch bei sich oder tätigt er häufig den Vergleich mit anderen? Hat er ein starkes Konkurrenzmotiv?
  • Geht es vor allem um Fairness, Gerechtigkeit oder darum, Recht zu behalten?
  • Fühlt sich jemand oft benachteiligt und beklagt dies?
  • Bevorzugt ein Mensch Harmonie und Konfliktvermeidung, sogar auf Kosten der eigenen Bedürfnisse?
  • Stehen Nähe, Zugehörigkeit und Beziehungen im Mittelpunkt? Oder ist die Person auf Freiheit und Unabhängigkeit orientiert und geht bei Nähe auf Abstand?

Diese Dauerthemen spiegeln, wie gesagt, innere Bedürfnisse, ungelöste Konflikte oder Selbstwertbaustellen wider und sie helfen ebenfalls dabei, den Charakter eines Menschen zu erkennen. Deshalb ist es auch immer wieder wichtig, nicht nur nach dem „Wie ist jemand?“ zu fragen, sondern auch nach dem „Warum ist jemand so?“. Aus Angst vor Ablehnung, Unsicherheit und einem hohen Kontrollbedürfnis heraus? Unabhängig davon gilt es, wie stets empfohlen, sich vom dysfunktionalen Verhalten beim Gegenüber abzugrenzen und bei dauerhaft gezeigten unschönen Verhaltensweisen auf Distanz zu gehen, um sich selbst seelisch zu schützen.

3. Wofür jemand Zeit verwendet

Zeit ist die ehrlichste Währung. Niemand hat unbegrenzt davon. Und jeder versucht, Zeit zu finden, für das, was ihm wichtig ist:

  • Investiert jemand Zeit in Erholung und Selbstregulation?
  • Fließt Zeit in Beziehungspflege und verbindenden Kontakt? Oder stehen Selbstdarstellung und Imagepflege im Vordergrund?
  • Ist jemand dauerhaft beschäftigt, obwohl er (rein faktisch) weniger eingebunden sein könnte?
  • Wird Zeit genutzt für Ablenkung, vielleicht auch, um unangenehme Gefühle nicht spüren zu müssen?

Wie eine Person mit der eigenen Zeit umgeht und worin sie ihre Energien investiert, hilft dabei, um den Charakter eines Menschen erkennen zu können. Selbstverständlich müssen auch die Lebensumstände beachtet werden. Wer viel zu tun hat, hat weniger Zeit für die Dinge, die ihn betreffen, und er wird auch hin und wieder angestrengter reagieren.

4. Wobei jemand empfindlich reagiert

Paar geht auf Promenade am Wasser entlang.

Nur wenn es charakterlich passt, ist eine ehrliche Verbindung möglich. © Patrick Findeiss under cc

Kränkungen werden gefühlt, sobald etwas als selbstwertbedrohlich erlebt wird. Überreaktionen, Rechtfertigung, die Abwertung anderer oder aggressives Schweigen zeigen, wann das innere Gleichgewicht fragil ist. Besonders häufig ist das in diesen Situationen der Fall:

  • Kritik oder Feedback, vor allem wenn es unerwartet kommt
  • Grenzen oder ein Nein, die als Zurückweisung erlebt werden
  • Fehler oder Bloßstellung, die Scham auslösen
  • Vergleiche mit anderen, die Unsicherheit aktivieren
  • Verlust von Kontrolle, der Ängste hervorruft
  • Nähe und Verletzlichkeit, wenn alte Erfahrungen berührt werden

Empfindliche Reaktionen sind weniger ein Zeichen von „Schwäche“ als Hinweise darauf, wie stabil jemand innerlich mit sich verbunden ist.

5. Worüber jemand sich beschwert

Beschwerden sind verkleidete Erwartungen. Wer sich regelmäßig über andere, über Umstände oder „die Gesellschaft“ beschwert, offenbart damit, was er glaubt, dass ihm zusteht und was ihm vermeintlich vorenthalten wird. Dauerhafte „Opferhaltungen“, Anspruchsdenken oder chronische Unzufriedenheit prägen das Denken und Fühlen und damit auch soziale Interaktionen und Beziehungen. Wenn du einen Menschen durchschauen möchtest, dann achte darauf, ob jemand Verantwortung für die eigene Position im Leben übernimmt oder diese konsequent externalisiert. Selbstredend ist damit nicht gemeint, dass Klagen über schlechte Umstände oder Ungerechtigkeiten nicht auch sein dürfen. Wie immer kommt es auf das Maß an.

6. Worüber jemand lacht

Auch der gegenteilige Pol gibt einen Ausblick auf den wahren Kern eines Menschen. Denn: Humor entlarvt Werte.

  • Lacht jemand über Schwächere, über Bloßstellung oder Fehler anderer? Zeigt er Schadenfreude? Macht sich lustig?
  • Oder lacht eine Person über sich selbst sowie allgemein über die Absurditäten und Zumutungen des Menschseins?

Humor kann verbinden oder abwerten. Er kann eine unangenehme Situation mit einem herzverbundenen Lachen entlasten oder er kann eine Situation dominieren und diese damit noch schambehafteter gestalten. In dem, was ein Mensch lustig findet, wird sichtbar, wo seine empathischen Grenzen liegen.

7. Umgang mit Macht, Schwäche und Abhängigkeit

Wir alle wissen, uns zu benehmen, sobald eine Situation, eine Person oder Konstellation wichtig für uns ist. Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit Menschen jedoch, wenn sie sich von ihrem Gegenüber „keinen Vorteil versprechen können“. Von Menschen, die von ihnen abhängig sind, sei es emotional, finanziell oder beruflich. Bleibt eine Person hier respektvoll und zugewandt, zeigt sie innere Stärke. Andere hingegen, die abwerten, ausnutzen oder sich überlegen fühlen, offenbaren einen problematischeren Charakter.

Wiederholungen als Muster

Einzelne Situationen sagen wenig aus. Entscheidend sind Wiederholungen, denn sie machen Muster oder auch Gaslighting sichtbar. Den Charakter eines Menschen zu erkennen, gelingt umso eher, je mehr inneren Abstand man zu ihm wahren kann. Wer Situationen nicht nur aus der eigenen Betroffenheit heraus erlebt, sondern sie gedanklich von außen betrachtet – so als würde eine dritte Person auf das Geschehen schauen –, erkennt Zusammenhänge, Dynamiken und wiederkehrende Reaktionen besser.

Dir hat der Artikel gefallen? Dann abonniere gern unseren kostenlosen Newsletter, der dich einmal im Monat per E-Mail über die neuen Beiträge der letzten Wochen auf unserem Psychologie Online-Magazin benachrichtigt. Trage dazu einfach nachfolgend deine E-Mail-Adresse ein, klicke auf „Abonnieren“ und bestätige in der anschließenden E-Mail das kostenlose Abo:

Hinweise zu der von der Einwilligung mitumfassten Erfolgsmessung, Protokollierung der Anmeldung und deinen Widerrufsrechten erhältst du in unserer Datenschutzerklärung.