Eine Wende ist nötig … und möglich

Urvertrauen ist eine ständig sich verändernde Mischung von Nähe und Distanz, über die wir immer mehr selbst entscheiden. © michimaya under cc

Wie alles andere auch, so sind psychologische und psychotherapeutische Betrachtungen Modeerscheinungen unterworfen. Aktuell werden Ressourcen, Resilienz und Selbstwirksamkeit betont und gestärkt. Das gemeinsame Prinzip ist, nicht darauf zu schauen, was alles schlecht ist, nicht geht und wo man auf Hindernisse stößt, sondern sich zu erinnern, wo man Probleme, die man hatte, erfolgreich gelöst hat.

So kann man sich auch in schwierigen Situationen nicht als ausgeliefert und hilflos erleben, sondern als jemand, der kompetent ist sein eigenes Leben zu leben und positiv zu beeinflussen, immer im Rahmen der realistischen Möglichkeiten. Man ist hier inzwischen bei einer recht gut geerdeten Variante angekommen, nachdem einem positives Denken und die übertriebenen Seminare der Businesswelt den Eindruck vermitteln wollten, dass die Bäume in den Himmel wachsen, wenn man nur richtig will. Wenn sie es nicht tun, hat man eben nicht feste genug gewollt.

Trotz dieser gelegentliche Ausschläge in Allmachtsphantasien, waren die letzten Jahrzehnte eher von Ohnmachtsphantasien begleitet, die ebenso narzisstisch sind und überdies noch den ‘Vorteil’ haben, dass man überhaupt nichts tun muss, denn man ist ja ein Opfer dieser und jener Umstände. Die Eltern, der Kapitalismus, das Patriarchat, die Gesellschaft, die Gene, die Nachbarn, das Gehirn, die Partnerin und so weiter. Nie wurde man gefragt, nie konnte man was dazu, aber immer leidet man darunter, würde ja liebend gerne auch was ändern, aber allein kann man das eben nicht, die anderen machen nicht umfassend mit und überhaupt, wieso sollte man selbst anfangen, sollen doch erst mal die anderen was tun, man selbst leidet ja schon genug unter den Umständen. Auch hier braucht man nicht ins Extrem zu gehen, sondern kann sich irgendwo im breiten Raum ansiedeln, die die gesunde Mitte uns lässt.

Es gibt reale Traumatisierungen und Situationen der Ohnmacht, keine Frage, der Text handelt ja von einigen. Es geht jedoch um die Tendenz zu Selbstentmachtungen und die Verlockungen, die es darstellt, sich als Opfer zu inszenieren, auch ohne einen Hintergrund, der sofort einleuchtet. In diesem Kontext ist die Wende zur Selbstwirksamkeit und Resilienz zu begrüßen und von dieser mittleren Position aus, lohnt sich auch ein erneuter Blick auf das Urvertrauen.

Urvertrauen besteht aus mehreren Bausteinen

Urvertrauen, im Sinne einer grundlegend positiven Einstellung zur Welt, die nicht naiv sein muss, sondern einfach einen Vertrauensvorschuss gibt, der auch wieder kassiert werden kann, ist zu einem Teil genetisch angelegt. So lässt Daniel Kahneman uns wissen:

“Optimismus ist normal, aber einige glückliche Menschen sind optimistischer als wir Übrigen. Wenn Sie genetisch mit einer optimistischeren Einstellung ausgestattet wurden, braucht man Ihnen kaum zu sagen, dass Sie Sich glücklich schätzen können – Sie fühlen Sich bereits vom Glück begünstigt. Eine optimistische Einstellung ist größtenteils erblich bedingt, und sie ist Teil einer allgemeinen Disposition zum Wohlbefinden, die auch die Tendenz umfassen mag, bei allem die positive Seite zu sehen. Wenn Sie für Ihr Kind einen Wunsch frei hätten, sollte Sie ernsthaft in Betracht ziehen, ihm Optimismus zu wünschen. Optimisten sind normalerweise fröhlich und zufrieden und daher beliebt; sie kommen mit Fehlschlägen und Notlagen zurecht, sie haben ein geringeres Risiko an einer klinischen Depression zu erkranken, ihr Immunsystem ist stärker, sie achten besser auf ihre Gesundheit, sie fühlen sich gesünder als andere und sie haben tatsächlich eine höhere Lebenserwartung.”[4]

Optimismus ist also nicht nichts, sondern hat reale positive Auswirkungen. In letzter Zeit wird immer wieder die Bedeutung der Epigenetik betont. Grob gesagt ist die Genetik die vererbte Grundausstattung, die man im Leben mitbekommen hat, die Epigenetik, die von unserem aktuellen Verhalten, Einstellungen und Erlebnissen abhängig ist, entscheidet aber in einigen Bereichen darüber, welche Gene aktiviert oder ‘abgeschaltet’ werden.

Der nächste Baustein sind die schon erwähnten Objektbeziehungen. Sind sie stabil und verlässlich, ist das eine ungeheuer wichtige Basis des Urvertrauens. Es ist vielleicht der wichtigste Faktor im Gesamtgeschehen. Um so schlimmer, wenn wenn sie chaotisch und zerstört sind, doch die gute Nachricht ist, dass es für die weitaus meisten Menschen eine effektive Therapie gibt, die Übertragungs-fokussierte Psychotherapie oder TFP.

Wer von Begegnungen mit Menschen überfordert ist, kann lernen Beziehungen zu Tieren aufzubauen. Viele werden dadurch stabilisiert und auch der Kontakt mit Pflanzen und der Natur im Allgemeinen triggert unsere Spiegelneuronen, heißt, wir können zur Natur eine Beziehung aufbauen und intakte Beziehungen sind das, was wir lernen können, um Urvertrauen zu gewinnen, sie sind ein starkes Element.

All das geht fließend ineinander über, inmitten traumatischer Erfahrungen kann man auch die Solidarität der Menschen unter einander erleben. Das kann unser Urvertrauen festigen oder sogar erneuern. Es gibt immer auch gute Erfahrungen. Inmitten des größten Chaos, selbst, wenn unsere Welt in Trümmern liegt. Dabei geht es nicht darum, sich die Welt schön zu lügen, sondern inmitten des Leids einen Punkt zu finden, der anders ist, der einen – und wenn es nur für einen Moment ist – zur Ruhe kommen lässt.

Wie hinter dem vorherigen link ausgeführt, kann man diesen Punkt ausbauen, wenngleich nicht unbedingt festhalten.

Ist das Bild der sicheren Trutzburg eigentlich ein gelungenes Bild?

Wer an Urvertrauen denkt, hat häufig Bilder der Unerschütterlichkeit in Kopf, aber wir wollen ja keine Panzer oder Burgen mit meterdicken Wänden werden. In der psychischen Not mag man sich so etwas wünschen, aber wenn man von etwas genug hat, dann hat man eben auch genug. Zu viel ist dann manchmal Ballast und macht schwerfällig.

Urvertrauen ist eher die Bereitschaft sich einzulassen, in dem Gefühl, dass es schon gut gehen wird. Die Bereitschaft zum Tanz, für eine gewisse Zeit. Irgendwann lässt man wieder los und tanzt weiter. Auch im Mutterleib, dem Symbol für Geborgenheit schlechthin, finden wir einerseits Schutz, aber andererseits schwebende Schwerelosigkeit.

Vielleicht ist es an der Zeit unser Wertefundament zu überdenken. Nicht immer mehr zu horten, für schlechte Zeiten, denn aktuell haben viele mehr als genug, ohne dass es ihnen damit sonderlich gut geht. Unser Leben ist nicht gut, wir müssen einen neuen Boden finden, einen, der sich weniger an das klammert, was wir haben, sondern flexibler ist. Es ist wieder Kahneman, der gezeigt hat, dass wir vor allem dann flexibel, offen und kreativ sind, wenn wir uns sicher fühlen, doch ein Mangel an Urvertrauen bedeutet ja genau das Gegenteil. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Zum einen können wir uns diesen Zusammenhang klar machen: Wir verlieren mehr, wenn wir am ‘Weiter so’ festhalten, auch kurzfristig. Zum anderen brauchen wir auch etwas, an dem wir uns ausrichten können, was unserem Leben Sinn und Orientierung gibt. Etwas, an was wir glauben können, gemeinsame Praktiken. Man kann Vertrauen lernen und es gibt viele Zugänge. Das muss nicht in naiver Weise geschehen, wird unser Vertrauen enttäuscht, können wir es wieder entziehen, können aber dem nächsten wieder einen Vertrauensvorschuss schenken. Wir haben in jedem Moment die Wahl.

Manchmal ziehen wir jedoch Menschen, die unser Vertrauen enttäuschen, geradezu magisch an. Psychologisch spricht man vom Wiederholungszwang. Der Hintergrund ist, soweit man das einschätzen kann, ein Wunsch nach Heilung. Wir haben vielleicht eine gute Erfahrung mit einem anderen gemacht, trauen dem Braten aber nicht so ganz. Weil unsere Grundeinstellung im Grunde lautet, dass man anderen nicht trauen kann. Auch negative Einstellungen, selbst wenn wir unter ihnen leiden, lassen wir nicht einfach so los. Das führt so weit, dass wir enttäuschende Begegnungen geradezu suchen oder beim anderen Verhaltensweisen provozieren, die unsere negative Sicht auf die Welt und die anderen bestätigen. Hier bedarf es in den meisten Fällen einer Therapie, aber die kann diese Muster langsam aufdecken.

Beharrliche Veränderungen, viele und individuelle Wege

Wenn man nach und nach die einzelnen Elemente aus denen sich das Urvertrauen aufbaut verändert, besteht kein Grund, warum sich das Urvertrauen nicht auch ändern sollte. Viele frühkindliche Erfahrungen sind gravierend, aber kein absolutes Schicksal. Viele kleine, positive Erfahrungen können das Gesamtbild anders erscheinen lassen und dafür gibt es sehr viele Ansatzpunkte und die Möglichkeit stark auf den einzelnen zugeschnittener Kombinationen der Elemente.

Die Glücksforschung hat die wesentlichen Komponenten des Glücks offen gelegt. Ganz verknappt könnte man auch hier sagen, dass lange, tiefe Beziehungen und im Leben einen Sinn zu sehen die Hauptaspekte darstellen. Es ist kein Zufall, dass die Nähe zum Urvertrauen groß ist, die Bereiche überlappen und ergänzen sich, aber auch die Glücksforschung ist der Ansicht, dass man Glück erlernen kann, durch eine Mischung aus einem veränderten Denken, einer Praxis, die einen in ein Geschehen einbindet, in dem man sich als jemand erlebt, der selbst etwas bewegen kann und dies auch tut.

Selbstvertrauen und Vertrauen in andere sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich. Mit Übungen, wie dem (gemeinsamen) Schweben im körperwarmen Thermalwasser, kann man die Situationen im Mutterleib simulieren, was nach einiger Zeit zu wunderschönen Gipfelerfahrungen führen kann, die selbst ein Erlebnis es Guten in der Welt sind.

Dieses Gute zu sehen, heißt nicht eine rosarote Brille aufzusetzen oder Probleme zu leugnen. Die gute Nachricht ist, dass diese Fähigkeit und Übersicht mit dem Alter zunimmt. Zum übergroßen Pessimismus besteht aus dieser Sicht kein Grund und der Blick nach Innen könnte abermals ein Gamechanger in unseren wahrlich anstrengenden Zeiten sein.

Quellen