Die Burg steht als Zeichen für Schutz und Sicherheit. Unser Urvertrauen ist aber womöglich dynamischer. © Milena under cc

Unser Urvertrauen ist ein Bollwerk, das uns das grundlegende Gefühl vermittelt, dass diese Welt ein guter Ort ist und dass es sich lohnt, zu leben.

Verfügen wir über ausreichend Urvertrauen, so kann uns nichts so schnell erschüttern. Positive Erfahrungen nehmen wir dankend an und mit, an negativen schätzen wir, dass wir an ihnen lernen und wachsen können, wenn auch auf Umwegen. Das ist sehr schön, aber nicht allen gegeben und für diese ist es doppelt blöd, wenn sie lesen, dass man Urvertrauen in der Frühphase der Kindheit erwirbt oder eben nicht und die Weichen dann ein für alle mal gestellt sind.

Die gute Nachricht ist, dass man diese Sicht aber auch begründet bezweifeln kann und das passiert in letzter Zeit immer häufiger.

Die Plagen der Gegenwart

Wir alle sind in einem stärkeren oder schwächeren Ausmaß von den Plagen der Gegenwart betroffen. Das Klima ist ein Dauerthema und man hat den Eindruck, dass das was die Forscher sagen, seit einigen Jahren mitten in Deutschland angekommen ist und nicht nur irgendwo in Afrika oder Südostasien. 2018 war bei uns das Gras irgendwann ab Mai durchgehend braun und die ersten Fichten ebenfalls. Im nächsten Jahr war das Gras etwas später braun, die Bäume erholten sich nicht. 2020 war es etwas besser, dafür war Corona das alles beherrschende Thema, eines, was offenbar zu einer tieferen Verunsicherung in Form von Ängsten und Depressionen führte, als man zunächst meinte.

Man hätte denken können, dass sich die Lage 2021 allmählich beruhigt. Jeder der sich impfen lassen will, kann dies inzwischen tun, doch mitten im Sommer kommt es in zwei Bundesländern zu massiven Überflutungen infolge eines nicht abziehenden Starkregens, mit Toten und traumatischen Erfahrungen für viele Betroffene, nur Tage später gefolgt von einem Unfall in einer Chemievebrennungsanalge.

All das fällt in eine Zeit in der wir ohnehin psychisch angeschlagen sind, da das Wertefundament, auf dem unsere Gesellschaft gründet ohnehin fragil ist. Der stille Mythos, der das westliche Deutschland zusammen gehalten hat, war nicht der Glaube, sondern die tief gefühlte Überzeugung, die Gewissheit, dass wir einen immer währenden Fortschritt zum Besseren erleben, auf nahezu allen relevanten Ebenen des Lebens.

Fortschritt in und durch Wissenschaft und Technik, von denen man ernsthaft dachte, sie hätten bald alle Krankheiten beseitigt. Durch Wirtschaftswachstum, von dem man dachte, es sei völlig unproblematisch. Fortschritt im Sozialen, durch diverse Arten der Gleichberechtigung. Wenn es unserer Gesellschaft gut geht, geht es uns gut:

“Vamik Volkan (1999) hat dargelegt, wie nationale Identität schon früh in die individuelle Ich-Identität durch Sprache, Kunst, Sitten und Gebräuche, Speisen und vor allem transgenerationale Weitergabe von Narrativen historischer Triumphe und Traumata als Teil eines gemeinsamen Kulturguts eingewoben wird. Die individuelle Vielfalt der Menschen, die sich im Umfeld des Kindes und jungen Erwachsenen bewegen und die durch gemeinsame kulturelle Traditionen verbunden sind, trägt so zur Stärkung der Ich-Identität bei: Die Beziehung zu unterschiedlichsten Objekten lässt unterschiedlichste Selbstrepräsentanzen entstehen, die über gemeinsame Merkmale verbunden sind und die im Zuge der Entwicklung von der paranoid-schizoiden zur depressiven Position integriert werden müssen.”[1]

Dass Wissenschaft und Technik uns nur Vorteile bringen, daran glauben immer weniger Menschen. Dass ewiges Wachstum ein Segen ist, findet man heute eher absurd und die Fortschritte im Sozialen führen in einigen Bereichen zu idiotischen Ansätzen der Überkorrektheit, die längst nicht von allen Menschen mitgetragen werden.

Weil Gesellschaft und Kultur eine Rolle spielen, ist es auch keine Bagatelle, wenn man sich den Zustand unsrer Straßen und Innenstädte anschaut. Die Deutschen und der Wald, ihnen wird eine besondere Beziehung zugeschrieben und der Wald ist in Not. Dass wir beim Telekommunikationsnetz nicht vorne sind, nicht mehr als Organisationsweltmeister gelten dürfen ist deshalb so wenig ein Petitesse, wie unser Bedeutungsverlust im Fußball. Selbst wenn man damals noch nicht geboren war, die Bedeutung des Wirtschaftswunders und des Wunders von Bern, dem unerwarteten Gewinn der Fußball WM 1954 sind für das Nachkriegsdeutschland nicht zu unterschätzen.

Sehr viel von dem, auf dem der Fortschrittsmythos beruhte ist uns weggebrochen.

Was ist eigentlich Urvertrauen?

Die Basis des Urvertrauens wird früh gelegt darin ist man sich einig. Einer der Forscher, der wesentlich mit dem Begriff des Urvertrauens in Verbindung gebracht wird, ist der Psychoanalytiker Erik H. Erikson. Bei Wiki lesen wir:

Stadium 1: Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen (1. Lebensjahr)

“Ich bin, was man mir gibt.”

Das Gefühl des Ur-Vertrauens bezeichnet Erikson (1973) als ein “Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens” (ebenda: 62). Hierzu ist das Kind auf die Verlässlichkeit der Bezugspersonen angewiesen. Die Bindung zu der Mutter und die damit verbundene Nahrungsaufnahme spielt eine bedeutende Rolle, da sie als erste Bezugsperson die Welt repräsentiert. Werden dem Kind Forderungen nach körperlicher Nähe, Sicherheit, Geborgenheit, Nahrung etc. verweigert, entwickelt es Bedrohungsgefühle und Ängste (wie z. B. vor Feuer oder bestimmten Tieren), da eine weitgehende Erfüllung dieser Bedürfnisse lebenswichtig ist. Außerdem verinnerlicht es das Gefühl, seine Umwelt nicht beeinflussen zu können und ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Hier entsteht die Gefahr der Etablierung eines Ur-Misstrauens. Es können infantile Ängste des “Leergelassenseins” und “Verlassenwerdens” entstehen (ebd.). Fixierung durch zu starke orale Frustration zeigt sich in oralen Charakterzügen wie Reizhunger, Gier, Leere-Gefühle, Depression, Ur-Misstrauen, starken Abhängigkeitswünschen.[2]

Der andere Forscher ist der Soziologe Dieter Claessens, der der Meinung ist, im ersten Lebensjahr würden die Wurzeln gelegt, ob man in der Lage ist überhaupt auf irgendwas oder irgendwem zu vertrauen. Dieses Vertrauen soll nachher nicht mehr zu erwerben sein.[3]

Die frühen Erfahrungen der Kinder sind in der Tat fundamental wichtig. Sind primär Beziehungserfahrungen. In 10.000en von Erfahrungen gewinnt das Kind einen Eindruck davon, ob seine Bedürfnisse relevant sind und also erfüllt werden, oder nicht. Dabei kann die eine oder andere Enttäuschung bequem tolerirt werden, die Forschung hat gezeigt, dass die Zahl der Spitzenaffekte ein besonders relevanter Faktor ist.

Kurzformel, je weniger Spitzenaffekte, desto besser. Anders formuliert, eine Erziehung ist dann gut für das Kind, wenn die Affekte im Umfeld moderat, der Situation angemessen und vor allem verlässlich sind. Bestimmte Werte sind besonders wichtig und es wird nicht toleriert, wenn sie missachtet werden und im besten Fall ist das für alle bindend, wird zum einen vorgelebt und zum anderen ausgesprochen.

Dabei ist der Inhalt der Werte fast nebensächlich, denn diese können später ersetzt werden. Das ist der normale Ödipuskomplex. Die Werte der Eltern und insbesondere des Vater engen ein, geben auf der anderen Seite aber auch Sicherheit und Verlässlichkeit. Später kann das Kind sich frei strampeln und die Werte der Eltern infrage stellen. In der Regel werden dabei einige beibehalten und andere ersetzt und überarbeitet.

Wenn es in der Familie kein verlässliches und in die Psyche der Beteiligten integriertes Wertekonzept gibt, gibt es keinen Ödipuskomplex, aber auch keine wichtigeren und unwichtigeren Werte und Personen. Alles ist dann irgendwie gleich (un)wichtig und abhängig von der momentanen Stimmung. Verlässlichkeit, Orientierung und Vertrauen, weil man versteht, wie diese Beziehungswelt funktioniert, können so erst gar nicht entstehen. Alles in der Welt ist Beziehung und/oder hängt von den Beziehungserfahrungen ab.

Urvertrauen durch die Welt, wie wir sie kennen

Der aus Tibet stammende spirituelle Lehrer Chögyam Trunga Rinpoche machte immer wieder auf die Erfahrungen einer grundlegenden Gutheit inmitten unseres Lebens aufmerksam. Trungpa war bemüht, die mythischen Bilder seiner Kultur mit dem Alltagserleben der Amerikaner der frühen 1970er zu verbinden, insofern hat seine Lehre nichts Schwärmerisches.

Wenn er dennoch auf eine grundlegende Gutheit verweist, so ist das eine, die wir mitten im Leben finden. Die Möglichkeit einer erfrischenden Dusche, an eine schwülheißen Tag. Ein Bett zu haben. Etwas essen zu können, wenn wir Hunger haben. Dinge, die uns überhaupt nicht auffallen, weil sie selbstverständlich sind. Aber es geht noch grundlegender. Dass der Boden etwas Festes ist, der weite Himmel da oben ist. Dinge, die für uns nicht der Rede wert sind, an die wir uns gewöhnt haben.

Aber gerade weil sie so selbstverständlich sind, bieten sie uns eine fundamentale Form der Orientierung. Wir denken nicht darüber nach, wo oben und unten ist oder ob die Erde uns hält. Umso verstörender, wenn solche Parameter sich auf einmal ändern. Wenn Frühling, Sommer, Herbst und Winter auf einmal anders sind, als gewohnt.

Wenn unser festes Haus, das vielleicht schon Generationen steht, auf einmal weg gespült wird, dann ist das nicht nur ein Materialschaden, sondern uns bricht ein Stück fest gewordene Geschichte weg. Das ist traumatisierend, denn auf einmal ist alles anders. Wenn die Erde bebt, die Wassermassen nicht enden, ebenfalls. Wenn unsere fundamentalen Gewissheiten nicht mehr gelten, ist das ausgesprochen verwirrend.

Wenn Beziehungen, gesellschaftliche Werte und fundamentale Daten der Lebenswirklichkeit verändert sind oder aus ihnen keine Verlässlichkeit gekeltert werden kann, dann ist unsere Sichtweise nicht in der nötigen Balance und wir verstehen die Welt nicht mehr oder haben sie noch nie anders verstehen können, als einen Ort, der gefährlich ist, mit Menschen, vor denen man sich in Acht nehmen muss.

Vertrauen, Verlässlichkeit und Verstehen bilden ein Dreieck, was sich wechselseitig verstärkt, im Fall des gut entwickelten Urvertrauens ist es stabil und lässt uns die Welt als eine Heimat erleben.

Beispielhafte Verunsicherungen

Es ist mir wichtig, den Begriff des Trauma eng zu fassen, da er gerade zu sträflich inflationär gebraucht wurde. Es ist kein Trauma, wenn man nur drei Balken beim Empfang auf dem Smartphone oder der Lieblingsitaliener geschlossen hat. Wenn vor den eigenen Augen das Haus verschwindet oder man Nachbarn um ihr Leben kämpfen oder gar sterben sieht, ist das sehr wohl traumatisierend. Die Zerstörung kollektiver Überzeugungen kann ebenfalls traumatisch erlebt werden und das Ende einer langjährigen Beziehung ist für Erwachsene und sogar noch ihre erwachsenen Kinder wesentlich traumatischer, als man gewöhnlich annimmt.

Ein echtes Trauma ist immer schwer zu überwinden, auch wenn die Psychotraumatologie Fortschritte macht. Das zentrale Element ist die therapeutisch begleitete Konfrontation mit der Situation, wenn zugleich die psychischen Ressourcen gestärkt werden, durch Unterstützung, Techniken der Distanzierung und kleine Schritte, die einem helfen, das Ereignis nach und nach zu verarbeiten, in der Zeit, die man dafür braucht.

Auch die Auswirkungen chronischer Aggressionen, in Beziehungen der frühen Kindheit mit zu vielen Spitzenaffekten, können erfolgreich therapiert werden, so dass es gelingen kann, nachträglich ein stabiles Wertesystem zu etablieren, die Beziehungen zu verbessern und das Leben zufriedener zu gestalten.

Es gibt gezielte Verwirrungen, von Menschen, die darauf aus sind, uns durcheinander zu bringen und zu verunsichern. Das Thema Gaslighting wurde von uns schon behandelt, auch hier ist das Ziel basale Gewissheiten eines Menschen zu zerstören, in dem ihm sein Umfeld immer wieder suggeriert, er würde sich falsch erinnern und alles sei ganz anders gewesen. Man beginnt am eigenen Verstand zu zweifeln, statt anderen böse Absichten zu unterstellen, weil damit fundamentale Überzeugungen ins Wanken geraten.

Da Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung bislang als nicht therapierbar gelten, unternahm man immer mal wieder Versuche, ob es nicht vielleicht doch möglich sei, ihnen zu helfen. Ein Versuch ging in die Richtung, dass man sie in ein Umfeld brachte, in dem man jeden Tag die Regeln änderte, was dazu führte, dass sie in Richtung einer Psychose regredierten und man hoffte, sie von hier aus besser behandeln zu können. Doch die Versuche wurden irgendwann eingestellt und nicht weiter verfolgt. In unserem Kontext ist es wichtig, weil man sieht, wie fundamental wichtig Gewohnheiten und Sicherheiten für uns sind, was sogar noch für Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung gilt.

Natürlich hinterlassen Erdbeben, Überschwemmungen und andere überwältigende Erfahrungen mit den Gewalten der Natur auch tiefe Verwüstungen in der Psyche der Betroffenen. Man sieht es auch bei Einbrüchen, bei denen der Schaden gering ist, aber die Verunsicherung groß ist, weil jemand in meine sicher geglaubte Privatsphäre eingedrungen ist.

Eine Wende ist nötig … und möglich

Urvertrauen ist eine ständig sich verändernde Mischung von Nähe und Distanz, über die wir immer mehr selbst entscheiden. © michimaya under cc

Wie alles andere auch, so sind psychologische und psychotherapeutische Betrachtungen Modeerscheinungen unterworfen. Aktuell werden Ressourcen, Resilienz und Selbstwirksamkeit betont und gestärkt. Das gemeinsame Prinzip ist, nicht darauf zu schauen, was alles schlecht ist, nicht geht und wo man auf Hindernisse stößt, sondern sich zu erinnern, wo man Probleme, die man hatte, erfolgreich gelöst hat.

So kann man sich auch in schwierigen Situationen nicht als ausgeliefert und hilflos erleben, sondern als jemand, der kompetent ist sein eigenes Leben zu leben und positiv zu beeinflussen, immer im Rahmen der realistischen Möglichkeiten. Man ist hier inzwischen bei einer recht gut geerdeten Variante angekommen, nachdem einem positives Denken und die übertriebenen Seminare der Businesswelt den Eindruck vermitteln wollten, dass die Bäume in den Himmel wachsen, wenn man nur richtig will. Wenn sie es nicht tun, hat man eben nicht feste genug gewollt.

Trotz dieser gelegentliche Ausschläge in Allmachtsphantasien, waren die letzten Jahrzehnte eher von Ohnmachtsphantasien begleitet, die ebenso narzisstisch sind und überdies noch den ‘Vorteil’ haben, dass man überhaupt nichts tun muss, denn man ist ja ein Opfer dieser und jener Umstände. Die Eltern, der Kapitalismus, das Patriarchat, die Gesellschaft, die Gene, die Nachbarn, das Gehirn, die Partnerin und so weiter. Nie wurde man gefragt, nie konnte man was dazu, aber immer leidet man darunter, würde ja liebend gerne auch was ändern, aber allein kann man das eben nicht, die anderen machen nicht umfassend mit und überhaupt, wieso sollte man selbst anfangen, sollen doch erst mal die anderen was tun, man selbst leidet ja schon genug unter den Umständen. Auch hier braucht man nicht ins Extrem zu gehen, sondern kann sich irgendwo im breiten Raum ansiedeln, die die gesunde Mitte uns lässt.

Es gibt reale Traumatisierungen und Situationen der Ohnmacht, keine Frage, der Text handelt ja von einigen. Es geht jedoch um die Tendenz zu Selbstentmachtungen und die Verlockungen, die es darstellt, sich als Opfer zu inszenieren, auch ohne einen Hintergrund, der sofort einleuchtet. In diesem Kontext ist die Wende zur Selbstwirksamkeit und Resilienz zu begrüßen und von dieser mittleren Position aus, lohnt sich auch ein erneuter Blick auf das Urvertrauen.

Urvertrauen besteht aus mehreren Bausteinen

Urvertrauen, im Sinne einer grundlegend positiven Einstellung zur Welt, die nicht naiv sein muss, sondern einfach einen Vertrauensvorschuss gibt, der auch wieder kassiert werden kann, ist zu einem Teil genetisch angelegt. So lässt Daniel Kahneman uns wissen:

“Optimismus ist normal, aber einige glückliche Menschen sind optimistischer als wir Übrigen. Wenn Sie genetisch mit einer optimistischeren Einstellung ausgestattet wurden, braucht man Ihnen kaum zu sagen, dass Sie Sich glücklich schätzen können – Sie fühlen Sich bereits vom Glück begünstigt. Eine optimistische Einstellung ist größtenteils erblich bedingt, und sie ist Teil einer allgemeinen Disposition zum Wohlbefinden, die auch die Tendenz umfassen mag, bei allem die positive Seite zu sehen. Wenn Sie für Ihr Kind einen Wunsch frei hätten, sollte Sie ernsthaft in Betracht ziehen, ihm Optimismus zu wünschen. Optimisten sind normalerweise fröhlich und zufrieden und daher beliebt; sie kommen mit Fehlschlägen und Notlagen zurecht, sie haben ein geringeres Risiko an einer klinischen Depression zu erkranken, ihr Immunsystem ist stärker, sie achten besser auf ihre Gesundheit, sie fühlen sich gesünder als andere und sie haben tatsächlich eine höhere Lebenserwartung.”[4]

Optimismus ist also nicht nichts, sondern hat reale positive Auswirkungen. In letzter Zeit wird immer wieder die Bedeutung der Epigenetik betont. Grob gesagt ist die Genetik die vererbte Grundausstattung, die man im Leben mitbekommen hat, die Epigenetik, die von unserem aktuellen Verhalten, Einstellungen und Erlebnissen abhängig ist, entscheidet aber in einigen Bereichen darüber, welche Gene aktiviert oder ‘abgeschaltet’ werden.

Der nächste Baustein sind die schon erwähnten Objektbeziehungen. Sind sie stabil und verlässlich, ist das eine ungeheuer wichtige Basis des Urvertrauens. Es ist vielleicht der wichtigste Faktor im Gesamtgeschehen. Um so schlimmer, wenn wenn sie chaotisch und zerstört sind, doch die gute Nachricht ist, dass es für die weitaus meisten Menschen eine effektive Therapie gibt, die Übertragungs-fokussierte Psychotherapie oder TFP.

Wer von Begegnungen mit Menschen überfordert ist, kann lernen Beziehungen zu Tieren aufzubauen. Viele werden dadurch stabilisiert und auch der Kontakt mit Pflanzen und der Natur im Allgemeinen triggert unsere Spiegelneuronen, heißt, wir können zur Natur eine Beziehung aufbauen und intakte Beziehungen sind das, was wir lernen können, um Urvertrauen zu gewinnen, sie sind ein starkes Element.

All das geht fließend ineinander über, inmitten traumatischer Erfahrungen kann man auch die Solidarität der Menschen unter einander erleben. Das kann unser Urvertrauen festigen oder sogar erneuern. Es gibt immer auch gute Erfahrungen. Inmitten des größten Chaos, selbst, wenn unsere Welt in Trümmern liegt. Dabei geht es nicht darum, sich die Welt schön zu lügen, sondern inmitten des Leids einen Punkt zu finden, der anders ist, der einen – und wenn es nur für einen Moment ist – zur Ruhe kommen lässt.

Wie hinter dem vorherigen link ausgeführt, kann man diesen Punkt ausbauen, wenngleich nicht unbedingt festhalten.

Ist das Bild der sicheren Trutzburg eigentlich ein gelungenes Bild?

Wer an Urvertrauen denkt, hat häufig Bilder der Unerschütterlichkeit in Kopf, aber wir wollen ja keine Panzer oder Burgen mit meterdicken Wänden werden. In der psychischen Not mag man sich so etwas wünschen, aber wenn man von etwas genug hat, dann hat man eben auch genug. Zu viel ist dann manchmal Ballast und macht schwerfällig.

Urvertrauen ist eher die Bereitschaft sich einzulassen, in dem Gefühl, dass es schon gut gehen wird. Die Bereitschaft zum Tanz, für eine gewisse Zeit. Irgendwann lässt man wieder los und tanzt weiter. Auch im Mutterleib, dem Symbol für Geborgenheit schlechthin, finden wir einerseits Schutz, aber andererseits schwebende Schwerelosigkeit.

Vielleicht ist es an der Zeit unser Wertefundament zu überdenken. Nicht immer mehr zu horten, für schlechte Zeiten, denn aktuell haben viele mehr als genug, ohne dass es ihnen damit sonderlich gut geht. Unser Leben ist nicht gut, wir müssen einen neuen Boden finden, einen, der sich weniger an das klammert, was wir haben, sondern flexibler ist. Es ist wieder Kahneman, der gezeigt hat, dass wir vor allem dann flexibel, offen und kreativ sind, wenn wir uns sicher fühlen, doch ein Mangel an Urvertrauen bedeutet ja genau das Gegenteil. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Zum einen können wir uns diesen Zusammenhang klar machen: Wir verlieren mehr, wenn wir am ‘Weiter so’ festhalten, auch kurzfristig. Zum anderen brauchen wir auch etwas, an dem wir uns ausrichten können, was unserem Leben Sinn und Orientierung gibt. Etwas, an was wir glauben können, gemeinsame Praktiken. Man kann Vertrauen lernen und es gibt viele Zugänge. Das muss nicht in naiver Weise geschehen, wird unser Vertrauen enttäuscht, können wir es wieder entziehen, können aber dem nächsten wieder einen Vertrauensvorschuss schenken. Wir haben in jedem Moment die Wahl.

Manchmal ziehen wir jedoch Menschen, die unser Vertrauen enttäuschen, geradezu magisch an. Psychologisch spricht man vom Wiederholungszwang. Der Hintergrund ist, soweit man das einschätzen kann, ein Wunsch nach Heilung. Wir haben vielleicht eine gute Erfahrung mit einem anderen gemacht, trauen dem Braten aber nicht so ganz. Weil unsere Grundeinstellung im Grunde lautet, dass man anderen nicht trauen kann. Auch negative Einstellungen, selbst wenn wir unter ihnen leiden, lassen wir nicht einfach so los. Das führt so weit, dass wir enttäuschende Begegnungen geradezu suchen oder beim anderen Verhaltensweisen provozieren, die unsere negative Sicht auf die Welt und die anderen bestätigen. Hier bedarf es in den meisten Fällen einer Therapie, aber die kann diese Muster langsam aufdecken.

Beharrliche Veränderungen, viele und individuelle Wege

Wenn man nach und nach die einzelnen Elemente aus denen sich das Urvertrauen aufbaut verändert, besteht kein Grund, warum sich das Urvertrauen nicht auch ändern sollte. Viele frühkindliche Erfahrungen sind gravierend, aber kein absolutes Schicksal. Viele kleine, positive Erfahrungen können das Gesamtbild anders erscheinen lassen und dafür gibt es sehr viele Ansatzpunkte und die Möglichkeit stark auf den einzelnen zugeschnittener Kombinationen der Elemente.

Die Glücksforschung hat die wesentlichen Komponenten des Glücks offen gelegt. Ganz verknappt könnte man auch hier sagen, dass lange, tiefe Beziehungen und im Leben einen Sinn zu sehen die Hauptaspekte darstellen. Es ist kein Zufall, dass die Nähe zum Urvertrauen groß ist, die Bereiche überlappen und ergänzen sich, aber auch die Glücksforschung ist der Ansicht, dass man Glück erlernen kann, durch eine Mischung aus einem veränderten Denken, einer Praxis, die einen in ein Geschehen einbindet, in dem man sich als jemand erlebt, der selbst etwas bewegen kann und dies auch tut.

Selbstvertrauen und Vertrauen in andere sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich. Mit Übungen, wie dem (gemeinsamen) Schweben im körperwarmen Thermalwasser, kann man die Situationen im Mutterleib simulieren, was nach einiger Zeit zu wunderschönen Gipfelerfahrungen führen kann, die selbst ein Erlebnis es Guten in der Welt sind.

Dieses Gute zu sehen, heißt nicht eine rosarote Brille aufzusetzen oder Probleme zu leugnen. Die gute Nachricht ist, dass diese Fähigkeit und Übersicht mit dem Alter zunimmt. Zum übergroßen Pessimismus besteht aus dieser Sicht kein Grund und der Blick nach Innen könnte abermals ein Gamechanger in unseren wahrlich anstrengenden Zeiten sein.

Quellen