Die rechte Zeit und der rote Faden

Tanz ist eine Möglichkeit zum kreativen Selbstausdruck, mit Bewegung. Und manchmal ist auch Therapie ein Tanz. © Dino ahmad ali under cc

Für ein weiteres Element haben wir keinen richtigen Sinn mehr. Für das Zusammentreffen der schon genannten Segmente bedarf es so etwas wie der rechten Zeit. Jeder kennt vielleicht selbst Erfahrungen, in denen ein ein Gespräch, ein Buch oder eben auch eine Psychotherapie erreichten, die zwei Jahre zuvor oder danach vielleicht wirkungslos verpufft wären. Man hätte es nicht zur Kenntnis genommen, einmal kurz gelacht oder entgeistert den Kopf geschüttelt.

Anders herum gibt es Lebenssituationen, in denen auf fast magische Weise eines zum anderen führt. Oder ist man in diesen Lebensphasen nur besonders offen und neugierig? Es ist hier nicht anders, als in vielen anderen Lebensbereichen, man kann sich aussuchen, was man glaubt. Sich die Deutung selbst aussuchen zu können heißt aber nicht, dass es völlig beliebig ist, was ich glaube, sondern meine Entscheidungen haben Konsequenzen.

Ein einfaches Beispiel: Wenn ich denke, dass ich keinerlei Einfluss auf mein Leben habe und ohnehin alles von äußeren Mächten und anderen bestimmt wird, so kann das einerseits dazu führen, dass ich bestimmte Möglichkeiten im Leben nicht ergreife. Notorische Pechvögel leiden nicht selten an einem selbst gebackenen Problem: Sie warten einfach zu lange und dann hat ein anderer bereits für oder über sie entschieden. Anderseits ist ein gewisse Schicksalsgläubigkeit auch entlastend, ja nach dem, woran man glaubt. Dass gütige Mächte mein Schicksal leiten oder böse Intriganten.

Umgekehrt wird der, der die Dinge immer lieber selbst in die Hand nimmt, natürlich das Gefühl haben einen großen Einfluss auf sein Leben zu haben. Das kann befriedigend sein, aber auch massiv stressen, da man sich nun um alles selbst kümmern muss. Doch die Wahl des Weltbildes hat einen Einfluss auf das Leben und ist in gewisser Weise der Hintergrund zu dem, wie unser Leben uns erscheint. Über Sinn und Unsinn von Psychotherapien zu reden, heißt auch, zu begreifen, dass Psychotherapien dieses Weltbild entscheidend verändern können.

Möglichkeiten und Grenzen sonstiger Hilfen

Die negativste Sicht auf Psychotherapien ist die, dass sie im Grunde überhaupt keinen Effekt haben. Die Zeit heilt alle Wunden und so muss eine Therapie nur lange genug dauern, dann sind die Symptome verschwunden, aber nicht wegen der Therapie, sondern weil Zeit vergangen ist. Andere sehen dominant einen Placeboeffekt oder die Gleichrangigkeit bestimmter Lebensfaktoren, die wir hier kurz beschreiben.

Wichtig ist, dass diese Methode nicht in Konkurrenz zu einer Therapie gesehen werden sollten, denn das ist unnötig.

Freunde

Manche sind der Ansicht, es würde auch reichen, mit guten Freunden über sein Leben zu reden. Leider haben nicht alle Leute gute Freunde, da wäre die Therapie dann eine Art Ersatz.

Das stimmt nicht. Natürlich ist es wunderbar, echte Freunde zu haben, die bei Krisen eine riesige Hilfe sein können. Therapie ist immer auch eine Kunstsituation, die das Leben begleitet oder einem eine Auszeit ermöglicht, Reflexion und neue Impulse gibt, aber Ziel ist immer, dass das Leben außerhalb der Therapie besser wird. Da sollte es dann auch Freunde geben, die einen stützen, die richtige Zahl an Freunden ist, die die man selbst als richtig empfindet.

Die Basis der Freundschaft sind Sympathie, gemeinsame Interessen und Erlebnisse, die der Therapie ist Ehrlichkeit und der Wunsch, dass es dem Patienten besser geht. Freunden fehlt in der Regel das fachliche Rüstzeug, dazu gehört die technische Neutralität. Der Therapeut geht ins Amt und weiß, was er tut, dass er nicht Tag und Nacht an seine Patienten denkt und deren Sorgen mit nach Hause nimmt, ist dabei kein Nachteil.

Liebesbeziehungen

Beziehungen sind immens bedeutend für die psychische Gesundheit. Zu beiden Seiten. Wenn es eine Gewissheit über die Psyche gibt, dann, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist und das kann heißen, dass man durch stabile Beziehungen Krisen und Krankheiten überwinden kann, in einem Ausmaß, dass man es kaum glauben mag, andererseits sorgen unbewusste Wiederholungszwänge häufig dafür, dass man fürchterliche Beziehungserfahrungen immer und immer wiederholt.

Doch schon Freuds Therapieziel war die Liebes- und Arbeitsfähigkeit des Menschen (wieder) herzustellen, er wusste um die immense Bedeutung.

Arbeit

Man müsste ein Loblied auch auf die Arbeit singen und Freud hat es getan, in Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke[3link] ist er zitiert. Andererseits leidet gerade die Arbeitswelt unserer Zeit darunter, dass sie Menschen immer mehr stresst und sogar krank macht, oder man wegen der schlechten Bezahlung gar nicht soviel arbeiten kann, dass man davon auch nur halbwegs gut leben kann. Eine Familie davon zu ernähren, mal ganz abgesehen und von einer Rente, mit der im Alter auskommt, ganz zu schweigen.

Von all dem abgesehen strukturiert Arbeit dennoch unser Leben und sorgt dafür, dass wir ein gewisses soziales Ansehen haben, denn schlechter als unzufrieden Arbeitenden geht es Arbeitslosen. Arbeit um jeden Preis ist wieder ein anderes Extrem. Eine adäquate Arbeit zu finden, ist daher wichtig und so kränkend es sein mag, oft thematischer Bestandteil einer Psychotherapie.

Religion

Ein ambivalentes Thema. Klassisch sind viele Zweige der Psychotherapie eher religionsskeptisch eingestellt gewesen, doch in den letzten Jahrzehnten drehte der Wind und der Wert der Religion und des Glaubens für das Leben wurde erkannt. Doch Psychotherapie sollte weltanschaulich neutral sein, das heißt es kann alles Thema sein, entscheiden muss der Patient.

Doch in Europa ist die Religion auf einem stark absteigenden Ast, nur noch wenige der Jugendlichen in Europa interessieren sich für Religionen, 86% haben wenig oder kein Vertrauen in Religion, das begrenzt die Relevanz und Möglichkeiten.[3]

Spiritualität

Spiritualität kann eine immense Kraftquelle sein, ist aber letztlich ein kompliziertes Gebiet, wenn man es ernst meint. Es gibt Überschneidungen mit der Religion und der Esoterik, aber auch bedeutende Unterschiede.

Einfachheit

Unser Leben ist ziemlich komplex geworden und viele fühlen sich vom Alltag überfordert. Da ist Einfachheit ein schönes Kontrastprogramm, um wieder zu sich zu kommen. Es ist zwar wieder eher anekdotisch, aber immer wieder hört, dass in Fällen, in denen scheinbar nichts und niemand mehr helfen kann, ein einfaches Leben auf dem Bauernhof, das Struktur bietet, körperlich fordert, aber auch eine direktes Feedback und einen Lebenssinn bietet bietet, einigen Menschen wieder Halt und Struktur geben kann.

Auf dem Prinzip der bewussten Einfachheit sind auch eigene Therapiekonzepte entstanden, wie etwa das Windhorse Projekt. Man sieht, dass auch hier die Übergänge fließend sind. Bei vielen psychischen Krankheiten ist bereits eine Menge erreicht, wenn man sich wieder (oder erstmalig) an den natürlichen Lebensrhythmen orientiert.

Kreativer Selbstausdruck

Egal ob Lesen, Schreiben, Tanz, Theater, Musik oder eine sonstige Form. Der kreative Selbstausdruck ist immer eine großartige Unterstützung, um Spannungen abzubauen, aber auch, um sich selbst immer besser kennen zu lernen und darum geht es ja auch in einer Therapie. Gar nicht so wenige Menschen glauben alles über sich zu wissen – wer sonst, man steckt ja drin – aber sind erstaunlich wenig in der Lage, dies auch zu benennen.

In einer Psychotherapie lernt man manchmal, was man über sich selbst alles nicht weiß und das gibt einem nicht immer ein gutes Gefühl. Durch diverse Arten des Selbstausdrucks, auch noch durch Sport und Bewegung, kann man sich die eigenen Fähigkeiten, Talente und Grenzen praktisch erfahren und verschieben.

All die aufgeführten Bereiche stehen nicht in Konkurrenz zu einer Psychotherapie, sondern können sie wunderbar ergämzen. Die höchste Aufgabe der Therapie ist es leidenden Menschen zu helfen und psychisches Leid kann wirklich in manchen Fällen extrem sein. Es ist zudem oft mit dem ‘Makel’ behaftet nicht so unmittelbar sichtbar zu sein, wie das bei manchen primär körperlichen Erkrankungen der Fall ist.

Daher sollte man alles tun, was jemandem hilft und nichts ideologisch ausschließen, auch in der Kombination der Maßnahmen, aber die gute Absicht kann ins Gegenteil kippen, wenn man wahllos alles probiert und Verfahren zu kombinieren versucht, die einander sogar ausschließen. Hier ist also wieder jemand gefragt, der sich auskennt.