Psychische Krankheiten und Diagnosen im Wandel der Zeit

Die Depression zieht einen in eine kleine, aber überfordernde Welt hinein. © Seth Jackson under cc

Es ist interessant, dass psychische Symptome nicht nur durch die Zeit anders bewertet werden, sondern sich der Ausdruck bestimmter Störungen über die Jahrzehnte auch ändert. Frauen fallen heute nicht mehr in Ohnmacht und man sieht hysterische Streckkrämpfe eher wenig. Mit Ängsten und Depressionen sind heute zwei eher stille Krankheiten an die Spitze gerückt.

Homosexualität ist seit Jahrzehnten keine Krankheit mehr und so ändern sich die Bewertungen durch die Zeiten, dafür rückte der sexuelle Missbrauch in den Fokus, so sehr, dass es Zeiten gab, in der jeder in einer Kinderzeichnung auftauchende längliche Gegenstand als Indiz für Missbrauch gewertet wurde, vielleicht der Höhe- und damit auch Wendepunkt der Erzählung vom vulnerablen oder verletzlichen Menschen. Andererseits sieht man mit Schrecken, wie weit verbreitet heute Missbrauch noch immer ist.

Lange war man der Auffassung, durch Disziplin und Härte ließe sich diese oder jene Störung einfach unterdrücken, bis der Wind drehte und man erkannte, dass man dadurch oft nur verdrängt und die Probleme ins Unbewusste schiebt, wo sie zwar nicht bewusst, aber eben auch nicht weg sind. Sie kommen immer wieder an die Oberfläche, nur dann eben oft in seltsamer, symbolischer, oft auch psychosomatischer Form.

In der Gegenbewegung musste dann alles raus, der Mensch war nur noch Opfer widriger Umstände vor denen er unter allen Umständen geschützt werden musste. Auf die Schwachen galt es besondere Rücksicht zu nehmen, leider machten einige Schwachsein zu einer Lebensform, für die es allerlei Privilegien gab, die einzige Bedingung war, dass es einem nachhaltig schlecht ging und irgendwie keine Therapie anschlug.

Das hat sich fast zu einer Art Kulturphänomen verdichtet, bei dem Menschen drauf bestehen, dass man ihnen nicht helfen kann, auch wenn die Psychotherapien der letzten Jahrzehnte gewaltige Fortschritte gemacht hat und man heute Menschen und ihre Krankheitsbilder therapeutisch erreicht, bei denen man das früher nie für möglich gehalten hätte.

Allmählich drehte der Winde dann auch wieder und man erkannt, dass der Mensch nicht nur verletzlich, sondern auch sehr widerstandsfähig ist, auch wenn das Thema Ressourcen und Resilienz, wie alle Moden, gelegentlich etwas überstrapaziert wird.

Psychotherapien: Was wirkt da eigentlich?

Es wird immer wieder versucht herauszufinden, welche Therapien denn nun wirken, vermeintlich unideologisch. Ob das möglich ist, darf man wenigstens ein Stück weit bezweifeln. Als alle Welt auf Wissenschaftlichkeit geeicht war, schnitten auch die angeblich wissenschaftlichsten Verfahren der Psychotherapie bei weitem besser ab, als alles anderen, dem bisweilen sogar jede Wirksamkeit abgesprochen wurde.

Doch die glänzenden Konzepte und tollen Studienerfolge stellten sich in der Realität nicht ein, wieder kristallisierten sich spezifische Stärken und Schwächen der Therapiemethoden heraus und auf einmal war die Überlegenheit in den nach wie vor unabhängigen Studien auch nicht mehr so groß, falls sie überhaupt noch vorhanden war. Aber unabhängig von der Methode: Was hilft und wirkt da eigentlich?

Wenn die Umstände also so sind, dass ich bereit bin mir helfen zu lassen und Hilfe von jemandem in Anspruch nehme, der mich irgendwie überzeugt, sei es als Person, mit seiner Ausstrahlung oder dem Verfahren, was er vertritt und vermutlich ebenfalls prima findet, was passiert dann?

Es werden mehrere Mechanismen in Gang gesetzt, die sich wechselseitig überlagern und stützen können. Die Verschiebung der Perspektive, dadurch, dass man nicht mehr jemand ist, der überhaupt kein Problem hat oder dem sowieso niemand helfen kann. Der Mensch ist ein Beziehungswesen und die psychotherapeutische Beziehung ist seltsam. Auf der einen Seite hat man mit dem Therapeuten einen Anwalt in eigener Sache, auf der anderen Seite packt er oder sie einen nicht in Watte, findet nicht alles gut und redet einem nicht nach dem Mund.

Da ist jemand, der zu verstehen versucht, wie ich die Welt sehe, der genauer hinschaut und mir dabei die Ecken zu zeigen versucht, die ich dabei bislang übersehen habe. Machen und umsetzen muss man es dann wieder selbst, egal ob man irgendwann eine Phobie überwindet oder die Lebensgeschichte um einige bedeutende Nuancen ergänzt. Mit dem Neuen muss man umgehen, man muss nicht nur in der Therapie ein artiger Schüler sein, sondern die Erkenntnisse ins Leben übersetzen und integrieren. Sie damit zum festen Teil des eigenen Lebens machen, wodurch man sich und anderen zeigt, dass sich wirklich was getan hat.

Die Einübung neuer Routinen ist etwas, was ebenfalls wichtig ist, egal ob man in kleinen Schritten übt, was man vorher nicht konnte oder durch die Deutung des eigenen Lebens auf die aktive Seite kommt. Anders als man denkt, kann man dann erfahren, dass die Deutung auch eine Wirkung hat.

Eine Mischung aus Hilfe und Selbsttherapie

Über Sinn und Unsinn von Psychotherapien kann man sich dann am besten ein Urteil bilden, wenn man die verschiedenen Elemente ein wenig versteht. Psychotherapie ist eine Mischung aus fremder Hilfe und eigenem Verstehen und Umsetzen. Nicht starr und schematisch, erst der eine, dann die andere, sondern Psychotherapie ist eher eine gemeinsame Erkundungsreise durch innere Landschaften, die jeder ein bisschen kennt, aber keiner ganz. Der Patient kennt sich selbst gut genug, um dem Therapeuten einen Einblick in seine eigene Innenwelt zu geben, aber dann und dort, wo er nichts zu berichten weiß, wo er Offensichtliches auslässt oder übersieht, wird der Therapeut nachfragen und in eine etwas andere Richtung gehen. Manchmal kriecht man gemeinsam durchs Unterholz oder muss durch den Matsch, manchmal erlebt man Freiheit und Leichtigkeit und kann zusammen tanzen.

Therapeuten sind geschult, genau hier drauf zu achten und dem Patienten diese Bereiche zu zeigen und ihm den Rücken zu stärken, damit er sie sich selbst anschauen kann. Alles was man in der Therapie lernt, kann man auch selbst, man braucht vielleicht nur eine kleine Hilfestellung, manchmal nur jemanden, der mit der Finger drauf zeigt. Sich hinzugeben und Hilfe anzunehmen, ist daher keine Kapitulation vor dem Leben, sondern, wie wir sahen, oft bereits ein heilender Schritt. Aus dieser Sicht ist Therapie ein Grund für sich selbst, die Selbstheilungskräfte von der Leine zu lassen.

Wer Schwierigkeiten hat, sich helfen zu lassen, kann sich immer sagen: Das könnte ich auch selbst, aber ich muss ja nicht alles selbst machen. Manchmal braucht man Hilfe von anderen, um zu erkennen, was man alles selbst kann. Dennoch hat man ein Recht darauf, nicht alles alleine machen zu müssen. Oft genug haben Menschen aber die Idee, sie müssten alles selbst schaffen, sei es um anderen nicht zur Last zu fallen oder sei es, um nur um ja niemanden zu brauchen.

Beides ist bereits ein guter Hinweis auf die dahinter liegenden blinden Flecken und der psychotherapeutische Begleiter kennt diese Bereiche. Er oder sie wird wissen, was zu tun ist und man glaubt dem anderen etwas eher, wenn man merkt, dass er das, was er erzählt, tatsächlich selbst glaubt. Da der Mensch ein sehr feines Gespür dafür hat, ob das auch wirklich so ist, ist dies ein mitentscheidender Punkt, der die Beziehung stabilisiert oder eben auch nicht. Ein sehr subtiles und dynamisches Geflecht, was von vielen Faktoren abhängt, die Übertragung und Gegenübertragung[link] genannt werden können aber auch Placeboeffekt, der zu einem guten Teil eben auch davon lebt, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist und einigen Menschen, sowie einigen Ideen mehr vertraut, als anderen.

Wenn viele Faktoren mit hinein spielen, so hießt das einerseits, dass ein System in Teilbereichen störanfällig ist, auf der anderen Seite aber auch, dass es insgesamt, wenn es dann mal läuft, ziemlich stabil ist, da eben andere Teilbereiche, Therapiekrisen überbrücken helfen, ob man nun an sich, der Therapeutin oder der Methode zweifelt.

Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll und für wen?

Es ist noch immer der Leidensdruck, der primär darüber entscheidet, ob man eine Therapie macht oder nicht. Sei es, dass bestimmte Lebensbereiche immer wieder Probleme bereiten oder man ganz generell das Gefühl hat, dass man im Leben nicht richtig angekommen ist. Eine Psychotherapie kann eine großartige Erfahrung sein, die wirklich das Leben positiv verändert, aber auch scheitern. Manche gehen zu früh zum Therapeuten, manche zu spät, die rechte Zeit kann man nicht erzwingen, aber man kann ein Gefühl für passende und unpassende Momente entwickelt.

Über Sinn und Unsinn von Psychotherapien entscheiden viele Aspekte, ob es passt, spürt man am besten selbst und man kann so auch gleich üben, sich selbst zu vertrauen, statt vor lauter Zweifeln und Angst vor Fehlern am Ende nichts zu machen. Denn das ist oft auch ein Fehler. Eine einmal getroffene Entscheidung setzt keine Kaskade in Gang, die nie wieder zu stoppen ist. Das zu denken, heißt oft zu Katastrophisieren und jeden Schritt durchplanen müssen, aus Angst vor Lebendigkeit und Kontrollverlust.

Oft glaubt man entweder sich oder seine Umwelt ändern zu müssen, oft genug geht es aber darum einfach die Sichtweise zu ändern. Wer denkt, dass die Welt wird ja nicht anders wird, wenn ich ‘nur’ meine Sicht ändere, findet in der Psychotherapie oft den Gegenbeweis und kann sich danach beliebig detailliert mit der Frage nach dem Verhältnis von Ich und Welt, Perspektive und Realität und dergleichen beschäftigen. Ein Thema, was immer komplexer wird, je mehr man sich damit befasst.

Letzten Endes ist noch immer ungeklärt, was wirklich, in bei welcher Krankheit, bei welchem Menschen am besten wirkt und der eigene Glaube an ein Verfahren oder Menschen ist dabei oft schon die halbe Miete.

Quellen