Auch alternative Heilmethoden können manchmal wunderbar wirken. © Riley Kaminer under cc

Der Sinn und Unsinn von Psychotherapien zu reden, heißt in ebenso großen Maße, über Sinn und Unsinn der Rede über Psychotherapien zu reden.

Metapsychochologie heißt die Rede über Psychologie, ihre Theorien oder Konzepte. Die evidenzbasierte Medizin versucht hingegen, die Wirksamkeit dieses oder jenes Verfahrens über neue Studien oder die neue Sichtung alter Studien und Metastudien zu erfassen. Das klingt sehr wissenschaftlich, danach, dass man endlich mal den Dingen auf den Grund geht und nun endgültig klärt, was funktioniert und was nicht.

Wenn es doch so einfach wäre. Einerseits ist der Anspruch, die guten und schlechten Werkzeuge, Theorien und Ansätze von einander zu trennen lobenswert. Auf der anderen Seite jedoch auch naiv, weil er suggeriert, man könne einfach von jedem Standpunkt abstrahieren und eine objektive Warte einnehmen. Dieser ‘Blick von Nirgendwo’ (view from nowhere) ist aber nichts was wir überhaupt einnehmen können, auch wenn wir noch so sehr dran glauben wollen und daher selbst schon eine ideologische Position.

Schon bei relativ simplen Dingen ist das klar ersichtlich. Was ist das beste Werkzeug? Kommt drauf an, was man machen will. Eleganter formuliert: Das ist kontextabhängig. Wenn man eine Zange braucht, ist die schönste Säge nichts wert, mal braucht man das filigrane Präzisionswerkzeug, mal muss es eben der Bohrhammer sein. Die Psyche ist ungleich komplexer. Auch hier kommt es auf Kontexte an.

Die Methode

Wie bei der Frage nach der Zange, geht es auch in der Psychotherapie darum, was man eigentlich erreichen will. Es mag Idealbilder eines autonomen Ichs geben: Frei von Neurosen, sozial- und beziehungskompetent und es ist gut so ein Bild oder Ziel zu haben, nur sind die Patienten von diesem unterschiedlich weit entfernt und manchmal will man nur eine Phobie loswerden. Ein anderes mal gilt es daran zu arbeiten, dass ein Mensch nicht wieder straffällig wird oder im bescheidensten, aber dennoch ungeheuer wichtigen Umfang seinen Alltag selbst organisiert bekommt.

Jenseits der Ideale sind es pragmatische Ziele, die eine Therapie leiten müssen. Vor allem darüber, was der Patient eigentlich will. Da wird dann unendlich viel über die Methode diskutiert, in der Praxis hat jemand, der sich überhaupt entschließt, sich helfen zu lassen – eine der größten Hürden – dann gar nicht so oft die Wahl und wird in der Überzahl der Fälle froh sein überhaupt einen Therapeuten oder eine Therapeutin zu finden, kritische Nachfragen bezüglich der Methode fallen oft weg.

Man wird fast durch die Bank mit der kognitiven Verhaltenstherapie behandelt werden, die einfach den Vorteil hat, schnell und billig zu sein. Vor einigen Jahrzehnten galt sie als superwissenschaftlich, im Gegensatz zu anderen Verfahren, die man kritischer sah und für wirkungslos befand, doch inzwischen hat der Wind gedreht, die kognitive Verhaltenstherapie ist eine Methode unter weiteren und längst sind in die Elementen tiefenpsychologischer Verfahren eingeflossen. Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die Verhaltenstherapie und die systemische Therapie die offiziell zur Auswahl stehen und auch hier gehen die Verfahren in einander über, wenn etwa Psychoedukation, also die Aufklärung über die Funktionsweise der Psyche zur Therapie wird.

Wirksam sind allerdings auch andere Verfahren, mal haben die Belege eher anekdotischen Charakter (aber wenn ein Verfahren nicht getestet wurde, kann man ihm das nicht zum Vorwurf machen), mal scheint die Wirksamkeit belegt, wie für EMDR, bei Traumatisierungen. Doch es kristallisieren sich auch Zuordnungen heraus, von bestimmten Problemen zu bestimmten Verfahren. Depressionen reagieren gut auf alle möglichen Interventionen – was kein Nachteil ist – Zwänge und Psychosen sind da anders. Bei Angststörungen, die am häufigsten sind, ist das Bild variabel, spezifische Phobien reagieren anders, als Panikstörungen.[1]

Wichtig ist, wie der Patient sich fühlt, denn um ihn geht es ja schließlich. Dass der Wissenschaft das nicht immer genügt, kann dem Patienten aber egal sein. Es ist schwierig zu sagen, wo hier eine Grenze zu ziehen ist, denn nicht jeder, der sich besser fühlt, ist auch besser dran. Ein offenes Ohr und Verständnis sind einfache Methoden, durch die sich jemand erst mal angenommen fühlt, es ist fraglich, ob sie in allen Fällen ausreichen. Empathie ist die Basis jeder Therapie, ob sie allein jedoch ausreicht, steht auf einem anderen Blatt. Anstrengend wird in auf jeden Fall dann und dort, wo der Therapeut nicht mehr allein auf den guten Kumpel reduziert werden kann, der zustimmend nickt und für alles Verständnis hat.

Der Therapeut oder die Therapeutin

Denn der nächste Baustein, der über Sinn und Unsinn von Psychotherapien entscheidet, ist der Therapeut oder die Therapeutin. Schon die Geschlechterfrage kann ein wichtiger Punkt sein und man muss in sich hinein hören oder in Probesitzungen und Erstgesprächen schauen, mit wem man besser kann.

Die Beziehung zum Therapeuten ist ein wesentliches Element, denn man kommt heute immer mehr zu der Auffassung, dass sehr viele psychische Probleme im Kern Beziehungsstörungen sind. Das heißt nicht, dass sie aus gegenwärtigen Beziehungen und ihren Problemen resultieren, sondern, dass es die Qualität früherer Beziehungen zu wichtigen Menschen ist, die wiederum die Qualität heutiger Beziehungen dominant beeinflusst. Insofern ist man bei der Beziehung zum Therapeuten gleich am Ort des Geschehens, denn hier werden die Konflikte, die man mit anderen oder mit bestimmten Situationen des Lebens hat, wiederholt und damit sichtbar.

Das wird eine sehr enge Beziehung, der Therapeut oder die Therapeutin wird zu einem wichtigen Menschen im Leben, daher sollte man auf beiden Seiten schauen, wie man klar kommt. Als Patient hat man keine große Erfahrung, darum ist es gut, seinem Bauchgefühl zu vertrauen. Es ist weniger die Sympathie, die zählt, denn die Basis einer Therapie ist nicht Freundschaft, sondern Vertrauen. Was Therapeuten zu wirklich anderen Menschen macht, ist, dass sie sich nicht umdrehen und gehen, wenn man sich so zeigt, wie man ist. Das ist eine der großen heimlichen Ängste vieler Menschen, dass sie verstoßen würden, wenn sie offen zeigten, wer und wie sie sind.

Psychotherapeuten bleiben und deuten. Das so offen und authentisch, wie es geht, in dem Rahmen, wie sie er gelernt haben, aber sie halten den anderen Menschen aus. Therapeuten können viel richtig und viel falsch machen. Bei einer Studie fiel ein Therapeut auf, der es ‘schaffte’, dass tatsächliche alle seine Patienten sich nach der Therapie schlechter fühlten als vorher. Ein Baum im Wald hätte vermutlich bessere Resultate erzielt.[2]

Auf der anderen Seite gibt es, wie Ulrich Schnabel in seinem sehr lesenswerten Buch „Die Vermessung des Glaubens“ schreibt, einen geringen Prozentsatz sogenannter Superheiler, bei denen der Erfolg nahezu immer garantiert ist. Allen ist klar, dass es Menschen gibt, die ein sagenhaftes Talent und oft einen sehr intuitiven Zugang zur Therapie haben. Das Problem an intuitiven Zugängen ist, dass sie eben genau das sind, intuitiv. Man kann sie nicht lehren. Genau zu untersuchen und aufzeigen zu können, was es denn ist, was nun hilft, ist daher auch nicht immer ein Nachteil. Bei Therapeuten hat man es gemacht und oft sind die Ergebnisse anders als erwartet. Überlegen Sie mal selbst, was Sie von einem guten Arzt oder Psychotherapeuten erwarten würden.

Mit den Superheilern sind in der Regel Ärzte gemeint, aber eben auch solche, bei denen der Bonus ihre Art der Behandlung ist, auch wenn sie nur Pfefferminz Bonbons verteilen würden. Manchmal sind sie vielleicht einfühlsam und sanft, aber Schnabel schreibt in seinem Buch über den Placeboforscher Ted Kaptchuk zu Wort:

“Als er den Einfluss des Arztverhaltens auf die Wirkung von Scheinbehandlungen untersuchte, bestätigte er zunächst den bekannten Befund: Je ausführlicher sich die Ärzte mit dem Patienten befassten, indem sie etwa länger mit ihnen redeten, verständnisvoll nickten oder sie freundlich am Arm fassten, umso besser war die Placebowirkung. Allerdings gab es da auch die “Superheiler”. Diese Ärzte erzielten selbst dann, wenn sie ihre Patienten schnell und wortkarg abfertigten, mehr Wirkung als ihre Kollegen, die alle Register zogen. „Worin die Qualität dieser ‘Superheiler’ liegt, wissen wir leider nicht“, räumt Kaptchuk ein. Nicht einmal Videoanalysen förderten deren Geheimnis zutage, und auch die Ärzte selbst vermochten nicht genau zu sagen, worauf ihre heilsame Wirkung zurückzuführen wäre.”[3]

Auch bei Wunderheilern aus dem nicht ärztlichen Spektrum ist es eher so, dass die meisten, die etwas können nicht genau wissen, warum. Es geht halt. Auch bei Psychotherapeuten ist es nicht unbedingt das lange geduldige Zuhören und die freundliche Zugewandtheit oder stechende Blick, sondern bei einer Analyse, was gute Therapeuten auszeichnet war das Hauptelement die Schnelligkeit (in dem Fall, im Rahmen einer deutenden Therapie). Vielleicht wird die Schnelligkeit einer Deutung ja mit Sicherheit assoziiert, aber so genau ist das alles nicht zu fassen.

Denn auch Schnelligkeit ist nicht alles. Edith Jacobson, eine bedeutende Psychoanalytikerin hat sogar erfolgreiche psychotische Patienten behandelt, sie muss allerdings mit einer fast übermenschlichen Geduld und Toleranz gegenüber therapeutischen Rückschritten ausgestattet gewesen sein, die man nicht als therapeutischen Normalfall voraussetzen darf.

Der bekannte Psychotherapeut und begabte Autor Irvin D. Yalom hat mit Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht, ein ganzes Buch über das Thema verfasst, das ebenfalls zu empfehlen ist und weitere Facetten des Gesamtbildes anbietet.

Vielleicht ist es auch gar nicht so sehr der Therapeut selbst, sondern der Ruhm, der ihm voraus eilt. Wobei man sagen muss, dass man sich den Ruhm in der Regel auch erarbeitet hat. Dennoch, bekannt ist, dass es einen Unterschied macht, ob die Praktikantin einem Patienten ein Medikament gibt, oder ob es Herr Professor persönlich ist, der es verabreicht. In der Psychotherapie ist das auch zu erwarten.

Die Bereitschaft sich helfen zu lassen

Den Heiler als Autorität zu sehen und anzuerkennen, heißt ja auch ein Stück weit, sich auf ein erst mal asymmetrisches Spiel einzulassen. Eines, das von der Bereitschaft lebt, sich grundsätzlich helfen zu lassen, was sich gerade bei der Psychotherapie ja schon darin zeigt, überhaupt eine zu machen. Das ist noch immer mit Hürden verbunden, in bestimmten Kreisen umso mehr. Im Puff kann man sich als (männliche) Führungskraft erwischen lassen, aber nicht beim Psychotherapeuten, las ich neulich als Überschrift. 2020, in Deutschland.

Der Placebobonus des Arztes, Heilers oder Psychotherapeuten ist jedoch gut, zeigt er doch an, dass man bereit ist, sich helfen zu lassen. Damit ist eine Weiche gestellt, es folgen jedoch weitere. Denn nun werden ja die Fragen relevant, die wir oben schon angerissen haben: Welches Verfahren, Therapeut oder Therapeutin und wie kommen wir klar? Verständlich, nun werden solche Fragen relevant.

Vielleicht recherchiert man nun nach den besten Verfahren, je nach Charakter. Der endet ja nicht, wenn man sich entschließt, sich helfen zu lassen, doch Sinn und Unsinn von Psychotherapien setzen sich hier gerne fort. Da findet sich das ganze Spektrum der Einstellungen, von: ‘Die beste Therapie, das exquisiteste Verfahren ist gerade gut genug für mich. Irgend so eine 08/15 Methode kommt für mich nicht in Frage.’, zum Gegenpol, etwa: ‘Ich habe es eigentlich gar nicht verdient, dass sich jemand so viel Mühe für mich macht. Außerdem gibt es bestimmt jemanden, der die Therapie dringender braucht, als ich und dem will den auf keinen Fall den Platz wegnehmen.’

Die meisten Menschen werden sich aber irgendwo in der Mitte bewegen und einfach pragmatisch vorgehen, ohne groß zu wissen, worauf sie sich einlassen. Entscheidend sind da eher die Punkte: Wer ist in erreichbarer Nähe und wer hat überhaupt einen Termin frei? Denn das ist eine weitere Hürde: Hat man man sich dann mal entschlossen, gibt es in vielen Fällen quälend lange Wartezeiten. Die Frage was ein ‘psychologischer Psychotherapeut’ eigentlich tut, wird da schon nicht mehr gestellt.

Fast immer wird man auf die eine oder andere Art von der Therapie profitieren, was schon daran liegt, dass man die innere Bereitschaft dazu mitbringt und therapeutische Supernieten sind ebenso selten wie Superheiler. Im Erstgespräch schaut man einfach von beiden Seiten, ob es passt und wenn man Zweifel hat, macht man lieber noch ein anderes Erstgespräch, wenn man an allem zweifelt, nimmt man den oder die, wo man die wenigsten Zweifel findet, sonst steht man sich selbst im Weg.

Die Bereitschaft sich helfen zu lassen ist für die Frage nach Sinn und Unsinn von Psychotherapien aber auch insofern entscheidend, als man an die Therapie glauben muss. Glauben heißt hier aber nicht, sich selbst etwas einzureden, was man eigentlich absurd findet, sondern Glauben heißt, zu dem zu stehen oder noch öfter, das zu finden, von dem man wirklich überzeugt ist. ‘Leichtgläubigkeit’ ist hier vielleicht gar nicht schlecht, könnte man sie doch auch in einen ‘hohen Vertrauensvorschuss’ übersetzen und solchen Menschen ist sicher bei Problemen besser zu helfen, als denn Vertretern der paranoiden Gruppe.

Letztlich ein Gleichgewichtssystem zu dem die bisher genannten Elemente gehören: Bin ich bereit mir helfen zu lassen? Kann ich mit dem Therapeuten oder der Therapeutin? Halte ich das Verfahren für vertrauenswürdig?

Die rechte Zeit und der rote Faden

Tanz ist eine Möglichkeit zum kreativen Selbstausdruck, mit Bewegung. Und manchmal ist auch Therapie ein Tanz. © Dino ahmad ali under cc

Für ein weiteres Element haben wir keinen richtigen Sinn mehr. Für das Zusammentreffen der schon genannten Segmente bedarf es so etwas wie der rechten Zeit. Jeder kennt vielleicht selbst Erfahrungen, in denen ein ein Gespräch, ein Buch oder eben auch eine Psychotherapie erreichten, die zwei Jahre zuvor oder danach vielleicht wirkungslos verpufft wären. Man hätte es nicht zur Kenntnis genommen, einmal kurz gelacht oder entgeistert den Kopf geschüttelt.

Anders herum gibt es Lebenssituationen, in denen auf fast magische Weise eines zum anderen führt. Oder ist man in diesen Lebensphasen nur besonders offen und neugierig? Es ist hier nicht anders, als in vielen anderen Lebensbereichen, man kann sich aussuchen, was man glaubt. Sich die Deutung selbst aussuchen zu können heißt aber nicht, dass es völlig beliebig ist, was ich glaube, sondern meine Entscheidungen haben Konsequenzen.

Ein einfaches Beispiel: Wenn ich denke, dass ich keinerlei Einfluss auf mein Leben habe und ohnehin alles von äußeren Mächten und anderen bestimmt wird, so kann das einerseits dazu führen, dass ich bestimmte Möglichkeiten im Leben nicht ergreife. Notorische Pechvögel leiden nicht selten an einem selbst gebackenen Problem: Sie warten einfach zu lange und dann hat ein anderer bereits für oder über sie entschieden. Anderseits ist ein gewisse Schicksalsgläubigkeit auch entlastend, ja nach dem, woran man glaubt. Dass gütige Mächte mein Schicksal leiten oder böse Intriganten.

Umgekehrt wird der, der die Dinge immer lieber selbst in die Hand nimmt, natürlich das Gefühl haben einen großen Einfluss auf sein Leben zu haben. Das kann befriedigend sein, aber auch massiv stressen, da man sich nun um alles selbst kümmern muss. Doch die Wahl des Weltbildes hat einen Einfluss auf das Leben und ist in gewisser Weise der Hintergrund zu dem, wie unser Leben uns erscheint. Über Sinn und Unsinn von Psychotherapien zu reden, heißt auch, zu begreifen, dass Psychotherapien dieses Weltbild entscheidend verändern können.

Möglichkeiten und Grenzen sonstiger Hilfen

Die negativste Sicht auf Psychotherapien ist die, dass sie im Grunde überhaupt keinen Effekt haben. Die Zeit heilt alle Wunden und so muss eine Therapie nur lange genug dauern, dann sind die Symptome verschwunden, aber nicht wegen der Therapie, sondern weil Zeit vergangen ist. Andere sehen dominant einen Placeboeffekt oder die Gleichrangigkeit bestimmter Lebensfaktoren, die wir hier kurz beschreiben.

Wichtig ist, dass diese Methode nicht in Konkurrenz zu einer Therapie gesehen werden sollten, denn das ist unnötig.

Freunde

Manche sind der Ansicht, es würde auch reichen, mit guten Freunden über sein Leben zu reden. Leider haben nicht alle Leute gute Freunde, da wäre die Therapie dann eine Art Ersatz.

Das stimmt nicht. Natürlich ist es wunderbar, echte Freunde zu haben, die bei Krisen eine riesige Hilfe sein können. Therapie ist immer auch eine Kunstsituation, die das Leben begleitet oder einem eine Auszeit ermöglicht, Reflexion und neue Impulse gibt, aber Ziel ist immer, dass das Leben außerhalb der Therapie besser wird. Da sollte es dann auch Freunde geben, die einen stützen, die richtige Zahl an Freunden ist, die die man selbst als richtig empfindet.

Die Basis der Freundschaft sind Sympathie, gemeinsame Interessen und Erlebnisse, die der Therapie ist Ehrlichkeit und der Wunsch, dass es dem Patienten besser geht. Freunden fehlt in der Regel das fachliche Rüstzeug, dazu gehört die technische Neutralität. Der Therapeut geht ins Amt und weiß, was er tut, dass er nicht Tag und Nacht an seine Patienten denkt und deren Sorgen mit nach Hause nimmt, ist dabei kein Nachteil.

Liebesbeziehungen

Beziehungen sind immens bedeutend für die psychische Gesundheit. Zu beiden Seiten. Wenn es eine Gewissheit über die Psyche gibt, dann, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist und das kann heißen, dass man durch stabile Beziehungen Krisen und Krankheiten überwinden kann, in einem Ausmaß, dass man es kaum glauben mag, andererseits sorgen unbewusste Wiederholungszwänge häufig dafür, dass man fürchterliche Beziehungserfahrungen immer und immer wiederholt.

Doch schon Freuds Therapieziel war die Liebes- und Arbeitsfähigkeit des Menschen (wieder) herzustellen, er wusste um die immense Bedeutung.

Arbeit

Man müsste ein Loblied auch auf die Arbeit singen und Freud hat es getan, in Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke[3link] ist er zitiert. Andererseits leidet gerade die Arbeitswelt unserer Zeit darunter, dass sie Menschen immer mehr stresst und sogar krank macht, oder man wegen der schlechten Bezahlung gar nicht soviel arbeiten kann, dass man davon auch nur halbwegs gut leben kann. Eine Familie davon zu ernähren, mal ganz abgesehen und von einer Rente, mit der im Alter auskommt, ganz zu schweigen.

Von all dem abgesehen strukturiert Arbeit dennoch unser Leben und sorgt dafür, dass wir ein gewisses soziales Ansehen haben, denn schlechter als unzufrieden Arbeitenden geht es Arbeitslosen. Arbeit um jeden Preis ist wieder ein anderes Extrem. Eine adäquate Arbeit zu finden, ist daher wichtig und so kränkend es sein mag, oft thematischer Bestandteil einer Psychotherapie.

Religion

Ein ambivalentes Thema. Klassisch sind viele Zweige der Psychotherapie eher religionsskeptisch eingestellt gewesen, doch in den letzten Jahrzehnten drehte der Wind und der Wert der Religion und des Glaubens für das Leben wurde erkannt. Doch Psychotherapie sollte weltanschaulich neutral sein, das heißt es kann alles Thema sein, entscheiden muss der Patient.

Doch in Europa ist die Religion auf einem stark absteigenden Ast, nur noch wenige der Jugendlichen in Europa interessieren sich für Religionen, 86% haben wenig oder kein Vertrauen in Religion, das begrenzt die Relevanz und Möglichkeiten.[3]

Spiritualität

Spiritualität kann eine immense Kraftquelle sein, ist aber letztlich ein kompliziertes Gebiet, wenn man es ernst meint. Es gibt Überschneidungen mit der Religion und der Esoterik, aber auch bedeutende Unterschiede.

Einfachheit

Unser Leben ist ziemlich komplex geworden und viele fühlen sich vom Alltag überfordert. Da ist Einfachheit ein schönes Kontrastprogramm, um wieder zu sich zu kommen. Es ist zwar wieder eher anekdotisch, aber immer wieder hört, dass in Fällen, in denen scheinbar nichts und niemand mehr helfen kann, ein einfaches Leben auf dem Bauernhof, das Struktur bietet, körperlich fordert, aber auch eine direktes Feedback und einen Lebenssinn bietet bietet, einigen Menschen wieder Halt und Struktur geben kann.

Auf dem Prinzip der bewussten Einfachheit sind auch eigene Therapiekonzepte entstanden, wie etwa das Windhorse Projekt. Man sieht, dass auch hier die Übergänge fließend sind. Bei vielen psychischen Krankheiten ist bereits eine Menge erreicht, wenn man sich wieder (oder erstmalig) an den natürlichen Lebensrhythmen orientiert.

Kreativer Selbstausdruck

Egal ob Lesen, Schreiben, Tanz, Theater, Musik oder eine sonstige Form. Der kreative Selbstausdruck ist immer eine großartige Unterstützung, um Spannungen abzubauen, aber auch, um sich selbst immer besser kennen zu lernen und darum geht es ja auch in einer Therapie. Gar nicht so wenige Menschen glauben alles über sich zu wissen – wer sonst, man steckt ja drin – aber sind erstaunlich wenig in der Lage, dies auch zu benennen.

In einer Psychotherapie lernt man manchmal, was man über sich selbst alles nicht weiß und das gibt einem nicht immer ein gutes Gefühl. Durch diverse Arten des Selbstausdrucks, auch noch durch Sport und Bewegung, kann man sich die eigenen Fähigkeiten, Talente und Grenzen praktisch erfahren und verschieben.

All die aufgeführten Bereiche stehen nicht in Konkurrenz zu einer Psychotherapie, sondern können sie wunderbar ergämzen. Die höchste Aufgabe der Therapie ist es leidenden Menschen zu helfen und psychisches Leid kann wirklich in manchen Fällen extrem sein. Es ist zudem oft mit dem ‘Makel’ behaftet nicht so unmittelbar sichtbar zu sein, wie das bei manchen primär körperlichen Erkrankungen der Fall ist.

Daher sollte man alles tun, was jemandem hilft und nichts ideologisch ausschließen, auch in der Kombination der Maßnahmen, aber die gute Absicht kann ins Gegenteil kippen, wenn man wahllos alles probiert und Verfahren zu kombinieren versucht, die einander sogar ausschließen. Hier ist also wieder jemand gefragt, der sich auskennt.

Psychische Krankheiten und Diagnosen im Wandel der Zeit

Die Depression zieht einen in eine kleine, aber überfordernde Welt hinein. © Seth Jackson under cc

Es ist interessant, dass psychische Symptome nicht nur durch die Zeit anders bewertet werden, sondern sich der Ausdruck bestimmter Störungen über die Jahrzehnte auch ändert. Frauen fallen heute nicht mehr in Ohnmacht und man sieht hysterische Streckkrämpfe eher wenig. Mit Ängsten und Depressionen sind heute zwei eher stille Krankheiten an die Spitze gerückt.

Homosexualität ist seit Jahrzehnten keine Krankheit mehr und so ändern sich die Bewertungen durch die Zeiten, dafür rückte der sexuelle Missbrauch in den Fokus, so sehr, dass es Zeiten gab, in der jeder in einer Kinderzeichnung auftauchende längliche Gegenstand als Indiz für Missbrauch gewertet wurde, vielleicht der Höhe- und damit auch Wendepunkt der Erzählung vom vulnerablen oder verletzlichen Menschen. Andererseits sieht man mit Schrecken, wie weit verbreitet heute Missbrauch noch immer ist.

Lange war man der Auffassung, durch Disziplin und Härte ließe sich diese oder jene Störung einfach unterdrücken, bis der Wind drehte und man erkannte, dass man dadurch oft nur verdrängt und die Probleme ins Unbewusste schiebt, wo sie zwar nicht bewusst, aber eben auch nicht weg sind. Sie kommen immer wieder an die Oberfläche, nur dann eben oft in seltsamer, symbolischer, oft auch psychosomatischer Form.

In der Gegenbewegung musste dann alles raus, der Mensch war nur noch Opfer widriger Umstände vor denen er unter allen Umständen geschützt werden musste. Auf die Schwachen galt es besondere Rücksicht zu nehmen, leider machten einige Schwachsein zu einer Lebensform, für die es allerlei Privilegien gab, die einzige Bedingung war, dass es einem nachhaltig schlecht ging und irgendwie keine Therapie anschlug.

Das hat sich fast zu einer Art Kulturphänomen verdichtet, bei dem Menschen drauf bestehen, dass man ihnen nicht helfen kann, auch wenn die Psychotherapien der letzten Jahrzehnte gewaltige Fortschritte gemacht hat und man heute Menschen und ihre Krankheitsbilder therapeutisch erreicht, bei denen man das früher nie für möglich gehalten hätte.

Allmählich drehte der Winde dann auch wieder und man erkannt, dass der Mensch nicht nur verletzlich, sondern auch sehr widerstandsfähig ist, auch wenn das Thema Ressourcen und Resilienz, wie alle Moden, gelegentlich etwas überstrapaziert wird.

Psychotherapien: Was wirkt da eigentlich?

Es wird immer wieder versucht herauszufinden, welche Therapien denn nun wirken, vermeintlich unideologisch. Ob das möglich ist, darf man wenigstens ein Stück weit bezweifeln. Als alle Welt auf Wissenschaftlichkeit geeicht war, schnitten auch die angeblich wissenschaftlichsten Verfahren der Psychotherapie bei weitem besser ab, als alles anderen, dem bisweilen sogar jede Wirksamkeit abgesprochen wurde.

Doch die glänzenden Konzepte und tollen Studienerfolge stellten sich in der Realität nicht ein, wieder kristallisierten sich spezifische Stärken und Schwächen der Therapiemethoden heraus und auf einmal war die Überlegenheit in den nach wie vor unabhängigen Studien auch nicht mehr so groß, falls sie überhaupt noch vorhanden war. Aber unabhängig von der Methode: Was hilft und wirkt da eigentlich?

Wenn die Umstände also so sind, dass ich bereit bin mir helfen zu lassen und Hilfe von jemandem in Anspruch nehme, der mich irgendwie überzeugt, sei es als Person, mit seiner Ausstrahlung oder dem Verfahren, was er vertritt und vermutlich ebenfalls prima findet, was passiert dann?

Es werden mehrere Mechanismen in Gang gesetzt, die sich wechselseitig überlagern und stützen können. Die Verschiebung der Perspektive, dadurch, dass man nicht mehr jemand ist, der überhaupt kein Problem hat oder dem sowieso niemand helfen kann. Der Mensch ist ein Beziehungswesen und die psychotherapeutische Beziehung ist seltsam. Auf der einen Seite hat man mit dem Therapeuten einen Anwalt in eigener Sache, auf der anderen Seite packt er oder sie einen nicht in Watte, findet nicht alles gut und redet einem nicht nach dem Mund.

Da ist jemand, der zu verstehen versucht, wie ich die Welt sehe, der genauer hinschaut und mir dabei die Ecken zu zeigen versucht, die ich dabei bislang übersehen habe. Machen und umsetzen muss man es dann wieder selbst, egal ob man irgendwann eine Phobie überwindet oder die Lebensgeschichte um einige bedeutende Nuancen ergänzt. Mit dem Neuen muss man umgehen, man muss nicht nur in der Therapie ein artiger Schüler sein, sondern die Erkenntnisse ins Leben übersetzen und integrieren. Sie damit zum festen Teil des eigenen Lebens machen, wodurch man sich und anderen zeigt, dass sich wirklich was getan hat.

Die Einübung neuer Routinen ist etwas, was ebenfalls wichtig ist, egal ob man in kleinen Schritten übt, was man vorher nicht konnte oder durch die Deutung des eigenen Lebens auf die aktive Seite kommt. Anders als man denkt, kann man dann erfahren, dass die Deutung auch eine Wirkung hat.

Eine Mischung aus Hilfe und Selbsttherapie

Über Sinn und Unsinn von Psychotherapien kann man sich dann am besten ein Urteil bilden, wenn man die verschiedenen Elemente ein wenig versteht. Psychotherapie ist eine Mischung aus fremder Hilfe und eigenem Verstehen und Umsetzen. Nicht starr und schematisch, erst der eine, dann die andere, sondern Psychotherapie ist eher eine gemeinsame Erkundungsreise durch innere Landschaften, die jeder ein bisschen kennt, aber keiner ganz. Der Patient kennt sich selbst gut genug, um dem Therapeuten einen Einblick in seine eigene Innenwelt zu geben, aber dann und dort, wo er nichts zu berichten weiß, wo er Offensichtliches auslässt oder übersieht, wird der Therapeut nachfragen und in eine etwas andere Richtung gehen. Manchmal kriecht man gemeinsam durchs Unterholz oder muss durch den Matsch, manchmal erlebt man Freiheit und Leichtigkeit und kann zusammen tanzen.

Therapeuten sind geschult, genau hier drauf zu achten und dem Patienten diese Bereiche zu zeigen und ihm den Rücken zu stärken, damit er sie sich selbst anschauen kann. Alles was man in der Therapie lernt, kann man auch selbst, man braucht vielleicht nur eine kleine Hilfestellung, manchmal nur jemanden, der mit der Finger drauf zeigt. Sich hinzugeben und Hilfe anzunehmen, ist daher keine Kapitulation vor dem Leben, sondern, wie wir sahen, oft bereits ein heilender Schritt. Aus dieser Sicht ist Therapie ein Grund für sich selbst, die Selbstheilungskräfte von der Leine zu lassen.

Wer Schwierigkeiten hat, sich helfen zu lassen, kann sich immer sagen: Das könnte ich auch selbst, aber ich muss ja nicht alles selbst machen. Manchmal braucht man Hilfe von anderen, um zu erkennen, was man alles selbst kann. Dennoch hat man ein Recht darauf, nicht alles alleine machen zu müssen. Oft genug haben Menschen aber die Idee, sie müssten alles selbst schaffen, sei es um anderen nicht zur Last zu fallen oder sei es, um nur um ja niemanden zu brauchen.

Beides ist bereits ein guter Hinweis auf die dahinter liegenden blinden Flecken und der psychotherapeutische Begleiter kennt diese Bereiche. Er oder sie wird wissen, was zu tun ist und man glaubt dem anderen etwas eher, wenn man merkt, dass er das, was er erzählt, tatsächlich selbst glaubt. Da der Mensch ein sehr feines Gespür dafür hat, ob das auch wirklich so ist, ist dies ein mitentscheidender Punkt, der die Beziehung stabilisiert oder eben auch nicht. Ein sehr subtiles und dynamisches Geflecht, was von vielen Faktoren abhängt, die Übertragung und Gegenübertragung[link] genannt werden können aber auch Placeboeffekt, der zu einem guten Teil eben auch davon lebt, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist und einigen Menschen, sowie einigen Ideen mehr vertraut, als anderen.

Wenn viele Faktoren mit hinein spielen, so hießt das einerseits, dass ein System in Teilbereichen störanfällig ist, auf der anderen Seite aber auch, dass es insgesamt, wenn es dann mal läuft, ziemlich stabil ist, da eben andere Teilbereiche, Therapiekrisen überbrücken helfen, ob man nun an sich, der Therapeutin oder der Methode zweifelt.

Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll und für wen?

Es ist noch immer der Leidensdruck, der primär darüber entscheidet, ob man eine Therapie macht oder nicht. Sei es, dass bestimmte Lebensbereiche immer wieder Probleme bereiten oder man ganz generell das Gefühl hat, dass man im Leben nicht richtig angekommen ist. Eine Psychotherapie kann eine großartige Erfahrung sein, die wirklich das Leben positiv verändert, aber auch scheitern. Manche gehen zu früh zum Therapeuten, manche zu spät, die rechte Zeit kann man nicht erzwingen, aber man kann ein Gefühl für passende und unpassende Momente entwickelt.

Über Sinn und Unsinn von Psychotherapien entscheiden viele Aspekte, ob es passt, spürt man am besten selbst und man kann so auch gleich üben, sich selbst zu vertrauen, statt vor lauter Zweifeln und Angst vor Fehlern am Ende nichts zu machen. Denn das ist oft auch ein Fehler. Eine einmal getroffene Entscheidung setzt keine Kaskade in Gang, die nie wieder zu stoppen ist. Das zu denken, heißt oft zu Katastrophisieren und jeden Schritt durchplanen müssen, aus Angst vor Lebendigkeit und Kontrollverlust.

Oft glaubt man entweder sich oder seine Umwelt ändern zu müssen, oft genug geht es aber darum einfach die Sichtweise zu ändern. Wer denkt, dass die Welt wird ja nicht anders wird, wenn ich ‘nur’ meine Sicht ändere, findet in der Psychotherapie oft den Gegenbeweis und kann sich danach beliebig detailliert mit der Frage nach dem Verhältnis von Ich und Welt, Perspektive und Realität und dergleichen beschäftigen. Ein Thema, was immer komplexer wird, je mehr man sich damit befasst.

Letzten Endes ist noch immer ungeklärt, was wirklich, in bei welcher Krankheit, bei welchem Menschen am besten wirkt und der eigene Glaube an ein Verfahren oder Menschen ist dabei oft schon die halbe Miete.

Quellen