Viele erleben sich gerade als abgetrennt vom Rest der Welt. Es ist unterschiedlich, wie das empfunden wird. © Ivan Radic under cc

Die knappe Wahrheit ist, dass das, was Isolation mit uns machen kann, so vielfältig ist, wie die meisten anderen Themen es auch sind. Auch zu Klimawandel, Migrationspolitik oder der Zukunft Europas gab es kein breites, gleiches Erleben und, nicht mal dazu, ob diese Themen überhaupt wichtig sind.

Wahr ist aber auch, dass der Einzelne nicht unbedingt etwas davon hat, wenn es denn anderen bestens geht. Es könnte im schlimmsten Fall nur das Gefühl auslösen, dass etwas mit einem selbst nicht stimmt. Aber der schlimmste Fall muss ja nicht immer eintreten.

Die Mehrheit ist entspannt

Nach wie vor ist die Mehrheit in der gegenwärtigen Corona-Krise entspannt, findet die Maßnahmen zum Schutz in Ordnung, die Regierungsparteien, vor allem die CDU, erleben einen Höhenflug, den sie vor wenigen Wochen in ihren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten hätten.

Was vielen fehlt, ist ein Fahrplan, der sagt, wie es weiter gehen könnte. Das wurmt auch jene, die nun endlich wieder zur Normalität zurück kehren wollen, auch wenn es jene Normalität war, von der man eben noch meinte, sie sei so schrecklich. Auch dämmert einigen, dass es die Normalität, die wir kannten, auf unbestimmte Zeit nicht mehr geben wird.

Das was im Alltag manche entspannt hat: Shoppen zu gehen, einen kurzen Ausflug am Wochenende zu machen, ein Museum zu besuchen, ein Fußballspiel oder mit Freunden Essen zu gehen oder sie zu sich einzuladen, all das ist momentan nicht möglich oder wenn, dann durch Einschränkungen belastet. Es ist einfach nicht dasselbe, wie zuvor. Wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, ist der andere der potentielle Feind, er könnte infiziert sein.

Nun, das war zuvor auch schon so, nur war uns das nicht bewusst. Influenza, Tuberkulose, HIV, Syphilis eine schleichende Rückkehr überwunden geglaubter Seuchen, doch es war das SARS-CoV-2, das es geschafft hat den Lauf der Welt zu verändern, indem es unseren Alltag veränderte, der behindert und zum Spießroutenlauf geworden ist.

Immerhin hat sich eine Normalität der letzten Jahre wieder eingestellt, die Stimmen der extremen Lager sind zuverlässige Begleiter. Die Apokalyptiker hier, die Verharmloser da und in gewohnter Undifferenziertheit ist man an geraden Wochentagen für die einen jemand, der den Untergang der Menschheit zu verantworten hat, weil man irgendeine Methode nicht mit 200%iger Emphase vertritt, an ungeraden Tagen für andere hingegen ein regulierungswütiger Irrer, der für den Untergang der Weltwirtschaft mit einer weitaus größeren Zahl von Toten als durch ‘das harmlose Grippchen’ verantwortlich ist. Mit ein und derselben Einstellung.

Eingesperrt und isoliert?

Jeder erlebt die Situation anders und so erleben manche tatsächlich gerade die Hölle. Die einen, weil sie in der Beengung feststellen, dass sie den anderen nur ertragen können, wenn er wieder geht, andere, weil sie allein sind und sich nichts sehnlicher wünschen als wieder Kontakt zu jemandem zu haben.

Allerdings tut vielen auch die Ruhe gut, sie stellen fest, dass sie sich ausgezeichnet verstehen und wirklich lieben und nicht jeder der allein ist, leidet Qualen. Manche können das, was sie am liebsten tun, nun exzessiv machen: Spielen, im Internet aktiv sein und wenn wir mal zurück blicken, wie war es denn vor einigen Wochen?

Sind wir uns alle spontan um den Hals gefallen? Die Bussi- und Umarm-Kultur ist vielleicht etwas stärker geworden, das verbreitetere Händeschütteln zur Begrüßung fällt weg, aber alles in allem waren wir doch, nach der ersten Umarmung, ein distanziertes Völkchen. Wir fassen uns nicht ständig an, finden das sogar eher unangenehm und haben ohnehin in eine körperliche Distanz, bei der wir uns unwohl fühlen, wenn sie durchbrochen wird.

Und kriegt nicht so mancher eher Beklemmungen und Angstzustände, wenn er sich von einer anonymen Masse geradezu erdrückt fühlt? Für eher Wenige ist Gedränge ein Glücksgefühl und etwas, von dem sie nicht genug kriegen können, für viele ist es schlicht und einfach massiver Stress.

Wie war das Paradies von neulich noch mal? Man hetzte sich ab, damit man von der Arbeit kommend, zwischen weiteren Terminen noch dies oder das erledigen konnte, steckte in der Rushhour in Stau des Feierabendverkehrs, schon zum zweiten mal, am Morgen staute es sich auch, quetscht sich zwischen anderen abgehetzten Gesichtern – oder haben die wirklich alle entspannt gestrahlt und einen freundlich angelächelt? – noch hier und dorthin. Der ganz normale Wahnsinn eben, mit Parkplatzsuche, Gehupe und Gepöbel, den wir zwar nicht mögen, aber von dem wir überzeugt sind, dass es anders nun mal nicht geht. Nun wünschen wir uns das zurück, wie lange würden wir wohl brauchen, bis es uns wieder zum Hals heraus hängt. Mehr als drei Wochen?

Doch was für eine Art von Einsperrung und Isolation ist das überhaupt? Der Höchstfall war eine Quarantäne von 14 Tagen, aber in einer Welt, die von Kommunikationsmitteln nur so überquillt. Telefon, Skype, Social Media oder klassischere Internetformate, jeder so wie er lustig ist und kann. Viele erlebten eine Welle der Solidarität, Angebote für Einkäufe und andere Hilfen. Natürlich geht man sich auch auf die Nerven, wenn über Wochen zusammen zu Hause ist und seine Launen und deren Schwankungen immer nur mit den gleichen Menschen teilen kann. Das verschwindet in dem Moment, wo man wieder ein gemeinsames Feindbild findet und sich abreagieren kann. Im Menschen stauen sich eben auch Aggressionen, normalerweise verbindet uns das Gefühl, wir gegen die, fällt das bei mangelnden Außenkontakten weg, zerlegt man sich schon mal gegenseitig. Doch was passiert, wenn da kein anderer ist, mit dem wir uns streiten können?

Was Isolation mit uns machen kann

Wir haben keine Möglichkeit der Abfuhr, wenn wir wirklich isoliert sind. Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier, das ist lange schon klar. Nähe regiert über Nahrung, schon bei Affen, die Objektbeziehungstheorie hat die Ich-Psychologie abgelöst. In der Philosophie dominiert die Intersubjektivität und in der Spiritualität ist die Auflösung der Grenzen das, um was es geht.

Und doch gibt es Eremiten, die glücklich sind, gibt es spirituelle Meister, die ein Jahr oder viel länger in Isolation lebten. Den Unterschied zwischen Glück und Leid machen zwei Punkte aus: Der eine ist die Individualität, der andere die Freiwilligkeit, mit der man etwas macht. Viele Konflikte sind Nähe-Distanz-Konflikte. Die einen fühlen sich immer irgendwie verlassen und ausgesetzt, die anderen beengt und bedrängt und das schon im ganz normalen Leben. Das verschärft sich, wenn man sich eingesperrt fühlt und zeigt, was Isolation mit uns machen kann. Nähe und Enge sind dann oft hochgradiger Stress, ebenso das Gefühl der Verlassenheit. Einzelhaft ist nicht umsonst eine Foltermethode.

Es ist eine Mischung von Gefühlen, de facto ist man derzeit aber eher ausgesperrt, man darf nirgendwo rein, aber sein Haus kann man jederzeit verlassen. Dazu kommt aber die verständliche Sorge um andere, um die eigene Gesundheit und um den Arbeitsplatz oder die eigene berufliche Existenz, die man sich vielleicht gerade aufgebaut hat und nun steht alles in den Sternen. Andere sorgen sich um die politische Freiheit.

Was die Einschränkungen angeht, so würden wir vieles noch gut mitmachen, aber wir möchten das in aller Regel gerne selbst entscheiden. Öfter mal zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren, gibt einem besonders dann ein gutes Gefühl, wenn man zur Not auch auf sein Auto zurück greifen kann. Die jüngere Generation ist hier eine Ausnahme, für die das Auto immer weniger zum Statussymbol wird. Die Arbeit reduzieren würden viele Menschen auch gerne, das Sabbatical zur Besinnung und solange diese Arbeit bestehen bleibt. Freiwillig zu Fasten ist eine fundamental andere Erfahrung, als unter Hunger zu leiden, Eremit zu werden oder in Einzelhaft zu sitzen ebenfalls.

In der Isolation begegnen wir uns selbst

Wenn man äußerlich nichts tut, kann innerlich sehr viel passieren. © Meet the People, Witness … under cc

Ein eindrucksvolles Erlebnis der selbstgewählten Isolation und des freiwilligen Verzichts erlebte ich vor längerer Zeit, als ich im Rahmen einer Ausbildung im Anschluss an einen einwöchigen Fastenkurs, direkt einen 9-tägigen Kurs mit dem bezeichnender Titel: Fasten – Schweigen – Meditieren dran hing, der im Stile des Zen-Buddhismus, irgendwo am verschneiten Alpenrand statt fand.

Das Fasten war ich zu der Zeit bereits über einige Jahre gewohnt, Meditation kannte ich noch länger, das Schweigen war die für mich neue Komponente. Dieses Schweigen war im erweiterten Sinne gedacht, was heißt, dass man nach Möglichkeit auch keine Zeitungen lesen oder Fernsehen sollte, das Smartphone und Internet waren noch nicht verbreitet, ich fühlte mich also allein und abgeschnitten.

Der Kurs war gut besucht, es saßen also reichlich schweigende Menschen herum, die angehalten waren auch nicht auf anderem Weg zu kommunizieren, es galt für die Zeit ganz bei sich zu bleiben. Der “Iron Man Kurs” wurde er auch von einem der Kursleiter genannt, acht mal am Tage wurde 30 Minuten meditiert, dazwischen Kinhin die Gehmeditation und Körperübungen, damit man gut durchblutet und geerdet blieb und gemeinsames Tee trinken, schweigend, mit gesenktem Blick. Es war vielleicht die merkwürdigste Situation, mit mehreren Menschen schweigend am Tisch zu sitzen und die Spannung auszuhalten, doch irgendwie kommunizieren zu wollen, denn gerade in extremen Situationen sucht man ja Austausch und Nähe. Für mich eine spannungsreiche Situation. Andere, die beruflich viel Reden mussten, genossen die Stille und Besinnung. In der Mittagspause konnte man im ländlich-dörflichen Umland spazieren gehen.

Die nächste eindrucksvolle Erfahrung war, zu erleben, was Projektionen wirklich bedeuten und wie weit sie reichen. Ich war nicht abgelenkt, daher immer bei mir und das hieß Himmel und Hölle des Tages kamen aus mir. Der Tag war immer gleich und simpel strukturiert man hatte viel Zeit sich kennen zu lernen und dem inneren Getöse zu lauschen, dabei wie es zunahm und abnahm. Wenn alles sehr ähnlich ist, bringt es wenig, die inneren Hoch- und Tiefpunkte, am täglich Gleichen festmachen zu wollen. Ärger, den ich sonst auf andere schob, hier war er auf einmal wieder, nur eben ganz ohne andere, denen ich die Schuld dafür geben konnte und ganz ohne äußeren Grund. Das nicht nur einmal, sondern im Auf und Ab, für das ich zwar immer irgendwelche Begründungen fand, die ich mir dann aber irgendwann selbst nicht mehr glaubte.

Genervt, verunsichert und in Sorge: Wann ist das endlich zu Ende?

Es wäre falsch zu sagen, dass das eine durch und durch schöne Erfahrung war. Aus persönlichen Gründen fiel es mir zu jener Zeit noch besonders schwer diese Erlebnisse zu verarbeiten. Es hört sich auch so läppisch an, wenn man dann am vierten Tag da sitzt und zum fünften Mal an diesem Tag in sich schaut, sieht, wie die Gedanken, obwohl man doch schon zum 29. Mal hier sitzt, wieder spazieren gehen und dann hochrechnet, dass das noch fünf weitere Tage so weiter geht. Nur noch fünf Tage, könnte man sagen, aber so ganz ohne Zerstreuung empfindet man das als kleine Ewigkeit.

Kleine und banale Sorgen, Ängste und Freuden, wechselten mir sehr grundsätzliche Empfindungen der Leere und Fülle und das alles ungewöhnlich dicht gedrängt. Nur hier weiß man wenigstens, wann das Ende da ist, wer isoliert wird und sich so fühlt, kann außer bei einer zeitlich definierten Quarantäne von 14 Tagen, nicht sagen, wie lange der ungewohnte Zustand noch dauert. Ein Zustand in dem der andere immer mit dem Makel des potentiell Infizierten ausgestattet ist.

Auch das ist keine schöne Erfahrung, aber eine in der man etwas über sich und die Gesellschaft lernen kann. Viele würden gerne drauf verzichten, zumal es eben nicht freiwillig geschehen ist. Selbnst wenn wir uns vielleicht auch in Zukunft nicht täglich und ausgedehnt um den Hals fallen, wir könnten es immerhin tun. Aber so ein Crashkurs, auch dort, wo er schmerzt, hinterlässt auch seine positiven Spuren. Der Zen-Kurs, so karg und hart er war, ist der, mit der größten Zahl an Wiederholern.

Was man gewinnt und was bleibt

Was Isolation mit uns machen kann, kann man bezogen auf die Corona-Pandemie noch nicht sagen, da wir noch mitten drin stecken. Die selbstgewählte Isolation und Reduktion mit der Kombination von Fasten, Schweigen, Meditieren und einer Außenreizreduzierung brachte mich in Kontakt mit sehr grundlegenden Fragen und wenn man diesen nicht entweichen kann, ergeben sich daraus auch Antworten.

Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier und das war ein Punkt, den zumindest ich verstärkt gemerkt habe. Es klingt fast kitschig, aber man merkt, dass das Wesentliche worum es geht, die Liebe ist, die Verbindung zwischen den Menschen. Nicht als gedankliches Konstrukt, sondern als tief gefühlte Sehnsucht und Gewissheit. Geliebte Andere fehlen und als ich aus meiner Isolation befreit werden sollte, der nächste Kurs stand im direkten Anschluss gleich vor der Tür und etwa 500 Kilometer dazwischen, da war das Handy das, was mich über Wasser hielt und ich habe mir geschworen, nie mehr über die Dinger zu schimpfen. Auch heute möchte man sich nicht vorstellen, was die Krise ohne Kommunikationsmittel bedeuten würde.

Es bleibt aber noch anderes. Ein merkwürdiges Selbstbewusstsein, das aus dem Verzicht und der Beschränkung aus sich selbst erwächst. Wer solche Phasen des Verzichts und der Isolation mitgemacht hat, der weiß, was man überstehen kann, man hat es ja schon getan. In einer Kultur, die zum Glück kaum mehr Mangel kennt, hat man dennoch ein irgendwie gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man im Zweifel auch 2 oder 3 Wochen ohne Essen auskommt, auch wenn man es nie muss. Es ist die Gewissheit von: Kenn’ ich. Kann ich.

Auch wenn man weiß, dass man es locker 14 Tage zu Hause aushält und das sogar noch sinnvoll nutzen kann, ist das nicht schlecht. Man wird irgendwann ein Zeitzeuge sein und sagen können, dass man dabei war, es mitgemacht hat. So wie man sich heute noch an den 11. September 2001 erinnert, an die Zeit vor und nach dem Internet, die Wende und immer weniger an den zweiten Weltkrieg und die Jahre danach.

Manche konnten die Zeit für sich nutzen um sich ebenfalls die Fragen zu stellen, was für sie eigentlich zählt und was nicht. Da wir noch mitten drin sind, wer weiß, welche Anstöße wir noch erleben, vielleicht ist das Frühjahr 2020 nicht nur die Zeit der großen Pause, sondern ein weiterer großer Wendepunkt. Dann wird sich zeigen, was Isolation mit uns machen kann.