Über Modellbauer ärgert man sich in der Regel nicht, auch wenn man selbst keiner ist. Über Gier schon. Wieso eigentlich? © joan under cc

Mit zwei Regeln bestens durchs Leben kommen zu wollen, das klingt zunächst abenteuerlich. Doch im Grunde ist die Reduktion ja das Prinzip der Erziehung und zum anderen, der Weisheitslehren.

In der Erziehung versuchen wir Kinder in die Lage zu versetzen, gut durchs Leben zu kommen. Wir bringen ihnen ab einem gewissen Alter, nicht jede Kleinigkeit bei, sondern das, was wir als wesentlich erachten, um im Leben zu bestehen. Schule soll mindestens die Vorbereitung auf das Leben sein, darauf, sich in diesem zurecht zu finden. Wenn mehr möglich ist, bereitet man sie auf speziellere Anforderungen vor und geht in Details einer weiterführenden Ausbildung.

Auch hier sollten die erworbenen Fähigkeiten halbwegs breit sein, darauf vorbereiten, was man im späteren Studium gebrauchen kann, das einen dann mit noch spezialisierterem Wissen ausstattet, als Ärztin, Anwalt, Psychotherapeutin, Ingenieur oder Ökologin. Die Komplexität nimmt zu, allerdings oft nur, in bestimmten Fachbereichen. Diese gliedern sich weiter auf in noch spezialisiertere Gebiete. Eine stetig wachsende Ausdifferenzierung.

Zwei gegenläufige Trends

Doch es gibt auch einen gegenläufigen Trend, der uns im Laufe unseres Lebens begegnet, der zur Vereinfachung. Wenn man eine gewisse Anzahl an Erfahrungen im Leben gewonnen hat, sieht man hier und da bestimmte Muster, die sich scheinbar in verschiedenen Lebensbereichen zu wiederholen scheinen. Diese Muster scheinen die Komplexität des Lebens wieder einzufangen und auf einfache Regeln runter zu brechen.

Wir hören auch gerne auf lebenserfahrene bis altersweise Menschen, von denen wir – selbst oft noch irgendwo dazwischen – zu erfahren hoffen, worauf es denn nun wirklich im Leben ankommt.

Doch diese Zusammenfassung auf die wesentlichen, die wichtigen Dinge und Aspekte des Lebens werden auch wieder gebrochen, da es sehr unterschiedliche Meinungen darüber gibt, was denn nun wirklich wichtig ist, um im Leben zu bestehen. Man sieht dies an den Diskusssionen darüber, was demnächst dringend mal Schulfach sein müsste: Medienkompetenz, Wirtschaft, Programmieren? Oder doch lieber Ernährung, basale Regeln der Logik oder wie man wie man ganz praktisch kocht oder einen Knopf annäht`oder Tanz, damit man endlich mal spürt, dass man einen Körper hat?

Die Menschen haben zudem verschiedene Temperamente, stehen auf verschiedenen Stufen der Entwicklung, die sich noch einmal in diverse Entwicklungslinien aufteilen: in kognitive, emotionale, ästhetische, kommunikative, empathische, moralische und weitere Stufen der Entwicklung und was für den einen genau richtig ist, kann für den anderen grundfalsch sein.

Also ist es doch nichts, mit den Lebensregeln?

Alle Fehler sind schon mal gemacht worden, oder?

Die Geschichte der Menschheit ist sehr lang, im Laufe der Zeit sind alle Fehler schon mal gemacht worden. Also schreibt man das dicke Buch der Fehler oder nimmt wenigstens die wichtigsten und warnt die zukünftigen Generationen aus diesen zu lernen und sie bitte nicht zu wiederholen. Im Grunde ganz einfach.

In einem gewissen Umfang geht das, vor allem auf technischem Gebiet sind wir immer besser geworden, man sieht, auf was für einem hohen Niveau wir diesbezüglich angekommen sind. Andere Fehler, im Privaten, sind allerdings solche, die man in späteren Jahren unter Lebenserfahrung verbucht. Dazu gehören dann die Irrungen und Wirrungen der Liebe, die den Menschen schon immer den Verstand raubte und zu diversen Verrücktheiten anregte, aber wer will ernsthaft darauf verzichten, rückblickend?

Dazu gehören gewiss auch verrückte Träume, die dann aber immer wieder auf mal der Vernunft weichen mussten. Was ist da richtig? Man weiß es nicht, kann aber auch mal auf das schauen, was Menschen am Ende ihres Lebens, Sterbende uns sagen:

“Die häufigste Reue von Sterbenden betraf das Bedauern, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich erträumt hatten; dass sie, statt eigene Ziele zu verfolgen, zu oft die Erwartungen anderer erfüllten. Am zweithäufigsten wurde genannt: «Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.» Drittens wünschten sich die Todkranken, sie hätten Gefühle stärker zugelassen und mitgeteilt. Viertens: sie hätten den Kontakt zu ihren Freunden behalten. Diese vermissten sie in den letzten Monaten ihres Lebens. Und als Fünftes galt die Reue der Erkenntnis, dass man hätte glücklicher sein können, wenn man es nur gewollt hätte.”[1]

Vom großen Buch der unnötigen Fehler ist da nichts zu lesen. Keine Klagen darüber, dass man sich doch besser auf dies oder das nicht eingelassen hätte, nein, das Gegenteil, ihnen hängt nach, dass sie es nicht getan haben, nicht auf ihre Träume, Gefühle und ihr Herz gehört haben. Das Leben als etwas, in dem es wesentlich darum geht, Fehler zu vermeiden, nein, darum kann es offenbar nicht gehen.

Aber eben auch nicht darum, jeden Fehler mitzunehmen, das wäre einfach dumm. Aus Fehlern lernt man am besten, wenn man eine zweite Chance bekommt, eigene Fehler sind oft besser, als fremde Ratschläge. Das Scheitern inklusive, man muss sich die Hörner abstoßen, wie es heißt und hier und da wirklich auch mal erleben, dass das, was die anderen immer schon gesagt haben, mitunter tatsächlich stimmt und sich die Welt nicht einfach nur bislang zu dumm angestellt hat. Der Übermut, die Hybris, sie gehören dazu, mit Niederlagen und dem eigenen Scheitern umzugehen, wird mehr und mehr als eine Qualität und Kompetenz im Leben erkannt, gerade wenn man daraus lernt und trotzdem nicht restlos entmutigt ist. Immer besser zu scheitern, lautet hier oft die Devise.

Regel 1: Lebe so bewusst, wie es geht

Ansonsten dreht sich einfach vieles darum, das was klappt und das was nicht klappt und darüber hinaus auch das, worum es mir oder in meinem Leben geht, mitzubekommen, zu erkennen. Das große Muster, die roten Linien, die sich durch alles durchziehen. Manche erkennen sie, andere sind blind dafür und werden nicht mal aus Schaden klug. Aber man kann die Sinne schärfen. Nahezu alles was als Weisheitslehre bezeichnet wird, geht in diese Richtung. Man wird still, offen, achtsam, lauscht in sich und schaut in die Welt, in dieser Mischung aus teilnahmsloser und meditativer Offenheit.

Auch in der Psychotherapie geht es häufig darum, in sich zu lauschen und sich in Bereichen umzuschauen, die man zuvor nie beachtete, um eben diese Linien zu erkennen. Und auch die Lebenserfahrung lehrt uns, wacher zu werden. Bewusst zu leben ist sicher eine der abgedroschensten Phrasen. Neuerdings Achtsamkeit genannt. Aber was ist das eigentlich? Einerseits ist es der Versuch aus der Routine auszubrechen, unser Leben in semibetäubter Halbautomatik wieder mit Empfindungen zu füllen. Andererseits wird es zum Bumerang, wenn man nun versucht, alles ganz bewusst zu erleben, weil man dann in unausgesetzter Selbstbeobachtung lebt und sich fortwährend kontrolliert, ob man auch bewusst genug erlebt und nicht etwa oberflächlich wird. Ein letztlich auch nur narzisstisches Kreisen um sich selbst, das das verstärkt, was es eigentlich aushebeln will.

Dieser Versuch Bewusstheit zu erlangen ist als mehr und anders. Es ist das subtile Gleichgewicht, bei dem man sich selbst vergessen kann, weil man ganz in einer Tätigkeit aufgeht, die einen bis zum letzten Moment erfüllt, gleichzeitig aber keine monotone Routine, kein versteinertes Zwangsritual ist. Wenn Ritual, dann eines, in dem Sinne, dass man etwas mit Bewusstheit erfüllt und ausfüllt.

Aber wie kann man bewusst sein, ohne sich sklavisch selbst zu beobachten, also nur ums eigene Ich zu kreisen? Indem man in eine Art von Flow kommt. Man wird ganz eins mit einer Sache, mit etwas und vergisst sich dabei. Das passiert am ehesten in den Bereichen, die man sehr gerne macht und – beides fließt oft zusammen – in denen man talentiert ist. Man tut diese Dinge freiwillig, sie gehen einem gut von der Hand und irgendwann vergisst man sich wirklich selbst oder wird, auf die stets sonderbare Weise der Gipfelerfahrungen eins mit dem, was man macht.

Sehr viele Menschen kennen das, aber dennoch sind es seltene Momente. Man kann sie durch Training öfter erleben, aber wir nehmen uns oft nicht die Zeit dafür. Wir wollen oft schneller fertig und effizienter werden. Aber auch bei uns kann sich etwas anderes einstellen. Eine Art, oft von Intuitionen geleiteter Wachheit, die nicht das Ziel hat, jeden Moment wach zu erleben – die besten der Yogis sagen uns, dass dies sogar im Tiefschlaf möglich sein soll – aber so etwas wie ein Gespür für wichtige Augenblicke entwickelt, in denen man dann ganz da und präsent ist. Damit sind nicht unbedingt Gefahrenmomente gemeint, sondern entspannte Situationen, in denen man Gespräche von ungewöhnlicher Tiefe führt. Etwas in der Natur beobachtet, das einen ergreift. Die Liebenswürdigkeit in den Schrullen anderer entdeckt und einfach merkt, wann man da sein muss. Aber auch jene Momente, in denen wir überfordert sind, nicht weiter wissen, die quälend sind.

Die einige von uns so oft peinigende Langeweile resultiert daraus, dass in einem Leben alles zur Routine erstarrt ist und sämtliche Lebendigkeit fehlt, die ja grundsätzlich auch immer da wäre. Oder daraus, dass man sich auf Welt und andere nicht einlassen kann und stets nur im eigenen Saft kocht.

Ein guter Test

Wenn man sich fragt, wie bewusst man lebt, kann einen einfachen Test machen: Gesetzt, ich würde morgen sterben, wie fiele dann meine private Lebensbilanz aus? Hat es sich gelohnt, dieses Leben, mein Leben?

Natürlich ist das auch eine Altersfrage, inklusive der Hybris, mit 20 der Überzeugung zu sein, man hätte bereits weitaus mehr erlebt, als die meisten anderen mit 80, weil man doch so krass, so intensiv lebt. Hier ist dann in der Regel tatsächlich die Lebenserfahrung korrigierend, obwohl man in dieser Zeit der jungen Jahre, die tatsächlich wahnsinnig intensiv und dicht sein können, das authentische Gefühl haben kann, man sei bereits übervoll mit Lebenserfahrung.

Später erlebt man, dass anderes, was vielleicht weniger knallt, ebenfalls intensiv sein kann und auch, dass grelle und Reize nicht alles sind, nicht mal alles, was einen befriedigt.

Wer der Auffassung ist, das Leben hätte sich nicht gelohnt, nicht etwa, weil alles schief gelaufen ist, sondern weil man einfach noch nicht die Zeit hatte sich um das zu kümmern, was einem etwas bedeutet und es stets ‘Wichtigeres’ gab, was noch getan werden musste (wirklich?), der oder die könnte etwas nachjustieren. Die gute Nachricht ist die, dass man wirklich überall im Leben anfangen kann. Es geht nicht darum, was man erlebt, sondern wie und den Regler für mehr Bewusstheit kann man in jedem Moment höher drehen.

Regel 2: Alles, was dich im Leben stört, ist (d)eine Projektion

Der Spiegel ist unser Weg uns unsichtbare Bereiche zu erkennen. Unsere Projektionen sind psychische Spiegel und wir wissen nie genau, wie verzerrt das Spiegelbild ist. © fiction of reality under cc

Bestimmt haben manche auch dies schon gehört, aber oft wird dieser Punkt zu schnell weggewischt, falls er überhaupt klar ist. Im Grunde ist diese Regel eine gewaltige Herausforderung, wenn man sie annimmt, sogar immer wieder an der Grenze zur Frechheit oder Überforderung. Was Projektionen sind, haben wir bereits in eigenen Beiträgen ausgeführt. Einmal die eher pathologische Variante und zum anderen, die normale.

Freud sagte: “Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.”[2] Nur, dass man eben nicht erkennt, dass es die eigenen Wünsche sind, auch dann nicht, wenn man genau hinschaut. Projektionen sind unbewusst, man entschließt sich nicht, dies oder das jetzt mal auf andere zu projizieren. Man kann sich immer nur nachträglich bei einer schon stattgefundenen Projektion ertappen.

Jeder erlebt die Welt anders, manchmal minimal, manchmal drastisch. Alle verinnerlichen, was sie als Welt und Beziehungen erleben – auch das unbewusst, die Introjektion oder Internalisierung – und stellen es wieder als ‘die Welt’ nach draußen, was als Gesamtergebnis herausgekommen ist – erneut unbewusst, die Projektion oder Externalisierung. Mit anderen Worten, man projiziert im Grunde ständig, problematisch und bedeutsam sind nur jene Projektionen, bei denen man sich über andere ärgert und insbesondere dann, wenn man sich über sehr viele Menschen ärgert, die dieses Verhalten zeigen.

Klar muss sein, dass es für den Charakter der Projektion vollkommen unwichtig ist, ob ich der einzige Mensch bin (oder einer von wenigen), den ein Verhalten ärgert oder ob die ganze Welt (oder sehr viele andere Menschen) das ebenso sieht. Die Gefahr, die Projektion nicht zu erkennen ist vermutlich sogar größer, wenn sehr viele meiner Meinung sind. Denn dann steht man in der Versuchung recht zu haben und zu ignorieren, dass die psychologische Komponente bleibt.

Recht zu haben ist, je nach dem, ein Aspekt der Wahrheitstheorie oder der Juristerei, vielleicht noch der Moral und Ethik, aber die Psychologie bleibt davon unberührt. Bin ich vom Verhalten eines anderen auffallend verärgert, bleibt es eine Projektion und ich kann mich fragen, warum es mich ärgert. Ich kann mit dem Thema meinen Frieden schließen und auch das ist unabhängig davon, ob das den herrschenden Normen entspricht.

Woran erkenne ich Projektionen?

Kurz gesagt, am Ärger. Man ist halbwegs empört darüber, wie jemand so etwas machen kann, um so häufiger einem dieses Verhalten begegnet – es scheint manchmal geradezu wie verhext zu sein –, um so eher ist es eine Projektion. Wenn auf einmal alle so aggressiv zu sein scheinen, geizig, oder immer nur auf Sex fixiert. Mit dem Thema kann man zunächst aus dem Grund keinen Frieden schließen, weil man zutiefst überzeugt ist, dass es sich dabei um eine Art und Weise handelt, die wirklich nicht sein sollte.

Man ist tatsächlich empört, dass es so was gibt, bei anderen. Sich selbst spricht man hingegen völlig frei von dieser Denk-, Empfindungs- oder Verhaltensweise. Niemals im Leben ist man selbst so, darum fuchst es einen ja auch, dass andere es sind. Aber da ist eben noch etwas. Vielleicht ist man ja auch kein Modellbauer, aber es verärgert einen in der Regel nicht, wenn andere sich für Modellbau begeistern oder für Bonsai-Bäume. Man findet es vielleicht seltsam, aber es juckt einen nicht. Dass andere aber immer so neidisch sind, geizig, schwächlich, eifersüchtig, unbeherrscht, wehleidig, gierig, laut, sexfixiert oder wild, das kann einen dann schon mal erregen. Dabei ist es doch eigentlich wie mit beim Modellbau, der eine bastelt gerne, der andere ist eben jemand, der etwas wilder oder wehleidiger ist.

Aber warum ärgert es einen eigentlich, könnte man ganz unschuldig fragen. Na, weil man ‘so’ eben nicht sein sollte. Es ist irgendwie nicht okay, so zu sein, sowas tut man einfach nicht. Das sind die Wertvorstellungen im eigenen Kopf. Man selbst hat es sich vielleicht abgewöhnt wild zu sein, oder man bekam es abgewöhnt. Man sollte ein sauberes, stilles und artiges Kind sein, vielleicht die Oma nicht aufregen, das Herz. Offen oder auch subtiler wird sanktioniert, was nicht sein sollte und Kinder merken sehr schnell, was erwünscht ist und was nicht. Und sie passen sich an – welche Wahl hätten sie auch? – und damit es nicht so weh tut, nicht zu dürfen, was man will, internalisiert man die Regeln und ist fortan überzeugt, es seien nicht die Wünsche anderer, die man da erfüllt, sondern man selbst sieht auf einmal die ganzen Vorteile, wenn man artig, brav, still und sauber ist.

Trifft man auf jemanden, der nicht so ist, ist man seltsam herausgefordert, denn das, was man in sich weggesperrt hat – erneut, ohne es zu wissen, ohne es bewusst getan zu haben – tut nun frecherweise dieser andere. Das irritiert und ist etwas anderes, als wenn jemand etwas tut, was einen selbst nie groß interessiert hat, etwas kleine Einzelteile zu Flugzeugen zusammen zu kleben.

Wie geht man mit Projektionen um?

Am besten, indem man sie erst mal in der Weise annimmt, dass man denkt, es könnte was mit mir zu tun haben. Man merkt es nicht, auch wenn man ehrlich ist, was folgt, ist eine innerer Indizienprozess. Warum ärgert mich der Neid, aber nicht dass jemand gerne kocht? Warum sind andere eventuell nicht so verärgert wie ich, auch wenn sie die Verhaltensweise des anderen ebenfalls bemerken? Was würde es denn bedeuten, wenn das wirklich mein Thema wäre?

Spielerisch mit dem Thema umzugehen, statt es zu meiden, wäre ein weiterer Punkt. Was genau ärgert mich eigentlich? Wie lange schon? Wieso denke ich eigentlich, dass diese Einstellung, dieses Verhalten einfach nicht sein sollte? Wer hat mich auf die Idee gebracht und was sind eigentlich die Argumente derer, die nicht so denken? In welchem Moment verliere ist immer die Fassung, was macht mich sauer?

Wenn ich mich darüber ärgere, dass sich jemand ständig aufspielt und der Mittelpunkt sein will, was daran ist eigentlich für mich so ärgerlich? Vielleicht, dass ich dann weniger Beachtung bekomme? In unserem Indizienprozess, der immer gegen uns selbst geht, sollte es uns verdächtig vorkommen, wenn wir Angewohnheiten die normalerweise allen Menschen zugeschrieben werden, bei mir (scheinbar?) überhaupt nicht vorkommen. Wir alle wollen ein gewisses Maß an Anerkennung erfahren, haben sexuelle Bedürfnisse, sind hier und da mal neidisch, manchmal ein wenig gierig und hier und da auch aggressiv oder schadenfroh.

Tatsächlich nur hier und da, denn der Mensch ist keine Bündel ‘schlechter’ Eigenschaften. Die meisten Menschen sind im Kern recht gute Menschen und selbst jene, die es nicht sind, haben sich das nicht ausgesucht, sondern sind Täter und Opfer in einer Person. Oft sind Aggressionen sozial gut kaschiert. Wenn uns jemand Leid tut und wir meinen, er bräuchte Hilfe, kann das eine Reaktionsbildung gegen Entwertung sein. Aus “Der Trottel schafft das sowieso nicht” wird dann “Der Arme, dem muss man helfen”, vor allem wenn es sich im Menschen dreht, von denen man notorisch denkt, sie bräuchten Hilfe. Es geht nicht um Notfälle, da gelten andere Kriterien, nur wenn jemand im Wochentakt Dramen und Notfälle erlebt, muss man auch hier genauer hinschauen.

Es ist auch nicht falsch von jemandem zu denken, dass er ein Idiot ist, wir haben es unter Umständen nur gelernt, dass man so etwas nicht sagt und noch nicht mal denkt. Also verbeißt man sich das, bis man es irgendwo wirklich nicht mehr bei sich wahrnimmt und wenn ein anderer diesen Menschen einen Trottel nennt, sind wir besonders empört. Das ist das Prinzip: Wo wir projizieren, merken wir am eigenen Ärger.

Spielerische Annäherungen an das Thema helfen

In schweren Fällen muss vielleicht eine Psychotherapie helfen, damit man dieses Muster einmal bei sich erkennt und durchschaut, danach weiß man wenigstens, worauf man auch in anderen Fällen achten muss, aber bei vielen Menschen kann es reichen, sich dem Thema spielerisch zu nähern. Was ärgert mich am meisten? Und schon seit Jahren? Habe ich psychosomatische Symptome und was drücken diese aus? Klassische Fragen hier: Wozu zwingt mich mein Symptom und woran hindert es mich?

Man kann Bücher lesen oder Filme schauen, die mit dem Thema zu tun haben, man kann sich in Imaginationen vorstellen, wie es denn wäre, wenn man ‘so etwas’ auch in sich hätte? Was würde es denn heißen, wenn ich tatsächlich so wäre? Was wäre die schlimmste Befürchtung? Würde die Welt untergehen? Würde niemand mehr mit mir reden? Würden mich alle Menschen auf der Straße anschauen?

Unterschätzen wir das nicht. Der Widerstand, den man einem Thema entgegen stellt, ist beachtlich, mitunter über Jahrzehnte. Ständig muss man sich selbst und anderen klar machen, dass man zwar hier und da nicht perfekt ist, aber dass eines klar ist: So ist man auf jeden Fall nicht. Alle mögen so sein, nur ich nicht. Unterschätzen wir den Druck nicht, der auf diesem Thema liegt. Wer in einer Therapie seinen Schatten konfrontiert, für den bricht zunächst eine Welt zusammen, nämlich die eigene. Man erlebt sich bei einer Therapie, die super läuft, als der, der man nie sein wollte.

Aber gleichzeitig erlebt man, dass der Therapeut nicht angewidert den Raum verlässt, sondern gelassen bleibt. Der hat das Problem ja nicht oder schon bearbeitet. Die Erkenntnis ist, dass man in diesem Bereich ist, wie jeder andere Mensch. Vielleicht hat man ein bisschen mehr Drang nach Anerkennung, Sex oder Aggression, vielleicht ein bisschen weniger, aber es ist eben auch bei mir so, wie bei allen anderen.

Und wenn man sich erinnert. Man litt ja unter anderem auch daran, dass die anderen das Thema gar nicht so dramatisch fanden. Willkommen im Club. Man braucht eine Zeit, um sich neu zu sortieren, um wirklich zu erfassen und zu verarbeiten, dass man auch so ist und das heißt gewaltige Vorzeichen der bisherigen Lebensgeschichte zu verändern. Aber wenn man die Regel 1 umsetzt und bewusster lebt, kann einem das nun helfen.

Mit zwei Regeln bestens durchs Leben kommen

Sicherlich ist das zu Beginn etwas anspruchsvoll, aber es ging ja um eine ideale Annäherung daran, wie wir mit zwei Regeln bestens durchs Leben kommen. Nicht mit einem Bündel von 1000 Regeln und Normen für jede Eventualität, sondern: Was sind die dicksten roten Stränge, die am Ende durchschimmern? Wer bewusster durchs Leben geht, wird es leichter haben seine Projektionen zu durchschauen, wer sie durchschaut geht automatisch bewusster durchs Leben, denn nun versteht man besser, warum andere so sind. Man ist ja selbst so.

Man kann auch hier spielerisch forschend weiter gehen und aus der ehemaligen Blindheit nun eine Kompetenz entwickeln. Wenn ich schon nachempfinden kann, warum jemand so ist, wie das, was ich 30 Jahre in mir bekämpft und nun gefunden habe, was kann ich eigentlich noch alles nachempfinden? Und was nun wirklich nicht mehr? Andere verstehen zu können, ist ja etwas Tolles, wir nennen es Empathie und es ist hoch angesehen und meint nichts anderes, als sagen zu können, dass man selbst vielleicht nicht mit jeder Faser seines Seins so ist, aber irgendwo in sich auch verstehen kann, dass jemand so ist. Und wenn man auf dem Gebiet sehr virtuos ist, kann man erkennen, wieso ein anderer aktuell so sein muss. Ein großartige Fähigkeit, die einen sensibler, klarer, bewusster und gelassener macht.

Sie zwingt einen nicht zur moralischen Indifferenz. Wer einen Mörder verstehen kann, muss den Mord dennoch nicht billigen, denn man kann ja vermutlich auch das Opfer verstehen. Man sieht, versteht und muss nicht mehr reflexhaft reagieren, was nicht heißt, dass man inaktiv sein muss. Im Gegenteil, man ist oft sogar kreativer und weniger gehemmt, weil man ja Zugang zu viel mehr Bereichen in sich hat, als zuvor. Denn all das was in einer Gesellschaft als negativ bewertet ist, muss ja nicht nur schlecht sein. Aggression, Sexualität, die Lust auch mal eine Rampensau zu sein, alles wunderbar, wenn man es dosiert einsetzen kann.

Quellen