Cyborg: Männergesicht mit Technikauge

Mensch und Technik wachsen zusammen. © Linus Bohmann under cc

Neben Projekten der Gentechnologie, Prothetik und Nanomedizin, ist die computerbasierte und virtuelle Unsterblichkeit ein paralleles Projekt und viele dieser Ansätze werden sich wechselseitig durchdringen und zusammenwachsen. Der Cyborg ist längst kein Science-Fiction mehr, wenn wir bedenken, wie viele Menschen heute schon mit Herzschrittmachern und künstlichen Gelenken leben. Die virtuelle Welt ist bei den Digital Natives via Smartphone längst normaler Bestandteil des Lebens, insofern sind die alte und junge Generation gleichermaßen nicht mehr “reine Natur” und wenn demnächst Brillen mit Internetverbindung ein tieferes und noch gegenwärtigeres Verschmelzen von digitaler und analoger Welt ermöglichen, setzt sich dieser Trend fort.

Da ist der Gedanke an eine virtuelle Form der Unsterblichkeit nicht mehr weit und es ist keineswegs ein neuer Gedanke. In seinem Buch “Die Physik der Unsterblichkeit” hat der amerikanische Physiker Frank J. Tipler schon vor 20 Jahren vorgeschlagen und -gerechnet, dass unser Bewusstsein bald per Upload auf einen Computer zu ziehen sei und ein paar Computergenerationen später das Wissen und Bewusstsein der ganzen Menschheit.

Tiplers umstrittene Idee: Das Gehirn besteht aus Nervenzellen, jede Zelle ist über 10.000 Synapsen mit anderen Zellen verbunden, daraus ergibt sich eine Gesamtspeichermenge von maximal 10 hoch 17 Bits, eine gewaltige Zahl, aber eine endliche. All unser Denken, Fühlen, unsere Körpersensationen, reine Information für Tipler, könnten erfasst werden und dann geht im Inneren des Computers das Leben weiter: virtuelle Unsterblichkeit. Denn aus einer bestimmten Perspektive, die Biologie und Physik teilen, ist das Leben aus evolutionärer Sicht der Versuch, Informationen erfolgreich weiterzugeben. Wir lebten in der Matrix.

Eingefrorene Gene und drohender Tod

Denkbar ist auch, dass wir aus wenigen Zellen geklont werden oder tatsächlich so, wie wir jetzt sind, wieder hergestellt werden könnten. Aber wenn wir mit 25 sterben, kommen wir möglicherweise erst Jahrzehnte später als der Mensch wieder, der wir jetzt sind. Unsere Umgebung ist inzwischen vollkommen anders. Zudem bedeuten identische Gene nicht identische Individuen, da die Genexpression mitunter beträchtlich breit ausfällt. Jeder kann sich selbst fragen, ob er, wenn er biologisch identisch wiederauferstehen könnte, bereit wäre jetzt zu sterben.

Was zu unserem Leben dazugehört, ist ja unsere ganz private Lebensgeschichte: das Gefühl, die Musik während der Zeit unserer ersten Liebe wieder zu hören; die Erinnerung wie es war, sich selbst überwunden zu haben; wie es war Weihnachten als Kind erlebt zu haben; der erste sexuelle Kontakt und so weiter. Wenn wir biologisch reproduziert werden könnten, so kann uns das, Stand heute, nicht unsere Erinnerungen wiedergeben.

Die Evolution interessiert sich nicht für unsere privaten Erinnerungen, aber warum sollten wir uns für die Evolution interessieren? Wir leben längst ein Leben, bei dem viele gar nicht mehr die Absichten haben, Nachkommen in die Welt zu setzen. Der Spaß beim Sex war vielleicht mal ein Produkt der Evolution um Nachkommen zu sichern, doch das hat sich längst verselbstständigt. Ein Bruchteil sexueller Handlungen wird heute noch ausgeführt, um Nachkommen in die Welt zu setzen.

Minimiert die biologisch und virtuelle Unterblichkeit eigentlich die Todesangst?

Klar, sollte man meinen. Doch auf der anderen Seite, wenn man nicht mehr altern müsste, nimmt dann nicht sogar die Angst vor Unfällen, Flugzeugabstürzen, Terrorangriffen dramatisch zu? Wir müssten ständig in der Angst leben, dass all unsere Zellen zerstört werden und unser Bewusstsein müsste immer aktualisiert auf einen Speicher gezogen werden und zuletzt müssten wir darauf vertrauen, dass wir auch tatsächlich wieder rekonstruiert werden. Warum sollten andere das tun? Nur weil wir vielleicht irgendwo Geld hinterlegt haben?

Wenn die virtuelle Unsterblichkeit per Computerupload gelingt, wie geht dann die Evolution weiter? Wie verändert sich unsere Umgebung? Was, wenn ein Virus das Programm beschädigt, könnten wir dann doch sterben? Wären parallele Welten denkbar?

Subtilere Fragen und Kritikpunkte sind die nach den ethischen Konsequenzen. Wie lange sind wir noch “Menschen”, wenn wir uns nach Wunsch optimieren können, denn die optimierten Versionen geben natürlich den Trend vor. Die biologische Evolution wäre ein Auslaufmodell, die an uns Menschen angepassten Werte auch. Was auf den ersten Blick verlockend klingt, wäre nicht weniger als das Ende der Menschheit. Alle nach Wunsch durchoptimiert, aber sind alle privaten Wünsche auch gesellschaftlich wünschenswert? Und gäbe es noch jemanden, den das kümmert? Was hinderte uns Sex-, Arbeitssklaven und Soldaten zu schaffen, wenn Kriege demnächst nicht ohnehin vollautomatisch laufen?