Die meditative Praxis: Spannung und Langeweile

Yogi in Decke gehüllt, rot-weiß gestreifte Wand

Für manche ist Meditation ihr Leben. © Michał Huniewicz under cc

Meditation ist eine ständige Berg- und Talfahrt, zwischen Spannung und Langeweile und mit beidem muss man klarkommen. Die spannenden Momente sind viel prickelnder, was man nicht erklären muss, aber aus dem Grunde auch gefährlicher. Das Motiv, etwas Spannendes und Besonderes zu erleben, ist nicht unredlich und irgendwie auch zutiefst menschlich, steht der Absicht das Anhaften zu unterlassen aber diametral im Wege.

Ein gewisser Selbstschutz liegt darin, dass die spannenden Erfahrungen in der Meditation rar sind, die Langweile dominiert, hat aber unter spirituellen Gesichtspunkten durchaus ihren Wert. Wenn man dann irgendwann begriffen hat, dass die Idee, sich besonders großartig und abgehoben zu fühlen, sich gar nicht so gut mit den oft hehren Zielen der spirituellen Karriere verträgt, kommt man ein wenig ins Grübeln. Wozu dann? Wozu mach ich das alles? Es ist ein eigenes Thema, ob man auf dem spirituellen Weg überhaupt Ziele haben soll. Macht das Wollen nicht alles kaputt? Ist das nicht nur ein weiteres, anhaftendes Egospiel? Andererseits, sich immer wieder hinzusetzen, auch wenn man keine Lust hat, das erfordert schon einen gewissen Willen, ohne den setzt man sich eben oft nicht hin.

Und da sind dann diese spannenden Momente, für die der ganze Zauber sich dann irgendwie doch lohnt. Erfahrungen, dass die Zeit anders vergeht, Einheitserfahrungen, Kontakt mit ‘anderen Welten’, Wahrnehmungen und Erlebnisse, die man aus dem Alltag eher nicht kennt. Nur, dass es um all das eigentlich nicht geht, sondern dies eher als hinderlich angesehen wird, von den Meistern dieser Disziplinen. Ausgerechnet das, was spannend ist, soll man also nicht überbewerten, ist nicht das, worum es geht? Das ist Therapie in einem sehr weiten Rahmen, eine Therapie, die das Ich und das Spektakuläre immer wieder in seine Schranken weist. Es geht um den Wechsel und um die ständig wechselnden Ansprüche des Lebens und damit natürlich auch der anderen Menschen. Doch zunächst muss man mit sich klarkommen, das stimmt schon. Meditation ist wunderbar geeignet, um innerlich und äußerlich zur Ruhe zu kommen und jeder Mensch ist anders. Vielleicht braucht man 20 Jahre um das zu schaffen. Das klingt nach viel Zeit, doch einige denken in Inkarnationszyklen und bei 100 Leben sind 20 Jahre wenig. Aber man muss nicht an Reinkarnation glauben, wenn man meditiert. Jeder Mensch ist eingebunden in eine eigene Geschichte:

“Zwar wird der Patient in der klassischen Psychoanalyse als Einzelner behandelt, aber unsichtbar sind mit ihm all die Personen, die Art ihrer soziokulturell geprägten Erziehung anwesend, mit denen er, im guten wie im schlechten, während seines ganzen Lebens mit der Ambivalenz seiner Gefühle, in Liebe und Hass, mit Bewunderung oder Verachtung verbunden war. Noch einmal erweitert sich der Horizont des Analytikers, wenn er sich fragt, zum Beispiel angesichts kollektiver Wahnhaltungen ganzer Nationen, wie es zur Ausbreitung solchen seelischen Verhaltens kommen kann. … Hier ist noch viel zu ergründen, denn man kann natürlich nicht eine Masse qua Masse zur Reflexion ihrer eigenen Position bringen.”[1]

Aber wer sich so erlebt, ist das Glied in einer Kette und er kann das, was falsch gelaufen ist, an dieser Stelle korrigieren. Psychotherapie und -analyse sind eine ungeheure Verdichtung ganzer Jahrzehnte und kann die blind tradierte Weitergabe von Mustern unterbrechen, die schon Generationen alt sind. Man kommt nie als unbeschriebenes Blatt auf die Welt und wenn man an frühere Inkarnationen glaubt, gibt es in dem Chorgesang des Zen-Meisters Hakuin Ekaku folgende Passage:

“Wem nur ein einmaliger Sitz sich vollendet, dem löst sich alles Karma auf, angehäuft in zahllosen Leben. Wo sind die Pfade des Übels, wenn Reines Land so nahe ist?”[2]

Das ist eine Steigerung der Psychotherapie. Nicht nur familiär tradierte Muster, nein, das Karma aller Inkarnationen kann augenblicklich getilgt werden. Aber was heißt das? Einmal richtig gerade hinsetzen und schon ist man alle Sorgen los? Wir kommen auch darauf zurück.

Zeichen, dass man auf dem inneren Weg weiterkommt

Die Meditation hat ein Stück weit ihre eigenen Gesetze. Geht es in der Psychotherapie oft darum, bedeutendes therapeutisches Material zum Vorschein zu bringen, tauchen in der Meditation irgendwann Splitter auf, die vollkommen unspektakulär sind, dafür nicht selten in aller Klarheit. Sätze, die man fast hört als wenn jemand sie ausgesprochen hat, Szenen des Alltags oder uralte Erinnerungen ohne erkennbaren therapeutischen Wert und Bedeutungstiefe. Und alles wird insgesamt ruhiger. Die Ereignisse des Alltags, des Lebens also, spielen noch immer eine Rolle, aber man ist viel schneller mit ihnen durch. Auch die Vergangenheit erscheint ein wenig wie ein alter Berg, der bei jedem Sitzen etwas mehr abgetragen ist und dann spielen auf einmal momentane Eindrücke eine viel größere Rolle. Wie man sitzt, wie man atmet, wie der Körper sich anfühlt.

Man weiß inzwischen, dass das Meditieren entspannt, das ist keine neue Erfahrung mehr. Gedankenleere oder die Fokussierung auf nur einen Gedanken funktioniert immer besser. Der Atem fließt tiefer, auf einmal merkt man, dass man tatsächlich tief unten im Bauch atmen kann, dass man zumindest die Empfindung hat, dass sich dort etwas öffnet. Auch jetzt gibt es immer mal wieder schlechte Tage, bei denen man irgendwie nicht reinkommt und die Gedanken umherirren, aber auch das ist okay, weil offenbar, gerade jetzt wichtig, Teil des Lebens. Man schaut es an und lässt es wieder verschwinden. Therapeutisch bearbeitet wird es nicht. Und doch ist es schon in dem Sinne Therapie, als man die Dinge konfrontiert. In der Reflexion dreht und wendet man sie, ganz bewusst. Auch das ist wunderbar. Meditation schaut nur hin, lässt die Dinge sich ganz von selbst entwickeln. Und das klappt immer besser im Laufe der Zeit.

Es kommt drauf an, welche Meditationsform man verwendet. Visualisierungen, mit denen man komplexe Mandalas baut, haben einen ganz anderen Charakter, als meditative Übungen der Empathie, geführte Meditationen oder absichtslose Meditationen, in denen man nur Zeuge ist und alles kommen und wieder gehen lässt – und das sind längst nicht alle Formen. Es kann sein, dass man ein erhöhtes Bewusstsein für Synchronizitäten hat, Ereignisse im Außen, die einen Bezug zu mir zu haben scheinen. Überhaupt ist es so, dass man sich bei fortschreitender Tiefe der Meditation mehr aufs Leben einlassen kann und nicht in Traumwelten flüchtet.

Ist Meditation zu Anfang vielleicht eine Insel der Ruhe und Klarheit – und es ist wunderschön, dass es diese Möglichkeit gibt, einen Raum der Geborgenheit in sich zu finden – und daher gut geeignet, sich eine Auszeit vom Alltag zu gönnen, fließen die getrennten Bereiche irgendwann ganz organisch wieder zusammen. Es bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Alltag, wenn man lange meditiert und man merkt auch, dass irgendwas anders geworden ist. Man ist fokussierter, weiß, dass und wie man auch unangenehme Dinge durchstehen kann und wenn man es schafft, eine meditative Haltung des Bewusstseins in den Alltag zu retten, so ist dies wunderbar. Vielleicht fühlt man sich besser, vielleicht auch nicht, in jedem Fall wird man klarer. Die Dinge klarer zu sehen, heißt nicht zwingend, dass es einem dadurch besser gehen muss. Aber das kann dann später kommen und ist der Sinn der Meditation in einem ernsthaften spirituellen Kontext.