Psychotherapie und Meditation

Ballon überm Meer, nachts

Bei einiger Erfahrung mit der Meditation beruhigen sich die Wogen oft schnell. © Lenny K Photography under cc

Psychotherapie und Meditation ergänzen einander in einer Vielzahl von Fällen, wenn man mit beidem umzugehen weiß. Es ist nur schwer, nachträglich auseinander zu halten, was welchen Effekt hervorgerufen hat. Beides sind wunderbare Mittel die uns helfen können und man kann nicht sagen, welches insgesamt besser ist, es geht eher darum, wer an welcher Stelle seines Lebens steht. Früher wurde oft gesagt, Meditation sei bei einigen Erkrankungen kontraindiziert oder gar gefährlich, aber wenn man Psychotherapie und Meditiation in sinnvoller Kombination einzusetzen weiß, sieht das anders aus, da es auf beiden Gebieten verschiedene Disziplinen gibt, es gibt die Psychotherapie so wenig, wie die Meditation. Hier ist also die Erfahrung eines Therapeuten gefragt, der beides kennt und vernünftig einzusetzen weiß.

Eine therapeutische Wirkung haben vor allem konfrontative Aspekte, deutlich wird das aktuell beim EMDR, einem erfolgreichen Verfahren für traumatisierte Patienten, bei dem Konfrontation und Augenbewegungen kombiniert werden, doch scheint der entscheidende Aspekt nicht die Augenbewegung zu sein, sondern, dass man sich das Ereignis, in einem therapeutisch geschützten Rahmen, noch einmal anschaut. Das ist bei der absichtslosen Meditation, bei der man Ereignisse, Gedanken, Empfindungen, Gefühle kommen und gehen lässt auch der Fall, nur ist der Regisseur ein anderer. Aber der therapeutische Effekt der Meditation ist so zu erklären.

In eine andere Richtung gehen Ansätze, die man ebenfalls aus Psychotherapie und Meditation kennt, die imaginativen Ansätze. Ob bei Sportlern, die einen Bewegungsablauf verinnerlichen, in der Hypnotherapie, katathymen Verfahren bis zur Reinkarnationstherapie, aber auch bei Spontanheilungen, ganz offenbar haben innere Bilder eine erhebliche therapeutische Kraft, eine, die auch die Meditation zu nutzen weiß.

Vielleicht der organischste, psychosomatische Aspekt, bei der innere Bilder zum Kreieren einer neuen inneren Welt bewusst benutzt werden kann. Dass das alles andere als ein Fake ist, sollte uns spätestens dann bewusst werden, wenn man reflektiert, dass auch unsere negativen Bilder oftmals nur Verinnerlichungen dessen sind, was unsere Überzeugung ist.

Wem nur ein einmaliger Sitz sich vollendet…

Der Vorteil der Meditation ist, dass sie eine Praxis ist. Man muss nicht an sie glauben, sondern erlebt ihre Wirkung am eigenen Leib. Auf die Weise, wie wir sie beschrieben haben, erst der Kampf mit dem Ungewohnten, dem rebellierenden Körper, den flirrenden Gedanken und Gefühlen, dann jedoch spielt das irgendwann eine untergeordnete und später keine Rolle mehr. Man entspannt sich, erholt sich, kann sich eine Art Parallelwelt erschaffen, der Wellnessfaktor steigt, man hat mitunter seltsame Erfahrungen, da man sie selbst und auch wiederholt erleben kann, haben sie eine erhebliche subjektive Kraft. Doch nach und nach hat man die Möglichkeit, diese andere Welt, mit der, die man als Alltag erlebt, wieder zusammen zu bringen. Das ist schon ganz praktisch, weil Körper und Geist oder Psyche da oft parallel gehen, was wiederum gut ist, da man auf dieser Weise geerdet ist.

Doch wie war es jetzt mit dem unermesslich aufgehäuften Karma, das verschwinden soll, wenn ein einmaliger Sitz sich vollendet? Es ist ein unerhörtes und radikales Angebot, das die Spiritualität macht. Wir stellen uns Entwicklung gewöhnlich als ein Voranschreiten im Sinne des Höher- oder Weiterkommens vor. Das ist soweit auch abgesegnet, doch es gibt spirituelle Pfade, die sagen, dass Meditation einfach der effizienteste Weg in den Irrtum sei. Auch da ist etwas dran. Man kommt, wenn man fleißig und begabt ist, höher und höher, bis zu jenem Punkt, an dem es kein Höheres mehr gibt und sieht dann, dass man das alles schon vorher hätte haben können.

So mag Entwicklung etwas wie ein Treppenhaus sein, mit einzelnen Etagen. Man geht Etage für Etage, zieht vielleicht dann und wann um, in das nächsthöhere Stockwerk, doch die Wände des Treppenhauses sind aus dünnstem Papier und greift man hindurch, egal an welcher Stelle, ist die Illusion sofort vorbei. Und wo befindet man sich dann?

Das ganz andere kann es nicht sein, denn die Urwunde ist nun gerade die, dass man die Welt ablehnt, sie und das eigene Leben gerne anders hätte, als es ist. Die höchsten Stufen spiritueller Einsichten werden dann gewöhnlich auch als nondual, advaita, nicht Zwei bezeichnet. Es gibt keine Parallelwelt. Die Idee, die Erleuchtung sei an besondere Umstände gebunden, sie stimmt nicht. All das, was man anderswo findet, lässt sich mitten im Leben finden. Das Festhalten der Gnadenfülle, die es gibt, ist aber ebenfalls nicht das Ziel, sondern eine weitere Parallelwelt, der Vishnu-Komplex, wie der spirituelle Theoretiker und Praktiker Ken Wilber großartig erläutert.

Leben ist der stete Wechsel der Eindrücke. Die Idee, dass es prinzipiell anders sein könnte, ist eine Illusion. Die Illusion der Anhaftung, einer Illusion ist letztlich Leid verursacht. Psychotherapeutisch ist das der Fall, wenn die Realität von der geschönten Wirklichkeit zu weit abweicht. Wer glaubt eine harmonische und intakte Beziehung zu führen, während der Partner gerade die Koffer packt, ist irgendwie schief gewickelt. Man könnte therapeutisch aufarbeiten, dass Selbstbild und das Bild, was der Partner von einem hat, vielleicht nicht zusammenpassen.

Psychotherapie und Meditation laufen hier parallel, denn Spiritualität heißt, stabil genug zu sein, die Wahrheit ertragen zu können. Wie Chögyam Trungpa Rinpoche, ein tibetischer Meister, in einem Kommentar zum tibetischen Totenbuch klar macht, befinden sich die Bardo-Reiche und Zwischenwelten zwischen zwei Augenblicken unser normaler Welterfahrung:

“Die ganze Schilderung gründet – mit anderen Worten – auf einer anderen Art und Weise, das psychologische Bild unserer selbst anzusehen, nämlich in der Form einer praktischen meditativen Situation. Niemand wird uns retten, alles ist ganz und gar dem Individuum überlassen, der Hingabe an das, was wir sind. Gurus und spirituelle Freunde mögen uns auf diese Möglichkeit hinweisen, aber im Grunde haben sie keine Funktion.”[3]

Konfrontation und Desillusionierung weisen den Weg zur Erleuchtung. Es kann aber ethisch legitim sein, einen Menschen auf der für ihn optimalen Stufe von Erkenntnis und Illusion verweilen zu lassen. Das Leben ist steter Wechsel, mitsamt den dazu gehörenden Stimmungen. Das ist nun nichts, was sonderlich eindrucksvoll wäre: Psychotherapie und Meditation helfen uns mit ihren jeweiligen Mitteln diese Erkenntnis auszuhalten.

Wem nur ein einmaliger Sitz sich vollendet, dem löst sich alles Karma auf, angehäuft in zahllosen Leben, weil er begriffen hat, dass die Tür zur anderen Welt immer offen und diese vom Alltag nicht getrennt ist. Es ist die Erfahrung der Kontinuität des Jetzt, als eines Momentes in dem nichts fehlt. Man kann Ewigkeit buchstäblich immer wieder erleben und hat es selbst in der Hand.

Inwieweit höhere Welten real sind und was das überhaupt heißen könnte, dazu vielleicht irgendwann mehr in einem dritten Teil.

Quellen