Kleiner Junge mit Krone

Der kleine König hat es oft alles andere als leicht im Leben. © John Paul Marcelino under cc

Die Erziehung wandelt sich im Laufe der Zeiten, macht wie alles andere auch Modebewegungen mit und für die letzten Jahrzehnte galt ein Baustein der Erziehung als gesetzt: das Lob.

Loben, so lautete bis vor kurzem die Überzeugung, könne man nie genug. Damit könne man nichts falsch machen. Inzwischen ist dieser Ansatz der positiven Verstärkung sogar bis in die Hundeerziehung vorgedrungen und das mit Erfolg. (Man verzeihe mir den Vergleich, aber dass Ergebnisse der Tierforschung oft eins zu eins auf den Menschen angewendet werden, hat in der Psychologie und Erziehung durchaus Tradition und wird ironischerweise als besonders wissenschaftlich angesehen.) Das hat positive Seiten, die erste und wichtigste war, dass man die Relikte der Schwarzen Pädagogik in der Erziehung zurückdrängen konnte.

Schwarze Pädagogik

“Schwarze Pädagogik ist ein negativ wertender Sammelbegriff für Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung als Mittel
enthalten. Der Begriff wurde 1977 von der Soziologin Katharina Rutschky mit der Veröffentlichung eines Buches unter gleichem Titel eingeführt.”[1]

Durch Diskussionen und eine zunehmende Sensibilisierung in der Gesellschaft ist immer klarer geworden, dass Gewalt und Einschüchterung als Mittel der Erziehung nicht taugen und letztlich nur arme unterdrückte Kinder hervorbringt, die, so arbeitete die Schweizer Psychologin Alice Miller heraus, zu allem Überfluss das Muster ihrer Unterdrückung auch noch an ihre Kinder weitergeben. Das ist als Wiederholungszwang in der Psychoanalyse, in der auch Alice Miller ihre Wurzel hatte, weitgehend bekannt und akzeptiert.

Doch keine Bewegung kommt ohne Übertreibung aus und so wurde der Begriff des Missbrauchs vor allem von Alice Miller so weit ausgedehnt, dass man kaum mehr ein Kind finden konnte, was in ihrem Sinne nicht missbraucht war. Auf einmal war alles Missbrauch, selbst banale Alltagsereignisse. Paradigmatisch beschreibt Miller in einem ihrer Bücher eine von ihr beobachtete Alltagssszene eines jungen Paares, mit Kind. Hellsichtig und einfühlsam, vielleicht aber auch überzeichnet, beobachtet Miller, wie das kleine Kind neben den Eltern hertrottet, die sich eben ein Eis kauften. Ein ganzes Eis sei für das Kind zu kalt, darum ließ die Mutter das Kind von ihrem Eis abbeißen. Das Kind wollte aber nicht abbeißen, sondern ein eigenes Eis, was die Eltern nicht verstanden oder ignorierten und so weinte das Kind herzzerreißend. Die durchaus liebevollen Eltern nahmen sein Weinen nicht so wichtig und als der Vater dem Kind am Ende den von ihm abgeschleckten Eisstiel gab, war das Drama perfekt. Miller deutet das Verhalten der Eltern als unempathisch und in der Weise, dass die Eltern, in dem sie das Kind und seine Bedürfnisse klein halten und verachten, nicht mit ihren eigenen Wunden und Enttäuschungen aus ihrer Kindheit in Kontakt kommen. [2]

Doppelbindungen bei dem Konzept von Alice Miller

Denn, das ist ein Problem bei Millers Ansatz, man kann bei ihr nicht nicht missbraucht worden sein. Entweder man erkennt, anerkennt und bearbeitet den eigenen Missbrauch oder man leugnet ihn und ist so gezwungen, ihn an die nächste Generation weiter zu geben. Wer behauptet, ihm sei in seiner Kindheit gar nicht übel mitgespielt worden, der steht schon im Verdacht zu leugnen, zu bagatellisieren und Täter zu werden.

Unterstellen wir, dass Miller tatsächlich besonders feinfühlig war, so bleiben doch gewaltige Probleme zurück. Man muss schon ähnlich hellsichtig um ihr Idealbild zu erreichen und vielleicht ist dieses auch gar nicht immer wünschenswert, dazu unten mehr. Auf jeden Fall baut die Forderung nach Hellsichtigkeit, Empathie und Feinfühligkeit einen immensen Druck auf Seiten der Eltern auf, denn im Grunde können sie nun kaum mehr etwas richtig machen und der Begriff der das bezeichnet, was dann im Raum steht, ist ziemlich vernichtend: Missbrauch!

Vor allem das Buch Das Drama des begabten Kindes von Alice Miller traf den Nerv der Zeit. Und diese Zeit waren die frühen 1980er Jahre. Um zu verstehen, was dort passierte muss man sich das damalige gesellschaftliche Klima vor Augen führen: es war eine noch immer euphorische Zeit, in der die Fortschrittsgläubigkeit aber erste Risse bekam (vgl.: Geschehen die Veränderungen in der Welt zu schnell?). Es war die Zeit in der der US-Historiker Christopher Lasch in Amerika ein Zeitalter des Narzissmus diagnostizierte.

Es traf den Nerv nicht, weil alle Eltern sich nun um ihre Kinder sorgten, sondern weil diejenigen, die das Buch lasen, auf einmal eine prima Entschuldigung dafür hatten, wenn es in ihrem Leben nicht so doll lief. Die Entschuldigung war ganz einfach: “Was hätte alles aus mir werden können, wenn meine Eltern nicht so grauenhaft versagt hätten?” Ein Teil der Menschen, die das Buch gelesen haben, fühlten sich zum ersten Mal in ihrem Leben richtig verstanden und eingeschätzt, nämlich als verkanntes Genie, das bisher nur deshalb nicht durchstarten konnte, weil die Eltern es missbrauchten und seine Fähigkeiten und Talente unempathisch missachteten.

Ken Wilber weist darauf hin, dass Millers Erstling zunächst unter dem Titel Gefangene der Kindheit erschien und nur mäßige Beachtung fand. Erst durch ein Genie in der Marketing Abteilung erhielt das Buch den Titel Das Drama des begabten Kindes und wurde zum Renner. [3]

Wie das Drama begann

Es gab in den später 1970ern etwa zehn Jahre lag einen gesellschaftlichen Streit, zwischen einem Lager das meinte so ziemlich alles an und in der Kindheit fest machen zu können, was im Grunde richtig ist, verbunden mit einer Idee nachträglich alles wieder korrigieren zu können und diese etwas leichtfertige Sicht erwies sich als kapitaler Fehler. In einer Bemerkung über diese Zeit hörte ich, sie sei bei einigen von der Überzeugung durchdrungen gewesen, dass man jeden verstehen und auch Hitler resozialisieren hätte können. Es war die Zeit in der Soziologie und Sozialarbeit groß geschrieben wurden und Reintegration in die Gesellschaft, die ungemein wichtig ist, auf dem Boden eines allumfassenden Verständnisses für alles und jeden erwirkt werden sollte.

Die berühmt-berüchtigte Rede von der “schweren Kindheit” hatte hier ihre Geburtsstunde und das Konzept hieß geduldiges Zuhören, Verständnis und dann darauf hoffen, dass eine bedingungslose Annahme den anderen dazu bringt, sich zu öffnen, seine Probleme zu erkennen und zu bearbeiten und dass er in der Folge auch selbst seine Umgebung annimmt und wertschätzt.

Dieser Ansatz hat seine Berechtigung aber auch seine Grenzen. Skepsis gab es schon immer. Auch die Euphorie hinsichtlich der Möglichkeiten der Sozialarbeit wurde kritisch gesehen und so bildete sich parallel zur Gruppe jener, die auf die Wirksamkeit von Verständnis und Empathie setzten, eine andere Gruppe, die Verständnis und Empathie zwar als Grundlagen akzeptierte, aber sagte, dass das erst der Anfang sei.

Verstehen, warum man unter den Bedingungen so geworden ist, ja, aber dann sei der eigentlich befreiende zweite Schritt nötig, nämlich zu erkennen, dass man, egal was gewesen ist, nun ein Leben selbst bestimmen kann und das schafft man insbesondere und nur dann, wenn es gelingt, die Projektionen zurück zu nehmen und künftig die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Was wiederum die erste Gruppe als kaltherzigen Rückfall und abermalige Rechtfertigung der Schwarzen Pädagogik ausdeutet und sagt, damit werde jemand nur ein weiteres Mal zum Opfer gemacht. Die Diskussion kann man bis in feinste Feinheiten treiben, wir brechen an dieser Stelle ab.

Der Pyrrhussieg

vier Bodybuilder auf der Bühne

Grotesk oder großartig? Die Perfektionierung des Körpers. © NAPA MEDIA under cc

Es gab wie immer moderate und extreme Vertreter des einen und anderen Lagers, durchgesetzt hat sich aber in der Breite die Ansicht, dass es besser sei maximales Verständnis aufzubringen und dass so die Probleme am besten zu lösen seien. Ein Pyrrhussieg, wie sich herausstellen sollte.

Eine Generation später. Man hat seine Alice Miller gelesen und weiß nun was Kinder brauchen um erfolgreich zu sein: Lob, Zuspruch und ein Umfeld was nicht nur bedingungslos zu ihm hält, sondern möglichst auch noch alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Und so legten die Eltern los: Mit dem Panzer (SUV) zur Frühförderung, zur Schule, zur Nachhilfe, aber auch die musischen Fähigkeiten, soziale Kompetenz und auch der Körper sollten in dem Megaprojekt “unser Kind” gefördert werden, auf dass es so perfekt werde, wie man selbst gerne geworden wäre und hätte werden können, wenn die eigenen Eltern sensibler gewesen wären.

Inzwischen sind diese Eltern als Helicopter Eltern bekannt und gefürchtet, die ihr Kind und sein Umfeld allzeit kontrollieren und aufpassen, dass auch ja alles perfekt läuft und wehe dem, der das eigene Kind nicht umsorgt, behütet und in ihm das kommende Genie erkennt, wie die Eltern es selbst sehen. Oder als Curling Eltern, weil sie, wie beim Curling, jedes antizipierte Hindernis auf der Karrierebahn des Kindes aus dem Weg schießen.

Das Lob wird zur Allzweckwaffe

Dass diese Kinder allumfassend beachtet und gelobt werden ist selbstverständlich. Nichts können sie falsch machen und wenn ihnen der frühe Erfolg nicht vergönnt ist und nicht spätestens in der Kita die Hochbegabung auffällt, so liegt das nur daran, dass die Kita Frau so unsensibel und missachtend ist, wie es ehedem die eigenen Eltern waren, aber da hat man die Rechnung ohne die Helicopter Eltern gemacht, die noch jedem erklären, wie der Beruf, den man seit 20 Jahre ausübt, tatsächlich, richtig und viel besser geht, ob bei Lehrerin oder Arzt, spielt keine Rolle.

Das Kind und wie es aussieht, besonders das männliche, kann vor seinem Erfolg kaum fliehen und nichts mehr falsch machen. Ständig und immer wird des gelobt, um nur ja zu verhindern, dass es ein geringes Selbstbewusstsein hat, denn man weiß, wie gefährlich der Einfluss der Umwelt ist. Das Lob wird so ständig angewandt, losgelöst vom Kontext, doch wer immer gelobt wird, lernt nicht, sich im Leben angemessen zu orientieren, weil man ja nichts falsch macht und wenn es doch mal dumm läuft, der Fehler woanders gesucht wird. Kraftfutter für ein hypertrophiertes Ego und für Narzissmus. Dieser Ansicht ist der Neurowisssenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli, der sich in seinem Buch Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist vor allem auf eine Studie von des niederländischen Psycologen Eddie Brummelman und Kollegen beruft, die Studie sehen Sie hier: klick.

Sie belegt, dass Kinder, die zu viel gelobt werden in zweierlei Arten negativ auf Lob reagieren. Unsichere Kinder werden durch Kübel von Lob nicht etwa sicherer, sondern blockieren. Da sie unsicher sind und gelobt werden, haben sie Angst die offenbar hohe Meinung die ihre Eltern von ihnen haben zu gefährden und versuchen nun keinen Fehler mehr zu machen, um diesen Status nie wieder zu verlieren. Die anderen, selbstsicheren Kinder saugen das Lob auf wie ein Schwamm und meinen tatsächlich, sie seien kleine Könige und der Rest der Welt ihr Hofstaat. Genau so kennen sie es ja auch. Vorbei mit dem lustvoll kindlichen Ausprobieren, die einen werden immer gehemmter, die anderen maßloser. Sie werden Narzissten.[4]

Dabei ist das Lob an sich kein Problem, wenn es dort ein gesetzt wird, wo es passt und mit liebevoller Kritik und klaren und nachvollziehbaren Grenzen (die nicht täglich anders sind) Hand in Hand geht. Das Lob ist gut und wichtig, man darf das Thema nicht schwarz/weiß verstehen und entweder gar nicht oder ständig loben, das angemessene Lob ist nach wie vor wunderbar und hilft dem Kind seine Welt realistisch einzuschätzen.

Zur Klärung

Hinter der Ansatz von Alice Miller steht die Idee, dass Narzissmus eine mehr oder weniger normale Stufe der kindlichen Entwicklung ist (primärer Narzissmus), der sich irgendwann auswächst und das am ehesten dann, wenn das Kind seine narzisstischen Bedürfnisse stillen kann. Wer seine orale Gier und seine Selbstbezogenheit als Kind ausleben darf, dessen Bedarf ist zeitlebens gedeckt und wird sich von selbst auf ein angemessenes Normalmaß herunter regeln.

Aber es spricht nicht viel dafür, dass Narzissmus sich auswächst. Der Arzt für Psychosomatik und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke erzählte im Kreise von Auszubildenden, von einer Mutter mehrerer Kinder, die mit dieser Einstellung an das Thema Abstillen heran ging mit dem Ergebnis, dass ihr inzwischen 6-jähriges Kind zusätzlich zu den anderen noch immer an die Mutterbrust will.

Hinter all dem steckt die Idee, dass Kinder es nicht ertragen und verwinden können (und psychisch krank werden), wenn man ihnen Grenzen setzt und diese Idee ist falsch. Die Grenzen müssen nur verlässlich sein. Wenn sie täglich geändert werden, kann das Kind damit nicht klar kommen, etwa wenn sich die Regeln nach den Launen der Eltern richten. Ist die Stimmung gut, ist das Kind toll und darf alles, bei schlechter Laune der Eltern, wird es angeblafft und kriegt verboten, was gestern noch erlaubt war. Wenn Regeln Ausdruck einer sadistischen Machtdemonstration sind, die dem Kind nur zeigen sollen, wer die Hosen anhat, strukturieren Regeln nicht, sondern erniedrigen. Das betrifft jedoch nur gestörte Eltern und die erreicht man ohnehin leider nicht.

Entspannung wäre angezeigt

drei knieend spielende Kinder

Kinder sind glücklich, wenn sie Kinder sein dürfen. © dierk schaefer under cc

Forschungen haben gezeigt, dass das Beste für ein Kind ein im landläufigen Sinne normales Umfeld ist, in dem vor allem Spitzenaffekte vermieden werden. Spitzenaffekte zu vermeiden bedeutet keine grundlose Aggression, keine chronische Gewalt, keine sexuellen Übergriffe, kein Bezeugenmüssen der Letztgenannten, aber auch keine exzessive Beachtung, kein in den Himmel heben, kein Lob für jeden Pups.

Das passt ganz gut zu der hier schon vorgestellten Ideen, dass der Wegfall des Ödipuskomplexes, einer einerseits belastenden, andererseits aber auch schützenden und strukturierenden Situation ein Problem darstellt, eines, aus dem ein Anwachsen des Narzissmus in der Gesellschaft abzuleiten ist, das Bonelli, Brummelman und Jean Twenge ebenfalls konstatieren.

Übersetzt heißt das, dass viele Eltern sich entspannen und einen oder zwei Gänge raus nehmen können. Kleine Unachtsamkeiten wachsen sich nicht zum Psychotrauma und zur gravierenden Störung aus, chronische Vernachlässigung, Gewalt und Überbehütung sind zerstörerische Faktoren, aber in einem ruhigen und emotional verlässlichen Umfeld, in dem das Kind beachtet und geliebt, aber nicht dauerkontrolliert, gehyped und vergöttert oder nur vorgeführt wird, um zu zeigen, wie brav und hübsch es ist und wie toll es Geige spielt, ansonsten aber unbeachtet bleibt, sind Kinder robust und entwickeln sich gut. Dass das Kind sich vielleicht “nur” wohl fühlt und mit dem Leben zufrieden ist, ist den Helicopter Eltern die immer nur das Optimum wollen, durchaus, zum Wohle ihrer Kinder, zuzumuten.

Bedingungslose Annahme und Therapieabbruch

Einen Dämpfer hat die Idee der bedingungslosen Annahme des anderen auch im therapeutischen Setting erhalten. Auch hier prallten zwei Weltanschauungen aufeinander, die eine besagt, dass das therapeutische Band des Vertrauens zwischen Patient und Therapeut nicht zerreißen darf und das aller Wichtigste wäre. Aus diesem Grund würde man Patienten zunächst einmal alles durchgehen lassen und ihr Verhalten mit Verständnis begegnen und tolerieren, später dann, wenn das Vertrauensverhältnis stabil ist, könne man dann immer noch schonend konfrontativer werden, auch aus der Sorge begründet, dass der Patient die Therapie abbrechen könnte.

Das andere Lager setzte von Beginn an auf Strukturierung und Behandlungsverträge, die sehr genau regeln, was erlaubt ist und was nicht. Tatsächlich kommt es mitunter zu, durchaus erwünschten, Übertragungen, das heißt der Patient fühlt sich brüskiert und drangsaliert, doch diese Übertragungsreaktion ist kein Fehler, sondern das, womit man arbeiten will. Im Unterschied zur obigen Gruppe traut man dem Patienten zu, diese Konfrontation auszuhalten, mit dem durchaus überzeugenden Argument, dass es sich vielfach um Menschen handelt, die ohnehin in all ihren Alltagsbeziehungen mit der Welt im Clinch liegen. Tatsächlich waren die Zahlen der Therapieabbrecher, entgegen der Sorge, beim strukturierten Modell erheblich geringer.

Falsche und echte Opfer

Die Tendenz aus jedem ein Opfer zu machen hat noch eine weitere, problematische Seite, nämlich die, dass nicht selten Menschen im Fokus des Interesses stehen, die viel Beachtung wollen, während tatsächliche Opfer von jahrelangem schweren, sexuellen Missbrauch, chronischen Gewalterfahrungen oder jene, die in ihrer Familie immer wieder mit ansehen mussten, wie der Vater die Mutter im Suff beleidigt, demütigt, vergewaltigt und schlägt, vielleicht nicht so einen glänzenden medialen Auftritt hinlegen können.

Es gibt traumatisierende und für Kinder schreckliche Ereignisse, die von Eltern unterschätzt werden, aber es gibt eben auch Schwierigkeiten im Leben, die ganz einfach dazugehören und die eher als Ankratzen der Komfortzone zu bezeichnen sind. Narzissten zeichnet es aus, dass die dezente Verletzung ihrer Komfortzone für sie mindestens gleichrangig mit einer echten Katastrophe im Leben eines anderen ist, was insofern folgerichtig ist, als sie sich für den wichtigsten Menschen der Welt halten. Da eines der Hauptcharakteristika des Narzissmus chronischer bewusster und unbewusster Neid ist, sei erwähnt, dass es vorkommen kann, dass Narzissten über das Leid eines anderen geradezu verbittert sind und zwar aus dem Grund, dass dieser beim Buhlen um Aufmerksamkeit die bessere Story hat. Er steht für einen Moment im Mittelpunkt, nicht sie.

Sonderbehandlung

Holzschild Elternberatung

Oft sind es die Eltern, die Beratung brauchen. © Dirk Vorderstraße under cc

Nachdem in den 1980ern bis etwa Ende der 1990er neben der multiplen Persönlichkeit, die auf einmal viel häufiger war als gewöhnlich diagnostiziert wurde, der Missbrauch stand, manchmal eben auch einer, der iatrogen induziert oder selbst angelesen war, flachte zu Beginn des neuen Jahrtausends eine neue Welle der nach Überaufmerksamkeit heischenden Diagnosen auf. Die Hochbegabung. Auf einmal musste jedes Kind hochbegabt sein und wenn die Schulleistung nicht gut war, war die erste Erklärung dafür, dass es sich nur um eine Hochbegabung handeln könne. Tatsächlich sind hochbegabte Kinder oftmals schwierig und sogar schlecht in der Schule, aber der Umkehrschluss, dass hinter einer Lernschwäche dieser oder jeder Art nun zwingend Hochbegabung als Ursache stehen müsse, ist grundfalsch, was schon daran erkennbar wird, dass immer nur sehr wenige hochbegabt sind.

Ein ganzer Markt hat sich darauf spezialisiert hochbegabte Kinder zu erkennen und zu fördern, doch inzwischen ebbt auch diese Welle wieder etwas ab, etwas überspitzt gesagt kam dann der Autismus in Mode. Auch hier waren Tests, Aufmerksamkeit und Sonderbehandlung gesichert, was wiederum nicht heißen soll, dass es keine Autisten gibt (vor allem die vom gut organisierten Asperger Typ mit sehr hoher Intelligenz sind die, die besonders zunehmen) und ein Wissen darüber, wie man mit ihnen umgeht, sehr hilfreich für alle Beteiligten sein kann, nur sollte man bei Modeerscheinungen kritischer sein.

Aus der teilbegabt, hochbegabt, inselbegabt, indigo und irgendwie in Ansätzen autistisch Mischung ist etwas Neues entsprungen, die Hypersensibilität. Den Hypersensiblen ist schnell alles zu viel, zumindest aber manche Eindrücke des normalen Alltages, unter dehnen andere nicht oder weniger leiden. Gerüche, Geräusche, was auch immer und auch hier gibt es wieder die Mischung zwischen einer echten Erkenntnis einer Seinsart und einer vielleicht sogar größeren Menge von Trittbrettfahrern, die vor allem viel Aufmerksamkeit brauchen.

Ich meine das nicht herablassend, sondern will darauf aufmerksam machen, dass das nicht selten Menschen sind, die ihre eigene Problematik verleugnen und denen darum nicht geholfen werden kann. Die Tatsache, dass sie Aufmerksamkeit bekommen hilft ihnen nicht bei ihren Symptomen, auch wenn sie sich kurzfristig im Fokus der Beachtung wohl fühlen, nicht selten, weil sie meinen, dass ihnen genau das zusteht.

Wie sensibel sollte man sein?

Dabei ist die Frage, ob und inwieweit man das kultivieren sollte. Wer sich auf irgend einen Bereich des Lebens konzentriert, wird in diesem sensibler, einfach durch Training. Ob man 10 Jahre Geige spielt, Kranke pflegt oder Hypochonder ist, man wird auf seinem Gebiet besser, differenzierter und eben auch sensibler, das geht bis in der neuroanatomische Nachweisbarkeit.

Nun ist die Frage, wie man darauf reagieren sollte. Es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen, man kultiviert den Exoten in sich. Das ist der mehr oder minder bewusste Schritt raus der Norm, in eine eigene Welt. Man wird dann zum Exzentriker, aber, wie in dem Artikel über dieselben dargestellt, gibt es eine sehr selbst- und weltzufriedene Spezies unter ihnen. Liebenswerte Sonderlinge, die in ihrer eigenen Welt angekommen und glücklich sind und mit den Angeboten und Verlockungen der Welt nicht viel anfangen können oder wollen. Daran kann man auch erkennen, ob man zum begabten Sonderling taugt, der Indikator ist das eigene Glücksempfinden und es ist denkbar und wünschenswert, dass die echten Hypersensiblen, die wenigen, die es geben wird, ihre Nische in der Welt finden oder eine neue kreieren. Auf Lob und Anerkennung von anderen sind diese Menschen oft gar nicht wild, auch missionieren sie selbst die anderen nicht.

Anders ist es bei den Trittbrettfahrern, die vermutlich eher unbewusst als absichtlich in all den Angeboten des Besonderen Mittel sehen um ihren gefühlten Sonderstatus, ihren Wunsch nach Lob und Anerkennung, bei der kuriosen Unfähigkeit sie zu wertschätzen, zu unterstreichen. Das Problem ist aber, dass sie als Trittbrettfahrer hier nie eine echte Heimat finden, sie verachten nur das Durchschnittliche. Vor allem das Durchschnittliche in sich ist es, was sie nicht ertragen können, wenn sie auf einmal konfrontieren müssen, dass sie in vielen Bereichen wie alle anderen sind, kränkt sie das außerordentlich.

Ihnen wäre dennoch zu raten, sich der normalen Welt und ihren Anforderungen zu stellen von der viele von ihnen vermutlich unterm Strich mehr profitieren, als in dem irgendwann krampfigen Versuch besonders zu erscheinen, wenn man es nicht ist. Denn wer sich von der Normalität entfernt, es aber nicht schafft sich eine kleine Insel der Glückseligkeit zu schaffen, der leidet. Zu Beginn mag das alles noch kompensiert werden können, weil man sich, durch das ewige Lob aufplustert und entweder wirklich oder kompensatorisch überzeugt ist, eine große Nummer zu sein. Doch mit der Zeit fällt das Kartenhaus in sich zusammen, die Umgebung kennt die Masche und auch die Schuldzuschreibungen an andere, wenn es wieder nicht klappte, weil die anderen einfach nicht einsehen wollten, wie genial man doch ist.

Damit sind wir wieder dort, wo unsere kleine Reise begann. Immer noch sensibler zu werden ist nicht unbedingt der richtige Weg. Man muss sich auch abgrenzen können, sich trauen, sich ein Stück vom Kuchen zu nehmen und auch mal die Rollläden herunter lassen. Auch das lernen die Kinder nämlich von ihren Eltern, dass auch mal Pause ist, dass man privat ist, dass man nicht wegen allem die Ruhe verliert. Wer meint er sei bereits perfekt und alle Welt müsse ihn lieben, erkennt nicht, dass das oft nicht der Fall ist und bekommt spätestens dann reale Probleme, wenn es Tausende andere mit demselben Anspruch gibt. Und die gibt es. Es sind die unrealistisch großgelobten Kinder. In einer Welt in der immer kleine Könige und Prinzessinnen um immer weniger Bewunderer und Dienstmägde buhlen, bekommt derjenige, der andere noch sieht und schätzen kann, einen sonderbaren Vorteil, weil er einfach nur normal ist.

Quellen: