Es tut sich was

China schreibt die Weltordnung um. Sie haben wenigstens einen Koch dabei. © KellyB. under cc

Am Anfang des Endes einer Pandemie tut sich etwas. Andere Themen werden wieder wahr genommen, viele werden, ob sie wollen oder nicht, nicht mehr zu dem Leben wie es vorher war zurück kehren können, doch auch im Januar 2020 hatten wir schon nicht mehr den Eindruck die Welt sei ein Paradies.

Viele klammern sich an das, was sie noch haben, aus Angst vor Veränderungen. Doch so abrupt wie Corona kam, so schleichend hat sich unser Leben davor schon verändert. Wiedervereinigung, Internet, Migration, Klimawandel, Vorstöße gesellschaftlicher Art, die mal die Feinheiten, mal die Basics betonen und einfordern und jetzt eben die Offenlegung so mancher Schwachstellen, die mitunter gravierend sind und alte Selbstverständlichkeiten infrage stellen.

Ich mach’ mein Ding, weil, läuft schon irgendwie. Diese Gewissheit hat sich über die Jahrzehnte ebenfalls verdünnt, bis verdünnisiert. Man schüttelt immer mehr und immer wieder den Kopf. Ich weiß nicht, ob Empörungen und Revolutionsträume die Antwort sind, oft erscheint mir das zu infantil und momentan.

Mit einem anderen Blick, einem echten Ausblick, ändert sich auch gleich die Stimmung. Ein tieferes Wissen darüber haben wir bislang nicht, weil es ein neuer Schritt ist. Ein anderer Blick ist keinesfalls ein Trick aus der Kiste der Motivationspsychologie. So nach dem ‘Sieh’ das mal positiv’ Muster. Dann werden aus Krisen Chance und aus Problemen Herausforderungen, doch wenn es dabei bleibt ist wenig bewegt. Ein neues Bewusstsein ist aber mehr als eine Neuetikettierung von Begriffen, sondern im besten Fall ein neues Verständnis von Zusammenhängen, was begreift, dass die Probleme, die wir haben, nicht so toll mit dem Ansatz gelöst werden können, der uns diese Probleme beschert hat.

Viele denken da inhaltlich, oft an das eine Thema, das für sie alles dominiert. Klima, Migration, Kapitalismus oder die politische Neuordnung der Welt. Viele denken, sie müssten warten, bis sich irgendwas oder irgendwer ändert. Wer wirklich begriffen hat, dass die wir nicht die Gefolgschaft von Politikern sind, sondern dass diese die ersten Diener des Souveräns sind, kann zugleich selbstbewusst und nachsichtig sein. Die Politik in der heutigen Form scheint an ihren Grenzen angekommen zu sein. Zu oft darf und muss man das Gefühl haben: Die Bevölkerung ist weiter. Weiter, als die Politik.

Helfen wir der Politik, in dem wir sie verschlanken und voran gehen. Es ist nicht ganz klar, wie hoch der Prozentsatz jener Menschen in einer Bevölkerung sein muss, die über ein integrales, dialektisches oder systemisches Vermögen verfügen Zusammenhänge zu sehen und Ambivalenzen zu tolerieren, dabei ein Ziel im Auge zu haben, seinen Platz im Ganzen zu finden und den anderer anzuerkennen und wertzuschätzen. Manche sagen, knapp 4% würden reichen, anderen sehen 20% als Zielwert an, vermutlich wird sich das in der Mitte einpendeln und dieser Schwellenwert dürfte annähernd erreicht sein.

Keine Angst vor Veränderungen: Besser leben ist das Ziel

Wenn sich der eine auf den anderen verlassen kann, weil man sich in einem virtuellen Team von Menschen sieht, die, einfach gesagt, die Welt besser machen wollen, dabei ihre individuellen Fähigkeiten und ihr Spezialwissen einbringen, ohne ihren Bereich für den wichtigsten der Welt zu halten, dann ist viel gewonnen.

“Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?” So und ähnlich fragt Bertolt Brecht sich und uns, in dem Gedicht “Fragen eines lesenden Arbeiters”. Die Botschaft ist klar. Vordenker und Anführer in Ehren, gebraucht wird am Ende aber jeder. Die Kompetenzen wechseln, was die eine kann, kann der andere nicht. Das wissen wir auch heute schon, allerdings wertschätzen wir bestimmte Tätigkeiten, andere weniger. Vielleicht ein typisch westdeutsches Phänomen. Die aufstrebende Mittelschicht zu Beginn der 1970er musste sich nicht mehr die Hände schmutzig machen und konnte die harte körperliche Arbeit zugunsten von Bürojobs hinter sich lassen und verdiente dabei sehr gutes Geld.

Krankenpflegerinnen, Handwerker, Bauern oder eben wenigstens der Koch, das war irgendwie eine Stufe drunter, so schien es. Inzwischen gibt es immer noch die Bürojobs, nur sind sie viel stressiger und schlechter bezahlt als vor 50 oder auch noch 30 Jahren, einer alleine kann die Familie ohnehin kaum noch ernähren. Einen Handwerker kann man sich kaum noch leisten, hat, weil man es nicht musste, aber selbst sehr viele Fähigkeiten verloren, die Dinge im Zweifel selbst zu machen. Die aktuellen Veränderungen sind, dass man merkt, dass die, über die man gestern noch leicht die Nase rümpfte, heute systemrelevant sind.

Dass man das Geld von früher nicht mehr hat, ist der eine Punkt, dass man im Grunde etwas nackt und dumm im Regen steht, wenn man nicht kochen kann, aber auch keinen Nagel in die Wand bekommt, wird heute als Mangel erlebt und die Jugend will wieder ins Handwerk. Vielleicht nicht immer als Beruf, aber Bier brauen, einen Garten bearbeiten, im Haus etwas reparieren, man will irgendwie wieder autonom werden, vielleicht auch nur weniger entfremdet.

Gleichzeitig waren die letzten 50 Jahre aber nicht nur vertane Zeit, sondern vieles, was da erprobt wurde, kann uns heute noch und wieder nutzen. In der Breite haben wir Ideen der Emanzipation und das Internet zur Verfügung, beide Bereiche sind aber keine Selbstläufer. Wenn Emanzipationsgedanken von marginalisierter Gruppen wahlweise in Rassismus oder Cancel Culture Phänomene umschlagen kippen erreichte Fortschritte in ihr Gegenteil. Wenn im Internet Hate Speech dominiert ebenfalls. Beide Ansätze können wir jedoch auch zu einem neuen, tieferen Verständnis für die anderen nutzen, wir haben die Wahl.

In der Spitze haben sowohl die Wissenschaft und die Weisheitslehren zu einander gefunden und stehen immer mehr Menschen zu Verfügung. Auch diese Annäherung geschieht nicht von selbst, sondern in Menschen, diese eine Fusion in sich zustande bringen. Dazu ist einerseits ein relativ hoher Grad an Komplexität und Bewusstseinsentwicklung notwendig, um aus dem anfänglichen Erahnen und wachsenden Verstehen ein echtes Erleben zu machen, aber es ist eben auch kein Hexenwerk.

Ein bisschen stolz darf man gewiss sein, wenn man ein Stück weit die Speerspitze der Evolution repräsentiert, aber gleichzeitig tritt man, wenn man dieses Tor durchschritten hat, in einen Bereich ein, in dem man daran nicht mehr sonderlich interessiert ist, sondern mehr mit dem Weiterkommen des Ganzen, als der eigenen Profilierung, zugleich wird auch der Blick auf die eigenen Schwächen und Menschlichkeiten klarer. Im guten Fall wird das, was man an Selbstidealisierung einbüßt aber vom dem Rückenwind, den man dadurch erhält, sich als fähiger und wichtiger Teil eines größeren und guten Ganzen zu erleben mehr als kompensiert.

Dort angekommen fühlt sich das Leben tatsächlich besser an, auch weil man es nicht mehr nötig hat, überall die Extrawurst zu bekommen. Wenn die eigenen Fähigkeiten zunehmen und man sich dessen gewiss ist, wird man häufig eigene Ansätze finden, sein Leben zu gestalten, manchmal sehr öffentlich, ein anderes mal fast ein wenig geheim.

Entwicklung ist nicht allein auf das Kindesalter beschränkt. Der Weg dahin ist ein schleichender Prozess, der Sprung selbst ist ein Bruch, aber doch so diskret, dass man ihn oft erst im Rückblick erlebt und zu rekonstruieren versucht. Es ist die Suche nach dem Tag, an dem auf einmal vieles anders wurde, im eigenen Leben. Für eine Angst vor Veränderungen gibt es wenig Grund.