Allmähliche Veränderungen haben mitunter ihren eigenen Charme, nicht nur in der Natur. © Brenda Clarke under cc

Ob wir es wollen, oder nicht, unsere Welt verändert sich und viele Menschen haben Angst vor Veränderungen. Das muss nicht sein.

Die Dichte der Veränderungen ist besonders bei Kindern sehr hoch. Sie sind gezwungen immer wieder ihre gesamtes Weltbild über den Haufen zu werfen. Wir scheitern 50 Jahre später oft schon daran, wenn wir irgendeine Kleinigkeit des Alltags verändern sollen, selbst dann, wenn sie uns Vorteile bringt. Sei es die Zahncreme oder die Krankenversicherung. Irgendwann bedeutet gut, wenn alles so ist, wie immer. Wenige Jahrzehnte vorher hat der eine oder die andere noch gedacht, was auch immer gut sein soll: Hauptsache es geht nicht so weiter, wie immer.

Daran können wir zweierlei erkennen: Erstens, dass wir uns durchaus verändern können und dies auch ziemlich radikal tun. Mindestens als Kinder. Wenn Sie sich gar nicht so recht daran erinnern können, dann liegt das daran, dass wir die Veränderung sofort vergessen oder besser vielleicht, nicht glauben, dass wir vorher wirklich so gedacht haben. Zu abstrakt?

Jean Piaget war ein Altmeister der Untersuchung diese Entwicklungssprünge, die er und Bärbel Inhelder anhand vieler Alltagsexperimente darstellten. Wird vor den Augen eines Kindes zwei mal die selbe Menge Wasser in ein Glas gefüllt, einmal ein langes, schmales und zum anderen in ein kürzeres, breiteres, wird das Kind sagen, dass sich im schmalen Glas mehr Wasser befindet.

Zeigt man dem Kind ein Buch, dessen Vorderseite grün und Rückseite rot ist, setzt sich dem Kind gegenüber, hält das Buch hoch, so dass das Kind die grüne Seite sieht und fragt, welche Farbe man selbst sieht, so wird das Kind, fälschlich sagen, dass der andere grün sieht, weil das Kind auch grün sieht. Bis zu einem bestimmten Alter und kognitiven Entwicklungsschritt.

Interessant ist, was dann passiert. Irgendwann löst das Kind beide Aufgaben mit spielerischer Leichtigkeit und spielt man ihm nun eine Videoaufzeichnung vor, die es selbst wenige Wochen vorher zeigt, wie es an diesen Aufgaben, wie eben beschrieben, scheitert, glaubt das Kind nicht, dass diese Aufnahmen echt sind, weil es sich nicht vorstellen kann, jemals so ‘dumm’ gewesen zu sein.

Wir verändern uns häufig und vergessen diesen Schritt nicht nach Jahrzehnten, sondern bereits nach sehr kurzer Zeit.

Zweitens, können wir daran erkennen, dass die Geschwindigkeit in der sich etwas wandelt, stark darüber entscheidet, ob wir Angst vor Veränderungen haben, oder diese sogar als Erlösung erleben. Wir können nach oft wenigen Jahrzehnten unsere Einstellungen nahezu ins Gegenteil verkehren, ohne das als dramatischen Bruch zu empfinden.

Plötzliche Brüche tun weh

Die Angst vor Veränderungen bezieht sind überragend häufig auf die Angst vor plötzlichen Brüchen. Die Beispiele sind beliebig. Corona ist eines davon. Von jetzt auf gleich ist alles anders. Wir baden gerade darin, alle zusammen, mit Abstand und Maske.

Ghosting ist ein weiteres, relativ neues Phänomen aus der Klasse. Eben noch hatte man reichlichen und engen Kontakt mit jemandem und dann meldet man sich von jetzt auf gleich nie wieder beim anderen und blockt dessen Kontaktversuche ab.

Aber auch klassische Trennungen kommen manchmal aus heiterem Himmel, wenigstens der einen Seite der Beziehung, die andere packt derweil die Koffer und ist verschwunden. Lief wohl doch nicht so gut, wie man dachte, aber es ist natürlich ein Schock, nach langen Beziehungen immer ein Trauma.

Andere Traumata, also jene, die wirklich welche sind, krempeln das Leben auch gründlich um und so etwas wollen wir alle nicht erleben. Es tut weh, lässt uns fassungslos zurück, wir wissen überhaupt nicht, wie und wofür es jetzt noch weiter gehen soll.

An Verhaltensänderungen beißen sich Ärzte und Psychologen gerne mal die Zähne aus. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es da oft lapidar. Muss er seine Gewohnheiten ändern, leidet er. Das kennen jene, die versucht haben sich eine Gewohnheit abzugewöhnen. Mit viel anfänglichem und allmählich schwindendem Willen hält man es in der Regel drei Monate durch, anders zu essen, mehr Sport zu machen oder nicht mehr zu rauchen und dann kommt der Einbruch. Wer mit eiserner Disziplin ausgestattet ist, kommt länger durch, ob das Leben dadurch besser ist, entscheidet sich später.

Soweit die schlechte Nachricht, die gute kommt jetzt.

Bedürfnisse ändern sich schleichend

Wir brauchen keine kitschigen Erfolgsstorys zur Illustration, bei denen man erst 30 Kilo abgenommen hat, dann den Traumpartner fand, nebenbei noch den Traumjob und am Ende ist alles supie. Viele haben schon abgerüstet und wollen im Leben eigentlich nur noch durchkommen, nicht mehr nach den Sternen greifen. Da ist die Aussicht, dass man ihnen den gefühlten Rest jetzt auch noch streitig machen will nicht gerade erhebend. Nur ist diese pessimistische bis angsterfüllte Sicht in vielen Fällen unnötig.

Viele Veränderungen kommen nämlich nicht als Brüche daher, sondern alte Verhaltensweisen werden schleichend ausgedimmt. Das ist dann kein Ghosting, sondern eher die alte Bekanntschaft, die man wieder trifft, man hat sich eigentlich nicht mehr viel zu sagen, trifft sich oder telefoniert dann doch noch mal, der Funke springt aber nicht mehr über, die Abstände werden größer, bis die Glut erloschen ist. War trotzdem irgendwie nett und ist jetzt vorbei, ohne Schmerz und Drama. Schade, aber so was passiert, nicht nur bei Bekanntschaften.

Schleichend ausgedimmt werden auch Freizeitaktivitäten. Geht’s Ihnen auch so? Ich hab’ mal sehr viel Fernsehen geschaut, durchaus mit Vergnügen, mich hat ja keiner dazu gezwungen. Als es dann Videotheken gab, habe ich glaube ich einmal alles quer gesehen und zeitgleich noch eine Kinofreikarte für eineinhalb Jahre gehabt. Dann kam das Internet mit seiner Möglichkeit einer aktiveren Gestaltung und mein Fernsehkonsum nahm schleichend ab und ist locker um 95% reduziert, einfach so.

In der Jugend ist das Ausgehen kein Event sondern eine feste Lebensform, zumindest für einige Jahre und wenn man im urbanen Raum aufwächst. Die Gründe, warum das dann nach und nach reduziert wird, sind so vielfältig und einzigartig wie unsere Biografien. Irgendwann beginnt man dann von ‘damals’ zu sprechen und wie das war. Ein bisschen wehmütig. Der eine oder andere Versuch das wiederzubeleben kann durchaus nett sein, man stellt aber in der Regel fest, dass man das nicht mehr braucht. Man könnte vielleicht noch, will aber eigentlich nicht mehr, weil es auch nicht mehr dasselbe wäre und gekünstelt wirken würde. Als nostalgische Erinnerung ist es meistens besser aufgehoben, Spuren hinterlässt die Zeit ohnehin immer.

Es ließe sich viel mehr finden, bei jeder und jedem anderes, was sich leise verloren hat. Bekanntschaften, Interessen, Gewohnheiten. Hüten wir uns jedoch davor, daraus eine Mangelerzählung zu machen. Es gibt diesen biologistischen Blick und einen Jugendkult, die beide Ähnliches verbindet. Biologisch beginnt mit 22 der Niedergang, der Rest des Lebens ist dann nur noch Verlust von Fähigkeiten, die nächsten 40 bis 80 Jahre. Der Jugendkult versucht diesen Niedergang zu kaschieren. Ein enges Fenster, das den Blick auf die Zugewinne des Lebens verstellt. Lange und tiefe Beziehungen machen uns glücklich, das impliziert ein höheres Alter.

Die Fähigkeit zur Zusammenschau wächst, die das Leben interessant macht. Aber auch die Fähigkeit diese Dinge wieder runterzubrechen, auf den Punkt zu bringen, das Wesentliche freizulegen. Ob die Gelassenheit oder Radikalität zunimmt, der Blick und die Wertschätzung für das Kleine und Alltägliche oder das Besondere oder sogar deren Fusion, ist vermutlich wieder sehr individuell. Das dimmt sich im Leben recht unaufdringlich ein und aus, eine Angst vor Veränderungen braucht man nicht zu haben, viele verlaufen so still, dass man den Wandel erst im Rückblick bemerkt.

Es tut sich was

China schreibt die Weltordnung um. Sie haben wenigstens einen Koch dabei. © KellyB. under cc

Am Anfang des Endes einer Pandemie tut sich etwas. Andere Themen werden wieder wahr genommen, viele werden, ob sie wollen oder nicht, nicht mehr zu dem Leben wie es vorher war zurück kehren können, doch auch im Januar 2020 hatten wir schon nicht mehr den Eindruck die Welt sei ein Paradies.

Viele klammern sich an das, was sie noch haben, aus Angst vor Veränderungen. Doch so abrupt wie Corona kam, so schleichend hat sich unser Leben davor schon verändert. Wiedervereinigung, Internet, Migration, Klimawandel, Vorstöße gesellschaftlicher Art, die mal die Feinheiten, mal die Basics betonen und einfordern und jetzt eben die Offenlegung so mancher Schwachstellen, die mitunter gravierend sind und alte Selbstverständlichkeiten infrage stellen.

Ich mach’ mein Ding, weil, läuft schon irgendwie. Diese Gewissheit hat sich über die Jahrzehnte ebenfalls verdünnt, bis verdünnisiert. Man schüttelt immer mehr und immer wieder den Kopf. Ich weiß nicht, ob Empörungen und Revolutionsträume die Antwort sind, oft erscheint mir das zu infantil und momentan.

Mit einem anderen Blick, einem echten Ausblick, ändert sich auch gleich die Stimmung. Ein tieferes Wissen darüber haben wir bislang nicht, weil es ein neuer Schritt ist. Ein anderer Blick ist keinesfalls ein Trick aus der Kiste der Motivationspsychologie. So nach dem ‘Sieh’ das mal positiv’ Muster. Dann werden aus Krisen Chance und aus Problemen Herausforderungen, doch wenn es dabei bleibt ist wenig bewegt. Ein neues Bewusstsein ist aber mehr als eine Neuetikettierung von Begriffen, sondern im besten Fall ein neues Verständnis von Zusammenhängen, was begreift, dass die Probleme, die wir haben, nicht so toll mit dem Ansatz gelöst werden können, der uns diese Probleme beschert hat.

Viele denken da inhaltlich, oft an das eine Thema, das für sie alles dominiert. Klima, Migration, Kapitalismus oder die politische Neuordnung der Welt. Viele denken, sie müssten warten, bis sich irgendwas oder irgendwer ändert. Wer wirklich begriffen hat, dass die wir nicht die Gefolgschaft von Politikern sind, sondern dass diese die ersten Diener des Souveräns sind, kann zugleich selbstbewusst und nachsichtig sein. Die Politik in der heutigen Form scheint an ihren Grenzen angekommen zu sein. Zu oft darf und muss man das Gefühl haben: Die Bevölkerung ist weiter. Weiter, als die Politik.

Helfen wir der Politik, in dem wir sie verschlanken und voran gehen. Es ist nicht ganz klar, wie hoch der Prozentsatz jener Menschen in einer Bevölkerung sein muss, die über ein integrales, dialektisches oder systemisches Vermögen verfügen Zusammenhänge zu sehen und Ambivalenzen zu tolerieren, dabei ein Ziel im Auge zu haben, seinen Platz im Ganzen zu finden und den anderer anzuerkennen und wertzuschätzen. Manche sagen, knapp 4% würden reichen, anderen sehen 20% als Zielwert an, vermutlich wird sich das in der Mitte einpendeln und dieser Schwellenwert dürfte annähernd erreicht sein.

Keine Angst vor Veränderungen: Besser leben ist das Ziel

Wenn sich der eine auf den anderen verlassen kann, weil man sich in einem virtuellen Team von Menschen sieht, die, einfach gesagt, die Welt besser machen wollen, dabei ihre individuellen Fähigkeiten und ihr Spezialwissen einbringen, ohne ihren Bereich für den wichtigsten der Welt zu halten, dann ist viel gewonnen.

“Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?” So und ähnlich fragt Bertolt Brecht sich und uns, in dem Gedicht “Fragen eines lesenden Arbeiters”. Die Botschaft ist klar. Vordenker und Anführer in Ehren, gebraucht wird am Ende aber jeder. Die Kompetenzen wechseln, was die eine kann, kann der andere nicht. Das wissen wir auch heute schon, allerdings wertschätzen wir bestimmte Tätigkeiten, andere weniger. Vielleicht ein typisch westdeutsches Phänomen. Die aufstrebende Mittelschicht zu Beginn der 1970er musste sich nicht mehr die Hände schmutzig machen und konnte die harte körperliche Arbeit zugunsten von Bürojobs hinter sich lassen und verdiente dabei sehr gutes Geld.

Krankenpflegerinnen, Handwerker, Bauern oder eben wenigstens der Koch, das war irgendwie eine Stufe drunter, so schien es. Inzwischen gibt es immer noch die Bürojobs, nur sind sie viel stressiger und schlechter bezahlt als vor 50 oder auch noch 30 Jahren, einer alleine kann die Familie ohnehin kaum noch ernähren. Einen Handwerker kann man sich kaum noch leisten, hat, weil man es nicht musste, aber selbst sehr viele Fähigkeiten verloren, die Dinge im Zweifel selbst zu machen. Die aktuellen Veränderungen sind, dass man merkt, dass die, über die man gestern noch leicht die Nase rümpfte, heute systemrelevant sind.

Dass man das Geld von früher nicht mehr hat, ist der eine Punkt, dass man im Grunde etwas nackt und dumm im Regen steht, wenn man nicht kochen kann, aber auch keinen Nagel in die Wand bekommt, wird heute als Mangel erlebt und die Jugend will wieder ins Handwerk. Vielleicht nicht immer als Beruf, aber Bier brauen, einen Garten bearbeiten, im Haus etwas reparieren, man will irgendwie wieder autonom werden, vielleicht auch nur weniger entfremdet.

Gleichzeitig waren die letzten 50 Jahre aber nicht nur vertane Zeit, sondern vieles, was da erprobt wurde, kann uns heute noch und wieder nutzen. In der Breite haben wir Ideen der Emanzipation und das Internet zur Verfügung, beide Bereiche sind aber keine Selbstläufer. Wenn Emanzipationsgedanken von marginalisierter Gruppen wahlweise in Rassismus oder Cancel Culture Phänomene umschlagen kippen erreichte Fortschritte in ihr Gegenteil. Wenn im Internet Hate Speech dominiert ebenfalls. Beide Ansätze können wir jedoch auch zu einem neuen, tieferen Verständnis für die anderen nutzen, wir haben die Wahl.

In der Spitze haben sowohl die Wissenschaft und die Weisheitslehren zu einander gefunden und stehen immer mehr Menschen zu Verfügung. Auch diese Annäherung geschieht nicht von selbst, sondern in Menschen, diese eine Fusion in sich zustande bringen. Dazu ist einerseits ein relativ hoher Grad an Komplexität und Bewusstseinsentwicklung notwendig, um aus dem anfänglichen Erahnen und wachsenden Verstehen ein echtes Erleben zu machen, aber es ist eben auch kein Hexenwerk.

Ein bisschen stolz darf man gewiss sein, wenn man ein Stück weit die Speerspitze der Evolution repräsentiert, aber gleichzeitig tritt man, wenn man dieses Tor durchschritten hat, in einen Bereich ein, in dem man daran nicht mehr sonderlich interessiert ist, sondern mehr mit dem Weiterkommen des Ganzen, als der eigenen Profilierung, zugleich wird auch der Blick auf die eigenen Schwächen und Menschlichkeiten klarer. Im guten Fall wird das, was man an Selbstidealisierung einbüßt aber vom dem Rückenwind, den man dadurch erhält, sich als fähiger und wichtiger Teil eines größeren und guten Ganzen zu erleben mehr als kompensiert.

Dort angekommen fühlt sich das Leben tatsächlich besser an, auch weil man es nicht mehr nötig hat, überall die Extrawurst zu bekommen. Wenn die eigenen Fähigkeiten zunehmen und man sich dessen gewiss ist, wird man häufig eigene Ansätze finden, sein Leben zu gestalten, manchmal sehr öffentlich, ein anderes mal fast ein wenig geheim.

Entwicklung ist nicht allein auf das Kindesalter beschränkt. Der Weg dahin ist ein schleichender Prozess, der Sprung selbst ist ein Bruch, aber doch so diskret, dass man ihn oft erst im Rückblick erlebt und zu rekonstruieren versucht. Es ist die Suche nach dem Tag, an dem auf einmal vieles anders wurde, im eigenen Leben. Für eine Angst vor Veränderungen gibt es wenig Grund.