Gerechtigkeit ist kein Einheitsbrei

Es kann durchaus auch einen ästhetischen Wert haben, wenn man mehrere Bälle im Spiel hält. © François Philipp under cc

Die Welt ist nicht gerecht. Das muss einen nicht begeistern und man muss es aus bestimmten Blickwinkeln auch nicht akzeptieren. Man muss noch nicht mal die Begriffe klären, es hilft aber. Es wird immer Unterschiede zwischen den Menschen geben, das ist auch sehr gut so. Was man allen ermöglichen sollte ist ein gerechter Zugang zu den Möglichkeiten von Grundversorgung, Bildung und kultureller Teilhabe. Aber das wird nicht jeder nutzen, zumindest wird es jeder anders nutzen.

Gerechtigkeit ist nicht, sich nach unten zu orientieren und noch auf den letzten zu warten, der gar nicht will, was man selbst will. Gerechtigkeit ist auch nicht der Tanz um die gesellschaftliche Mitte. Die Gesellschaft braucht ihre Ausreißer um Alternativmodelle zu haben, Möglichkeiten zu sehen, um dem Normalen zu entkommen. Man muss wenigstens den Traum haben können, dass es auch anders geht. Ob man es dann anders macht, steht auf einem anderen Blatt.

Glück bedeutet für die Mehrheit, sich an der Mehrheit zu orientieren. Sich selbst zu verwirklichen ist anstrengend, erzeugt Stress. Manchen scheint das nichts auszumachen, den meisten Menschen aber doch. Sie wissen auch nicht, was Selbstverwirklichung eigentlich ist, da sie keine anderen Ziele haben, als sich anzupassen. Das erfüllt sie. Wenn es anders besser wäre, würden es doch alle anders machen, so lautet die bestechende, leider aber auch zirkuläre Logik.

Dennoch gibt es keinen Zwang weiter zu kommen, als man kommt. Obendrein ist ein Leben in permanenter Überforderung nichts, was einem gut tut. Warum also nicht um den Durchschnitt tanzen? Man muss den Durchschnitt nur anders verkaufen – zum Durchschnitt gehören will nämlich kaum jemand –, nämlich so, dass man, so wie man ist, angekommen ist. Mehr geht nicht. Vollkommenheit ist nicht das Ziel. Die Weltsicht der eigenen Blase bekommt einem gerade dann, wenn man die Weltsicht anderer Blasen tatsächlich albern und unattraktiv findet. Wenn man keine Lust mehr hat sich weiter zu entwickeln, wenn die Vertikalspannung erlischt, ist man angekommen. Der schwierige Teil ist der, dass wir das respektieren müssen. Menschen zu einem möglichen größeren Glück zwingen zu wollen, sie zu peitschen und zu verheizen, das ist, wenn man kein Sadist ist, motiviert vom eigenen Traum, den man sich oft genug nicht zu leben traute. Das wäre aber eine eigenes Problem. Denn, wenn jemand dort angekommen ist, wo er sich wohl fühlt, gibt es kaum einen ethischen respektablen Grund, ihm das zu zerstören. Die Projektion eigener Wünsche auf den anderen, der doch eigentlich mehr wollen müsste, ist eben nur das : Projektion.

Bei manchen ist noch Luft nach oben. Die Entwicklung geht bei einigen weiter. Ob das gut oder schlecht ist, ist schwer zu entscheiden, es bleibt eher ambivalent. Auch wenn man angekommen ist, der Traum doch noch mehr haben zu können, er ist verlockend. Kein ganz neues Thema. Das Märchen Von dem Fischer und seiner Frau erzählt bereits davon. Man kann es als Anklage darüber lesen, dass der Mensch den Hals nicht voll kriegt. Wohl dem, könnte man meinen, der bescheiden ist und damit gut klar kommt. Solche Menschen, die alles haben, was sie brauchen, sind im besten Sinne im Leben angekommen.

Das kann man aber nicht per Knopfdruck regeln, man kann sich nicht dafür entscheiden zufrieden zu sein, wenn man es nicht ist. Man könnte es höchstens werden. Manchmal passiert das dann, wenn der Druck nach mehr nachlässt. Man fühlt sich angekommen. Oft genug landet man irgendwo dazwischen. Einerseits ist das Leben nicht schlecht, andererseits fühlt man, dass noch mehr drin wäre. Das ist aber natürlich auch mit Risiken verbunden und so schlecht geht es einem ja dann auch wieder nicht und wer weiß, ob das Wagnis bessere Ergebnisse brächte. Da ist es schön, wenn andere das Wagnis übernehmen und man ein wenig träumen kann. Nicht selten soll es dann aber auch beim Traum bleiben.

So richtig in Leben verwandeln will man das nicht. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach. Es ist wieder ambivalent: Man freut sich, wenn andere ausbrechen und man freut sich auch, wenn sie dabei scheitern. Wenn sie eine Bratwurstbude in Spanien aufmachen, Formen der freien Liebe praktizieren oder als Künstler durchs Leben gehen und dabei am Ende auch nicht viel herauskommt. Selten sind wir so mitfühlend, wie in der Situation, wenn jemand hoch hinaus will und böse abstürzt. Er bestätigt die eine Seite in uns, dass es sich eben nicht lohnt. Wir helfen gerne den gefallenen Engel ins echte Leben einzubinden, mit Mitgefühl und etwas Schadenfreude.

Jedoch ist es manchmal auch schön, einen Traum zu haben, der einfach ein Traum bleibt. Damit man weiter träumen kann. Träume haben einen Wert an sich, müssen gar nicht immer wahr werden, sind aber dennoch ein Ruf aus einer anderen Welt der Möglichkeiten.

Die Starken fördern und die Schwachen mitnehmen

Es ist also nicht falsch den Schwachen zu helfen, ein menschenwürdiges Leben zu leben, es ist sogar geboten. Menschenwürdig heißt dabei nicht, sie zu versorgen und gleichzeitig zu demütigen, in bürokratischem Sadismus und unausgesetzten Dominanzgesten, sondern ihm zu ermöglichen, ohne gebrochenes Rückgrat am Leben und am kulturellen Austausch teilzunehmen. Die Möglichkeit sich da zu verweigern inklusive.

Wer zufrieden ist, ist zufrieden, die anderen kann man ruhig etwas piesacken, damit die den Wunsch nach mehr merken, die Vertikalspannung spüren, damit die Entwicklung insgesamt weiter geht. Denn das ist eine gute Idee. Wir Menschen wollen uns ja durchaus etwas von anderen abheben, das ist weder schlecht, noch ehrenrührig. Nicht jeder Individualismus ist gleich narzisstisch oder Schlimmeres. Es ist wenig gewonnen, wenn man vom platten und egozentrischen Individualismus ins Lager des albernsten Kollektivismus wechselt.

Wir brauchen entwickelte Menschen, eben solche, die begreifen können, dass man sich keineswegs, anders als die Regression es verlangt, zwischen zwei Lagern entscheiden muss, sondern jene, die es schaffen mehrere Fäden aufzunehmen und zu verarbeiten. Menschen, die auch in verwirrenden Zeiten möglichst nicht die Orientierung verlieren, vor allem solche, die nicht versuchen, sie durch starke Vereinfachungen wider zu gewinnen.

Wir brauchen keinen Gruppengeist, der immer wieder nur das Kollektiv beschwört – und für die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts verantwortlich ist – sondern einen reifen Individualismus, der die Gesellschaft, aus der er kommt, nicht vergisst und vor allem nicht verachtet. Jeder, wie er kann. Es gibt viele Stellen, an denen sich, jeder, der will engagieren kann, die Möglichkeiten und Notwendigkeiten werden in nächster Zeit eher wachsen.

Wenn man sich in einem Bereich engagiert, der einem ohnehin liegt und am Herzen liegt, ist viel gewonnen. Das Ansehen wächst – ein oft unterschätzter Punkt – man bekommt soziale Anerkennung, hat obendrein Spaß an der Sache und übernimmt Verantwortung. Für die Pflege einer Internetseite, eine Straßenecke, einen Baum, eine Rasenfläche oder die Musik im Kiez. Man kann sich um andere Menschen kümmern, für sie einkaufen, sie pflegen, ihnen Zeit widmen, gleichzeitig von ihnen lernen, eine andere Betrachtungsweise, ein anderes Tempo.

Jeder hat Stärken und Schwächen, die einen können mehr übernehmen, die anderen weniger, mehr Fähigkeiten bedeuten mehr Verantwortung, aber mit Anerkennung sollter wir nicht geizen. Wir brauchen keine absoluten Hierarchien zu erstellen, weil das was mehr oder weniger wichtig ist, sich von Fall zu Fall ändert. Wir müssen uns nicht immer entscheiden, aber auch nicht immer alles können. Jeder und jede hat Stärken auf bestimmten Gebieten. Manchmal werden die Fähigkeiten des Spezialisten gebraucht, dann wieder mehr die des Generalisten, mal braucht man Theoretiker, mal Praktiker.

Die Welt wird komplexer, es wird schwieriger, sie zu durchschauen. Wenn wir Teilgebiete und Ganzheiten nicht gegen einander ausspielen, ist viel gewonnen. Lassen wir uns die Möglichkeit unsere Fähigkeiten zu finden und zu entfalten, dass hilft dem Ganzen, dadurch, dass wir ganz zu uns kommen. Ein weiterer der vielen Gründe dafür, warum wir uns nicht immer entscheiden müssen.